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Verleger-Konferenz TOC: Wenig Vision – viel iPhone

TOC-Konferenz in FrankfurtEinen Tag vor der Frankfurter Buchmesse widmete man sich am 13.10.2009 auf der TOC-Konferenz [1] der Frage, wie sich Verlage aufgrund der Digitalisierung weiterentwickeln müssen. Seit 2007 veranstaltet der Computerbuchverlag O’Reilly diese Konferenz in New York. In Zusammenarbeit mit der Buchmesse fand sie nun erstmals in Frankfurt und in Europa statt. TOC steht für »Tools of Chance (for Publishing)«, also für die Dinge, die man dem Verleger in die Hand geben sollte, wenn er oder sie sich den Herausforderungen stellen will, die Digitalisierung, Mobilität und virtuelle Gemeinschaften mit sich bringen.

Hochkarätige Referenten – meist aus USA oder Großbritannien – referierten zu diesen Themen und präsentierten ihre Erfahrungen und Visionen.

Mit einigen Hundert Besuchern war der große Ballsaal des Blue Radisson Hotels gut gefüllt, die zeitliche Positionierung direkt vor der Messe erwies sich als ideal.

Nach drei Eröffnungsvorträgen und nachfolgenden parallelen Einzelveranstaltungen sollte als Star und Abschluss des Tages Tim O’Reilly persönlich auftreten, gilt er doch maßgeblich als Erfinder des Begriffs »Web 2.0« [2].

Was erwartet der Leser von einem elektronischen Buch?

Obwohl es auch um Geschäftsmodelle und gesellschaftliche Veränderungen ging, widmeten sich viele Vorträge der Frage: Wie muss sich das Buch konkret verändern und was erwartet der Leser von einem elektronischen Buch? Wie und auf welchem Wege muss es ihm präsentiert werden?

Doch gerade hier war auf der Konferenz erstaunlich wenig Visionäres zu hören. Wer die entsprechenden Websites und Blogs verfolgt, erfuhr in diese Hinsicht kaum Neues.

So wurde konstatiert, dass der Leser seine Lektüre künftig auch unterwegs und jederzeit im Online-Shop aussuchen, sofort herunterladen und lesen möchte. Ebenso sollte der Austausch mit anderen Lesern gefördert werden, die viel zitierten »Social Communities« auch aufs Medium Buch übertragen bzw. dort eingebunden werden.

Sara Lloyd vom Verlag Pan Macmillan (Holtzbrinck) brachte es in ihrem Vortrag auf die Formel, dass sich das ursprüngliche »Content is king« zunächst in ein »Comments ist king« und dann schließlich in ein »Context is king« verwandelt habe.

Das iPhone war der Star der Veranstaltung

Was viele der Redner dann als aktuellen Stand der Entwicklung präsentierten, waren schließlich – iPhone-Applikationen. Und obwohl niemand von Apple selbst auf der Bühne stand, war das iPhone der Star der Veranstaltung.

Andrew Savikas von O’Reilly machte klar, dass für seinen Verlag die Apple-Plattform mittlerweile der primäre Weg der Veröffentlichung sei. Erst später komme das gedruckte Werk auf den Markt bzw. man stelle sich zunächst die Frage, ob dies überhaupt noch notwendig sei. Bei einigen Titeln übersteigt der mengenmäßige Verlauf der iPhone-Applikation die gedruckte Version bereits deutlich. »Auf keinem der traditionellen Vertriebskanäle können wir international so viele Bücher verkaufen wie über iTunes«, so Savikas. Deutlich war auf seinen Vortragsfolien zu sehen, dass die internationalen Verkäufe eines Titels über iTunes die US-Verkaufszahlen übersteigen.

Neben der Apple-Plattform sieht man bei O’Reilly auch das alternative Handy-Betriebssystem Android im Kommen, auf das man sich künftig ebenfalls fokussieren werde.

Das Android-Betriebssystem wiederum stammt von Google, was zeigt, dass die Vertriebswege der Zukunft bislang von ursprünglich branchenfremden Unternehmen kontrolliert werden. Als Letzter der »Großen Drei« ist Amazon zu nennen. Aufgrund des überaus proprietären und abgeschlossenen Systems widmete man dem Kindle auf der TOC wenig Beachtung, obwohl mittlerweile die iPhone-eBook-Leseanwendung Stanza zu Amazon gehört, das Kindle-Format (Mobipocket mit DRM) jedoch nicht unterstützt.

Amanda Edmonds von GoogleAls Einziger der »Großen Drei« war Google auf der TOC präsent und der Vortragsraum überfüllt, als Amanda Edmonds die »Google Edition« erläuterte. Sie sprang für Google-Book-Search-Chef Dan Clancy ein, der das Konzept erstmals öffentlich vor wenigen Wochen in den USA präsentierte [3].

Mit dem Service der »Google Edition« erweitert Google sein Partnerprogramm für Verleger. Dieses Partnerprogramm darf nicht mit dem umstrittenen Buchscan-Projekt [4] verwechselt werden. Über das Partnerprogramm stellen Verlage ihre Bücher dem Suchmaschinenanbieter digital zur Verfügung. So erscheinen unter den Google-Suchergebnissen dann auch Bücher, die in Ausschnitten angezeigt werden und bei denen bislang Bestelllinks zu Verlag oder Online-Buchhandlung verweisen, um das vollständige Buch in Papierform zu bestellen.

Google: Kein Leser und kein Verleger muss sich um Formate oder Lesegeräte kümmern

Hier nun setzt »Google Edition« an, das in wenigen Wochen an den Start gehen wird. Zum einen können dann die Bücher direkt bei Google als vollständiges eBook erworben werden, zum anderen sind sie für den Leser überwiegend nur virtuell im Zugriff. Google will sicherstellen, dass die Bücher von überall zugänglich sind, egal ob iPhone, Notebook oder Android-Handy. Kein Leser und kein Verleger müsse sich dann noch um Formate oder Lesegeräte kümmern. Die Geräte speichern dabei lokal nur eine vergängliche Version des Buches. Die digitale Bibliothek verbleibt bei Google und ist nur via Google-Account zugänglich, was zur berechtigten Frage aus dem Publikum führte, was denn mit der Bibliothek passiere, wenn der Benutzer stirbt. Man müsse dann eben seinen Google-Account weitervererben, so Edmons salopp.

Überfüllter Saal bei der Google-PräsentationWie bei den Google-Werbeanzeigen kann man als Website-Betreiber als Wiederverkäufer und Vermittler agieren. Für auf diese Weise über die Websites verkaufte digitale Buchausgaben erhält man eine Händlerprovision. 45% der Einnahmen erhalte der Verleger, 55% gehen an Google und den Zwischenhändler. Je nach Landesgesetzen kann Letzterer auch Rabatte gewähren.

Wie sehen die eBooks der Zukunft aus?

Doch wie sehen die eBooks der Zukunft aus? Gerade in diesem Punkt fühlte man sich auf der TOC weniger in die Zukunft als vielmehr in die Vergangenheit versetzt: Von eingebetteten Filmen, Bildern und Tondateien war die Rede. Von Shakespeare-Stücken, die man nicht nur lesen, sondern auch hören könne. Oft wurde als aktuelles Beispiel wieder mal eine iPhone-Applikation genannt und zwar das aktuelle Buch von Nick Cave [6], das es als kombiniertes Buch und Hörbuch gibt.

Das erinnerte dann doch allzu sehr an CD-ROM-Anwendungen aus den frühen 1990er-Jahren, wenngleich die Entwicklung – wie immer im Elektronikbereich – natürlich hin zu kleineren und leistungsstärkeren Geräten geht, die z. B. die Standortbestimmung mit in die Lektüre einbeziehen, wobei es auch hierzu bereits in den 1990er-Jahren erste Ansätze gab [7].

Wie muss künftig der Job des Verlegers aussehen?

Die wirklich spannende Frage hingegen warf bereits Sara Lloyd in ihrer Eröffnungsrede auf: »Wie muss der Job des Verlegers aussehen, damit er den Leser auch künftig informiert oder unterhält?« eBooks sind da nur ein Teil des Puzzles.

Wie wird der Verlag künftig seiner Rolle als Filter, als Wächter des Urheberrechts, als Trommler fürs Marketing gerecht?

Lloyd verwies am Ende ihre Keynote auf die Regel 0 von Seth Godin [8], die dieser aus den Fehlern der Musikindustrie ableitete: 0. Das Neue ist nie so gut wie das Alte, zumindest bis jetzt. Bald wird das Neue jedoch besser als das Alte sein. Aber wenn man bis dahin wartet, könnte es zu spät sein.

Reichen hierfür multimediale Elemente in eBooks und Anwendungen fürs ePhone aus?

Ein definitiv falscher Weg sei der Einsatz von DRM, also digitalen Fußfesseln, die man dem eBook anlege und die das Vertrauen zwischen Verleger und Leser zerstören. Das ist zumindest die Ansicht des Autors Cory Doctorow, der bereits seit geraumer Zeit als Prediger wider den DRM-Wahn auftritt, so auch auf der TOC. »Ein gedrucktes Buch und eine CD geht in mein Eigentum über und ich kann diese beispielsweise verleihen. Mit eBooks oder geschützen Hörbuchdateien geht das nicht mehr.« So mache man sich beim Leser nicht beliebt. Es bringe nichts, ihm Dinge aufzuzwingen, die er nicht wolle. Doctorow findet plastische Bilder und Vergleiche für abgeschlossene eBook-Systeme: »Würden Verlage eigene Buchregale zu ihren Büchern vertreiben, würden die Verlage dann die Leser verklagen, die ihre eigenen Regale benutzen?«

»Don’t get ituned«, rief auch txtr-Erfinder Christophe Maire, wenngleich nicht ganz uneigennützig. Doch selbst Stanza-Chef Neelon Choksi von Lexcycle riet trotz Aufkauf durch Amazon den anwesenden Verlegern: »Bitte, bitte, lasst den digitalen Büchermarkt nicht zur Bestseller-Industrie verkommen!«

Fördern Raubkopien den Buchverkauf?

Schnell machte auf der Konferenz und via Twitter eine andere bemerkenswerte Nachricht die Runde: Brian O’Leary [9] berichtete von einer Studie, die er zusammen mit dem O’Reilly Verlag durchgeführt hat. Untersucht wurde der Einfluss von in Tauschbörsen kursierenden Raubkopien auf den Verkauf des gedruckten Werkes. Entgegen der allgemeinen Verlagsargumentation war Gegenteiliges zu beobachten: Kurz nachdem die Raubkopien verfügbar waren, stieg der Verkauf der gedruckten Bücher an [10]. Bei Büchern, die nicht in den Tauschbörsen auftauchten, war dieser Anstieg nicht festzustellen. Allerdings musste O’Leary einschränkend hinzufügen, dass sich seine Untersuchung bislang nur auf wenige Titel eines Verlages bezieht. Um die Untersuchung auszuweiten und glaubhafte Zahlen zu bekommen, sucht O’Leary daher noch nach Verlagen, die sich an der Studie beteiligen.

Nach einem überaus zähen Pecha-Kucha [11]-Zwischenspiel, bei dem die Referenten offenbar das Prinzip nicht wirklich verstanden hatten und dem Publikum wenig Interessantes boten, warteten alle auf Tim O’Reilly, der jedoch krankheitsbedingt nicht kam, sodass stattdessen sein Mitarbeiter Andrew Savikas über die digiale Strategie des O’Reilly Verlags berichtete und schließlich bei iPhone-Anwendungen und Links zu YouTube-Videos als herausragendes Merkmal eines eBooks landete.

Dennoch war die TOC-Konferenz alles andere als eine überflüssige Veranstaltung, da sie den aktuellen Stand der Entwicklung und den Gemütszustand der Verlage aufzeigte und mehr oder weniger zwischen den Zeilen deutlich machte, dass die Karten noch nicht unbedingt durch die Verlage selbst gemischt werden. Man darf auf eine Neuauflage im nächsten Jahr gespannt sein.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

http://www.literaturcafe.de/digitale-wahrheiten-google-sieht-sich-als-zukuenftige-ueber-buchhandlung/