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»Verlag kommt von vorlegen« – Stimmt das?

Verlag kommt von vorlegen (Grimmsches Wörterbuch)

Das Wort »Verlag« kommt von »vorlegen«. Und damit ist das Geld gemeint, das der Verlag dem Autor zahlt.

Kritiker von Zuschussverlagen verwenden diese Gleichung gerne, um zu belegen, dass diese Unternehmen Pseudoverlage sind. Ein richtiger Verlag verlangt keine Zuzahlung vom Autor.

»Ich wüsste gerne mal eine zuverlässige Quelle, wo dies belegt wird«, verlangt ein Besucher des literaturcafe.de per E-Mail und liefert selbst eine scheinbar schlüssige Wortdeutung.

Denn die Formel Verlag = vorlegen lese man überwiegend auf Websites, die Zuschussverlagen gegenüber kritisch eingestellt seien, also zum Beispiel auf der Website der Initiative aktionsbuendnis-faire-verlage.comf [1] oder auch des literaturcafe.de [2].

Vielmehr finde sich im Web (InfoWissWiki) folgende Definition [3], die dem Besucher weitaus logischer erschien:

Ein Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen im Bereich des „Herstellenden Buchhandels“. Seine Hauptaufgabe besteht darin, die Schriften eines Autors zu vervielfältigen und diese zu verbreiten, also dem Publikum zugänglich zu machen.

Dem mittelhochdeutschen „verlegen“ wird im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm die Bedeutung „was man hinwegsetzt, an einen anderen Ort bringt“ zugeschrieben. Die Verbreitung der Schriften wird betont.

Die Formel scheint also weitaus simpler: Verlag = verlegen. Der Verlag ist demnach ein Unternehmen, das Bücher an entsprechende Verkaufsstellen »legt« (Buchhandlungen, Kioske etc.).

Diese Erklärung klingt zunächst ebenfalls plausibel. Kein Wort darüber, auf wessen Kosten das erfolgt.

»Den ganzen Begriff nur auf den finanziellen Aspekt (die Kosten vorlegen) zu reduzieren, ist m. E. ein bisschen kurz gegriffen«, heißt es in der E-Mail.

Woher also die Erklärung mit dem Vorlegen?

Wir schauen bei denen nach, die es wissen sollten: auf der Website des Verlegerausschuss’ beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels [4]. Das ist quasi die Standesvertretung der Verlage. Auf der Website »Was Verlage leisten« heißt es [4]:

Verlegen kommt von Vorlegen

Also doch! Weiter lesen wir auf der Website der Verleger [4]:

Verlegen kommt von Vorlegen, denn noch immer übernimmt der Verlag in der Regel die Vorfinanzierung von Verlagsobjekten. Er zahlt dem Autor einen Vorschuss noch bevor dessen Buch auf dem Markt ist, er trägt die Kosten für Werbung, Marketing und Vertrieb, für die Herstellung und den Druck. Und schließlich gewährt ein Verlag auch seinen Handelspartnern einen Kredit – indem er großzügige Fristen für die Begleichung von Rechnungen einräumt und sogar bereit ist, Bücher zurückzunehmen, die sich in einer Buchhandlung über einen längeren Zeitraum nicht haben verkaufen lassen.

Damit wäre die Sache perfekt erklärt. Wem sollte man mehr glauben als den Verlagen selbst?

Jedoch: Belegt ist die Wortherkunft damit nicht. Ein Satz muss nicht glaubhafter sein, wenn ihn auch andere sagen.

Tatsächlich finden sich online zum Ursprung des Wortes kaum relevante Quellen. Einen klitzekleinen Hinweis liefert der DUDEN. Beim Eintrag zum Stichwort »Verlag« heißt es da unter »Herkunft« [5]:

im 16. Jahrhundert = Kosten, Geldauslagen

Das ist zwar eindeutig, jedoch wenig ergiebig. Online kommt man nicht recht weiter. Die Wikipedia [6] grenzt Zuschussverlage zwar von den »richtigen« Verlagen ab, sagt aber nichts zur Wortbedeutung.

Wir rufen beim Verlegerausschuss des Börsenvereins an und fragen nach Quellen für den Website-Text. Man verweist uns auf den Bibliothekar des Vereins bei der Deutschen Nationalbibliothek. Kurze Zeit später erhalten wir von dort endlich aussagekräftige Quellen.

Die erste Quelle ist wiederum das Grimmsche Wörterbuch, das die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhunderts begonnen hatten [8]. Wir zitieren im Folgenden die Ausgabe von 1956 (Deutsches Wörterbuch / Jacob Grimm ; Wilhelm Grimm. Hrsg. von der Deutschen Akademie zu Berlin. – Leipzig : Hirzel. – Bd. 12, Abt. 1. V – Verzwungen / Bearb. von E. Wülcker [u.a.]. – 1956.).

Denn die Erläuterung des Wortes endet nicht beim »hinweglegen, an einen anderen ort legen«, vielmehr heißt es im Punkt 5) (Seite 759 f.)

aus dem hinlegen an fremden ort entsteht die bedeutung: (geld) hinweggeben, besonders hingeben für einen andern, für etwas, was uns fremd ist. daher auslegen.

Und weiter bei 6) (ebd.)

während verlegen in obiger bedeutung allmählich verlischt, hat die wendung ein buch verlegen, eigentlich die druckkosten für das buch eines andern übernehmen, sich bis heute erhalten

Und weiter bei 7) (ebd.)

Im 16. und 17. jahrh. tritt oft die person, der man geldvorschüsse zukommen läszt, als object zu verlegen

Auf Seite 762 f. wird dann der Begriff Verleger erläutert. Hier heißt es:

VERLEGER, m. 1) im anschlusse an nr. 5 des zeitworts, der den betrieb oder vertrieb einer Sache übernimmt […] der auf seine kosten die herstellung einer Sache übernimmt […] seit der mitte des 17. jahrh. verleger besonders für den gebräuchlich, der die kosten und den vertrieb von druckwerken übernimmt

Das Interessante ist, dass das Wort »verlegen« in der Bedeutung von »Geld an einen anderen zahlen«, ursprünglich gar nichts mit Büchern und Druckwerken zu tun hat, sondern seinen Ursprung im Handwerk hat. So heißt es im Lexikon des gesamten Buchwesens (2., völlig neubearb. Aufl., hrsg. von Severin Corsten [u.a.]. Bd. 8. – Stuttgart: Hiersemann 2009) auf Seite 62:

Verlag ist die älteste Bezeichnung für Kapital, das von Verlegern/Käufleuten etwa seit dem 13. Jh. in der gewerblichen Massenproduktion eingesetzt wurde, indem man z. B. Handwerkern und Kleingewerbetreibenden Geld vorstreckte (vorlegte). Die Organisationsform war bes. ausgeprägt in der flandrischen Tuchindustrie, dem Florentiner Wollgewerbe, der ital. und franz. Seidenindustrie und wurde in der Frühdruckzeit vom Druckgewerbe übernommen.

Somit ergibt sich auch die Abgrenzung von Verlag und Druckerei. Im Lexikon des gesamten Buchwesens lesen wir auf Seite 86:

Mit der Industrialisierung erhielt der finanzielle Aspekt immer größere Bedeutung. Die Drucker alleine konnten ihre Kosten nicht mehr aufbringen und benötigten Geldgeber.

Nebenbei bemerkt ist ein Zuschussverlag also nicht nur im Sinne der Wortbedeutung kein echter Verlag, sondern auch rechtlich gesehen, denn im Lexikon des gesamten Buchwesens ist auf Seite 86 ebenfalls zu lesen:

Wer ein Buch im Selbstverlag herausgibt, sich als Selbstkosten- oder Kommissionsverleger betätigt, ist nach dem Verlagsrecht kein Verleger.

Zu guter Letzt fiel uns noch ein, dass es nicht nur die Wikipedia gibt, sondern auch noch den guten alten Brockhaus im Buchregal (Brockhaus-Enzyklopädie: in 24 Bd. – 19., völlig neubearb. Aufl. – Mannheim 1994). Im Band 23 lesen wir:

Verlagssystem, eine Form dezentralisierter Gütererzeugung, wobei der Verleger die Rohstoffe beschafft, vorschußweise ausgibt (»vorlegt«) und den Absatz organisiert, manchmal auch kostspielige Arbeitsgeräte leiht, während die Arbeit in Heimarbeit (Hausgewerbe, Hausindustrie) ausgeführt wird.

Der Autor als Heimarbeiter. Schöner könnte das Bild nicht sein. Und das Geld für seine Arbeit bekommt er oder sie vom Verlag. Denn:

Verlag kommt von Vorlegen.