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Beitrag vom 29. August 2014 | Rubrik: Literarisches Leben, Zuschussverlage

»Verlag kommt von vorlegen« – Stimmt das?

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Verlag kommt von vorlegen (Grimmsches Wörterbuch)

Das Wort »Verlag« kommt von »vorlegen«. Und damit ist das Geld gemeint, das der Verlag dem Autor zahlt.

Kritiker von Zuschussverlagen verwenden diese Gleichung gerne, um zu belegen, dass diese Unternehmen Pseudoverlage sind. Ein richtiger Verlag verlangt keine Zuzahlung vom Autor.

»Ich wüsste gerne mal eine zuverlässige Quelle, wo dies belegt wird«, verlangt ein Besucher des literaturcafe.de per E-Mail und liefert selbst eine scheinbar schlüssige Wortdeutung.

Denn die Formel Verlag = vorlegen lese man überwiegend auf Websites, die Zuschussverlagen gegenüber kritisch eingestellt seien, also zum Beispiel auf der Website der Initiative aktionsbuendnis-faire-verlage.com oder auch des literaturcafe.de.

Vielmehr finde sich im Web (InfoWissWiki) folgende Definition, die dem Besucher weitaus logischer erschien:

Ein Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen im Bereich des „Herstellenden Buchhandels“. Seine Hauptaufgabe besteht darin, die Schriften eines Autors zu vervielfältigen und diese zu verbreiten, also dem Publikum zugänglich zu machen.

Dem mittelhochdeutschen „verlegen“ wird im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm die Bedeutung „was man hinwegsetzt, an einen anderen Ort bringt“ zugeschrieben. Die Verbreitung der Schriften wird betont.

Die Formel scheint also weitaus simpler: Verlag = verlegen. Der Verlag ist demnach ein Unternehmen, das Bücher an entsprechende Verkaufsstellen »legt« (Buchhandlungen, Kioske etc.).

Diese Erklärung klingt zunächst ebenfalls plausibel. Kein Wort darüber, auf wessen Kosten das erfolgt.

»Den ganzen Begriff nur auf den finanziellen Aspekt (die Kosten vorlegen) zu reduzieren, ist m. E. ein bisschen kurz gegriffen«, heißt es in der E-Mail.

Woher also die Erklärung mit dem Vorlegen?

Wir schauen bei denen nach, die es wissen sollten: auf der Website des Verlegerausschuss’ beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Das ist quasi die Standesvertretung der Verlage. Auf der Website »Was Verlage leisten« heißt es:

Verlegen kommt von Vorlegen

Also doch! Weiter lesen wir auf der Website der Verleger:

Verlegen kommt von Vorlegen, denn noch immer übernimmt der Verlag in der Regel die Vorfinanzierung von Verlagsobjekten. Er zahlt dem Autor einen Vorschuss noch bevor dessen Buch auf dem Markt ist, er trägt die Kosten für Werbung, Marketing und Vertrieb, für die Herstellung und den Druck. Und schließlich gewährt ein Verlag auch seinen Handelspartnern einen Kredit – indem er großzügige Fristen für die Begleichung von Rechnungen einräumt und sogar bereit ist, Bücher zurückzunehmen, die sich in einer Buchhandlung über einen längeren Zeitraum nicht haben verkaufen lassen.

Damit wäre die Sache perfekt erklärt. Wem sollte man mehr glauben als den Verlagen selbst?

Jedoch: Belegt ist die Wortherkunft damit nicht. Ein Satz muss nicht glaubhafter sein, wenn ihn auch andere sagen.

Tatsächlich finden sich online zum Ursprung des Wortes kaum relevante Quellen. Einen klitzekleinen Hinweis liefert der DUDEN. Beim Eintrag zum Stichwort »Verlag« heißt es da unter »Herkunft«:

im 16. Jahrhundert = Kosten, Geldauslagen

Das ist zwar eindeutig, jedoch wenig ergiebig. Online kommt man nicht recht weiter. Die Wikipedia grenzt Zuschussverlage zwar von den »richtigen« Verlagen ab, sagt aber nichts zur Wortbedeutung.

Wir rufen beim Verlegerausschuss des Börsenvereins an und fragen nach Quellen für den Website-Text. Man verweist uns auf den Bibliothekar des Vereins bei der Deutschen Nationalbibliothek. Kurze Zeit später erhalten wir von dort endlich aussagekräftige Quellen.

Die erste Quelle ist wiederum das Grimmsche Wörterbuch, das die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhunderts begonnen hatten. Wir zitieren im Folgenden die Ausgabe von 1956 (Deutsches Wörterbuch / Jacob Grimm ; Wilhelm Grimm. Hrsg. von der Deutschen Akademie zu Berlin. – Leipzig : Hirzel. – Bd. 12, Abt. 1. V – Verzwungen / Bearb. von E. Wülcker [u.a.]. – 1956.).

Denn die Erläuterung des Wortes endet nicht beim »hinweglegen, an einen anderen ort legen«, vielmehr heißt es im Punkt 5) (Seite 759 f.)

aus dem hinlegen an fremden ort entsteht die bedeutung: (geld) hinweggeben, besonders hingeben für einen andern, für etwas, was uns fremd ist. daher auslegen.

Und weiter bei 6) (ebd.)

während verlegen in obiger bedeutung allmählich verlischt, hat die wendung ein buch verlegen, eigentlich die druckkosten für das buch eines andern übernehmen, sich bis heute erhalten

Und weiter bei 7) (ebd.)

Im 16. und 17. jahrh. tritt oft die person, der man geldvorschüsse zukommen läszt, als object zu verlegen

Auf Seite 762 f. wird dann der Begriff Verleger erläutert. Hier heißt es:

VERLEGER, m. 1) im anschlusse an nr. 5 des zeitworts, der den betrieb oder vertrieb einer Sache übernimmt […] der auf seine kosten die herstellung einer Sache übernimmt […] seit der mitte des 17. jahrh. verleger besonders für den gebräuchlich, der die kosten und den vertrieb von druckwerken übernimmt

Das Interessante ist, dass das Wort »verlegen« in der Bedeutung von »Geld an einen anderen zahlen«, ursprünglich gar nichts mit Büchern und Druckwerken zu tun hat, sondern seinen Ursprung im Handwerk hat. So heißt es im Lexikon des gesamten Buchwesens (2., völlig neubearb. Aufl., hrsg. von Severin Corsten [u.a.]. Bd. 8. – Stuttgart: Hiersemann 2009) auf Seite 62:

Verlag ist die älteste Bezeichnung für Kapital, das von Verlegern/Käufleuten etwa seit dem 13. Jh. in der gewerblichen Massenproduktion eingesetzt wurde, indem man z. B. Handwerkern und Kleingewerbetreibenden Geld vorstreckte (vorlegte). Die Organisationsform war bes. ausgeprägt in der flandrischen Tuchindustrie, dem Florentiner Wollgewerbe, der ital. und franz. Seidenindustrie und wurde in der Frühdruckzeit vom Druckgewerbe übernommen.

Somit ergibt sich auch die Abgrenzung von Verlag und Druckerei. Im Lexikon des gesamten Buchwesens lesen wir auf Seite 86:

Mit der Industrialisierung erhielt der finanzielle Aspekt immer größere Bedeutung. Die Drucker alleine konnten ihre Kosten nicht mehr aufbringen und benötigten Geldgeber.

Nebenbei bemerkt ist ein Zuschussverlag also nicht nur im Sinne der Wortbedeutung kein echter Verlag, sondern auch rechtlich gesehen, denn im Lexikon des gesamten Buchwesens ist auf Seite 86 ebenfalls zu lesen:

Wer ein Buch im Selbstverlag herausgibt, sich als Selbstkosten- oder Kommissionsverleger betätigt, ist nach dem Verlagsrecht kein Verleger.

Zu guter Letzt fiel uns noch ein, dass es nicht nur die Wikipedia gibt, sondern auch noch den guten alten Brockhaus im Buchregal (Brockhaus-Enzyklopädie: in 24 Bd. – 19., völlig neubearb. Aufl. – Mannheim 1994). Im Band 23 lesen wir:

Verlagssystem, eine Form dezentralisierter Gütererzeugung, wobei der Verleger die Rohstoffe beschafft, vorschußweise ausgibt (»vorlegt«) und den Absatz organisiert, manchmal auch kostspielige Arbeitsgeräte leiht, während die Arbeit in Heimarbeit (Hausgewerbe, Hausindustrie) ausgeführt wird.

Der Autor als Heimarbeiter. Schöner könnte das Bild nicht sein. Und das Geld für seine Arbeit bekommt er oder sie vom Verlag. Denn:

Verlag kommt von Vorlegen.

11 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Xander Morus schrieb am 29. August 2014 um 19:01 Uhr

    Muesste eine deverbale implizite Derivation, also eine morphologische Konversion sein. Hat sich also gut getarnt.

  2. Eva Jancak schrieb am 29. August 2014 um 22:49 Uhr

    Als ich angefangen habe, mir meine Bücher selber drucken zu lassen, weil ich aus welchen Gründen auch immer, Schwierigkeiten hatte, einen Verlag zu finden, dachte ich und das war im Jahr 2000 “Wow so schnell, so gut, so billig!” und bin dann eingefahren, weil ich mich bis vor zwei Jahren, als sich Amazon den Selbstpublishern öffnete, überall rechtfertigen mußte, warum ich meine Bücher selber mache “Sind Sie ein Eigenverlag und Wikipedia einen Teil meines Selbstgemachten hinausgestrichen hat, weil “Eigenverlag wollen wir nicht!”, den anderen Teil hat er drinnen gelassen, weil der Kontroller dort offenbar nicht merkte, daß das auch was selbstgemachtes war und interessanterweise, habe ich mir diese Bücher bei einem dieser Zuschußverlage drucken lassen. Die Zuschußverlage haben eine schlechten Ruf und den Leuten, die dort ihre Bücher verlegen wird oft gedroht, sie werden verhöhnt, etc. Seltsamerweise kenne ich auch einige Leute, die ihre Bücher dort machen und trotz des Gelds das sie dort bezahlten zufrieden sind. Inzwischen denke ich, daß diese Debatte nicht mehr nötig sind, man soll die Leute, die für ein paar hundert Bücher oder so ein paar Tausender zahlen darüber aufklären, daß sie es bei Amazon viel billiger haben und immer noch im Spott und Hohn übergoßen werden, wenn die anderen daraufkommen, Sie haben dort verlegt. Ich denke diese Debatten sind nicht nötig, wenn sich die Leute für die Bücher der anderen interessieren, bekommen sie selbst heraus, ob sie ihnen gefallen oder nicht und die Zuschußverlage schaffen sich von selber ab, wenn die Autoren bessere Möglichkeiten haben und ich wünsche mir noch immer mehr Aufmerksamkeit für meine Bücher, die ich mir in einer sehr guten Druckerei machen lasse

  3. Sabine schrieb am 1. September 2014 um 07:58 Uhr

    Es ist doch im Grunde noch sehr viel simpler:

    Ein Verlag ist ein Unternehmen, das ein Produkt herstellt und dieses Produkt dann an andere Leute verkauft. Nichts anderes tut beispielsweise auch ein Autohersteller.

    Und so wie der Autohersteller sich die Rohwaren von seinen Zulieferern besorgen muß, muß auch der Verlag sich zunächst einmal die Rohware einkaufen, bevor er das Produkt herstellen kann.

    Wird nun der Autozulieferer erst dann vom Autohersteller bezahlt, nachdem der Autohersteller das Auto verkauft hat? Natürlich nicht. Manche Autos stehen bekanntlich monatelang auf Halde, bevor der Hersteller sie verkaufen kann.

    Oder muß der Zulieferer gar noch dafür bezahlen, damit der Autohersteller ihm seine Schrauben oder seine Bremspedale abkauft? Ebenfalls nein. Und schlimmer noch: Ein solcher Zulieferer geriete gar in Korruptionsverdacht.

    Bei Licht betrachtet besteht die Kernkompetenz dieser Zuschußverlage doch genau darin, sich korrumpieren zu lassen. Wer ihnen genug zahlt, dem kaufen sie das Manuskript ab und stellen daraus ein Buch her. Ein Verlag würde so etwas nicht tun, weil er sich damit ins Jenseits befördern würde.

    Der Autohersteller kauft sich Schrauben und Bremspedale ein, weil er anders kein Auto herstellen kann. In der gleichen Weise kauft sich der Verlag die Manuskripte ein, damit er später daraus Bücher herstellen kann und etwas zu verkaufen hat.

    Und wie der Autohersteller muß auch der Verleger die Lieferanten der Rohware nach Ablieferung der Ware bezahlen. Denn sowohl der Autozulieferer als auch der Manuskriptproduzent haben ihre Leistung schon lange vor dem Verkauf des jeweiligen Endproduktes erbracht. In der gleichen Weise wie der Bremspedalhersteller immer wieder bezahlt werden muß, wenn er wegen der guten Verkäuflichkeit des Endproduktes immer wieder Bremspedale liefern muß, so muß auch der Lieferant des Manuskriptes immer wieder bezahlt werden, wenn das Buch immer wieder Käufer findet.

    Es ist einfach absurd zu denken, der Manuskripthersteller sei dem Verlag zu Dank verpflichtet, weil der Verlag ihm sein Manuskript abkauft. Ohne Manuskripte hätte der Verlag nichts zu produzieren und wäre gar kein Verlag mehr. Genauso ergeht es dem Autohersteller, der ohne den Lieferanten der Bremspedale keine Autos produzieren könnte.

    Die Behauptung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist entlarvend: “Verlegen kommt von Vorlegen”.

    Tja, wer legt denn hier was vor? Der Verlag etwa? Nope! Der einzige, der hier was vorlegt, ist der Manuskriptlieferant. Dieser legt sein Manuskript vor und wird dafür bezahlt wie der Bremspedalhersteller für die Vorlage seiner Bremspedale.

    Und linguistisch betrachtet ist diese Behauptung ein veritables Eigentor. Würde Verlegen von Vorlegen kommen, dann wäre ein Verlag kein Verlag, sondern ein Vorlag. Tatsächlich legt aber der Verlag dem Leser das Buch vor, das er aus der Rohware des Manuskriptlieferanten hergestellt hat, damit der Leser es kaufen kann. Dem Manuskriptlieferanten legt der Verlag gar nichts vor, denn dieser hat seine Leistung bereits erbracht und muß dafür bezahlt werden.

    Tatsächlich müßte der Manuskriptlieferant dem Verlag sagen: Okay, lieber Verlag, wenn du mir soundsoviel für mein Manuskript bezahlst, darfst du davon zehntausend Bücher herstellen und verkaufen. Willst du von meinem Manuskript zwanzigtausend Bücher herstellen und verkaufen, mußt du mir eben das Doppelte für meine Ware bezahlen.

    Hier haben sich die Manuskriptlieferanten jahrhundertelang von den Buchherstellern einseifen lassen, weil immer noch beide Parteien die Ideologie anbeten, ein Buch sei ein wertvolleres Produkt als ein Bremspedal. Ist es selbstverständlich nicht. Ein Manuskript hat exakt denselben Wert wie ein Bremspedal: Beides sind die unverzichtbaren Voraussetzungen für die Existenz sowohl von Verlagen als auch von Autoherstellern.

  4. Uli (Der Besucher) schrieb am 1. September 2014 um 09:16 Uhr

    Hallo Herr Tischer!
    Da haben Sie sich aber richtig Arbeit gemacht bei der Recherche! Hut ab, wenn ich einen trüge ;-) Offenbar überwiegt tatsächlich bei der Definition der finanzielle Aspekt. Ok, dann muss man das wohl so akzeptieren, obwohl mir nach wie vor die Ableitung im Sinne von “vertreiben, hier und da hinlegen” irgendwie “passender” erscheint. Ist aber auch nicht so tragisch. Nochmals vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben!!

    Und zu den beiden Vorkommentatoren: Den von Xander Morus kapier ich nicht mal ansatzweise und an Eva Jancak den Tip, mal ein bisschen auf Absätze, Zeichensetzung und Lesefluss achten. Falls Ihre Bücher genauso verfasst sind wie Ihr Kommentar, nunja, dann wird es schwer mit der erwünschten “Aufmerksamkeit”.

  5. Ursula Welsch schrieb am 5. September 2014 um 10:09 Uhr

    Nur als Ergänzung: das Grimmsche Wörterbüch ist frei im Web verfügbar: http://woerterbuchnetz.de/DWB

    Zum Thema:
    Es ist viel einfacher: Bücher machen und verkaufen kostet Geld. Bei traditionellen Modell zahlt es der Verlag (aber natürlich nur für die Manuskripte, die er für tragfähig hält) und beim Zuschussverlag oder beim Selfpublishing der Autor.
    Dass man im zweiten Fall günstiger wegkommt, was die Herstellkosten anbelangt ist klar, da keine Overhead bezahlt werden muss.
    Aber man kommt in aller Regel deutlich schlechter weg, was die Stückzahlen des Verkaufs und damit des realen Umsatzes anbelangt.
    Ausnahmen bestätigen die Regel.

  6. Renate Blaes schrieb am 5. September 2014 um 10:12 Uhr

    Vielen Dank für diesen ausführlichen und intensiv recherchierten Bericht! Da ich ja auch zu diesen berüchtigten Zuschussverlagen zähle, weiß ich jetzt ein bisschen mehr.
    Viele dieser Nicht-Verlage haben zu Recht einen schlechten Ruf, weil sie ihre Autoren über den Tisch ziehen. Eine Autorin von mir hat sich vor einigen Monaten ein Angebot machen lassen von einem dieser schwarzen Schafe, und das Angebot war sehr interessant. Vor allem sehr teuer. Die Leistungen waren pauschal aufgezählt, vor allem war auch ein Lektorat dabei, obwohl das Buch bereits von einer der besten Lektorinnen Deutschlands bereits lektoriert wurde – von der “grauen Eminenz” Ingeborg Mues.
    Viele der Zuschussverlage kassieren zweimal. Einmal bei den zur Buchproduktion erforderlichen Arbeiten (Korrektorar, Lektorat, Design etc.), und nachdem der Autor die Produktionskosten gezahlt hat, wird er nochmal zur Kasse gebeten, denn jetzt darf er sein (bereits bezahltes) Buch kaufen!
    Das ist bei mir anders. Die Bücher meiner Autoren gehören zu 100 % ihnen. Ich verdiene am Verkauf keinen Cent.
    Die Verlagslandschaft ändert sich eben, wie sich vieles im Leben den “modernen Zeiten” anpasst. Immer mehr Verlage machen pleite, weil es nun “Selfpublisihing” und das “Books on Demand-Verfahren” gibt. Das sind Errungenschaften der Neuzeit, bei denen “Verlagsleistungen” wie Korrektorat und Lektorat durchaus notwendig sind. (Darauf weist übrigens auch Herr Tischer in seinem Ebook “Eigene Ebooks erstellen” aussdrücklich hin). Schaut man sich in Autorenforen um, so kann man sich oft nur wundern über die mangelnden Kenntnisse vieler Autoren in Bezug auf Rechtschreibung und Grammatik.

    Die Bücher meiner Autoren bekommen mein Verlagslabel und das ist – meiner Meinung nach – ein Qualitätslabel, denn ich verlege nicht jedes Buch! Auch das ist ein wesentlicher Unterschied zu den oben genannten schwarzen Schafen.
    Ich korrigiere und lektoriere engagiert und professionell. Ich eliminiere “Hurenkinder” und verpasse dem Buch eine Titelgestaltung, die dem Inhalt gerecht wird. Ich unterstütze meine Autoren bei der PR und dem Marketing ihrer Bücher. Und ich soll kein Verlag sein???
    Auf Englisch heißt ein Verlag “publisher”. Also “Herausgeber”. Hat also gar nichts zu tun mit “vorlegen”.
    Ich lege übrigens vor, indem ich erstens ein honorarfreies Probelektorar mache, bei dem der Autor sich von der Qualität meiner Arbeit überzeugen kann. Außerdem lege ich vor, indem ich meine Rechnungen erst nach getaner Arbeit schreibe. Und unter all diesen Gegebenheiten soll lich kein Verlag sein? Ich sehe das völlig anders. Meine Autoren übrigens auch …

  7. Renate Blaes schrieb am 5. September 2014 um 10:22 Uhr

    P. S.: Die Fehler in meinem vorigen Beitrag bitte ich zu entschuldigen. Das kommt vom zu schnellen Tippen und oberflächlichem Lesen des Getippten … mein Lektorat mache ich anders. ;-)

  8. Annina Boger schrieb am 23. September 2014 um 22:32 Uhr

    Wenn ich heute von den Dienstleistungen lese, die ein “Verlag” anbieten und übernehmen sollte, dann kommt es mir vor, als würde ich ein Märchen aus der guten alten Zeit lesen, also vom vorvorletzten Jahrhundert oder so …
    Danke trotzdem für den spitzfindigen Beitrag über Ver- und Vorlag!

  9. Any schrieb am 21. Oktober 2014 um 23:35 Uhr

    Vielen Dank für den ausführlichen und strukturiert herausgearbeiteten Beitrag!

    Ich finde man sollte Selfpublishing und Books on Demand noch einmal genauer von Zuschussverlagen abgrenzen. Es geht nicht nur um den Ort einer Veröffentlichung, sondern um die persönlichen Ziele eines Autors und auch des Unternehmens, was er für die Verbreitung nutzt.

    Es gibt self publisher, die einfach keine Lust auf andere Verlage haben und unabhängig sein wollen. Damit ein Standbein am Markt zu bekommen, ist meistsowieso mehr Aufwand als Ertrag, weil gerade das Marketing immense Summen verschlingen kann. Und wer nicht zufällig ein guter Illustrator ist…Aber wer es eben gerne macht und die Arbeit nicht scheut, oder aber auch einfach nur seinen eigenen kleinen Erfolg mit ner ISBN Nummer feiern will, warum nicht?!

    BOD sehe ich ähnlich. Manch einer will ja auch einfach nur sein Buch zugänglich machen, ohne gleich in den Bestsellern gelistet zu werden. Für andere Interessenslagen verstehe ich auch nicht, warum einer sich mit BOD schmücken würde.

    Aber mein Verständnis über normale Verlage und Zuschussverlage divergiert da eindeutig.
    Autoren schreiben Stories. Das tun sie entweder gut oder schlecht. Und wer es gut macht…sorry, ich habe bisher in den letzten Jahren keinen kennengelernt, der es dann nicht auch in einen normalen Verlag geschafft hat.

    Zuschussverlage wären ok, wenn die Definition offiziell Dienstleister lautet, und nicht Verlag (aus oben geschriebenen Gründen) Bei manchen Vertretern der Gattung kann ich den letzten Schund veröffentlichen, hauptsache ich bleche dafür! Der erfolgsverliebte Autor, der keinen Bock hat, sich lange auf den strebsamen Weg zu begeben, nimmt das halt gerne in Kauf. Und dann entsteht damit etwas, was ich überhaupt nicht gutheiße und niemals werde:

    Der “sich einkaufende” sogenannte Autor wird gleichgesetzt mit dem sich komplett durch die zähe Masse der Branche hochgearbeitete Autor. Für den Leser ist das gar nicht begreifbar, wer von denen seit 5 Jahren durch das Netzwerk tingelt, um sich einen Namen zu machen, oder wer mal eben sein Manuskript per Mail an einen ZV versendet hat.
    “Oh, schau mal, XY hat schon 20 Bücher veröffentlicht und der da nur eins. XY muss also der bessere Autor sein.”
    Nein, vielleicht hatte er auch einfach nur nen gut gefüllten Geldbeutel und hat für seine Berufsbezeichnung bezahlt!
    Das vermischt Äpfel mit Birnen und ich finde es verständlich, wenn der ordinäre Autor sich damit völlig verar…t vorkommt.

    Abgesehen davon ekelt es mich geradezu, wie da in manchen Offärten mit Geschleime um sich geworfen wird. Geld wird offiziell sowieso fast nirgens genannt und die Leistungsangaben sind so schön umschmückt, dass man wirklich nur mit etwas Erfahrung zwischen den Zeilen lesen kann. Und wieso bloß findet man kaum Rezensionen oder Forenbeiträge über ZV in der hiesigen Szene. Vielleicht weil die meisten negativ ausfallen, aber man sofort verklagt wird, wenn man wagt, das auszusprechen?
    Doch so lange Leute glänzende Augen bekommen, wenn man ihnen sagt “ich mache sie ganz bestimmt zum Starautor, ihr Manuskript war das beste, was ich je lesen durfte.”, …so lange stirbt da gar nix aus. Jeder Topf findet seinen Deckel. Nur nutzt das dem Endkonsumenten, dem Leser nix, weil der meist gar keinen Schimmer hat, was hinter seinem Buchkauf steckt.

  10. altesCoon schrieb am 10. Februar 2015 um 10:24 Uhr

    Zitat von Any: “Zuschussverlage wären ok, wenn die Definition offiziell Dienstleister lautet, und nicht Verlag”
    Das ist lustig. Und ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube dagegen, bei der steten Diskussion um die Wortherkunft von “Verlag” von seiten der klassischen Verlage zieht man sich an einer Begrifflichkeit hoch und tarnt damit, DKZ-Verlage und BoD gleich mit generell zu verteufeln. Ohne es beweisen zu können behaupte ich, dass im englischsprachigen Sprachraum die gleichen Kontroversen zwischen etablierten Autoren und Selbstverlegern – äh, nein: self-publishern – ausgefochten werden, ohne dass es dort ein etymologisches Begriffs-Problem gibt. Die o.g. etablierten Verlags-Autoren und ihre klassischen Verlage müssen diesen Kampf führen, da die Masse an modernen Herstellungs- und Finanzierungs-Methoden ihnen die Butter vom Brot nimmt.

    Jedes Buch muss finanziert werden. Klassische Verlage haben dafür bewährte Methoden. Es gibt aber auch andere, z.T. sehr moderne, die prinzipiell nicht schlechter sind (ich spreche nicht von betrügerischen Über-den-Tisch-Zieh-Wucherern). In einer Zeit, in der die großen Verlage wenigen Konzernen angehören, fördern die neuen Methoden ganz wesentlich die künstlerische Vielfalt. Endlich. Dass dabei gleichzeitig die Zahl der veröffentlichten Rechtsshriebfelern steigt – das ist tragisch, aber sei’s d’rum. Endlich kann die Leserschaft jedenfalls selbst über Erfolg und Misserfolg von Literatur entscheiden, ohne dass die Auswahl von studierten Verlagsmitarbeitern und Marketingstrategen vorgesiebt wird.
    Zumindest ich finde das positiv.

  11. Any schrieb am 10. Februar 2015 um 11:50 Uhr

    Dass neue Wege die Vielfalt des Angebotes auffrischen, finde ich ebenfalls begrüßenswert! Machen wir uns nichts vor, je größer der Verlag wird, desto mehr bestimmt hier der Standard das Programm. Risiko ist selten so gewinnversprechend und Verlage sind Unternehmen wie jedes andere auch. Die Diskussion, ob damit der Nachfrage entsprochen wird, oder man so viel mehr Nachfrage bestimmt, will ich lieber gar nicht nachgehen …

    Ich glaube an die Theorie von Self Publishing. Zumindest zu dem Teil, in der man Ideen eine Plattform gibt, die es nie in einen Standardverlag geschafft hätten, weil es nicht die 500ste Romantasy mit Happy End ist. Gerade vor ein paar Wochen habe ich ein eben solches geniales Werk gelesen, veröffentlicht unter BoD. Also generell zu verteufeln, halte ich für falsch und stimme sehr wohl zu.

    Das störende Bild dabei ist aber in der Tat das Über-den-Tisch-ziehen. Wie viele der “Verlage”, bei denen man tausende von Euro in eine Veröffentlichung steckt, geben denn Geld für Werbung aus oder sind in den Buchhandlungen vertreten? Der einprägsamste Satz, den ich dazu einmal gelesen habe: “Wieso sollten die Geld in Werbung stecken, die haben doch ihren Gewinn sowieso schon ausgezahlt bekommen.” Und genau da liegt der Knackpunkt. Bei einem Dienstleister, wie auch BoD, weiß ich genau, woran ich bin. Alles, was ich bekomme, habe ich bezahlt. Ich habe die Kostenkontrolle, die Hoheit über das Marketing und habe mich wirtschaftlich mit meinem Werk auseinandergesetzt. Bei einem – nennen wir es Scheinverlag – erwarte ich dieses Wirtschaften von dessen Mitarbeitern und bekomme am Ende nichts außer die Rechnung. DIESES Geschäftsgebaren verbreitet sich geradezu parasitär und hat eben nichts mit dem Verlegen zu tun, bei dem ein Verlag all sein Networking und seine Erfahrung nutzt, um ein Werk gewinnbringend am Markt zu platzieren, um seine Kosten wieder herein zu bekommen.

    Wie gesagt, ich stimme völlig zu, dass neue Methoden nicht schlechter sein müssen, auch wenn ich über die Qualitätsfrage nicht ganz so Schulter zuckend hinweggehen mag. Aber ich finde eben, das diese Quasi-Verlags-Abzocke eindeutig getrennt und aufgedeckt gehört. Das ist keine neue Methode, sondern latenter Betrug am Kunden.

    Einen Punkt würde ich dennoch gerne mit in den Raum werfen. Ich denke, die Tendenz ein “nicht ausgereiftes” Werk, voller Rechtschreibfehler und einem Text, der definitiv einen Lektor gebraucht hätte, auf dem Markt zu finden, … sorry, wächst leider auch durch self-publishing. Da wird eben die Lieblingsgeschichte runter getippt, auf Amazon gestellt und die besten Freunde gebeten, das Werk zu bewerten, weil die es ja schon immer toll fanden, wie man Geschichten erzählt. NICHT jeder self-publisher macht es so, um Gottes Willen! Ich möchte damit nicht die komplette Szene verunglimpfen. Aber es macht es wesentlich undurchsichtiger, denn ich habe als ahnungsloser Buchsuchender keinen Schimmer, ob der Autor mit den 10 Veröffentlichungen und den “Tollstes Buch ever” Rezensionen nun wirklich gut ist oder nicht. Nicht, dass man bei normalen Verlagen immer Qualität erwarten darf. Da hab ich auch schon grauenhafte Dinge gelesen. Jedoch … ich wage zu behaupten, die Gefahr ist etwas geringer.

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  1. Woran Du einen seriösen Verlag erkennst – Tanja Karmann verlinkte am 10. Juli 2017 um 09:27 Uhr

    […] Verb „verlegen“ ab, im Sinne von „von einem Ort zu einem anderen bewegen “ (Quelle). Das Literaturcafé konnte jedoch in mühevoller Recherche belegen, dass durchaus auch ein Zusammenhang zum Wort […]