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Beitrag vom 7. Juni 2012 | Rubrik: Literarisches Leben

Urheberrecht: Schirach heult und Mattusek wirft die Atombombe

Matthias Matussek (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Matthias Matussek (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Was hat die Diskussion ums Urheberrecht nur aus den stolzen und von uns bewunderten Schriftstellern gemacht? Wir haben ihre Bücher geliebt, gekauft und gelesen. Doch jetzt?

Verängstigt kritzeln sie ihre Namen unter öffentliche Erklärungen und nehmen an peinlich-blutigen Aktionen teil. Gestandene Männer wie Ferdinand von Schirach, die Bestseller über brutale Verbrechen schreiben, jammern uns plötzlich im SPIEGEL vor, wie anstrengend das Leben als Schriftsteller sei, und der Katholik Matthias Matussek wirft im gleichen Blatt die adverbiale Atombombe.

»Wir Autoren haben keine Gnadengesuche nötig«, meint hingegen David Gray.

Ausgerutscht auf dem Klischee

Der SPIEGEL ist nicht irgendein Titel in der deutschen Medienlandschaft. Man nimmt dort selten ein Blatt vor den Mund und verpackt kontroverse Kulturthemen auch schon mal sprachlich kontrovers. Kühl kalkulierte Provokationen gehören im Kulturbetrieb zum Geschäft. Und wie einer meiner russischen Freunde einst bemerkte: »Klischees helfen durchs Leben«. Das gilt genauso für ausgetretene Klischees.

In den letzten Wochen leistet man sich in der Kulturredaktion des SPIEGEL jedoch kurz nacheinander gleich zwei Ausrutscher:

Einer stammte aus der Feder des Juristen und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach (SPIEGEL Nr. 21 vom 21.05.2012, Seite 130 »Weil wir nicht anders können«). Der andere aus der des SPIEGEL- Redakteurs Matthias Matussek (SPIEGEL Nr. 23 vom 04.06.2012, Seite 136 »Der neue Mensch«).

Matussek ist anzumerken, dass er von einem gewissen missionarischen Eifer getrieben wird, während Ferdinand von Schirach sich in seinem Essay in biedermeiersche Idyllen flüchtet. Beide behandeln sie in verschiedenen Tonlagen dasselbe Thema: das Urheberrecht und die Piratenpartei. Beide Texte gehen von Klischees aus. Beide ziehen sie jedoch merkwürdige Schlüsse aus den von ihnen bemühten Klischees.

Symptomatische Auffassungen der Meinungsmacher

Das Beste, was sich über Matusseks Essay sagen lässt, ist, dass er Feuer hat, wenn auch geprägt von einer schiefen historischen Optik. Matusseks Text ist darüber hinaus unterhaltsam. Von Schirachs Essay ist – abgesehen vom anfänglichen Schockmoment – noch nicht einmal sonderlich unterhaltsam. Und er endet darüber hinaus in einem schwer erträglichen weinerlichen Tonfall.

Ärgerlich sind beide Essays gleichermaßen.

Aber auch für die Magazinessays irgendwelcher Edelfedern gilt, dass ihre Halbwertzeit relativ gering ist. Weshalb dann die Mühe diese Gegenrede zu verfassen?

Beide Essays scheinen mir symptomatisch für die Auffassungen und Ansichten gewisser Meinungsmacher und Autorenkollegen hier in Deutschland. Daher lohnt es sich sie näher zu beleuchten.

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5 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Vincent schrieb am 10. Juni 2012 um 13:11 Uhr

    Wie immer – mittelmässige begabte und mittelmässig erfolgreiche – Autoren wie der unbekannte David Gray werfen den Leuten, die tatsächlich Bestseller schreiben können, vor…sie würden das Problem nicht verstehen.
    Das Gegenteil ist der Fall. Leute wie Gray müssen keine Angst vor illegalen Downloads haben, weil sich sowieso keine grössere Leseranzahl für ihre Werke interessiert. Daraus resultiert auch der Neid und Hass auf die Kollegen, die tatsächlich Bücher schreiben, die huntertausende von Leuten lesen wollen. Falls Autoren Probleme haben, Verlage zu finden….können Sie im Zeiten des Webs toll ihre eigenen Bücher verbreiten. Aber sie sollen Ihre – aus mangelndem Erfolg und mangelndem Zuschauertinteresse geborene Philosophie nicht uzum Gesetzesgut erheben. Schirach hat mit jedem Wort recht gehabt. Wenn hunderttausende von Menschen ein Buch lesen wollen, so haben sie dafür zu zahlen. Genauso, wie sie für eine Wurstsemmel, ein Fahrrad oder eine Reise bezahlen. Sie nutzen das Werk, sie zahlen dafür. Einmal wieder merkt man, dass diese ganze Debatte von den erfolglosen Autoren / Musikern / Filmemachern, die sowieso nichtsz u verlieren haben, dazu genutzt wird, ihren erfolgreicheren Kollegen ein Bein zu stellen. Kunst ist kein Hobby. Musik ist kein Hobby. Jederfalls nicht für die Künstler, die man wahrlich als solche bezeichnen kann. Es ist ihr Leben, ihr Beruf. Wenn man ihre Werke nutzen möchte, hat man dafür zu bezahlen. Sollte eigentlich ein 5 jähriger verstehen. Weinerlich war Schirach’s Tonfall nicht mal im Ansatz, er hat einfach nur die Realität eines professionellen Autors geschildert, die Arbeit hinter einem Werk. Die Realität eines Hobbyautors wie David Gray ist eine andere.

  2. WortArtiG schrieb am 10. Juni 2012 um 17:55 Uhr

    @Vincent
    Der Kommentar ist gespickt mit Bewertungen und Unterstellungen, die mich erschaudern lassen. Als mittelmäßig begabter, mittelmäßig erfolgreicher und in logischer Folge dessen auch unbekannter Autor, erlaube ich mir diesen versierten Kommentar zu kommentieren. Ich hoffe sehr, dass mir deshalb nicht zwangläufig ‘Neid und Hass’ unterstellt wird. Ich versichere im Voraus, dass dies beides Gefühle sind, die zu fühlen ich nicht im Stande bin. Und jemanden ein Bein zu stellen halte ich für ebenso dümmlich, wie eine pauschale Unterstellung, Selbiges zu tun.

    Tatsache ist, dass durch die Existenz des Internets, neben viel Positivem u. A. eben auch ein Problem entstanden ist (illegale Downloads), auf das bisherige Verwertungsformen und Gesetze nicht vorbereitet waren – und wohl derzeit auch nicht sind. Es geht gleichsam um die (Ent-)Kriminalisierung von Nutzern und um die Bezahlung von Künstlern. Die Frage ist nicht ob – sondern wie. Ob ein 5-jähriger diesen Sachverhalt begreifen würde, wo doch selbst als gebildet geltende Erwachsene dazu kaum in der Lage scheinen, erlaube ich mir zu bezweifeln.

    Und nein – Schirach hat nicht mit jedem Wort recht. Wo gibt es denn so was?

    Zu Matussek bliebe zu sagen, dass auch ein latenter und geschickt verworteter Hitlervergleich nichts weiter als ein Hitlervergleich ist. Also der Hitler und den Vergleichen. Was ein Quatsch.

    Ein bisschen weniger Angst und Wut – und ein bisschen mehr Verstand und Gelassenheit. Das Problem ist groß genug, es nicht mehr verdrängen zu können. In dieser Hinsicht sind mir die Beiträge hier eine wahre Freude.

  3. Epikur63 schrieb am 10. Juni 2012 um 21:05 Uhr

    Offensichtlich bin ich nicht der einzige, der sich über den Artikel von Matussek nicht gefreut hat. Er vertritt zusammen mit Personen wie Friedman und Broder einen Stil, dessesn Aggressivität in sogenannten “Qualitätsmedien” erstaunt und die Debatte vergiftet. In meinem Blog schrieb ich heute dazu folgendes:

    http://freierblick.wordpress.com/2012/06/10/matussek-friedman-broder-erfolg-der-stillosigkeit/
    .

  4. Rouven schrieb am 21. Juni 2012 um 02:56 Uhr

    Was die Urheberrechtsdebatte ist noch im Gange, zum Glück schau ich kein TV und lese auch keine Nachrichten, sonst wäre ich wahrscheinlich schon wechgelaufen.
    Was glauben diese Affen denn? Was wenn die ein Gesetz machen das sagt, dass ihr alle um 14.30 Uhr einmal hüpfen müsst, und deswegen auch noch den Hüpfkontrolldienst ins Leben rufen, -wie die Polizei kommt der vorbei, und wenn ihr nicht spurt bringen die euch ins Irrenhaus.
    Gesetze fordern, so ein Schwachsinn!
    Für Gehirnausfall sollten Gebühren erhoben werden.

  5. Konstantin schrieb am 4. Juli 2012 um 18:27 Uhr

    Hm, ich verstehe die Kritik, aber nicht die Hochachtung vor dem Kritisierten -Atombombe? wenn ein Kleingeist es geschafft hat, sich einen “gehobenen” Stil anzueignen und in der Medienschickeria mitmischen darf, neigt man wohl zur Überhöhung. Für mich hat Hr.M. die Piraten schlicht mit Dreck beworfen -und zwar mit allem, den er aus der Gosse kratzen konnte -sein Beitrag zur Debatte war unsäglich dämlich, pardon. Aber es bleibt ja immer etwas hängen, und so können viele Bildungsbürgerlein über die Piraten ihr Näschen rümpfen und sich auch noch tolerant fühlen: “Ach, ja, aber so hart wie der Matussekt würd ich das nicht sagen” Einen echten Beitrag zur Debatte findet man in der Berliner Gazette:
    http://berlinergazette.de/piratenpartei-erfolgsgeschichte-bieber/

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  1. Nochmal: Piratenpartei | Basedow1764's Weblog verlinkte am 30. Juni 2012 um 22:55 Uhr

    [...] Herrlich dazu eine Art Auseinandersetzung mit Matussek unter dem Pseudonym David Gray: Rhetorische Kniffe wie Argument zur Person, Wertungen ohne Begründung: “Da übertreibt er maßlos”, aber dann ständig: “Da liegt er ´womöglich` gar nicht so weit daneben.” Um ihn am Schluss doch in den metaphorisch geschmückten feuilletonistischen Orkus hinabzustoßen: “Mir jagen Absätze wie dieser jedenfalls Schauer des Grauens über den Rücken.” Man liest´s, ergötzt sich an der Formulierungskunst (Es soll sich ein Autor hinter dem Pseudonym verbergen) und fragt sich hinterher: “Was hat er eigentlich gesagt?” [...]

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