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Unschuld: Jonathan Franzen lesen ist wie Mario Barth schauen

Unschuld aufgerissen

Ich habe noch nie ein Buch von Jonathan Franzen gelesen. »Die Korrekturen«, höre ich ab und an Menschen in meinem Umfeld voller Ehrfurcht raunen. Und ohne auch nur eine Zeile von ihm zu kennen, ist Franzen für mich einer jener gewaltigen amerikanischen Erzähler der Ostküste, der Texte von solcher Wucht und erzählerischer Kraft schreibt, wie sie ein deutscher Autor niemals verfassen könnte.

So dachte ich. Bis ich mir meinen ersten Franzen kaufte und zu lesen begann. Seitdem verstehe ich die Welt nicht mehr und bin fassungslos wie ein kleiner Junge.

»Unschuld« lautet der Titel des aktuellen Franzen-Buches. Franzen war Stargast auf der Frankfurter Buchmesse, Franzen war auf dem Titelbild des Literatur-Spiegel [1], Franzen war zu Gast in der Sendung »Druckfrisch«. Der neue Franzen ist und war omnipräsent.

Bestseller lese ich in der Regel nur, wenn es beruflich erforderlich ist, also meist immer dann, wenn ich ein Interview mit dem Autor führen werde. Zudem lese ich meist keine Klappentexte, weil sie mir zu oft zu viel über den Inhalt verraten. Doch vom neuen Franzen wusste ich – es ließ sich gar nicht vermeiden –, dass darin die Stasi, Facebook und das Internet eine Rolle spielen sollen. Zeitgenössische Bücher, in denen von gestandenen Autoren »das Internet« thematisiert wird, interessieren mich durchaus [2].

Also mache ich mich in der Vorweihnachtszeit auf den Weg zur Buchhandlung. Klar, der neue Franzen mit seinen über 800 Seiten wäre prädestiniert zur Lektüre auf dem E-Reader. Doch ich wollte mich bewusst mit dem Papierbuch aufs Sofa kuscheln. Ein Buch, das mich vielleicht sogar über die Weihnachtsfeiertage begleiten und so in Erinnerung bleiben würde. »Ja, damals Ende 2015, als ich meinen ersten Franzen las. Ein Buch das bleibt!«

So dachte ich, dass ich später denken würde.

Wenn ein Mann kurz vor Weihnachten ein dickes Buch von der Bestsellerliste kauft, so scheint die Absicht eindeutig. »Als Geschenk?« Ohne meine Antwort abzuwarten, greift die Buchhändlerin zum Sternchenpapier, als ich sage: »Nein, ich lese es selbst.« Es entsteht ein kurzer Moment der Irritation, dann lächelt die Buchhändlerin und verlangt den stolzen Preis von 26,95 Euro. In der E-Book-Version hätte der Text im übrigen nur 3 Euro weniger gekostet.

Später dann auf dem Sofa mit einem Tee auf dem Beistelltisch, reiße ich die Schutzfolie auf, was mich bei diesem Buchtitel schmunzeln und orthografisch nicht ganz korrekt twittern lässt.

Ich bemerke, dass der Originaltitel »Purity« lautet. Na, der wurde ja im Deutschen ganz schön hochübertragen, denke ich. Schwingt doch in »Unschuld« so viel mehr mit als im Wort »Reinheit«. Aber gut. Zwei Übersetzer. Nunja, heutzutage muss es schnell gehen, und 800 Seiten sind nicht gerade wenig.

»Für Elisabeth Robinson«, lese ich und auf der anderen Seite: »… die stets das Böse will und stets das Gute schafft«

Muss ja eine schlimme Frau sein, die Elisabeth. Ob das Zusammentreffen von Widmung und faustschem Motto so beabsichtigt ist?

»Purity in Oakland« ist der erste Abschnitt überschrieben, und Purity scheint also auch ein Eigenname zu sein, aber das Wortspiel ist offenbar im Deutschen nicht aufgegangen. All dies sind Gedanken von Sekundenbruchteilen beim Durchblättern der Titelei, bevor dann die erste Seite und der erste Satz vor mir liegt:

»Ach, Miezchen, ich bin ja so froh, deine Stimme zu hören«, sagte die Mutter der jungen Frau am Telefon.

Verdammt, ist das jetzt schon eine Berufskrankheit oder die Folge der vorübergeflogenen Gedanken? Das Wort »Miezchen« irritiert mich. Welche Mutter sagt zu ihrer Tochter »Miezchen«? Was da wohl im Original steht?

Ich rufe auf dem Smartphone die Leseprobe des Originals auf. Nebenbei bemerke ich, dass die gebundene Ausgabe des Originals 15,95 Euro kostet und das E-Book 8,04 Euro.

Das Goethe-Zitat ist im Original auch auf Deutsch. Interessant.

»Oh pussycat, I’m so glad to hear your voice«, the girl’s mother said on the telephone.

Wieder schwingt mir im deutschen Miezchen zu viel Sekundärbedeutung mit. Aber was wäre die bessere Übersetzung. Kätzchen?

Ich lese weiter. Ein wenig origineller und sperriger Dialog wird mir vorgesetzt. Wieder und wieder stolpere ich über die ungelenke Sprache. Da steht

»Das Einzige, was diese Arbeit überlebbar macht, ist mein spirituelles Streben …«

Das musste bei der Übersetzung wohl schnell gehen. Wieder schaue ich ins Original:

»My Endeavor is the only thing that makes that job survivable …«

OK, die Übersetzung ist perfekt. Genauso ungelenk wie im Original. Aber warum ist Endeavor dort groß geschrieben? Ist da sinnbildlich das Schiff von James Cook gemeint, das sich jedoch englisch mit ou schrieb? Daher die Übersetzung mit »spirituelles Streben«?

Wenn ich weiterhin so haarspalterisch lese, wird das nie was. Ich nehme mir vor, die deutsche Fassung wohlwollend weiterzulesen.

Aber der Nominalstil macht es mir verdammt schwer, der Dialog wird nicht wirklich besser. Wer redet so? Die beiden Frauen sprechen über das Süßungsmittel Stevia. Auch diese Passage ist weder witzig noch originell. Ich habe den Verdacht, dass hier dem Leser zwischen den Zeilen etwas mitgeteilt werden soll.

Für die Figur der Pip hat Franzen so ziemlich alle Klischees über psychisch labile Menschen uninspiriert zusammengepappt. Eine gelungene, glaubhafte Figurenzeichnung mit Tiefgang sieht anders aus. Die »Fragebogenszene« ist haarsträubend. Und die »Callcenter-Szene«, bei der ich schon wieder das unangenehme Gefühl habe, dass der Autor mir hier seine Meinung zur Weltlage unterjubeln will, zeigt mir, dass Franzen auch Ironie und Witz nicht beherrscht. Die Szene wirkt, als habe sie eine Art intellektueller Mario Barth geschrieben. Und dann fällt mir ein, dass auch Mario Barth durchaus Fans hat.

Auf Seite 49 steht der Satz:

sie war ohne Fernsehen aufgewachsen und hatte deshalb eine gute Sprachkompetenz.

Der steht da wirklich! Und er wird nicht von einer Figur rausgehauen, sondern vom Erzähler, der ohne Frage nicht weit vom Autor entfernt ist. Ich stelle mir vor, dass es Menschen gibt, die innerlich bei solchen Sätzen schmunzeln, so wie es auch Leute gibt, die laut über Mario Barth lachen.

Ich kann schon bald nicht mehr. Wüsste ich es nicht besser, so würde ich sagen, dass ich hier das Werk eines stümperhaften Amateurs vor mir habe, der in seinem Roman, dem Leser nur seine Weltsicht aufs Auge drücken will und keinerlei ernsthaftes Interesse daran hat, den Leser mit einer feinen Sprache, feinem Humor oder einer feinen Figurenzeichnung zu erfreuen. Solch dilettantisch-missionarische Werke erscheinen meist in Zuschussverlagen.

Ich kämpfe mich noch bis an die Seite 200, dann geht es nicht mehr. Immer wieder quillt die Weltanschauung des Autors durch die Zeilen. Alles wird erklärt und erklärt und behauptet und behauptet. Was für ein katastrophaler Sprachstümper war hier am Werk? Ein Mann, dem jegliches erzählerisches Talent fehlt: Seine Figuren als Pappkameraden zu bezeichnen wäre beschönigend. Und die deutsche Frau im Text heißt auch noch Annagret! Nichtmal einen gebräuchlichen deutschen Namen hat der Autor gefunden. Annagret! Das wirkt so, wie in Hollywoodstreifen die deutschen Soldaten immer Sätze sagen wie: »Achtung, mein Fuhrer!« Nichts, aber auch nichts passt in diesem Roman.

Eine Bekannte berichtet mir, wie die Story weitergeht. Sie nennt mir weitere haarsträubende Stellen, die ich lesen sollte. Ich erspare es mir weitestgehend. Man stellt sich schließlich auch nicht freiwillig in eine eiserne Jungfrau [6], wenn man die spitzen Dornen bereits sehen kann.

Wieso aber ist in kaum einer Besprechung etwas über dieses 800 Seiten starke Desaster zu lesen? Sehr oft taucht in den Kritiken das mir bislang unbekannte Wort »Thesenroman« auf. In der Wikipedia lese ich als Definition [7]:

Der Thesenroman … ist ein literaturwissenschaftlicher Begriff für Romane, deren Inhalt von einer ideologischen, wissenschaftlichen oder religiösen These bestimmt sind, während Glaubwürdigkeit, Stimmigkeit und Lebendigkeit der Protagonisten und der erzählten Geschichte eine untergeordnete Rolle spielen. Die dargestellten Personen dienen in erster Linie dazu, bestimmte philosophische oder politische Ideen zu illustrieren.

Touché! Diese Definition bringt das Elend von »Unschuld« auf den Punkt. Sie mag aber auch der Grund und die Erklärung dafür sein, warum der Roman in intellektuellen Kritikerkreisen so wohlwollend aufgenommen wurde. Franzen scheint der Schneider zu sein, der die passenden luftig-ideologischen Kleider entwirft.

Und tatsächlich ist Franzen lesen wie Mario Barth schauen: Man kann es nur mit Vergnügen tun, wenn man sich auf das Niveau des Erzählers begibt, wenn man es akzeptiert – wo immer es auch liegen mag. Man muss seine Ideologie gut finden und mit ihr und ihm sympathisieren, denn sonst blickt man fassungslos in die Gesichter der begeisterten Fans und kann ihre verklärten und begeisterten Blicke nicht verstehen. Man weiß nicht, was daran originell, witzig und komisch sein soll. Und man fühlt sich wie ein kleiner Junge am Straßenrand, der ruft: »Aber er schreibt doch wie ein Anfänger!«

»Die Korrekturen«, wird man künftig also auch mich raunen hören, »warum hat man sie der ›Unschuld‹ nicht verpasst?«

Wolfgang Tischer

Jonathan Franzen: Unschuld. Taschenbuch. 2016. Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783499267758. EUR 12,99 » Bestellen bei Amazon.de [8]
Jonathan Franzen: Unschuld. Gebundene Ausgabe. 2015. Rowohlt. ISBN/EAN: 9783498021375. EUR 26,95 » Bestellen bei Amazon.de [9]
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