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Beitrag vom 11. Juni 2010 | Rubrik: Literarisches Leben, Literatur online

Twitter-Lyrik-Preisträgerin Simone Kremsberger: »Je weniger dasteht, desto weniger lenkt ab«

Simone Kremsberger (Foto: Nadja Meister/Info-Media)

Simone Kremsberger (Foto: Nadja Meister/Info-Media)

Simone Kremsberger heißt die Gewinnerin des diesjährigen Twitter-Lyrik-Wettbewerbs von literaturcafe.de und BoD mit richtigem Namen. Sie twittert unter @SalonSimone.

Selbst der Jury des Wettbewerbs ist der Twitter-Name vor der Gewinn-Entscheidung nicht bekannt. Die Teilnehmer-Tweets sind in einer Excel-Tabelle gelistet, die Namen der Einsender ausgeblendet.

Da ist es spannend zu sehen, ob der Gewinner-Beitrag von einem bekannten oder unbekannten Twitterer kommt und was sie oder er sonst noch twittert und wohin ein etwaiger Link im Twitter-Profil führt.

Überraschung diesmal: Im Twitter-Profil @SalonSimone wird fast ausschließlich Lyrik getwittert.

Simon Kremsberger alias @SalonSimone kann sich nun über den gewonnenen iPod touch freuen. Wir wollten mehr über die Gewinnerin 2010 wissen und haben mit ihr gesprochen.

literaturcafe.de: Liebe Simone Kremsberger: zunächst nochmals herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Twitter-Lyrik-Wettbewerbs 2010!

Simone Kremsberger: Ich freue mich und danke literaturcafe.de und BoD!

literaturcafe.de: Natürlich haben wir nach der Entscheidung gleich auf dein Twitter-Profil geschaut und gesehen, dass du seit Juli 2009 twitterst und zwar tatsächlich fast ausschließlich Lyrisches. Wie kam es dazu?

Simone Kremsberger: Kurz zuvor habe ich Twitter entdeckt. Ich fand spannend, dass manche das Medium für »Twitteratur« nutzen. Dann hab ich versuchsweise meinen »SalonSimone« mit Kürzestprosa und -lyrik gestartet und Spaß daran gefunden.

Literatur -Café: Der Twitter-Name ist eine Referenz an die literarischen Salons?

Simone Kremsberger: Solche Salons, wie sie in Wien Tradition hatten, gibt es leider nicht mehr. Mir gefiel die Idee, einen Literatursalon zu eröffnen, selbst wenn er nur im virtuellen Raum ist. Wobei es offenbar auch Friseursalons selbigen Namens gibt …

literaturcafe.de: Welchen Reiz hat für dich diese kurze Form? Was macht ein gutes Twitter-Gedicht aus?

Simone Kremsberger: Je weniger dasteht, desto weniger lenkt ab und desto genauer muss man sein. Ein gutes Twitter-Gedicht? Ich denke, das hat Substanz, Rhythmus, eignet sich die Sprache an und macht was Neues daraus. Und es lässt Freiraum für den Leser. Aber das gilt wohl für jeden literarischen Text.

literaturcafe.de: Immer wieder spielt in deinen Tweets Wien ein Rolle. Deine große Liebe scheint diese Stadt zu sein?

Simone Kremsberger: Liebe, na ja … Wien ist sicher eine gute Stadt zum Leben und auch zum Drüber-Schreiben. Kommt mal her, dann wisst ihr, was ich meine … Für mich lag es nahe, Wien als Rahmen für meine Tweets zu wählen. Daraus hat sich eine Serie meist zweiteiliger Tweets entwickelt, auf die Zeile »Wien ist: …« folgt ein Kurzgedicht, z. B.:

Wien ist: Stille nach dem Schneeball.

Er taucht die Nacht in dumpfes Licht / Er hüllt den Klang in Kleider / Er legt sich herrlich schwer auf mich / Und hält mich wach und müde

Wobei ich mich nicht an das Schema klammere. Und mittlerweile geht der »SalonSimone« auch auf »Tour« und ich schreibe aus und von anderen Orten.

literaturcafe.de: Als du dich nach der Gewinn-Bekanntgabe gemeldet hast, haben wir natürlich sofort nach deinem richtigen Namen gegoogelt. Wir mussten feststellen, dass du literarisch sehr bewandert bist. Wir lesen da, dass du Germanistik in Salzburg und Wien studiert hast und 2008 deine Dissertation über Hilde Spiel als Essayistin und Literaturkritikerin verfasst hast. Bist du neben Twitter auch sonst noch literarisch aktiv?

Simone Kremsberger: Das literarische Schreiben spielt eine Rolle, seit ich schreiben kann. Ich habe das allerdings lange im Verborgenen betrieben. Dann habe ich den Austausch mit anderen Schreibenden gesucht und die »Leondinger Akademie für Literatur« absolviert. Ich habe Kurzprosa u. a. in der Literaturzeitschrift »kolik« veröffentlicht. Zuletzt hatte ich ein Aufenthaltsstipendium des Landes Oberösterreich und konnte in der wunderbaren Ruhe des Salzkammerguts an verschiedenen Texten arbeiten.

Jetzt freue ich mich, dass ein Twitter-Gedicht den Weg in ein Buch findet.

Literatur -Café: Es fällt auf, dass dein Gewinner-Tweet schon im September 2009 getwittert wurde, also nicht speziell für den Wettbewerb verfasst wurde. Wie lange hast du an dem Beitrag gefeilt?

Simone Kremsberger: Meine Twitter-Gedichte entstehen im Kopf. Meist beginnt es mit einem Wort oder Satz und dann feile ich, bis es mir stimmig erscheint und ich das Ganze loswerden – d. h. in Twitter einspeisen – kann. Die Inspiration war übrigens eine echte Trauerweide gegenüber von einem Bahnsteig, wo ich gewartet habe. Ich dachte, die schaut tatsächlich trauernd aus, wie sie sich hängen lässt, und man sollte sie fröhlich rütteln. Der Rest entstand aus der Sprache heraus.

Literatur -Café: Weißt du noch, was für dich das Ausschlaggebende war, warum du dich bei deinen vielen Beiträgen ausgerechnet entschieden hast, diesen zum Wettbewerb einzureichen?

Simone Kremsberger: Ich habe das Gedicht gewählt, weil es zu meinen Favoriten gehört und, wie ich glaube, konkret, aber zugleich offen ist. Es freut mich, dass es gelesen wird und dass Leute über diese vier Zeilen nachdenken. Ich finde schön, dass dieser Wettbewerb die Aufmerksamkeit auf eine so minimalistische Form der Literatur und auf die Sprache selber lenkt.

literaturcafe.de: Liebe Simone, nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für dieses Interview!

Vorjahres-Gewinnerin @Nanuscha lebt!

Kurz nach dem Interview gab es eine große Überraschung: @Nanuscha, die Gewinnerin des Vorjahres, hat sich gemeldet. Über ein Jahr lang war sie ein Phantom, ihr Gewinner-Tweet 2009 der einzige Tweet bis dato, den sie jemals geschrieben hatte. Erst über ein Jahr später hat sie von ihrem Gewinn erfahren. Das Interview dazu finden Sie hier im literaturcafe.de.

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