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Tokio – die Ruhe nach dem Sturm

JapanWer dieser Tage die schrecklichen Ereignisse in Japan verfolgt, der wundert sich sicher manchmal über das besonnene Verhalten der Japaner. Ruhige Gesichter, nirgendwo Panik oder Geschrei, kaum Ängste, bestenfalls mal vorsichtig geäußerte Sorgen. Und das trotz der größten Katastrophe Japans seit dem Zweiten Weltkrieg, wie es der japanische Ministerpräsident formulierte. Warum sind die Bilder aus Japan so anders, als wir es erwarten würden?

Ein Bericht von Nik S. Tun

Mich erstaunt es nicht. Obwohl ich nur ein Jahr in Tokio gelebt habe, konnte ich dieses Verhalten oft genug im Alltag beobachten. Das japanische »Anderssein« hat mir eine wunderbare Zeit in dieser riesigen und wuseligen Stadt beschert, manchmal hat es mich aber auch zur schieren Verzweiflung getrieben. Japaner sind absolut regelhörig, haben einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn, sie sind Meister der Höflichkeit, aber auch des Ertragens und Abwartens, und ganz unabhängig von diesen Eigenschaften wachsen sie mit Erdbeben auf.

In Tokio wackelt es so häufig, dass man sich tatsächlich schnell daran gewöhnt. Solange es nicht ungewöhnlich stark kracht, dreht man sich im Bett um und schläft weiter. Schon im Kindergarten lernen die Kleinen, was im Falle eines Erdbebens zu tun ist. Jedes Büro hat einen Erdbebenverantwortlichen mit Helm und Taschenlampe, jedes Viertel Sammelplätze, und als ausländischer Mieter bekommt man als erstes eine Erdbebenbrochüre ausgehändigt. Regale sind meistens an die Wand geschraubt, in jedem Haus gibt es außen eine Feuerleiter und ständig werden ältere Häuser abgerissen und durch erdbebensicherere ersetzt. Mein japanischer Bürokollege hat immer einen Schlafsack, Trinkwasser und Notnahrung im Kofferraum seines Autos. Neben diesen Maßnahmen weiß jeder Tokioter, dass das ganz große Erdbeben in dieser Region statistisch gesehen schon längst überfällig ist. Man lebt damit und nimmt es hin bzw. verdrängt es, mir ging es da nicht anders.

JapanViele Eigenheiten der Japaner lassen sich schon beim täglichen Pendeln mit der Metro beobachten. Trotz der teilweise übervollen Züge gibt es keine Beschwerden. Selbst wer eingequetscht ist wie eine Sardine, windet sich vorsichtig ein bisschen, damit die harte Aktentasche des Nachbarn nicht mehr gar so drückt, und wartet dann geduldig auf das Ende der Fahrt. Auch das bekannte Stopfritual zur Rushhour, bei dem die Passagiere von weißbehandschuhten Bahnangestellten in die offenen Türen gepresst werden, geschieht nicht als individuelles Drängeln, sondern als Gemeinschaftsaufgabe, die ohne Klagen hingenommen wird. Während der Fahrt ist es still, selten mal ein leises Gespräch, keine Handytelefonate, da dies nicht erlaubt ist. In der Metrostation ist es trotz fehlender Mülltonnen sauber, man nimmt seinen Müll einfach mit nach Hause oder ins Büro. Rechts auf der Rolltreppe wird gestanden, links gelaufen, und wenn das mal nicht funktioniert, dann garantiert, weil irgendwo ein unwissender Gaijin, ein Ausländer steht.

Mein Kollege sagte einmal, dass das Beachten von Regeln überlebensnotwenig sei. Tokio ist nicht nur die weltgrößte Metropole, sondern zählt im Kern auch noch zu den am dichtest besiedelten Gebieten der Erde. Wenn ich mir die ungeheuren Menschenmassen anschaue, die im Sekundentakt durch die Schleusen der Metrostationen strömen, glaube ich ihm gerne. Leider machen Regelhörigkeit und Gemeinschaftssinn aber auch nicht vor der Vernunft halt. Ein englischer Bekannter, der in einer japanischen Firma arbeitete, wurde tatsächlich gezwungen, einen Englischkurs zu besuchen. Grund: Seine Firma hatte beschlossen, die Englischkenntnisse ihrer Mitarbeiter zu verbessern und machte daher die Teilnahme an den Kursen zur Pflicht. Dass mein Bekannter Muttersprachler war, interessierte da nicht – Regel ist Regel. Auch die minutiöse Mülltrennung, die an meiner Arbeitsstätte betrieben wurde – es wurden sogar die Banderolen von den Plastikflaschen abgezogen und getrennt entsorgt – hatten rein gar nichts mit Umweltbewusstsein zu tun. Gemacht wurde es, weil die Regel es so wollte und jeder es machte.

JapanMorgens treffe ich meine mülltrennenden Studenten meist schlafend vorm Computer sitzend an. Die Regel und der Gemeinschaftstrieb wollen es so, dass alle morgens vor dem Chef zu erscheinen haben. Da sie aber bis tief in die Nacht im Büro waren und gearbeitet oder gemeinsam getrunken hatten, waren sie todmüde und schliefen. Wenn ich ihnen zu erklären versuchte, dass ihre schiere Anwesenheit alleine das Institut noch nicht voranbringe und dass es sicher sinnvoller sei, statt mit dem Kopf auf der harten Tischplatte zu schlafen sich zu Hause im Bett auszuschlafen, um dann um so fitter an die Arbeit zu gehen, erntete ich nur ein müdes Lächeln – es ist doch eine Regel, wie konnte ich nur so dumm sein. Bezeichnend ist da auch ein schönes Hinweisschild in der Metro, welches davor warnt, im letzten Moment noch durch die sich bereits schließenden Türen zu springen. Der Spruch unter der bildlichen Darstellung der Situation lautete wie folgt: »Es tut weh, sich in der Tür einzuklemmen. Noch viel mehr schmerzen aber die Blicke, die auf Dir lasten.«

Regeln missachten und aus der Gemeinschaft ausscheren ist also tabu. So wachsen japanische Kinder auch mit der Devise »Der Hammer trifft den Nagel, der heraussteht« auf. Nicht auffallen, immer mit der Masse schwimmen, diese aber auch nicht im Stich lassen. Jeder muss sein Bestes geben, sich aber nie besser fühlen als andere oder in den Vordergrund spielen. In diesem Dilemma befinden sich derzeit einige meiner Freunde in Tokio. Sie könnten Tokio zwar verlassen, können es aber eben nicht, da schließlich nicht jeder fliehen kann. Man lässt die Gemeinschaft nicht im Stich, so wenig es derselben hilft. Viele schieben einen Urlaub vor oder Besuche bei Bekannten weit weg von Tokio, die angeblich schon seit Langem geplant seien. Keiner gibt offen zu, dass er sich in Sicherheit gebracht hat. Leider sind die meisten Urlaube aber zu kurz, sodass einige inzwischen schon wieder zurückkehren müssen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Ein japanischer Freund, der gerade für zwei Jahre in Deutschland arbeitet, wird sogar nächste Woche für ein einwöchiges Arbeitstreffen nach Tokio fliegen, weil er seinem japanischen Chef nicht sagen kann, dass der Zeitpunkt vielleicht nicht der günstigste sei. Die Aussicht auf kontaminiertes Leitungswasser in Tokio lassen ihn schon jetzt erschaudern …

JapanDas Vertrauen in das eigene System ist ein weiterer Aspekt. Obwohl dies in den vergangenen Tagen wohl gelitten hat, vertraut der Japaner seinesgleichen und seinen Lenkern. Unabgeschlossene Fahrräder, unbeaufsichtigtes Gepäck am Bahnsteig und die Tatsache, dass in einigen Minshukus (japanische Pension) die Zimmertüren nicht abschließbar sind, zeugen davon im Alltag. Aber auch im Beruf ist es ähnlich. So musste ich sehr erstaunt feststellen, dass die frischgebackenen Masterstudenten der Tokioter Eliteuniversität auch wenige Tage vor ihrer ersten Anstellung quasi nichts über ihren neuen Job, über das Einsatzgebiet, Aufstiegschancen oder Ähnliches wussten. Man vertraut darauf, dass die Firma jeden entsprechend der eigenen Fähigkeiten richtig einsetzt und legt sein Schicksal in deren Hände.

Bei uns oft sehr direkten Deutschen kann das japanische Anderssein schon manchmal Kopf schütteln hervorrufen oder uns gar die Wände hochgehen lassen, meistens macht es das Leben in Tokio jedoch unvergleichlich angenehmer als »zu Hause«. Fahren Sie mal S- oder Regionalbahn nach einem Jahr in Japan, und Sie werden schnell verstehen, warum wir manchmal als »Barbaren« bezeichnet werden. Tokio, Du wunderbare und skurrile Metropole, ich wünsche Dir viel Glück!

Der Autor, Jahrgang 68, ist begeisterter Weltenbummler und Fotograf. 2008 verbrachte er als Gastwissenschaftler neun Monate in Tokio. Heute lehrt er an einer bayerischen Fachhochschule und veröffentlicht unter seinem Pseudonym Nik S. Tun Bücher. Sein Buch Tokyo days, ISBN 9 783842 343382 erschien zwei Tage vor dem Erdbeben bei BoD und ist über Amazon, Libri und Co erhältlich.
Weitere Informationen: www.nikstun.de [2]

Nik S. Tun: Tokyo days: and Tokyo nights. Taschenbuch. 2011. Books on Demand. ISBN/EAN: 9783842343382