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Beitrag vom 26. Januar 2014 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Sämtliche Gottesbeweise: Sprachlicher Aufwand für ausgemachten Blödsinn

Kapielski»Musst du unbedingt lesen, tolle, witzige Kurzgeschichten!«

Der Name Kapielski war mir nicht unbekannt, der Verlag und Buchversender Zweitausendeins lobt ihn schon seit langem über den grünen Klee, was ihn mir verdächtig machte: »Thomas Kapielskis humoristisches Opus magnum, gehört zum Komischsten und Witzigsten, was derzeit in deutscher Sprache zu lesen ist«.

Humoristisch und witzig? Das geht nicht! Schau’n mer mal …

Gottesbeweis I (von insgesamt XIII) ist betitelt »Der Hamburg-Nordhausensche« und beginnt mit einem verfälschten Bibelzitat von Matthäus 5,37: Es heißt eben nicht, wie launisch angegeben, Ja, ja; nein, nein.

Das soll wohl der erste Witz sein, über den der Leser lachen soll, von wegen »Hach, kenn ich doch, das hieß doch irgendwie anders, irgendwas mit Deine Rede sei oder so, schon arg witzig das Kasperlski!«

Worum geht’s in diesem Text?

Ich weiß es nicht, habe die erste Seite nicht überstanden.

Hier wird der Ich-Erzähler von »der sogenannten Euroscheckkarte überzeugt«, weil es seinem Saufkumpan 1981 gelang,

unter Zuhilfenahme eines geringfügigen Kärtleins einen gewöhnlichen Geldautomaten anzuregen, zwei klammen Ausländern sechshundert Gulden auszuwerfen, die wir prompt in Matjes und Bier eintauschten. Am nächsten Tag wurden uns wiederum sechshundert Gulden an einer solch eigentümlichen Elektroluke bewilligt.

Aha! Der Automat wusste also von den klammen Ausländern – und das soll humoristisch sein? Oder ist das Humoristische vielleicht, dass dem Kärtlein das alberne Adjektiv geringfügig angeheftet wird oder der Geldautomat Elektroluke genannt wird? Nein: Das ist bemühtes Witzigseinwollen!

Ich-Erzähler bestellt sich folglich eine ebensolche Euroscheckkarte und bekommt eine Geheimnummer, mit der Ich-Erzähler gehörig Probleme hat:

(…) eine lediglich vierstellige, hochbanale, andererseits schlecht zu merkende Zahlenkombination befand. Es ließ sich kein Merkmuster hineinlesen; die Ziffern waren jeder Gedächtnisstützung abhold, und so sicherte ich sie vorerst vielmals schriftlich auf Blöcken und Zetteln.

Was ein sprachlicher Aufwand für ausgemachten Blödsinn: eine hochbanale Zahlenkombination, andererseits schlecht zu merken, also eben gerade nicht banal. Da hätten wir Witz Nummer 1 in diesem Zitat.

Witz Nummer 2: Es ließ sich kein Merkmuster hineinlesen – braucht man aber bei alkoholbedingter Debilität schon, vermutlich sogar bereits bei zwei Ziffern.

Witz Nummer 3: ausgefeimt statt abgefeimt (welch Sprachgewalt!)

Witz Nummer 4: Gedächtnisstützung statt Gedächtnisstütze (welch Sprachgewalt!)

Witz Nummer 5: (Schreib-)Blöcke dienen dazu, einzelne Seiten gut abtrennen zu können, damit sie zu Zetteln ohne hässliche Abrisskanten werden können – er sichert seine nichtmerkbaren Ziffern aber gleich (Witz Nummer 6) vielmals, weil er sich den Verbleib seiner Zettel bzw. Blöcke wohl gleichfalls nicht merken kann. Vielleicht müsste er sich deren Verbleib ebenfalls notieren, z. B. an der Wohnungstür?

Entschuldigung, war ‘n blöder Witz …

Auf dieser ersten Seite gefiel mir einzig dieses wunderbar altertümliche abhold – Das ist mir aber zu wenig! Alles andere ist fürchterlich angestrengt bemühtes Witzigseinwollen. Von Humor keine Spur.

Fazit: Die restlichen 331 Seiten schenke ich mir lieber.

Malte Bremer

Thomas Kapielski: Sämtliche Gottesbeweise. Taschenbuch. 2009. Zweitausendeins. ISBN/EAN: 9783861509042. EUR 8,90

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Uli (aka Nörgelpott) schrieb am 27. Januar 2014 um 12:49 Uhr

    Völlig richtig: Ein Verlag, der eines seiner eigenen Bücher bzw. Autoren lobt! Das kann ja nur Schrott sein. Auf Buchmessen werden Bücher ja sogar mit haushohen Plakaten und Slogans beworben! Na, die können ja viel behaupten. Solange Herr B. nicht seine wohlwollende Kolumne verfasst hat, Finger weg von jedem Buch!

    Und übrigens Herr B., Sie scheinen ja im Bekanntenkreis nur von Napfsülzen umgeben zu sein. Jetzt mussten Sie schon zum gefühlten x-ten Male deren Empfehlungen auf links drehen. Dass die das aber auch nicht verinnerlichen wollen! Genau wie diese Typen von der Berliner Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen, dem Kölner Stadtanzeiger etc. Schlimm, nicht wahr?

  2. Eve schrieb am 4. Februar 2014 um 11:49 Uhr

    Hui, darf man die Textkritik jetzt auch wieder kritisieren?
    Ich dachte tatsächlich, der Herr könnte nur austeilen und nicht einstecken.

    “Worum geht’s in diesem Text?

    Ich weiß es nicht, habe die erste Seite nicht überstanden.”

    Das ist ein Scherz, oder? Wurde hier tatsächlich ein Buch kritisiert, das vom Kritiker nicht gelesen wurde?

    Das hier ist doch keine Buchkritik, sondern … ja, was eigentlich?
    Was will mir die Kritik EINER SEITE sagen, außer dass dessen Autor offensichtlich den Blick für den Inhalt verloren und sich nur noch auf einzelne Wörter stürzen kann?
    Sprachliches ist wichtig, ja, aber von einem humorvollen Buch erwarte ich Inhalt. Ich erwarte Geschichten, Kontext und das gleiche von dessen Kritik.

    Wer ein Buch nicht gelesen hat, hat meiner Meinung nach auch nicht das Recht, es zu kritisieren.

  3. Uli (aka Nörgelpott) schrieb am 4. Februar 2014 um 14:03 Uhr

    @Eve: Nein, Die sogenannte “Textkritik”, das Lieblingssteckenpferd des Herrn B., kann man auch weiterhin nicht kommentieren. Allerdings sollte man sie auch gar nicht erst lesen, sondern geflissentlich zu den wirklich interessanten Beiträgen weiterscrollen. Dasselbe gilt eigentlich auch für seine sogenannten “Buchkritiken”. Eigentlich … wenn einen nicht in schöner Regelmäßigkeit der Zorn packen würde und man dann doch auf Kommentieren klickt, um seinem Ärger über die Arroganz des Herrn B. Luft zu machen.

    Wie Sie ganz richtig sagen: Wer ein Buch nicht gelesen hat, hat auch nicht das Recht es zu kritisieren. Wie eine kompetente Buchbesprechung aussieht, kann man hier sehen: http://www.literaturcafe.de/lesetipp-handbuch-fuer-negerfreunde-singen-koennen-die-alle/

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