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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 17. Juni 2014 | Textart: Prosa
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

14:23

von Tanja Krengel

Ein Hund bellt, ununterbrochen
zwischendurch jault er, zu fünf Prozent
Dürfte einige Straßen weiter, gebunden, auf Sein Herrchen warten.
Ich habe aus dem Fenster geschaut – weit und breit Nichts!
Sein Gekläffe hallt an den Hauswänden direkt in meine Stube.
Als würde er vor meinem Fenster … ich wohne im vierten Stock.
Ich bekomme allmählich ein Räuspern im Hals – der Hund bellt Wettbewerbstreu.
Hin und wieder verstummt er, für wenige Sekunden
»Ein Zyklus?«, denke ich mir
Was möchte der Hund uns, das Alles, vermitteln?
Vordergrundgeräusch – ich konzentriere mich nun auf die Hintergrundgeräusche
Zu viel
Halt!
Da hör ich was raus …
Unverständlich aber doch Präzise
Ein Rauschen im Hintergrund
Ein Hinter – grund – raussssch … en

Der Tod soll ebenfalls Rauschen, wenn man tot ist
Das habe ich von jemandem gehört, der noch lebt
Der hörte es von jemandem, der zu Lebzeiten es ihm sagte
Und der hörte es von jemandem, der zu Lebzeiten es ihm sagte
Und der hörte es von jemandem, der zu Lebzeiten es ihm sagte
und Jahre danach tot war

ich weiß es nicht
ich habe es gehört und danach in irgendeinem Buch gelesen
ich habe es mir gemerkt, weil ich dachte: »wenn etwas seine Dauer bis heute fortgesetzt hat, dann muss es stimmen.«
Oder warum sollte ich an falschen Dingen festhalten?

© 2014 by Tanja Krengel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Achtlos zusammengestoppelter Blödsinn

Die Kritik im Einzelnen

Der Titel kann zweierlei bedeuten: die Uhrzeit, wann die folgende Wahrnehmung beginnt, oder die Dauer der Wahrnehmung in Minuten und Sekunden. Das überlasse ich gerne dem Leser. Für mich ist es der Beginn einer Wahrnehmung.
Was hier schon auffällt: Wie hält es der Ich-Erzähler mit den Satzzeichen? Ich finde keine nachvollziehbare inhaltliche oder formale Logik. Ist das jetzt Ahnungslosigkeit? Wurstigkeit? Oder einfach nur schnurzegal?
Beispiel, wie es korrigiert aussehen könnte:
Ein Hund bellt ununterbrochen.
Zwischendurch jault er, zu fünf Prozent.
Dürfte einige Straßen weiter, gebunden, auf Sein Herrchen warten.

Den Punkt nach dem ersten Satz habe ich gesetzt, weil es sich um die erste Wahrnehmung handelt. Diese wird anschließend präzisiert, als das Jaulen wahrgenommen wird. Und anschließend folgt eine Schlussfolgerung des Ich-Erzählers.
Ungeklärt bleibt: Warum wartet der Hund auf Sein Herrchen statt auf sein Herrchen? Warum steht gebunden zwischen Kommas, schließlich ginge es auch ohne diese? Wäre statt gebunden angebunden nicht besser? Schließlich klingt gebunden doch eher nach gefesselt als nach angeleint … zurück

Das ist offenbar der Beweis: IE (=Ich-Erzähler) hat aus dem Fenster geschaut und keinen Hund gesehen, zumindest keinen kläffenden, folglich muss der einige (!)Straßen weiter weg sein. Schlimmer noch: Außerhalb des Fensters war nichts, nein: Nichts! Groß geschrieben! Das muss verflucht viel nichts gewesen sein … zurück

Wie kann das Gekläffe an den Hauswänden hallen? Doch wohl nur von den Hauswänden in ihr Stubenfenster! Gesehen hatte IE den Kläffer aber nicht beim Rausschauen, also muss zumindest die Hauswand von gegenüber eine Rolle gespielt … obwohl: da war ja Nichts! Kommando zurück!
Und zu allem Überfluss stellt IE nunmehr fest, dass das Gekläffe so laut ist, als würde er vor meinem Fenster … Folglich ist das Kläffen irgendwann lauter geworden, sonst wäre IE in der Stube im vierten Stock doch zu Tode erschrocken beim allerersten Kläffen! Das aber hat IE geduldig ertragen, es einige Straßen weiter lokalisiert und interessiert zusätzliches Jaulen notiert.
Erfolgreich stürzt das zusammengestümperte Erzählgebäude hier in sich zusammen. zurück

Und die Folge des Kläffens? Je nun: IE bekommt allmählich ein Räuspern im Hals – Na und? Was ist an einem Räuspern, das allmählich aufsteigt, so unangenehm? Halt: Der Hals! Es ist der Hals!! Schließlich muss es doch einen triftigen Grund haben, wenn beim Räuspern ausdrücklich der Hals erwähnt wird … IE hat es normalerweise wohl im Gehörgang oder Gedärm.
Rätselrätsel: Was ist Wettbewerbstreu? Zunächst ein Adjektiv, welches in diesem Fall klein geschrieben werde müsste. Das dazugehörige Substantiv müsste Wettbewerbstreue heißen; tatsächlich gibt es diese Wörter – doch es sind juristische Begriffe: Es handelt sich um faires Verhalten etwa bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand anlässlich irgendwelcher Baumaßnahmen.
Was aber hat das mit dem Hund zu schaffen? Ist gemeint, dass der Hund für einen Bellwettbewerb übt und dabei auf organische Pausen achtet? Dann sollte das auch so heißen: wie bei einem Wettbewerb.
Nach Sekunden sollte ein Punkt stehen … zurück

IE hat zuvor schon gedacht und vermutet und geschaut – was sollen jetzt die Anführungszeichen? Und wieso denkt sich IE eine Frage, statt sich zu fragen? Wieso kann das nicht schlicht und einfach Ein Zyklus? heißen?
Ach ja: Wieso hat wieder einmal ein Satzende kein Satzzeichen? zurück

Und erneut ein missratenes Sätzlein: Was möchte der Hund uns vermitteln? wäre ein korrekter Satz, wenn auch inhaltlich eher dürftig. Aber dieses Sätzlein wird sinnlos unterbrochen durch den Einschub das Alles! Dabei handelt es sich wohl um den großen Bruder vom Nichts, das da draußen vor dem Fenster haust, schließlich ist er nicht minder groß geschrieben und genau so bedeutungsleer wie der kleine Bruder oder ewig oder die Welt usw.
Doch was will der Einschub in diesem Satz? Bellt der Hund Alles? Der Hund will uns (UNS! Wie kommt IE eigentlich dazu, sich mit allen Lesern gemein zu machen? Ich zumindest will damit nichts zu tun haben!) … wo war ich?
Ach ja: Will der Hund uns ALLES vermitteln? Oha: Das könnt ein paar Tage dauern! Jahre! Jahrhunderte! Was sage ich: eine Ewigkeit! Ach was: Ewigkeiten …
ALLES ist nämlich ziemlich viel! zurück

Das Hundegebell ist nur Vordergrundgeräusch – akzeptiert. Aber da gibt es noch mehr, nämlich die Hintergrundgeräusche, und darauf will sich IE jetzt konzentrieren. Sehr logisch, schließlich ist draußen ja neben Hund, Allem und Nichts auch noch Hintergrund …
Wieder fehlen Satzzeichen nach Hintergrundgeräusche und Zu viel
Halt! ruft sich IE da zu – Zu spät dieser Weckruf, muss ich sagen! Selbst wenn noch was Brauchbares käme: Der Text ist nicht mehr zu retten! zurück

Es fehlen Satzzeichen nach Unverständlich, präzise (nicht: Präzise), Hintergrund sowie en.
Was in aller Welt ist an einem Rauschen präzise? Na? Eben! Ein Rauschen ist ein Rauschen, und davon gibt es viele verschiedene! Welches hat IE denn jetzt vernommen, mal ganz präzise gesagt? Rauschen von Fichtennadeln dreijähriger Gewächse bei Windstärke 10 oder von Buchenästen im Spätherbst bei Windstärke 5? Wenn präzise, dann aber wirklich!
Der Versuch, das Rauschen onomatopoetisch im Schriftbild zu gestalten, muss als gescheitert bertrachtet werden, schließlich ist ein s-Laut etwas ganz anderes als ein sch-Laut. Sie können es ja mal versuchen: Sprechen sie 3 s nacheinander (am Stück!) und dann 1 sch hinten dran – und das mehrfach hintereinander, so lange Ihre Zunge mitmacht!
Und das soll angeblich das berühmte Hintergrundrauschen sein (nein: das ist kein Hintergrundgeräusch!), also das heruntergekühlte Strahlungsfeld des kosmischen Urknalls? Was nicht gar! zurück

Da die ersten fünf Sätze mit Großbuchstaben beginnen, sollte der jeweils vorangegangene Satz durch Satzendzeichen beendet werden … ach, ist das mühsam …
Aha: Wenn man tot ist, rauscht der Tod. Das hört man dann und weiß, dass man tot ist. Und was hat man dann davon? Ein ewiges (doch doch, zumindest bei den Christen!) Ohrenrauschen, einen Dauertinitus … Boah ey, also DER Tod möchte ich nicht sein und da überall rumrauschen … zurück

Zur Abwechslung beginnen jetzt alle Sätze mit Kleinbuchstaben und dreimal ich statt dreimal Und bzw. dreimal d – endlich mal so etwas wie Form, soll wohl was Schlussgedichtliches sein, weil es mit einer erstaunlichen Erkenntnis endet:
Oder warum sollte ich an falschen Dingen festhalten?
Frage: Woran erkennt man falsche Dinge?
Antwort: [W]enn etwas seine Dauer bis heute fortgesetzt hat, dann muss es stimmen. Folgerung: Also hält IE z. B. fest an Dummheit, Krieg, Hunger, Vergewaltigung, Mord, Klimawandel – denn das ist etwas, was seine Dauer bis heute fortgesetzt hat. So wie der präzis rauschende Tod.
Was jedoch die letzten beiden Textteile mit dem voran gegangenen Geschreibsel zu tun haben sollen, vermag ich nicht zu ergründen. zurück

© 2014 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.