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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 26. September 2011 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleBrilleKeine BrilleKeine Brille

Eine Tür fällt ins Schloss

von Tilman Caspar

Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, bemerkte Bernd, dass er den falschen Schlüssel eingesteckt hatte. Er ärgerte sich allerdings nur kurz über sein Missgeschick und sah die Situation schließlich als eine, vom Schicksal bestimmte, Übung im geduldigen Warten. Es war jetzt 12 Uhr. Eva, bei der er übernachtet hatte, würde in etwa 4 Stunden von ihren Besorgungen zurück sein. Sie hatte ihm noch gesagt, ein Zweitschlüssel für ihre Wohnung liege in der Schublade unterhalb des Spiegels im Flur. Er aber hatte den Schlüssel genommen, der auf der Anrichte neben dem Kühlschrank gelegen hatte. Jetzt erinnerte er sich daran, dass sie ihm von der Nachbarin erzählt hatte, die zur Zeit in Urlaub war und bei der sie die Blumen goss. Der Schlüssel, den er in der Hand hielt, passte also auf die Wohnungstür gegenüber. Er probierte und die Tür öffnete sich. Bernd wagte es aber nicht einzutreten, wollte keinen Hausfriedensbruch begehen und zog die Tür wieder ins Schloss. Außer dem falschen Schlüssel, hatte er noch etwas Geld eingesteckt. Seinem ursprünglichen Vorhaben, in der Stadt ein Eis zu essen, stand nichts im Wege. Genauso wie Evas Wohnungsschlüssel auf die Haustür passte, musste der Wohnungsschlüssel ihrer Nachbarin auf die Haustür passen. Er ging die Flurtreppen hinunter ins Erdgeschoss, überprüfte vorsichtshalber seine Theorie und verließ das Haus. Die Stadt, in der Eva wohnte, hatte etwas Unfreundliches. Männer mit kurz geschorenen Haaren, heruntergezogenen Mundwinkeln und Sonnenbrillen, hinter denen Bernd einen ihm feindlich gesinnten Blick vermutete, eilten an ihm vorbei. Einige Frauen, die ihm entgegen kamen, schienen ihn von Weitem attraktiv zu finden. Doch sobald man nur noch einen Schritt voneinander entfernt war, verdunkelte sich die Miene und man ging abweisend an ihm vorbei.

Das erste Eiscafé, dass Bernd ansteuerte, war ihm zu überfüllt. Zwei kugelbäuchige Männer mit storchenartigen Beinen in kurzen Hosen unterhielten sich lautstark an einem der kleinen Tische. Vor ihnen standen zwei Krüge Bier und ein überfüllter Aschenbecher. Bernd verstand ihren Dialekt nicht. Der mit dem grauen Haarkranz musste eine äußerst witzige Bemerkung gemacht haben, denn der andere, mit dem schneeweißen Haar kriegte sich vor Lachen kaum noch ein.

Im zweiten Eiscafé fand Bernd draußen einen freien Platz, ganz am Rand, unterhalb der Jalousie. Der Stuhl wackelte auf dem unebenen Pflaster, Bernd rückte ihn zurecht. Statt des üblichen Erdbeerbechers bestellte er diesmal eine kleine Portion Schokoladeneis (ohne Sahne) und einen Espresso. Er blieb länger sitzen als gewöhnlich. Auf dem Rückweg kehrte er in eine Buchhandlung ein. Die Bücher, deren Umschlaggestaltung ihm überhaupt nicht zusagten, ließ er stehen, andere öffnete er vorsichtig, las ein paar Zeilen und stellte sie wieder zurück. Er entschied sich für ein dünnes Taschenbuch, lehnte die angebotene Tüte ab und ging zurück ins Haus. Er klingelte an Evas Wohnungstür, aber natürlich war sie noch nicht zurück. Bernd hockte sich im Schneidersitz auf den kahlen Boden und las. Nach etwa 10 Seiten wurde ihm langweilig. Der Flur hatte etwas Sachliches. Um ihn herum belebte sich das Haus. Von unten hörte man die Haustür, Schritte hallten, der Aufzug rollte hinunter und wieder hinauf. E, 1, blieb nicht bei 2 stehen, 3, hallende Schritte, eine Wohnungstür und wieder Ruhe. Bernd ging ein paar Schritte und streifte mit dem Zeigefinger am rauen Putz entlang. Und wenn er doch in der Wohnung der Nachbarin wartete, wo es gemütlicher war, als hier im Flur? Er öffnete die Tür, machte sie leise zu und blieb erst einmal eine Weile stehen. Die antike, ehrwürdige Kommode betrachtete ihn reserviert. Überhaupt ging von den Möbeln ein gewisser Tadel aus. Bernd streichelte über die samtbezogenen Sessel im Wohnzimmer. Der Blick aus dem Fenster zeigte die Straße aus einem bisher unbekannten Winkel. Auf dem grau gemusterten Teppichboden lag ein Blumentopf. Bernd stellte ihn auf den Beistelltisch, sammelte die Erdkrümel auf und gab sie in den Topf. Hinter dem Sofa schauten ein paar Füße in weißen Altdamenschuhen hervor. Ein paar Füße in weißen Altdamenschuhen. Ein paar Füße in Bernd verließ die Wohnung. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Warum konnte er seine Arme nicht stillhalten? Sein Gehirn glich einem stillgelegten Bahnhof. Wie Schnellzüge rasten die Gedanken hindurch. Er sagte nichts und Eva fand ihn ziemlich seltsam.

2.
Der Kommissar zog seine Uhr aus und legte sie auf den Schreibtisch. Er konnte das Armband nicht am Handgelenk ertragen. Mit einem Finger tippte er kurz das kleine Bild an, auf dem ihm seine Frau und sein Töchterchen zulächelten. Dann nahm er die oberste Akte und begann mit seiner Arbeit. Es klopfte an der Tür.
»Herein« rief er, während er, völlig in Gedanken versunken, eine Seite umblätterte.
»Entschuldigung, Herr Kommissar«, sagte der eingetretene Beamte, »es ist wegen der Fingerabdrücke, die wir gestern wegen der Wirtshausschlägerei genommen haben.«
»Was ist damit?« der Kommissar blickte konzentriert auf.
»Ein Fingerabdruck passt zu den bisher unbekannten Fingerabdrücken im Mordfall Schilling.«
„Mordfall Schilling? Helfen Sie mir auf die Sprünge.«
»Vor zwei Jahren, der Mordfall in der Berliner Straße.«
Der Kommissar klappte die Akte zu. „Und, wer ist es?«
»Ein gewisser Bernd Kerner, wohnhaft in …«

3.
Völlig reglos, die Füße übereinander geschlagen, den leeren Blick auf die gelbe Wand gerichtet, saß Bernd auf seiner Pritsche. Er hatte ihnen alles gesagt. Hatte es ihnen immer wieder gesagt. Aber sie glaubten ihm nicht. Von irgendwoher tönte das Lachen eines hohlwangigen Mitgefangenen. Eine schwere Eisentür fiel schmetternd ins Schloss. Gewichtige Schritte auf dem Flur, das Klimpern eines Schlüssels. Neben dem Waschbecken Reste eines abgerissenen Plakates, auf dem nur noch die nackten Schenkel einer unbekannten Schönen zu erkennen waren. Für Bernd gab es nur noch eins. Warten. Warten. Warten.

© 2011 by Tilman Caspar. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Raffiniert gesponnene Erzählung – aber zu selten blitzt das Können auf.

Stattdessen muss ein Leser mit vielen Nicklichkeiten kämpfen wie viel zu flüchtig Hingeschriebenem, Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern (meistens stillschweigend korrigiert, damit der Text lesbar wird). Nur Übung macht halt den Meister!

Die Kritik im Einzelnen

Den ganzen Komplex »eine, vom Schicksal bestimmte,« würde ich entfernen, weil das den Blick in eine eher esoterische Richtung lenkt. zurück

Die Zahlen von 0 bis 12 werden gemeinhin groß geschrieben – einfach deshalb, weil es dafür knackige Namen gibt; das sieht ab dreizehn schon sehr viel unübersichtlicher aus! Ausnahme sind dabei Uhrzeiten (wie kurz vorher bei 12 Uhr!) zurück

Es ist ein verbreiteter Unfug, Sätze, die man, kaum dass die ersten Wörter, die einem so schwer fielen, niedergeschrieben hat, sogleich zu unterbrechen! Das ist herrlich als Gedächtnistraining für den Leser, aber miserabel zu lesen. Klar: Manchmal geht es kaum anders – aber hier ginge es ratzfatz: Der Schlüssel in seiner Hand passte also … zurück

Dieses Hilfsobjektes bedarf es nicht, also streichen! zurück

Auch dieser Fehler nimm massiv zu: Stehen vor dem Prädikat mehr als zwei Wörter, setzt man lieber sicherheitshalber ein Komma, es könnte ja ein Satz sein – wer weiß das schon so genau! Weg mit diesem sinnzerstörenden Blödsinn! zurück

Es handelt sich doch um mehrere Frauen: Folglich kann es nicht die Miene heißen, sondern deren Miene, weil jede eine andere hat, aber jede sich verdunkelt! Anschließend gingen dann selbstverständlich sie (nämlich die Frauen statt diesem man) an ihm vorbei! zurück

Jammer! Stöhn! Glatze kratz! Diese wunderbare alte Regel, warum wird sie nur so selten verwendet? Was vergibt man sich dabei, außer dass man doofe Fehler vermeidet? »Wenn man nicht weiß, ob der nachfolgende Satz mit das oder dass beginnt, setzt man probehalber welches ein; geht das, muss es das heißen!« Ich jedenfalls verwende die Regel, denn manchmal ist das auf den ersten Blick gar nicht so einfach! zurück

Das Dass-das-Problem wäre zudem gar nicht nicht aufgetreten, wäre auf dieses Sätzilein verzichtet worden: Wenn Bernd nämlich feststellt, dass es dort zu überfüllt ist, muss er den Ort wohl oder übel angesteuert haben! Der Informationswert liegt also bei null! zurück

Der mit dem grauen Haarkranz durfte völlig korrekt einfach passieren, und jetzt folgt der andere, mit (…) … Was soll dieses Komma, außer den Lesefluss nachhaltig stören? Und welcher andere, gibt es doch keinen einen?? Zwei kugelbäuchige Männlein haben wir: den mit dem grauen Haarkranz und den mit dem schneeweißen Haar – Warum wird das so verkompliziert??? zurück

Erstaunlich, dass er das ohne Ansteuern einfach so fand … zurück

Warum darf er nicht einfach nur länger bleiben? Ist es so entscheidend, dass er im Café tatsächlich sitzt? zurück

Hier wird erneut ein gerade begonnener Satz sofort unterbrochen! Vorschlag: Gefiel ihm bei einem Buch der Umschlag nicht, ließ er es stehen … zurück

Was will uns dieses natürlich eigentlich sagen? Dass Bernd natürlich zu früh da gewesen ist? Dass Eva natürlich nicht da war, weil sie halt eine Frau ist? Striche man dieses natürlich, fehlte natürlich nichts – nur: Warum wird so ein Wort überhaupt geschrieben? zurück

Ein rollender Aufzug? Immerhin, mal was Neues! Eigentlich fahren die, aber ich muss gestehen: Ich kenne diesen Aufzug nicht persönlich! »Nehmen wir die Treppe?« – »Och nööö, ich rolle lieber mit dem Aufzug!« zurück

Haarscharf daneben: Er streifte mit seinem Zeigefinger den Putz: Das wäre versehentlich! Bernd jedoch strich mit seinem Zeigefinger den Putz ganz bewusst entlang! SO sollte es dann auch zu lesen sein! Oder er streicht mit selbigen am Putz oder über den Putz, falls er dessen Trocknungsgrad oder Rauheit oder Wasweißich hätte überprüfen wollen; hat er aber nicht. zurück

Wenn da nur stünde und blieb stehen – was wäre dann das, erste, was er getan hat nach dem Türeschließen? EBEN! Wozu braucht’s also dieses erst einmal? Ab in die Tonne! zurück

Zwei ganz wunderbare Sätze! Es geht doch! Mehr davon! zurück

Auch hier: Wunderbar, dass da nicht steht »Bernd konnte (es)nicht fassen, was er da sah«! Hier wird der Leser in Bernd hineinversetzt, erlebt sein allmähliches Erkennen unmittelbar mit: SO schreibt man! Mehr davon! zurück

Rätselhaft: Von welchem Armband ist hier die Schreibe? Trägt er etwa eines unter der Uhr? Vermutlich aber ist das Uhr- oder Uhrenarmband gemeint. Und wenn er das nicht erträgt an seinem Handgelenk, könnte er es ja enger schnallen, so dass vor dem Handgelenk sitzt. Ich vermut, dass der Kommissar überhaupt keine Armbanduhren leiden konnte! Das sollte man dann auch so schreiben. zurück

Zweimal wegen so kurz nacheinander? Gewiss: Wir normalen Menschen reden unrein, doch hier handelt es sich um eine Erzählung! Wie wäre es mit nach der Wirtshausschlägerei oder – sehr beamtisch – anlässlich der Spurensicherung nach der Wirtshausschlägerei? zurück

Wie blickt man konzentriert auf? Ist etwa alarmiert oder interessiert oder konsterniert oder irritiert gemeint? Warum muss überhaupt das Aufblicken noch ausgeschmückt werden? zurück

DAS ist zuviel! Das liest sich ja so, als würde der Kommissar sofort aufspringen und aus dem Zimmer stürmen, weil er Bernds Adresse eh im Kopf hätte, ohne dass der Beamte hätte fertig reden können/müssen/brauchen! Ich würde nach der Namensnennung aufhören! zurück

Das mache mir mal jemand vor, wie er/sie die Füße übereinander schlägt! Das geht in der Regel nur mit den Beinen!

Vielleicht jedoch kommt der Verfasser aus Süddeutschland? Dort gehen die Füße bekanntlich von der Fußspitze bis zur Hüfte, was bedeutet, dass sie sowohl Ober- als auch Unterschenkel beinhalten (Ein dickes Kompliment jedem deutschsprachigen Menschen, der jetzt nicht automatisch bein-halten gelesen hat, sondern von vornherein be-inhalten!). Zu allem Übel gehen die Süddeutschen auch nicht, sondern sie laufen, aber sie rennen, wenn das restliche Deutschland läuft! Und häufig schreiben sie auch so … Da sollte ein Leser dann wissen, wo der Autor aufgewachsen ist, damit er sich nicht unnötig wundert! zurück

Und zugeterletzt wird die Klischeekiste ausgeschüttet: hohlwangiger Mitgefangener (den Bernd wohl wegen dem Lachen als hohlwangig erkennt … was nicht gar!), schwere Eisentür schmettert ins Schloss, Schlüsselklimpern, gewichtige Schritte auf dem Gang … Jammerschade! Bernds Situation wäre doch viel interessanter als dieses sattsam bekannte Drumherum! zurück

© 2011 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.