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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

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Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 14. November 2016 | Textart: Lyrik
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Als die Zeit stehen blieb

von Christof Wieland
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Als die Zeit stehen blieb
blühten Veilchen
Lerchensporn und Schlehen
Maiglöckchen am Winterhang

Die Dämmerung wollte nicht weichen
endlos streifte
dasselbe Wasser
dasselbe Ufer

Als die Zeit stehen blieb
jagte ein Hund seinen Schweif
Menschen jagten Menschen
zu den Waffen
und ein Klerus legte sich in Eisen
schillernd, im Kristall des Spiegels

Als die Zeit stehen blieb
zog ich aus
die Raben zu suchen und die Eulen
Wölfe auf ihrem Beutezug zu begleiten

Dem Nachklang eines Kinderlachens
entgegenzulaufen

© 2016 by Christof Wieland. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das Gedicht stimmt einfach nicht, denn die Zeit ist nicht stehen geblieben, wie behauptet wird. Da wären ein ganz anderer Titel nötig mit entsprechenden Strophen-Anfängen und geändertem Inhalt.

Die Kritik im Einzelnen

Tja, das ist so eine Krux mit der Zeit: Bliebe die Zeit tatsächlich stehen (wie in diesem Gedicht Strophe für Strophe wiederholt wird), dann könnte nichts von dem geschehen, was da geschildert wird, denn Zeit ist definiert als Bewegung im Raum, und bleibt die Zeit stehen, gibt es eben keine Bewegung im Raum mehr. Hier treffen wir auf das alte Problem der zu großen Wörter, die inzwischen völlig sinnentleert sind, aber herrlich kitschen, so wie Ewigkeit oder All oder Unendlichkeit oder etwa die ganze Welt, die angeblich trauert, weil irgendein Spinner andere umbringt oder die aus dem Häuschen gerät, weil jemand ein Tor geschossen hat. zurück

Ein Klerus? Es kann nur einen geben, nämlich DEN Klerus, also die komplett versammelte katholische Geistlichkeit. Diese soll sich also in Eisen legen, und zwar schillernd im Kristall des Spiegels? Welcher Spiegel denn? Rätsel über Rätsel … zurück

Warum will das Lyrische Ich Raben suchen – die sind doch überall? Und Eulen sind nachtaktiv, im Gegensatz zu den Raben. Oder sind hier Raben als Aasfresser und Eulen als Symbol für Weisheit gemeint? Und wenn ja, warum? Ach ja, dann noch die Wölfe, die das lyrische Ich auf deren Beutezug begleiten will: Haben die das Kind erbeutet, das kurz davor noch gelacht hat? Das ist alles höchst seltsam … zurück

© 2016 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.