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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 14. September 2004 | Textart: Lyrik
Brillen: BrilleBrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Zehntausend schwarze Tauben

von Cornelia Pesko

Zehntausend schwarze Tauben,
in deren Mitte sie saß,
in deren Mitte sie sang.
Zehntausend schwarze Tauben,
die sie besaß.

Das Lied – das gleiche immer,
Die Melodie – die nämliche immer,
die sie sang,
die meine Schwester sang.
VERGESSEN!

© 2004 by Cornelia Pesko. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein recht ansehnliches Experiment, aber noch zu sehr Experiment.
»Das Gedicht entstand aus zwei Sätzen aus dem Text Kaspar Hauser und die blinde Frau von Klaus Mann aus dem Jahr 1925 im Zusammenhang mit einer Hausaufgabe. Original Sätze: >Sie besaß zehntausend schwarze Tauben, in deren Mitte sie saß und sang. – Sie sang immer das gleiche Lied, die Melodie, die meine Schwester sang, war immer die nämliche.<« schreibt Cornelia Pesko in ihrer eMail.
Mein Ausgangspunkt war allein das Gedicht, ich kenne den angegebenen Text nicht und damit auch nicht den Zusammenhang des Zitates; außerdem kenne ich nicht den Wortlaut der Hausaufgabe: sollte der Satz vielleicht möglichst unverändert übernommen werden? (Was hätte ich als Schüler über solche Hausaufgaben gejubelt, das wären dann die einzigen gewesen, die ich gemacht hätte! Da scheint etwas in Bewegung zu geraten oder geraten zu sein: erfreulich, dass nicht nur sachbezogenes, sondern auch kreatives Schreiben in den Blickpunkt der Lehrer gerät bzw. geraten ist!)
Gleichviel: Prosa ist auch strukturell etwas Anderes als ein Gedicht, und wenn Klaus Mann nicht zweimal nacheinander »gleich« verwenden will, sondern auf »nämlich« wechselt, muss das im Gedicht nicht nachvollzogen werden, denn Wiederholungen sind ein wichtiges Stilmittel! Der Umgang mit Zitaten darf auch frei sein, siehe Brecht oder Jelinek oder Schmidt …

Die Kritik im Einzelnen

Diese letzte Zeile stört die Harmonie der ersten Strophe gewaltig – und zudem ist die Aussage überflüssig: die Eigentumsverhältnisse sind unerheblich, denn ob es ihre Tauben sind oder nicht, ändert schließlich nichts an dem Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, das die erste Strophe noch viel stärker ausstrahlt, wenn dieser letzte Vers fehlte: dann wäre sie von den Tauben tatsächlich auch noch optisch umgeben. Durch die Wiederholungen wird Ruhe und Geborgenheit stark hervorgehoben: denn dann gäbe es lediglich 2 Wörter, die nur einmal vorkämen, nämlich der unreine Reim saß und sang. Der metrische Wechsel in den inneren Zeilen verleiht dem Gedicht zudem eine gewisse Leichtigkeit. Zur Unterstützung der Harmonie könnte zusätzlich auf die Satzzeichen verzichtet und um der Einheitlichkeit willen jeder Versanfang mit Großbuchstaben begonnen werden:

Zehntausend schwarze Tauben
In deren Mitte sie saß
In deren Mitte sie sang
Zehntausend schwarze Tauben zurück

(Anmerkung: Ich gehe beim Folgenden von einem Vierzeiler aus wegen der Parallelität!) Die zweite Strophe ist völlig anders gebaut: sie besteht aus identischen Paarreimen, die rhythmische Struktur ist in jeder Zeile anders, die Harmonie ist gestört – warum? Warum sollte jemand, der sich offenbar so geborgen und wohl fühlt, von sich aus daran etwas ändern? Diese Irritation scheint daher zu rühren, dass die zweite Strophe ein Drama ankündigt: den plakativ mit Großbuchstaben geschriebenen und zwischen Gedankenstrich und Ausrufezeichen eingeklemmten Ausruf VERGESSEN. Das aber ist ein Problem des lyrischen Ichs und keinesfalls der Schwester, denn die fühlte sich wohl, und das weiß das lyrische Ich – siehe die erste Strophe! Das Nicht-Erinnern der Melodie ändert nichts am Gesamtbild. Was bleibt zu tun?
Warum nicht die Struktur der ersten Strophe beibehalten? Ich würde vielleicht die Schwester, die in der ersten Strophe die Mitte besetzte, nach außen nehmen und dafür Lied und Melodie als Ausdruck ihres Gefühls in die Mitte, ich würde auch den Rhythmus nicht ändern, sondern die Harmonie belassen. Ein vorsichtiger Versuch:

Was meine Schwester sang
Das immer gleiche Lied
Mit gleicher Melodie
Was meine Schwester sang

Identisch wäre die Form der beiden Strophen nicht, denn die Versenden sind jetzt alle stumpf und die mittleren Zeilen ohne Wechsel im Metrum, was eher schwer daherkommt und mir eigentlich nicht behagt – aber es ist eben nur ein Versuch und nicht das Ergebnis langwieriger Arbeit und soll letztlich auch nur eine Möglichkeit verdeutlichen. zurück
Diese Zeile ist in jeder Hinsicht (s. o.) viel zu stark hervorgehoben, denn sie reißt schon den Blick an sich, bevor man das Gedicht überhaupt gelesen hat! Sinnvoller wäre es, das Gedicht entsprechend zu betiteln (Vergessen) – womit dem Leser dann eine gehörige Portion Anstrengung überlassen würde, den Zusammenhang zu klären.
Es ließe sich aber von dem zweiten Vierzeiler problemlos ein Einzeiler absetzen (also nach einer Leerzeile): Das habe ich vergessen (was sehr im alten Rhythmus bliebe) oder Habe ich vergessen (was wegen des Trochäus auch rhythmisch aus dem Rahmen fiele) oder oder … Letztlich geht es darum, dieses Vergessen nicht so dramatisch zu gestalten. Würde man so verfahren, könnte das Gedicht einen anderen Titel bekommen, z. B. Erinnerung – denn erinnert würden Situation und Singen, nicht aber Inhalt und Form des Gesangs. zurück

© 2004 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.