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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 28. Juli 2003 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleBrilleBrilleKeine Brille

Wiedersehen

von Joana Schmidt

Den Blick gesenkt überquerte die junge Frau die Straße. Ihre Füße wirbelten Blätter auf, ihr Herz pochte. Die Musik in ihren Ohren konnte sie nicht beruhigen. War das ein Wunder?
Sie sollte ihn wiedersehen, endlich, nach all den Jahren, schien er ihr verziehen zu haben. Immer wieder dachte sie an ihr gemeinsames Gespräch. Kurz. Typisch Matthias.
»Wer ist da?«
»Matthias«
»Du. oh Gott! Wie geht’s dir?«
»Es geht mir bestens. Morgen bin ich um 10 Uhr vor dem Kino. Kommst du?«
»Ich? Du. ich würde ja gerne, aber da ist dieses ausgesprochen wichtige Meeting.«
»Überleg’s dir«
Tuut.
Sie zog ihre schwarze Mütze tiefer ins Gesicht, ihre Augen huschten über den Asphalt. Sie fühlte sich seltsam schmutzig. Sie war immer ehrlich gewesen. Eine gute Mitarbeiterin, niemals krank. Und seit sie um halb 10 ihre Wohnung verlassen hatte, verfolgte sie der Gedanke, erkannt zu werden.
»Ach, Frau Mieler, ich dachte, sie lägen mit Fieber im Bett?«
Dazu ein wissendes, heimtückisches Lächeln. Selbst beim bloßen Gedanken daran bekam sie Panik. Bloß weiter auf den Asphalt sehen, auf die Blätter, die vom Wind davongetragen wurden.
Einen Fehler hatte sie gemacht in ihrem Leben, bloß diesen einen. Doch Matthias hatte sie verlassen, wegen einem One-night-stand, einem Ausrutscher, einer sehr langen Nacht nach mehreren Bieren.
Sie ging schneller. Er würde ihr verzeihen, würde ihr eine zweite Chance geben. Diesmal würde sie alles richtig machen, würde da weiter machen, wo sie aufgehört hatten. Heirat, Haus, Kinder.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihrer Euphonie. Hastig holte sie es aus der Tasche und blieb abrupt stehen, als sie seine Stimme hörte.
»Diane? Wir müssen. dann. immer. okay?«
Sie schloss ihre Augen, hielt ihr linkes Ohr zu, konzentrierte sich vollkommen auf seine Stimme, die der Verkehr zum größten Teil verschlang.
»Wie bitte?«
Alle Sinne waren auf ihn gerichtet, seine Stimme, ihre Zukunft.
»Ich sagte, wir müssen unser Treffen verschieben!«
Sie hörte weder den LKW noch die Rufe: »Achtung!« »Passen sie auf!«
Die Leitung riss ab.
»Hallo. hallo, Diane?«
Das letzte was sie hörte, bevor sie starb, war seine Stimme, ihre Zukunft.

© 2003 by Joana Schmidt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist eine sauber aufgebaute kleine Erzählung mit einem schrecklichen Ende und glücklicherweise ohne vordergründiger Moral!
Dieser Wechsel zwischen Gegenwart und Erinnerung, die allmähliche Einführung in die Person und das Geschehen, das sich immer erst einen klitzekleinen Moment später klärt, der plötzliche Auftritt des auktorialen Erzählers: da versteht Joana mit ihren 14 Jahren aber ganz gehörig etwas vom Schreiben. Meine Fresse aber auch!

Die Kritik im Einzelnen

Nichts spricht gegen in die Ohren gestöpselte Musikvonsichgeberkabellautsprecher – aber diese hier kippen die ganze Erzählung! Denn später hört sie das Klingeln Ihres Händis und presst dieses ans rechte Ohr, während das linke sie zuhält, das von Verkehrslärm belästigt wurde: ich frage mich, wohin diese Ohrenstöpsel verschwunden sind, da das alles sehr hastig vor sich geht? Ich würde diesen Satz streichen, denn er stört. zurück
Natürlich ist das ein Wunder, da die Ohrhörer später sich einfach in Luft auflösen – doch da es sie nach meiner Streichung bereits nicht mehr gibt, kann dieser Fragesatz jenem im Papierkorb zugesellt werden. zurück
Der Satz hat zu viele Kommas und es fehlt ein Strichpunkt. Ich würde folgende Satzgestaltung vorschlagen: Sie sollte ihn wiedersehen, endlich; nach all den Jahren schien er ihr verziehen zu haben. Hiermit wäre zweierlei verdeutlicht: erstens, dass die junge Frau lange darauf gewartet hat, was ein subjektives Gefühl ist und verdeutlicht wird durch das nachgestellte endlich, und zweitens die Konkretisierung der Wartezeit nach dem Strichpunkt durch das vorangestellte nach all den Jahren. Es ginge natürlich auch anders: Sie sollte ihn endlich wiedersehen, nach all den Jahren schien er ihr verziehen zu haben. Jedenfalls ist der Satz so, wie er vorliegt, unfertig bzw. unklar.
Und damit die Absätzchen nicht allzu klein ausfallen, würde ich diesen Satz an den Rest hängen: Den Blick gesenkt überquerte die junge Frau die Straße. Ihre Füße wirbelten Blätter auf, ihr Herz pochte. Endlich sollte sie ihn endlich wiedersehen, nach all den Jahren schien er ihr verziehen zu haben. (Dieses endlich habe ich erneut umgestellt, damit es näher am Herzpochen ist, schließlich folgt jetzt dessen Ursache!) zurück
Das bestreite ich ganz energisch, dass sie immer wieder an dieses Gespräch dachte, denn sie denkt durchaus noch Anderes, malt sich ihre Zukunft aus, malt sich das Treffen aus… Ich schlage Folgendes vor: Ihr Gespräch war nur kurz gewesen. Typisch Matthias. Eine einmalige Erinnerung reicht völlig aus. zurück
Ist das wirklich nur ein Gedanke – ist das nicht vielmehr Angst? zurück
Eben: jetzt ist aus dem Gedanken bereits Panik geworden – ein weiteres Indiz dafür, dass im anderen Satz besser Angst steht als Gedanke! zurück
In der ersten Zeile wirbeln ihre Füße die Blätter auf, jetzt wurden (Vergangenheit!) sie vom Wind davongetragen, gleichzeitig aber hält sie den Blick auf den Boden gerichtet – da stimmt etwas nicht! Ich empfehle, dass die junge Frau einfach auf wirbelnden Blätter schaut, schließlich rührt sie die selbst auf: Bloß weiter auf den Asphalt sehen, auf die wirbelnden Blätter. zurück
Dieses doch lässt den Schluss zu, dass die damals wohl sehr junge Frau damit gerechnet hat, dass Matthias bleibt – dann könnte es auch ein wissender Ausrutscher gewesen sein. Ich fände ein neutraleres und in dieser Aufzählung sehr viel passender, das engt nicht so ein, lässt mehr offen, denn es bezeichnet nur eine Folge. zurück
Da ein in diesem Satz mehrfach und bewusst wiederholt wird, empfehle ich auch hier eine Wiederholung: (wegen) einer sehr langen Nacht nach sehr vielen Bieren.zurück
Euphonie bedeutet Wohlklang – das kann hier wohl nicht gemeint sein. Euphorie passt aber ebenso wenig, denn sie ist schließlich nicht euphorisch, sondern bastelt an ihrer Vorfreude auf Heirat, Haus und Kinder: sie träumt! Und aus diesem Traum kann sie gerissen werden.
Ganz am Rande: wenn diesen Traum ein Mann geschrieben hätte, wäre ich unter Umständen darüber hergefallen; wenn aber eine junge Frau ihrer Protagonistin diesen Traum zuordnet, kann ich eigentlich nur schmunzeln, vor allem weil die Träumerin dafür oberheftig bestraft wird! Sind das jetzt schon Schablonen im Hirn? zurück
Jetzt erreicht der Text eine kritische Klippe: bislang ging ich davon aus, dass die junge Frau auf irgendeiner leeren Straße oder einem Bürgersteig geht; von Verkehr war bislang nicht die Rede – wozu auch, unsere junge Frau ist genügend mit sich selbst beschäftigt. Nun nimmt sie den Verkehr wahr, aber nur, weil der die Kommunikation stört (und mit ihr teilt der Leser die Wahrnehmungen: den gestörten Satz und dann den entscheidenden). Überraschend wird der Leser plötzlich aus der Situation gerissen: der allwissende Erzähler (der auktoriale, wie es in der Fachsprache heißt) tritt auf und erzählt, was die junge Frau nicht sieht – das ist ein vorzüglich gelungener Kunstgriff in dieser Situation! Aber der Inhalt der Rufe ist zu viel, der muss weg! Lastwagen und nicht-gehörte Rufe: das reicht aus für schreckliche Fantasien. Der Inhalt der Rufe ist vollkommen unerheblich: Bitte unbedingt streichen! zurück
Auch dieser Satz muss entfallen, denn erstens stimmt er nicht, denn die Leitung steht noch, und zweitens illustriert er nur, was zu befürchten war. Der auktoriale Erzähler hat seinen entscheidenden Auftritt gehabt, er wird nicht mehr gebraucht. zurück
Oh nein! Das ist viel zu dick aufgetragen: der Leser ist übrig geblieben und hört Matthias’ Stimme – aber nichts mehr von Diane. besser kann diese Erzählung gar nicht aufhören, alles ist damit klar! Weg auch mit diesem letzten Satz, weg weg weg! zurück

© 2003 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.