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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

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Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 9. Juni 2015 | Textart: Prosa
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Zigeuner Rhapsodie

von Tara Krein

Iasi, Hauptstadt des Fürstentums Moldau, 5. Juli 1579

Es waren die Osmanen, Muskowiten und Wallachen, die zu Pferd bis an die Verkaufsstände ritten und den Staub aufwirbelten, der die ganze Stadt überzog. So war der Marktplatz bereits zur Mittagszeit von einem sandigen Schleier durchtränkt. Zusammen mit den ockergelben Häusern, die das Stadtbild prägten, wurde den Besuchern ein fast monochromer Schauplatz geboten, der lediglich von grauen Kapellen und einer Moschee, dieses illegale Symbol der Vorherrschaft, nuanciert wurde. Obwohl die Moldau bekannt war für ihre hochwertigen Pelze, Textilien, Falken und Zuchtpferde, waren die meisten Käufer wegen des hiesigen Sklavenmarktes hergekommen. Heute war der Andrang besonders groß, denn die neueste Ware bestand aus vorwiegend jungen, kräftigen Tscherkessen, die gute Arbeit im Haus wie auch auf den Feldern zu verrichten versprachen. Trotz der Ketten an ihren Füßen und Händen wirkten sie stolz und erhaben, geradeso, als nahmen sie nicht teil an ihrer eigenen Versteigerung.

Inmitten des Geschehens stand ein Mädchen mit großen Augen und einem dunklen Zopf, Schatten suchend unter einer Eiche. Die Hände, die durch die langen Finger elegant und spinnenartig zugleich wirkten, hatte sie auf ihre flache Brust gelegt, als wollte sie sich vor etwas schützen. Dies gab ihr das Aussehen einer zu Stein erstarrten Figur, die im Moment des Erschreckens oder Erstaunens verwandelt worden war. Der Mund war dabei leicht geöffnet, als könnte sie nicht mehr durch ihre Nase atmen, die fast immer noch so klein war wie bei einem Säugling. Wer anhand all dieser Anzeichen noch nicht überzeugt davon war, dass aus ihr einmal eine grandiose Schönheit werden würde, der brauchte sich nur ihre Lippen anzusehen, die voll und schon jetzt zu einem ewigen Kuss geformt waren. Doch es waren nicht etwa ihre Augen, die die See in sich zu tragen schienen oder ihre würdevolle Haltung, die sie von den meisten Menschen auf dem Marktplatz unterschied. Nein, es war ihre Haut, die nach monatelanger ungeschützter Sonneneinstrahlung die Farbe dunklen Honigs angenommen hatte. Nun hinterließ das Mädchen überall, wo sie hinging, einen Duft, der an Karamell und Milch erinnerte.

Obwohl sie erst vor kurzem ihren elften Geburtstag gefeiert hatte, suchte sie die Plage der Frauen bereits seit einem Jahr monatlich heim. Ihre Mutter hatte ihr zu diesem Einstieg ins Frausein ein violettes Tuch, bestickt mit goldenem Garn, geschenkt. Es sei ein Grund zum Feiern, hatte sie gesagt, doch das Mädchen konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum die pulsierenden Unterleibskrämpfe und das Blut, das ihr dann die Innenschenkel herunterlief, zu bejubeln waren. Trotzdem war sie sich der Einzigartigkeit dieses Tuchs bewusst. Es hatte einst ihrer Großmutter gehört, und ihre Mutter hatte diesen Schatz seit jeher als einziges Andenken an ihre verlorene Familie aufbewahrt. Auf ihrem sackartigen Leinenkleid, das einst weiß gewesen war und nun die Farbe einer Schlammpfütze angenommen hatte, bildete dieses Schmuckstück einen außergewöhnlichen, wenn nicht gar lächerlichen Kontrast. Nun glich sie in Mitten des Schmutzes, in dem sie lebte, einer Adligen und spiegelte so den Stolz wider, den ihre Mutter in all den Jahren der Erniedrigungen niemals verloren hatte.

Es war eigentlich zu heiß, um so seinen Stolz zur Schau zu stellen, doch dies nahm das Mädchen in Kauf. Sie hatte sich sowieso um Wichtigeres zu kümmern. Der Hunger, der sie seit zweieinhalb Tagen quälte, eine Bestrafung für ihren Ungehorsam, raubte ihr den Verstand. Die Mittagsglut trug dazu bei, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Dennoch hielt sie tapfer stand und wartete auf die anderen zwei Kinder, die sie losgeschickt hatte, damit sie herausfanden, wo man am besten unauffällig etwas zu Essen entwenden konnte. Ein schlechtes Gewissen hatte sie deswegen noch nie geplagt. Sie war hungrig und würde alles dafür tun, nie wieder mit einem sich schmerzhaft zusammenziehenden Magen zu Bett gehen zu müssen wie gestern Abend. Ihre Mutter wusste, was ihre Tochter tat, wenn sie sich alleine oder mit anderen Kindern heimlich auf den Marktplatz davonschlich, hinterfragte es aber auch nie. Allerdings hatte sie ihr vehement verboten zu betteln. Das Mädchen hatte nie verstanden, warum betteln schlimmer als stehlen war, aber nahm dieses Verbot wiederum ohne nachzufragen hin.

Die süßen, sauren und deftigen Gerüche der Speisekarren in ihrer unmittelbaren Nähe trieben ihr die Tränen in die Augen und verlangten ihr höchste Überwindung ab, sich nicht einfach vor aller Augen so viel zu nehmen, wie sie nur wollte.

Zehn Minuten waren erst vergangen, seit sie die beiden Jungen losgeschickt hatte, und doch schien sie schon seit Stunden zu warten. So lange hatten sie noch nie gebraucht. Wahrscheinlich sind alle Waren zu gut bewacht, dachte das Mädchen. Jetzt war Hochsaison und da konnte es sich kein Händler leisten, seine Güter von dreckigen, kleinen tigani -Kindern klauen zu lassen.

Dann, endlich, hörte sie eine schrille Stimme aus der Menschenmenge:

„Ira“, schrie der siebenjährige Radu, der außer Atem zusammen mit seinem fünfjährigen Bruder Vlad angelaufen kam.

© 2015 by Tara Krein. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Grauenhaftes Gestümper
Da passt aber auch gar nichts zusammen! Schon im Romantitel fehlt der Bindestrich zwischen Zigeuner und Rhapsodie …

Die Kritik im Einzelnen

Das fängt ja prächtig an: Diese Menschen sind Moskoviten! Muskoviten ist etwas völlig anderes. zurück

Das geht ja prächtig weiter: Ein Wallach sitzt auf einem Pferd? Ein Wallach ist ein Pferd! Gemeint waren wohl die Walachen, die aus der Walachei stammen. zurück

Die Voll-Prächtigkeit nimmt ihren Lauf: Ein Marktplatz ist von einem sandigen Schleier durchtränkt? Was soll denn das heißen? Wie ist das Feuchtigkeit enthaltene durchtränken mit dem staubigen Staub zu verbinden? Und wie ist der Zusammenhang zwischen Sand und Staub? Was ein Geschwafel! zurück

Die Kapellen müssten wegen dem alles durchtränkenden Sandstaub (oder Staubsand?) ebenfalls ockerig aussehen, und ebenso die ansonsten wohl farblose Moschee. zurück

Von wem oder was wurde die Monochromie durchbrochen?  Von diesem illegalen Dingsbums … So will es die deutsche Grammatik!
Wie ein Grau und eine farblose Moschee einen fast monochromen Schauplatz nuancieren sollen, bleibt das Geheimnis des Erzählers! Fast monochrom ist schon nuanciert genug, aber grau und ocker sind nicht fast monochrom, das ist ziemlich kontrastreich! Zudem passt das Verb nuancieren überhaupt nicht in das sprachliche Umfeld. zurück

Die Moldau ist ein Fluss, und der ist nicht bekannt für seine Pelze und Zuchtpferde, sondern wegen seiner wandernden Steine! Hier ist das Fürstentum Moldau gemeint, es könnte also einfach Moldau heißen, ohne jeden Artikel.
Wenn man nicht alles selbst macht. zurück

Genau: Die restlichen Sklaven waren die alten, schwachen Tscherkessen … Setzte man vorwiegend vor bestand statt dahinter, wäre alles klar. So einfach ist das! Und so schwer.
Und was treiben diese jungen, kräftigen Tscherkessen? Sie biedern sich an! Sie versprechen den potentiellen Käufern, gute Arbeit im Haus wie auch auf den Feldern zu verrichten (wobei wie auch auf wie ein Stottern wirkt und gefahrlos durch und ersetzt werden könnte).
Den Käufern genügt ein Blick: (…) die aussahen, als könnten sie gute Arbeit im Haus und auf den Feldern verrichten. zurück

Blödsinn: Sie können gar nicht an ihrer Versteigerung teilnehmen, genau so wenig wie ein antikes Fabergé-Ei, denn sie haben garantiert kein Geld: Sonst hätten sie sich schon längst frei gekauft. Das wäre das eine.
Das andere ist Folgendes: Nach geradeso folgt ein Irrealis, denn man könnte sich vorstellen, dass es so wäre: dass die Sklaven daran teilnähmen! Kann man aber aus dem genannten Grund nicht. zurück

Ach, das Mädchen hatte große Augen? Wie groß denn? Wenn schon, denn schon! Und der Zopf war dunkel? Also nicht ockergelb? Und das Mädchen stand und suchte Schatten (wohl mit  ihren großen Augen) unter einer Eiche? Warum stellt sie sich nicht einfach in deren Schatten? Was gibt es da groß zu suchen?
So viel Fragen wegen so viel überflüssigen Geschreibsels! Offenbar sollte eine wichtige Person weiblichen Geschlechts eingeführt werden, und das ginge z. B. so: Das Mädchen stand im Schatten einer Eiche. Durch den bestimmten Artikel wird das Mädchen zu einer wichtigen Person.
Augengröße und Haartracht sind nebensächlich, das sollte – wenn überhaupt – erst dann erwähnt werden, wenn sie eine Rolle spielen, z. B. als Wahrnehmung einer anderen Roman-Figur. zurück

Wie nicht anders zu erwarten bei »historischen« Romanen (oder bei all den Machwerken der Genres Horror, Fantasy, Krimi, Soft-Porno, Liebe, Arzt usw.), beginnt jetzt eine unbeschreibliche Beschreibung der Protagonistin. Nicht der Leser darf sich ein Bild machen von diesem Mädchen, sondern es wird ihm vor den Latz geknallt: Lange Finger hat das Wesen, elegant und spinnenartig zugleich: Wie, bitteschön, sehen denn spinnenartige Finger aus? Hat etwa jeder Finger acht Beine?
Flachbrüstig ist das Mädchen. Schön. Und? Weil sie Finger mit acht Beinen hat und eine flache Brust, deswegen sieht sie aus wie eine zu Stein erstarrte Figur? zurück

Der Dummfug treibt immer verkrüppeltere Blüten: Der Mund war dabei leicht geöffnet, als könnte sie nicht mehr durch ihre Nase atmen.
Sie könnte doch trotz offenem Mund durch die Nase atmen: Was hat das denn mit dem offenen Mund zu tun? Ist das eine ganz spezielle Art von leicht offenem Mund? zurück

Jetzt haben wir erfahren, was der auktoriale Erzähler für eine grandiose Schönheit hält: Flachbrüstig, Finger, die wie Spinnen aussehen, leicht geöffneter Mund und verstopfte Nase: Toll! zurück

Offensichtlich ist der Erzähler selbst noch nicht so ganz überzeugt von seinem Schönheitsideal; denn er bessert verschlimmernd nach (ob er wohl beim Schreiben irgendwas bemerkt, sich aber nicht getraut hat, das gerade Erzählte nochmals zu überarbeiten?):
Das flachbrüstige Wesen hat nicht nur einen leicht geöffneten Mund wegen seiner verstopften Nase: Die Lippen sind sogar voll (leere Lippen: Das wäre mal interessant!) und zu einem ewigen Kuss geformt.
EWIG! Dieses immer gern bemühte Unwort, das nichts weiter ausdrückt als die Unfähigkeit, sich auszudrücken!
Ewiger Kuss – was für eine grauenhafte Vorstellung: Nach spätestens 14 Tagen wären die beiden verhungert, wenn sie nicht schon viel früher verdurstet wären! zurück

Ach: Nicht die Augen schienen die See in sich zu tragen? Schade! Wäre doch ein schon so hübsch tot getretenes Bild!
Dafür gibt es jetzt etwas völlig Überraschendes: Das Auge trägt nämlich jetzt ihre würdevolle Haltung in sich, also die Spinnenfinger auf der flachen Brust samt leicht geöffnetem Mund in Kombination mit der verstopften Nase. So sieht sie aus, die würdevolle Haltung!
Stünde nach schienen ein Komma, wäre alles bestens! Dann müssten die Augen nicht die würdevolle Haltung tragen! zurück

Soso: Die Haut trug also die See in sich! Na, warum nicht? Wäre vielleicht ein bisschen viel Moisture – aber sei’s drum! zurück

Das Mädchen ging nirgendwo hin, das stand im Schatten einer Eiche! Und dort duftete es vor sich hin, nach was auch immer. zurück

Liebe Leserinnen und Leser: Im Rest dieses Romananfangs dürfen Sie selbst graben und sich an den Fundsachen erfreuen! Sowohl der Kitsch als auch die Unbeholfenheit des Erzählers blühen enthemmt weiter … und immerhin erfahren Sie endlich, dass die Regelblutung monatlich eintritt! zurück

© 2015 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.