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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 21. August 2000 | Textart: Lyrik
Brillen: BrilleBrilleBrilleBrilleBrille

unterwasserreihenhaus

von Sissy de Leu

zart verschraubt
in dich & dein staunen
& über die stiege
schwebt schlafs
schwarzer rochen

ein zeppelin
wär meine lust
abgestürzt auf
deinem dachfirst
zu segeln

da blühten fische
in seinen gewölben
barrakudastern
für das kap
deiner lippen

lauerten kleine
tode im
flossengefächel
für deinen fuss
auf der leiter

© 2000 by Sissy de Leu. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Soll ich’s wagen? Soll ich ich’s sagen? Was soll die Scheu: Ich tu’s:

Ein Meisterwerk!
Ein Liebesgedicht und eine Sehnsucht: Denn alles ereignet sich unter Wasser, nicht über ihm; geborgen in einem Haus, in dem die beiden vereint sind und das gleichzeitig selbst Teil diese Vereinigung ist; eigenwillige und humorvolle Bilder in einer fast schon musikalischen Komposition! Ich liebe dieses Gedicht! Und ich werde mich noch sehr lange damit beschäftigen – aber nur für mich! Großen Dank an Sissy de Leu für dieses Geschenk!

Die Kritik im Einzelnen

Allein schon die Alliterationen und die Bilder, die entstehen dürfen durch zart verschraubt in dich & dein staunen & über die stiege; dann dieses starke &, das sichtbar aneinander kettet lyrisches Ich und sein Gegenüber und dessen Gefühl und die ­Vision – ich nenne es der Einfachheit halber so, obwohl es mir gleichzeitig missfällt!; die Bewegungsrichtungen: ineinander, nach oben, schweben über.
Ich weiß: das sind keine ganzen Sätze! Aber anders vermag ich meine Begeisterung nicht auszudrücken als durch Verstummen: Ich nenne nur noch Beobachtungen! Z.B. dieses Spiel mit Erwartungen: Was folgt nach schlafs schwarzer ? Ich habe sogar ernsthaft Rachen gelesen, stolperte aber gerade noch rechtzeitig, um den rochen zu entdecken, den Blick auf die Überschrift zu lenken und vergnügt schmunzelnd von vorne anzufangen, zurück
Wär meine Lust ist Prädikat von ein zeppelin; abgestürzt auf deinem dachfirst zu segeln kann seinerseits ein anderes Subjekt sein für dieses Prädikat; abgestürzt kann sich beziehen auf meine Lust oder auf den zeppelin oder und auf diesen; ich könnte stundenlang so weitermachen, ich finde immer neue Kombinationen, die mitschwimmen. Der Wunsch-Traum (ist eigentlich nicht besser als Vision) hat offenbar begonnen zurück
Irreales (wegen dem Irrealis blühten) Leben in den Gewölben des abgestürzten Zeppelins (abgestürztes Luftschloss oder Lustschloss?), der Teil des Hauses geworden ist; was aber ist ein Barrakudastern? Sternförmig angeordnete Barrakudas für das kap deiner lippen? Hier bleibt ein Rätsel, das ich lösen möchte!
Wie Land den raubenden Barrakudas den Weg versperrt, so hier das kap der lippen – Kaps sind herausragende Punkte, die umschwommen oder umsegelt werden müssen. zurück
Irreale kleine Tode (nach dem Leben der vorigen Strophe), die die Füße bedrohen; damit wäre der Rückweg abgeschlossen: dein Dachfirst – deine Lippen – deine Füße; und die stiege in der ersten Strophe wiederholt sich in der leiter. Auch der Rahmen ist geschlossen.
In jeder Strophe finden sich Elemente des Hauses: Stiege, Dachfirst, Gewölbe, Leiter; Elemente des Todes: Schlafs schwarzer Rochen, abgestürzt, Barrakuda, Tode; Elemente des Lebens: schweben, segeln, blühen, lauern; Possessivpronomen: dein Staunen, meine Lust & dein Dachfirst; sein Gewölbe & deine Lippen; dein Fuss (man beachte die Anzahl 1-2-2-1, wobei mein und sein nur jeweils einmal im Zusammenhang mit dein auftritt, und dein sich sowohl auf das Haus als auch die andere Person beziehen lässt .) Ich höre auch damit auf: es reicht bereits, den Grad an Komposition sichtbar zu machen, der in diesem Gedicht steckt! zurück

© 2000 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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