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Textkritik: Trocken und dicht

Die Welt und alle Dinge darin sind kostbar,
aber das kostbarste Ding in der Welt
ist eine tugendhafte Frau.
Der Prophet Mohammed

»Das Band der Ehe ist die Fessel der Frau!«, sagt Halime und tanzt. Es ist nicht ihre Hochzeit. Sie ist nicht die Braut. Sie hat nicht vor, jemals eine zu werden. Halime tanzt mit Aras und Evin, ihrer kleinen Schwester. Ibrahim drückt die Hand seiner Frau Nure. Wie schnell sind sie erwachsen geworden, die Kinder. Yusuf, endlich verheiratet. Canan wird ihm eine fromme Frau sein. Halime tanzt.

In beschlagenen Fensterscheiben geht die Sonne am Steindamm auf [1]. Halime und Aras, Arm in Arm torkelnd, albern. »Bist du betrunken?«
Halime schaut sich um. »Meinst du mich?«
Aras lacht. »Ich liebe dich!«

Frühjahrsferien zu kurz wie immer, und doch lang genug. Die Freundinnen warten am U-Bahnhof Berliner Tor. [2] Halime reißt sich das Tuch vom Kopf. Wie ein Schwall schwarzblauer Tinte fließen ihre Haare über die Schultern. Arme, die sich um die Hälse schlingen, Küsse, warm auf kühlen Wangen.
»Oh, geil deine Ohrringe.«
»Was läuft?«

Morgentoilettenrituale. Mascara satt. Grimassen grinsen im Spiegelbild. Den Stift sicher über die Lippen führen, nicht einfach im Gerangel um die besten Plätze. Heiter schweben die Stimmen auf Rauchschwaden durch Türritzen über den Flur. Schnell noch einen Knopf an der Bluse öffnen, Bauchnabelpiercings glitzern im Sonnenlicht. Krass! Ein letzter Blick in den Spiegel, bevor der Gong zur ersten Stunde Kippenfriedhof [3].

»Du wirst Murat heiraten!«, sagt Nure. Onkel Mehmet habe es im Einvernehmen mit dem Familienrat beschlossen. Vor Halimes Augen verschmilzt die Küche zu einem trüben Wackelpudding. Die Gläser im Schrank klirren schrill [4]. Halime hält ihn fest, damit sie nicht zerspringen [5].

Tommis Pullover kratzt. Lambswool aus kontrolliert biologischer Schafzucht. Halime zwirbelt einen Wollfaden zwischen den Fingern.
»›Deutschland sei ein Rechtsstaat‹, sagt meine Mutter. Sie ist Staatsanwältin und sie weiß, wovon sie redet«, sagt Tommi und nippt am Café Latte.
»Du bist süß, Sahnebart.«
Wattewolken treiben im Alsterwasser. Segelboote dümpeln auf und nieder. Flaute.

»Hure!« Yusuf dreht den Schlüssel um im Schloss.
»Sie ist unsere Schwester!«, sagt Aras.
»Sie besudelt meine Ehre!«, sagt Yusuf.
Halime zeigt ihrem großen Bruder hinter der Tür den Stinkefinger. Ihres Vaters vier Wände machten noch lange kein Grab.

Kichererbsenmus, goldgelb [6], in Knoblauch geschwenkt. Ein Hauch Leben dampft aus der Teetasse.
»Baba?«
Nure weicht Halimes Blicken aus.
»Warum?« Halime wischt die Tränen quer übers Gesicht.
Nure streichelt Halimes Arm. Evin ließe sie grüßen. Und Aras natürlich.
Leere füllt sich mit beißendem Schmerz.

»Meine Tür ist immer offen für euch«, sagt Nure.
Sie hat Wort gehalten. Halime, schutzlos wie ein Kaninchen vor den Wölfen, schlägt Haken durch die Stadt. Wohin? Tommis Pullover kratzt wie eh und je.
»Sei uns willkommen, Halime!«, sagt Tommis Mutter und bittet zu Tisch.
Sie würde ihr sowieso nicht glauben, beruhigt Halime ihr schlechtes Gewissen. Es helfe ja nichts zu dramatisieren, würde Sabine sagen.
»Noch etwas Tee, Halime?«

Gardinen, verquirlt im gleißenden Scheinwerferlicht, treiben es des Nachts wie durchgeknallte Derwische in bauschenden Röcken auf dem Fenstersims [7]. Reiben ihre geistlosen Körper an Rosentapeten – Hure! – Schlampe! – Sau! Wahr ist, dass Halime nicht mehr schlafen kann. Am Tag parkt die dunkle Limousine weiter unten an der Straßenecke im absoluten Halteverbot.
»Das ist kein Verbrechen«, sagt Aras’ Chefin, die Polizistin.

Am helllichten Vormittag in der Fußgängerpassage. Die Schergen von Onkel Mehmet machen keine halben Sachen. Leute glotzen.

Sie sind da. Das fühlt Halime wie Mundgeruch in der Früh [8]. Sie fährt mit dem Metrobus 6 [9], steigt in den 3er, in die U-Bahn und noch einmal um in den 25er. Universitätskrankenhaus Eppendorf. Sabines Leben hängt an einem Plastikschlauch. Klare Lösung tropft in ihre Vene.

Yusuf kuriert Halime, bis die Scheiße aus ihrem verfickten Arschloch rinnt [11].

Nures Bruder, Dr. Aslan, kümmert sich, so gut er kann. »Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wieder gutmachen«, sagt Dr. Aslan.
Ibrahim, hohläugig, wünschte sich nichts mehr, als seine Lieblingstochter in den Arm zu nehmen. Doch das ist so unmöglich, wie den Propheten Mohammed ins Diesseits zurückzuholen.

Aras riskiert seinen Job. Er muss es tun und er wird. Er verspricht es.

Neunundneunzig Perlen kreisen ohne Unterlass. Die Gebetskette in Murats Fingern findet keinen Frieden. Murat keucht. Er schwitzt. Halime gefällt ihm. An Murats Arm setzt Halime behutsam einen Fuß vor den anderen, einen vor den anderen.

»Alles Gute!« wünscht die Standesbeamtin.

In Ibrahims Haus sitzt Nure auf dem Sofa. Ihre Beine sind unter einer gehäkelten Decke verborgen. Halime, im Brautkleid, liegt zusammengerollt wie eine Katze neben ihr, den Kopf in den Schoß der Mutter geschmiegt. Nure weint die wenigen Tränen, die ihr geblieben sind.

Lammkebab. Reis. Feigen. Datteln. Ingwer. Zuckermandeln. Zimtstangen. Der Imam rezitiert aus dem Heiligen Koran. In Halimes hennagefärbter Hand liegt der Schlüssel zur Feuergrube – eine »Walther P99 DAO« Dienstwaffe, Kaliber 9 mm, 10 Schuss. Halime braucht nur einen. Onkel Mehmet klappt zusammen wie eine Marionette, deren Fäden alle auf einmal reißen.

»Allahu Akbar!«, sagt Halime.

© 2015 by Alexandra Richter [12]. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung [13]

Eine bis auf Kleinigkeiten überaus trockene und dichte Erzählung: Da wird nichts ausgewalzt, nichts Überflüssiges erläutert – Leser (sofern sie wach sind) kriegen auch so mit, was Yusuf mit Halime angestellt hat und warum! Ja: Allahu Akbar! Er ist so groß, dass man wirklich alles auf ihm abladen kann!

Die Kritik im Einzelnen [14]
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