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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 20. April 2016 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleBrilleBrilleKeine Brille

Ibrahims Lieblingstochter

von Alexandra Richter

Die Welt und alle Dinge darin sind kostbar,
aber das kostbarste Ding in der Welt
ist eine tugendhafte Frau.
Der Prophet Mohammed

»Das Band der Ehe ist die Fessel der Frau!«, sagt Halime und tanzt. Es ist nicht ihre Hochzeit. Sie ist nicht die Braut. Sie hat nicht vor, jemals eine zu werden. Halime tanzt mit Aras und Evin, ihrer kleinen Schwester. Ibrahim drückt die Hand seiner Frau Nure. Wie schnell sind sie erwachsen geworden, die Kinder. Yusuf, endlich verheiratet. Canan wird ihm eine fromme Frau sein. Halime tanzt.

In beschlagenen Fensterscheiben geht die Sonne am Steindamm auf. Halime und Aras, Arm in Arm torkelnd, albern. »Bist du betrunken?«
Halime schaut sich um. »Meinst du mich?«
Aras lacht. »Ich liebe dich!«

Frühjahrsferien zu kurz wie immer, und doch lang genug. Die Freundinnen warten am U-Bahnhof Berliner Tor. Halime reißt sich das Tuch vom Kopf. Wie ein Schwall schwarzblauer Tinte fließen ihre Haare über die Schultern. Arme, die sich um die Hälse schlingen, Küsse, warm auf kühlen Wangen.
»Oh, geil deine Ohrringe.«
»Was läuft?«

Morgentoilettenrituale. Mascara satt. Grimassen grinsen im Spiegelbild. Den Stift sicher über die Lippen führen, nicht einfach im Gerangel um die besten Plätze. Heiter schweben die Stimmen auf Rauchschwaden durch Türritzen über den Flur. Schnell noch einen Knopf an der Bluse öffnen, Bauchnabelpiercings glitzern im Sonnenlicht. Krass! Ein letzter Blick in den Spiegel, bevor der Gong zur ersten Stunde ertönt. Zurück bleibt, rotgeringelt in Kloschüsseln schwimmend, ein aufgedunsener Kippenfriedhof.

»Du wirst Murat heiraten!«, sagt Nure. Onkel Mehmet habe es im Einvernehmen mit dem Familienrat beschlossen. Vor Halimes Augen verschmilzt die Küche zu einem trüben Wackelpudding. Die Gläser im Schrank klirren schrill. Halime hält ihn fest, damit sie nicht zerspringen.

Tommis Pullover kratzt. Lambswool aus kontrolliert biologischer Schafzucht. Halime zwirbelt einen Wollfaden zwischen den Fingern.
»›Deutschland sei ein Rechtsstaat‹, sagt meine Mutter. Sie ist Staatsanwältin und sie weiß, wovon sie redet«, sagt Tommi und nippt am Café Latte.
»Du bist süß, Sahnebart.«
Wattewolken treiben im Alsterwasser. Segelboote dümpeln auf und nieder. Flaute.

»Hure!« Yusuf dreht den Schlüssel um im Schloss.
»Sie ist unsere Schwester!«, sagt Aras.
»Sie besudelt meine Ehre!«, sagt Yusuf.
Halime zeigt ihrem großen Bruder hinter der Tür den Stinkefinger. Ihres Vaters vier Wände machten noch lange kein Grab.

Kichererbsenmus, goldgelb, in Knoblauch geschwenkt. Ein Hauch Leben dampft aus der Teetasse.
»Baba?«
Nure weicht Halimes Blicken aus.
»Warum?« Halime wischt die Tränen quer übers Gesicht.
Nure streichelt Halimes Arm. Evin ließe sie grüßen. Und Aras natürlich.
Leere füllt sich mit beißendem Schmerz.

»Meine Tür ist immer offen für euch«, sagt Nure.
Sie hat Wort gehalten. Halime, schutzlos wie ein Kaninchen vor den Wölfen, schlägt Haken durch die Stadt. Wohin? Tommis Pullover kratzt wie eh und je.
»Sei uns willkommen, Halime!«, sagt Tommis Mutter und bittet zu Tisch.
Sie würde ihr sowieso nicht glauben, beruhigt Halime ihr schlechtes Gewissen. Es helfe ja nichts zu dramatisieren, würde Sabine sagen.
»Noch etwas Tee, Halime?«

Gardinen, verquirlt im gleißenden Scheinwerferlicht, treiben es des Nachts wie durchgeknallte Derwische in bauschenden Röcken auf dem Fenstersims. Reiben ihre geistlosen Körper an Rosentapeten – Hure! – Schlampe! – Sau! Wahr ist, dass Halime nicht mehr schlafen kann. Am Tag parkt die dunkle Limousine weiter unten an der Straßenecke im absoluten Halteverbot.
»Das ist kein Verbrechen«, sagt Aras’ Chefin, die Polizistin.

Am helllichten Vormittag in der Fußgängerpassage. Die Schergen von Onkel Mehmet machen keine halben Sachen. Leute glotzen.

Sie sind da. Das fühlt Halime wie Mundgeruch in der Früh. Sie fährt mit dem Metrobus 6, steigt in den 3er, in die U-Bahn und noch einmal um in den 25er. Universitätskrankenhaus Eppendorf. Sabines Leben hängt an einem Plastikschlauch. Klare Lösung tropft in ihre Vene.

Yusuf kuriert Halime, bis die Scheiße aus ihrem verfickten Arschloch rinnt.

Nures Bruder, Dr. Aslan, kümmert sich, so gut er kann. »Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wieder gutmachen«, sagt Dr. Aslan.
Ibrahim, hohläugig, wünschte sich nichts mehr, als seine Lieblingstochter in den Arm zu nehmen. Doch das ist so unmöglich, wie den Propheten Mohammed ins Diesseits zurückzuholen.

Aras riskiert seinen Job. Er muss es tun und er wird. Er verspricht es.

Neunundneunzig Perlen kreisen ohne Unterlass. Die Gebetskette in Murats Fingern findet keinen Frieden. Murat keucht. Er schwitzt. Halime gefällt ihm. An Murats Arm setzt Halime behutsam einen Fuß vor den anderen, einen vor den anderen.

»Alles Gute!« wünscht die Standesbeamtin.

In Ibrahims Haus sitzt Nure auf dem Sofa. Ihre Beine sind unter einer gehäkelten Decke verborgen. Halime, im Brautkleid, liegt zusammengerollt wie eine Katze neben ihr, den Kopf in den Schoß der Mutter geschmiegt. Nure weint die wenigen Tränen, die ihr geblieben sind.

Lammkebab. Reis. Feigen. Datteln. Ingwer. Zuckermandeln. Zimtstangen. Der Imam rezitiert aus dem Heiligen Koran. In Halimes hennagefärbter Hand liegt der Schlüssel zur Feuergrube – eine »Walther P99 DAO« Dienstwaffe, Kaliber 9 mm, 10 Schuss. Halime braucht nur einen. Onkel Mehmet klappt zusammen wie eine Marionette, deren Fäden alle auf einmal reißen.

»Allahu Akbar!«, sagt Halime.

© 2015 by Alexandra Richter. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine bis auf Kleinigkeiten überaus trockene und dichte Erzählung: Da wird nichts ausgewalzt, nichts Überflüssiges erläutert – Leser (sofern sie wach sind) kriegen auch so mit, was Yusuf mit Halime angestellt hat und warum! Ja: Allahu Akbar! Er ist so groß, dass man wirklich alles auf ihm abladen kann!

Die Kritik im Einzelnen


Eins ist sicher: IN den beschlagenen Fensterscheiben geht die Sonne gewiss nicht auf! Allenfalls HINTER den Scheiben. Und Steindamm als Hamburger Straße muss nicht notwendig gesagt werden: Diese Geschichte kann sich überall in Deutschland ereignen. zurück

Aus dem gleichen Grund streichen: Warum das alles verorten? Wer sich in Hamburg nicht auskennt, dem sagt das doch nichts! zurück

Erst jetzt wird deutlich, dass es sich NICHT um die normale Morgentoilette, handelt, sondern um eine zweite, nämlich die in der Schule! Das könnte schon am Anfang dieses Abschnitts deutlich werden, wenn es Schulmorgentoilettenrituale hieße! Denn in den Ferien war Halime sicher nicht geschminkt! zurück

Es gibt kein dumpfes Klirren – also weg mit schrill. Und der Vergleich der Küche mit einem trüben Wackelpudding hinkt gewaltig, denn ein trüber Wackelpudding wäre deutlich sichtbar! Die Küche aber verschwimmt vor Helimes Augen, das heißt, sie sieht zunehmend undeutlich. Wie wäre es damit – sofern man das Schmelzen beibehalten will: Vor Halimes Augen schmilzt die Küche? zurück

Durch die Umkehrung der Wahrnehmung wird das ein grandioses Bild für einen Ohnmachtsanfall! zurück

Die Farbangabe ist überflüssig, schließlich gibt es kein anderes Kichererbsenmus! zurück

Dass es die Gardinen auf den Fensterbänken wild treiben, ist ein viel zu starkes Bild, als dass es verwässert werden müsste durch verquirlt im gleißenden Scheinwerferlicht – bitte ersatzlos streichen! zurück

Mundgeruch kann niemand fühlen – das sagt bereits das Wort Geruch! Fühlen könnte sie z. B. eine pelzige Zunge. Letztlich genügt es, dass sie die Anwesenheit der Schergen spürt! zurück

Analog zu den folgenden Bezeichnungen empfehle ich hier ein einfaches Sie fährt mit dem 6er, denn auch hier muss niemand fragen, was ein 6er sein soll! zurück

Wunderbar gelungen: Yusufs Prollsprache im Namen der Ehre beim Wort genommen! zurück

© 2016 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.