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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 24. Juli 2014 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Neues von den St. Pauli Landungsbrücken

von Wolfgang Rill

Ihr wollt das wirklich alles wissen? Was kommt denn dabei rüber? Hundert? Dass ich nicht lache. Fünfhundert müssen es schon sein. Und für ein paar Fotos fünfhundert extra. Meint ihr, ich sitze zum Vergnügen hier? Und wie ich aussehe. So was romantisch Verkommenes wie mich kriegt ihr sonst nirgends auf die Platte. Schon die Kosakenpelzmütze fürs Betteln und die Fußlappen sind was wert. Und dieser schmutzstarrende, löchrige Mantel ist ein Goldstück. Erst recht die Kältebeulen im Gesicht, die Schwielen, der Grind, die Triefaugen.
OK. Zehn Hunnies. Dafür kriegt ihr auch die besonders ergreifende Version.
Geboren und aufgewachsen in St. Georg. Hinterhof. Bahnhofsnähe. Vater Säufer, Mutter auf dem Strich. Selbst mit 13 heroinabhängig und im Bahnhof anschaffen gegangen. Dann einigermaßen gerappelt, für eine Weile clean geworden. Hauptschulabschluss nachgemacht. Berufsausbildung zur Cutterin, vom Arbeitsamt bezahlt. Arbeit nach kurzer Zeit verloren, weil es keine Filmrollen mehr gab. Alles elektronisch heute. Bis dahin zwei Abtreibungen und eine Totgeburt. Von einem Loddel, den ich liebte wie doof, jahrelang verprügelt und auf den Strich geschickt. Hautausschläge gekriegt. Vom Loddel weggeschickt. Auf der Straße gelandet. Und da sitz ich nun seit zwölf Jahren. Mache nur Straße, Park oder Platte. Nein, kein Obdachlosenheim. Da kriegt mich keiner rein.
So, das war’s. Die Fotos habt ihr, die Geschichte auch. Verschwindet jetzt. Was ich mit dem Geld mache? Damit spekuliere ich an der Börse.

90 Minuten später:

Die ganze Geschichte willst du? Und auch noch Fotos? Das wird dein Institut aber was kosten. Mit Fotos alles zusammen tausend.
Einverstanden? Dann setz dich hier aufs Pflaster und hör zu. Ich habe nicht ewig Zeit.
Also: Geboren und aufgewachsen in Blankenese. Vater Bankdirektor, Mutter Rechtsanwältin. Von Hausmädchen, Erzieherinnen und au pair Mädchen großgezogen. Teures Internat. Abitur. Studium der Medizin. In iranischen Kommilitonen verliebt. Heirat gegen den Willen der Eltern. Danach sieben Jahre Gefangenschaft in seiner Familie in Teheran. Kein Kontakt mehr zu den Eltern. Verstoßenes Kind gewesen. Drei eigene Kinder, alle in Teheran geblieben. Selbst auf abenteuerliche Weise rausgekommen. Danach äußerlich Hautausschläge und innerlich gebrochen. Seit 12 Jahren auf der Straße. Und nun hau ab!

40 Minuten später:

Mädchen, du willst alles wissen? Schülerzeitung? Welche Schule denn? Heine Gymnasium Blankenese? Aha. Fünfhundert. Zu viel? Das ist schon die Hälfte. Mein Sozialpreis.
OK? Abgemacht. Fünf Hunnies. Dafür ein paar Fotos und die ganze Wahrheit über mich. Unterbrechungen und Rückfragen kosten extra.
Also: Zunächst ein ganz normales Leben in einem Beamtenhaushalt in Fuhlsbüttel geführt. Vater Studienrat, Mutter Logopädin. Abitur. Danach Ausbildung zur Cutterin. Als keine Cutterinnen mehr benötigt wurden, hätte ich auf Elektronik umschulen können. Aber da hatte ich schon gute Kontakte zu den Filmleuten. Ich kannte manche von der Requisite, mit einer von der Maske war ich befreundet. Nein, keine Namen. Weder meinen, noch ihren. Als wir vor 12 Jahren fast gleichzeitig aus den Studios rausflogen, begann unsere Zusammenarbeit. Die offene, ein bisschen nässende Schwiele hier am Kinn? Abstoßend, was? Ratsch, ab ist sie. Darunter glatte Haut. Die vielen Stunden an der frischen Luft sind gesund. An guten Tagen habe ich bis zu fünf Reporter am Hals. Zeitungen vom In und Ausland, Illustrierte, Fernsehleute und so weiter. Mache am Tag so zwischen zwei und fünftausend. Dazu noch das Kleingeld aus der Kosakenmütze.
Warum ich das ausgerechnet dir erzähle? Ich war auch mal so eine aufgeweckte Göre wie du. Und außerdem: Heute ist mein letzter Tag. Das Haus im Süden ist gekauft, die üppigen Sofortrenten für meine Freundin und mich sind eingezahlt.
Das ist die Wahrheit. Du kannst sie glauben.

© 2014 by Wolfgang Rill. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Sprachlich meist überzeugende, inhaltlich jedoch viel zu stark überzogene »Satire«.

Eine Satire lebt davon, dass es sich tatsächlich so hätte ereignen können! Man erkennt die Übertreibung und kann sich daran freuen. Das ist in diesem Text misslungen, und am Schluss wird der Text geradezu unerträglich. Schade drum. Denn die Ich-Erzählerin ist nicht dumm, hat Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen oder Nicht ohne meine Tochter und zum Teil ihres Lebens gemacht.
Immerhin: Die Satire wäre noch zu retten!

Die Kritik im Einzelnen

Das scheint mir gewaltig überzogen: 500 Euro für eine Lebensgeschichte? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein normaler Mensch so etwas bezahlen würde. Da wären wohl höchstens 50 Euro angebracht! zurück

Die Nähe von Totgeburt und Von einem Loddel ist missverständlich und unsinnig: Ist der Loddel Vater des tot geborenen Kindes? Oder war die Totgeburt bereits im Mutterbauch als Loddel tätig?
Besser wäre eine Umstellung des Satzes:
Bis dahin zwei Abtreibungen und eine Totgeburt. Jahrelang verprügelt und auf den Strich geschickt von einem Loddel, den ich liebte wie doof. zurück

Hier handelt es sich offenbar um ein offizielles Gespräch mit einem Vertreter von irgendeinem Institut – da kann die Ich-Erzählerin selbstverständlich hinlangen. Was mich wundert: Wieso will das Institut dabei keinen Film, obwohl es doch um Authentizität geht, sondern beschränkt sich auf Fotos? Eine Videoaufzeichnung würde zudem die Geldforderung zusätzlich begründen! zurück

Das ist der kürzeste Lebenslauf – und deswegen wird der Zuhörer aufgefordert, sich zu setzen? Klar, das kann und soll vielleicht auch witzig sein; genau deswegen halte ich dafür, diese Aufforderung zu streichen: 1000 Euro für den kürzesten Lebenslauf ist schon genug! zurück

Jetzt wirkt die Geldforderung nur noch albern: Eine Schülerzeitung hat in der Regel kein Geld für Interviews! Die ausnahmslos ehrenamtlichen Redakteurinnen freuen sich schon, wenn sie mal umsonst in eine Theateraufführung kommen. zurück

Nehmen wir mal im Schnitt 3000 pro Tag (rechnet sich einfacher als 3500), dann 200 Tage im Jahr (so eine selbst fabrizierte Obdachlose hat auch noch ein anderes Leben), dann wären das 700.000 nur in einem Jahr. Unversteuert.
Hier stürzt die »Satire« endgültig ins Bodenlose! zurück

Damit könnte alles beendet sein. Allerdings dürfte diese Erzählung auch ohne diesen Satz aufhören. Tut sie aber leider nicht … zurück

Und noch eine Schippe drauf, damit’s auch der Dümmste begreift: Das Klischee vom Wunschhaus im Süden (Töröööh!), die üppigen (Töröööh!) Sofortrenten für die Maskenbildnerin und die Ich-Erzählerin … Moment: Die Sofortrenten sind eingezahlt? Ich dachte, man zahlt die Rentenbeiträge! Das wären dann die Beiträge für die Sofort-Rente statt die Sofort-Rente selbst … egal, ist eh schnurz. Schließlich folgen noch zwei weitere Schippen Peinlichkeit: Das sei alles die Wahrheit (Töröööh!), und weil die Ich-Erzählerin das sagt, darf man ihr glauben (Töröööh!).
Dazu passt der Dialog zwischen Phantomias und einem Bürger anlässlich der Kampagne der Firma Nasweis, Spicker und Ausspecht, kurz NSA: »Und woher wollen Sie wissen, ob Sie dieser Firma vertrauen können?« – »Die von der NSA sind seriös! Haben sie selbst gesagt!« (LTB 449, S. 103) zurück

© 2014 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.