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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

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Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 3. Mai 2011 | Textart: Lyrik
Brillen: BrilleBrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Nachtfahrt

von Michael Schwarz

Wir fuhren nachts
in unseren Herzen Lieder
und Wandersterne über uns
noch Düfte, Worte, hin und wieder
der weiße Mond
vielleicht das bange Morgen

Wir fuhren nachts,
schwebend im dunklen Blau,
Träume und Gedanken
aus Autoradio Klängen
zwischen Ab- und Ankunft Irgendwoland,
nicht wirklich, nicht hier.

Wir fuhren nachts
schlafend nach langer Fahrt
Kondenswasser auf dunklen Scheiben
abgestanden Luft und Traum
der Fahrer kämpft allein
sich durch den Hyperraum
und ist bald da, bald da, bald da

© 2011 by Michael Schwarz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Noch kein Gedicht, aber eine Ausgangsbasis!

Es fehlt an Struktur, an innerer Logik, an Handwerk – eben an Arbeit!

Die Kritik im Einzelnen

Das Thema wird angeschlagen: Nachtfahrt! Die Stimmung scheint friedlich, denn im Herzen tragen sie Lieder, die noch zu singen sind oder gesungen wurden – wer weiß. Das Wort Wandersterne gibt es nicht – vielleicht sind hier Wandelsterne gemeint, die Planeten, also etwas, was oberhalb des Fahrzeuges seine Ellipsen zieht. Es wird festgestellt, dass im Fahrzeug noch Düfte und Worte wahrgenommen werden, dann wieder der Mond außerhalb und oben,  am Schluss gelangen wir wieder ins Herz, das dem Morgen entgegenbangt.
Warum ich das schreibe? Nun, hier haben wir die erste Strophe, hier wird eine Struktur vorgegeben, der die nächsten Strophen entsprechen sollten: Herz – außerhalb – im Fahrzeug – außerhalb – Herz. So einfach ist das – und so schwer!
Inhaltlich missfällt mir der befürchtete bange Morgen: Was für Lieder haben die im Herzen? Mutmacher? Tröster? Das passt nicht so recht in die sonst sehr friedliche Stimmung. zurück

Die Strophe beginnt gleich – aber schon die folgende Zeile verändert das Metrum: Sie müsste unbetont anfangen. Eine melancholische Stimmung entsteht durch das dunkle Blau – da wären wir wieder bei den Herzen. zurück

Und nun bleiben wir innen, statt nach außen zu gehen; auch hier ist das metrische Vorbild verworfen. Anschließend befindet man sich im Fahrzeug, hört das Autoradio: Offenbar wird nicht mehr geredet.
Die folgenden beiden Zeilen geben Rätsel auf: Was ist Abkunft anderes als die Herkunft, also der Ursprung? Gewiss aber ist es nicht der Ort, von dem man aufgebrochen ist! Ankunft hingegen ist der Ort, wo jemand ankommt!: Dieses Wortspiel funktioniert nicht! Und Irgendwoland ist ein entsetzlich ausgelutschtes Bild!
Der Schluss nicht wirklich, nicht hier greift noch mal den Schwebezustand auf. Metrisch und formal hat diese Strophe kaum was mit der ersten gemein. zurück

Diese beiden Zeilen passen inhaltlich und formal gut zu denen der zweiten Strophe – also sollte die erste entsprechend geändert werden: Auch diese brauchte z. B. ein Partizip zu Beginn der zweiten Zeile! zurück

Jetzt bleiben wir im Fahrzeug. Die Schlafenden (wir) jedoch können überhaupt nicht wahrnehmen, was hier steht: Da liegt ein Perspektivwechsel vor, denn das wir als die Schlafenden schließt den Fahrer aus – und nur der kann sehen, was hier beschrieben wird! Dieser Bruch tut dem Gedicht überhaupt nicht gut! zurück

Dass hier ein Reim auftaucht (Traum-Raum) ist eher Ärgernis denn Geniestreich: Warum nur hier und nicht in jeder Strophe? Was ist das Besondere, außer dem Perspektivwechsel? Es wäre so leicht zu verhindern gewesen!
Zum Glück gibt es noch ein ausgesprochenes Bonbon – nämlich die letzte Zeile: Diese dreifache bald da lässt sich mehrfach verstehen. Einmal, dass der müde Fahrer mit seinen Gedanken hin und her springt, dann, dass er inständig hofft, bald da zu sein, also endlich angekommen sein wird! zurück

© 2011 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.