- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Textkritik: Nach diesem Anfang las jeder weiter

Als Vamin es leid war, daß sich in ihrem Leben nichts änderte, beschloß sie, die Ergebnisse ihrer Studien zu veröffentlichen. Sie war klug genug, daraus keine wissenschaftliche Abhandlung zu machen, denn die hätte erst einmal der Orden begutachtet. Sie rechnete nicht damit, daß ihr Bericht danach noch gedruckt worden wäre, ganz gleich, was andere Leute darin sehen oder nicht sehen würden. Das Sonderbare ist nicht beliebt, schon gar nicht, wenn es vorgetragen wird mit dem Anspruch wissenschaftlich begründeter Ernsthaftigkeit.

In einer Geschichte freilich kann man allerhand erzählen. Wenn sie es nur geschickt genug anfinge, dachte Vamin, würde niemand sich genötigt sehen, öffentlich einzuschreiten. Wenn aber ihre Überlegungen mehr wären als ein phantasievolles Gespinst aus Ängsten und Erwartungen, dann würde sich ihr Leben ändern. Ganz schnell.
Also schrieb sie für den Almanach des nächsten Jahres eine Geschichte.

Siehst Du!
stand im Almanach auf das nächste Jahr in kraftvollen roten Buchstaben da, in einer kleinen Sammlung von Sagen und Märchen, die in jedem Almanach erschien, seit Menschengedenken in der Abteilung für die kalten Wintertage.

Siehst Du!
stand da, direkt hinter der Geschichte über die Trolle in den Wäldern, die Kinder entführten und austauschten gegen verschlagene Doppelgänger, und vor dem Märchen über den unendlichen Wald auf dem Gebirge, aus dem noch keiner wiedergekehrt war, der sich einmal zu tief hineingewagt hatte.

Wer solche Geschichten schreibt, könnte man sich denken, dürfte nicht mehr so weiterleben wie bisher. Irrtum. Solche Geschichten werden am Kamin vorgelesen, während die Zuhörer auf ihren Rabas herumkauen und heißen Tee trinken, und sie leben nur durch die Wärme des Feuers und den Duft der brennenden Kerzen und des würzigen Kräutertees. Vamins Geschichte dagegen …

Vamins Geschichte war sehr kurz.

In den großen alten Häusern von Windhaven, schrieb sie, und tatsächlich strahlte das prachtvolle [1] kannelierte Initial am Anfang ihrer Geschichte etwas von der Würde und dem Ernst dieser Häuser aus; so genau hatte sie sich das vorgestellt.

In den großen alten Häusern von Windhaven, heißt es, und vielleicht auch in den großen alten Häusern anderer Städte bewachen uns die Augen der Unsichtbaren durch die Spiegel unserer Zimmerhindurch [2]. Habt ihr noch nie Blicke auf euch gespürt? Habt ihr nicht, wenn ihr euch umwenden wolltet, hastig oder behutsam, direkt auf euch selbst geblickt, auf euer verstörtes, unsicheres Gesicht, das euch anschaute? Ihr habt euch dann wieder eurer Beschäftigung zugewandt und nicht mehr daran gedacht, auch nicht an die schwache Ahnung einer fließenden, sanften [3] Bewegung hinter dem Glas, als würde jemand eurem Blick ausweichen wollen ins Dunkel hinein, das sich hinter dem Glas verbirgt. Habt ihr dennoch noch [4] nie das Bedürfnis verspürt, einen Spiegel einfach einzuschlagen, um zu erkunden, welche Finsternis sich dahinter verbirgt?

Nach diesem Anfang las jeder weiter [5].

Aber wir haben ja von klein auf gelernt, welch schreckliches Unglück über den kommt, der einen Spiegel zerbricht. Ob deshalb in den alten Häusern die Spiegel durch Gitter geschützt sind, die jeden, der in sie hineinschaut, aus einem Kerkerfenster blicken lassen? Wir haben uns längst daran gewöhnt. Deshalb bauen auch manche von uns ein symbolisches Gitter für einen neuen Spiegel, den sie im Hafen erstehen können, damit er ihnen nicht so unanständig nackt und schutzlos erscheint.

Es läge an den Brunnen, hat man uns erzählt, die auch mit einem Gitter abgedeckt werden, damit keiner hinein fällt. Oder vielleicht, damit nichts aus dem dunklen Wasser schießt und den versonnenen Betrachter packt und mit sich hinunter zieht – wer weiß?

Aber das habe ich nie geglaubt. Wenigstens habe ich es nicht mehr geglaubt, seitdem ich bemerkt habe, wie dick die Wände in den großen alten Häusern sind. Es fällt nicht auf, weil zwischen allen Zimmern Durchgänge sind oder Türen, deren Tiefe durch kunstvolle Abstufungen, durch kleine Aufgänge und Wendungen kaschiert wird, so daß sie alle zu kleinen Portalen werden, anstatt einfache Türen zwischen zwei Zimmern zu sein, die nur durch dünne Wände getrennt sind.

Das ist wirklich so, dachte sie, als sie das schrieb.

Aber es klingt nicht hohl, wenn man an die Wände klopft, so schwer und stark sind die Mauern, und wer zuweilen, wenn alles still zu sein scheint, auf ein leises Schaben lauscht, auf sehr gedämpftes Rascheln und Schleichen, der lauscht vergebens.

Trotzdem glauben wir, daß wir bewacht werden. Wir glauben es so sehr, daß wir fast meinen – und manche meinen es wirklich –, uns schaue selbst durch harmlose Brillengläser hindurch ein Agent der Wächter an, und das aus keinem anderen Grunde als dem: Wir spiegeln uns in ihnen und werden so, während wir beobachtet werden, auf uns selbst zurückgeworfen.

Dieses Gefühl ist so stark, daß wir die Bewacher direkt ansprechen, wenn wir etwas finden, das uns bemerkenswert erscheint.

»Siehst Du!« sagen wir dann. »Siehst Du!« nicht etwa zu unserem Gegenüber, sondern mit einem Unterton von Trotz und Widerwillen zu unseren Bewachern, die irgendwo sind, über uns, hinter uns, neben uns. Schlaft nicht ein, sagen wir, siehst Du! Du hast es doch gleich geahnt! sagen wir, und dann wenden wir uns wieder unseren Geschäften zu, ein wenig verlegen wie ein Kind, das dabei ertappt wurde, wie es mit einem imaginären Freund sprach. Aber was wissen wir, mit wem Kinder reden?

Vamins Leben änderte sich tatsächlich von da an.

Aber das ist eine andere Geschichte [7].

© 2015 by Henrik Verkerk [8]. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.
Zusammenfassende Bewertung [9]

Ein leiser Text mit überraschenden Wendungen
und mit kleinen Mängeln (wozu die alte Rechtschreibung nicht zählt). Der Leser wird hier Zeuge eines Schreibprozesses, Zeuge des Ringens um den Inhalt und die Gestaltung des Inhalts: Was ist einem Leser zuträglich? Empfindet der Leser das genau so, wie Vamin es behauptet, oder lehnt er das ab?

Um das zu erreichen, schafft sich der Erzähler die Ich-Erzählerin Vamin. Wir wissen nicht genau, was sie schreibt, aber worüber. Sie verwendet uns und wir, macht sich gemein mit uns Lesern, überzeugt sich damit, dass richtig ist, was sie schreibt. Der eigentliche Erzähler kommentiert Vamins Erfolg, scheint stolz, was und wie Vamin schreibt:

Das lässt einen fast vergessen, dass Vamin von einem Erzähler erfunden ist: Sie verdrängt ihn gewissermaßen. Der taucht nämlich erst am Ende wieder auf! Wie heißt es zu Beginn: In einer Geschichte freilich kann man allerhand erzählen. Richtig! Aber nur, wenn man es kann!

Die Kritik im Einzelnen [10]

mit zusätzlichen Linien bzw. Elementen ausgeschmückter Großbuchstabe [11]. zurück [12]

zurück [13]

zurück [14]

Dennoch noch? Warum dennoch? Da fehlt mir der Zusammenhang! Hier wäre eine direkte Leseransprache geeigneter, denn es handelt sich ja um ein Resümee des bisher Geschriebenen; da brauchte es auch kein denn mehr – eigentlich passte da besser:
Habt ihr eigentlich noch nie das Bedürfnis verspürt, einen Spiegel einfach einzuschlagen (…) zurück [15]

zurück [16]

zurück [17]