- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Textkritik: Lakonische Miniatur mit kleineren Schwächen

Haare sehr kurz – also Igelschnitt, und nicht die Spur eines Löckchens, keine Chance. Und Ohren, weit abstehend. Dazu dünne, braungebrannte Beine in kurzen Lederhosen. Der Spielplatz ist die Straße vorm Haus, immer mit zwei Dutzend krakeelender Kinder und Gummitwist. Fenster werden auf und zugeschlagen. Eltern, die laut ihre Zöglinge rufen, auch aus dem 10. Stock [1]. Kinder kommen und gehen, die Straße gehört ihren Spielen, auch der Wäscheplatz und die vielen Verstecke zwischen [2] dem blühenden Unkraut hinter den Garagen.

Sonntags dann Petticoatkleidchen [3] und weiße Strümpfe. Wie behält man weiße Socken beim Spielen? Neben dem Ausflugslokal der Spielplatz mit Gartenzwergen. Das Kind ist allein und spricht mit ihnen. Wie heißt du und wer bin ich? Jeden Sonntag das Altbekannte aufs Neue [4]. Die Langeweile sitzt mit am Tisch neben Torte und Limonade und heißt Familienausflug. Artig sein und sich nicht schmutzig machen und auf keinen Fall die Erwachsenen stören. Die Enttäuschung in den Augen der Eltern, wenn es wieder nicht geklappt hat, die Knie aufgeschlagen oder die Schuhe schlammig sind. Was die Leute denken [5]! Denken sie so? [6]

Die guten Sonntage, wenn Murle, die dicke, alte Katze, durch den Biergarten sie [7] nicht hinüberretten, in ihr richtiges Leben, auch wenn sie gern tauschen möchte [8]. Wer bekommt schon große Geschwister? Im trüben Alltagsbrei [9] ist kein Platz für Träume zwischen dem Streit der Erwachsenen.

Und plötzlich ein Unfall, der alles verändert [10]: Das Bild der Mutter, wie sie mit verbogenen Beinen unter dem Auto liegt. Das Bild, das sie fortan verfolgt. Niemand hat es fotografiert.

Die Blumen im Krankenhaus sind immer schon verwelkt. Besuchsverbot für das Kind, das jetzt sonntags beim Pförtner abgegeben wird. Die Mutter bleibt in ihrer anderen Welt, die die Ärzte Koma nennen. Das Fremde, das sich steril anfühlt. Wie buchstabiert man Einsamkeit? Es steht in keinem Lesebuch. Die Zweiraumwohnung mit der Abwesenheit des Vaters schmerzt. Die Lehrer, die Nachbarn, die Spielgefährten – überall zu Gast und nirgends zu Hause sein. Das Mitleid der übervollen Teller würgt das Kind. Aus zu vielen Fenstern findet es keine Ausblicke. Verweise und schlechte Noten bleiben folgenlos.

Ein Jahr später. Die Mutter kommt nach Hause, sehr dünn, irgendwie durchsichtig. Das Kind kennt die Fremde nicht und nicht seine unverhoffte Freude, die es Normalität nennen dazwischen [11].

© 2017 by Andrea Stefan [13]. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.
Zusammenfassende Bewertung [14]

Eine ansprechend lakonische Miniatur mit kleineren Schwächen
Die jedoch sind – bis auf den Schluss – eigentlich mühelos zu beheben.

Die Kritik im Einzelnen [15]

zurück [16]

zurück [17]

zurück [18]

zurück [19]

In meiner Erinnerung hieß der Satz »Was sollen denn die Leute denken!« zurück

zurück [20]

zurück [21]

zurück [22]

zurück [23]

zurück [24]

zurück [25]