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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 31. August 2017 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleBrilleBrilleKeine Brille

Eine Kindheit

von Andrea Stefan

Haare sehr kurz – also Igelschnitt, und nicht die Spur eines Löckchens, keine Chance. Und Ohren, weit abstehend. Dazu dünne, braungebrannte Beine in kurzen Lederhosen. Der Spielplatz ist die Straße vorm Haus, immer mit zwei Dutzend krakeelender Kinder und Gummitwist. Fenster werden auf und zugeschlagen. Eltern, die laut ihre Zöglinge rufen, auch aus dem 10. Stock. Kinder kommen und gehen, die Straße gehört ihren Spielen, auch der Wäscheplatz und die vielen Verstecke zwischen dem blühenden Unkraut hinter den Garagen.

Sonntags dann Petticoatkleidchen und weiße Strümpfe. Wie behält man weiße Socken beim Spielen? Neben dem Ausflugslokal der Spielplatz mit Gartenzwergen. Das Kind ist allein und spricht mit ihnen. Wie heißt du und wer bin ich? Jeden Sonntag das Altbekannte aufs Neue. Die Langeweile sitzt mit am Tisch neben Torte und Limonade und heißt Familienausflug. Artig sein und sich nicht schmutzig machen und auf keinen Fall die Erwachsenen stören. Die Enttäuschung in den Augen der Eltern, wenn es wieder nicht geklappt hat, die Knie aufgeschlagen oder die Schuhe schlammig sind. Was die Leute denken! Denken sie so?

Die guten Sonntage, wenn Murle, die dicke, alte Katze, durch den Biergarten stromert. Manchmal steht sie unverhofft in den Träumen des Kindes als große Schwester. Sie kann sie nicht hinüberretten, in ihr richtiges Leben, auch wenn sie gern tauschen möchte. Wer bekommt schon große Geschwister? Im trüben Alltagsbrei ist kein Platz für Träume zwischen dem Streit der Erwachsenen.

Und plötzlich ein Unfall, der alles verändert: Das Bild der Mutter, wie sie mit verbogenen Beinen unter dem Auto liegt. Das Bild, das sie fortan verfolgt. Niemand hat es fotografiert.

Die Blumen im Krankenhaus sind immer schon verwelkt. Besuchsverbot für das Kind, das jetzt sonntags beim Pförtner abgegeben wird. Die Mutter bleibt in ihrer anderen Welt, die die Ärzte Koma nennen. Das Fremde, das sich steril anfühlt. Wie buchstabiert man Einsamkeit? Es steht in keinem Lesebuch. Die Zweiraumwohnung mit der Abwesenheit des Vaters schmerzt. Die Lehrer, die Nachbarn, die Spielgefährten – überall zu Gast und nirgends zu Hause sein. Das Mitleid der übervollen Teller würgt das Kind. Aus zu vielen Fenstern findet es keine Ausblicke. Verweise und schlechte Noten bleiben folgenlos.

Ein Jahr später. Die Mutter kommt nach Hause, sehr dünn, irgendwie durchsichtig. Das Kind kennt die Fremde nicht und nicht seine unverhoffte Freude, die es Normalität nennen wird. Die Familie als Platz, den die Leere füllt mit streitenden Eltern und einem trotzigem Kind dazwischen.

© 2017 by Andrea Stefan. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine ansprechend lakonische Miniatur mit kleineren Schwächen
Die jedoch sind – bis auf den Schluss – eigentlich mühelos zu beheben.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Satz fällt aus dem gesteckten Rahmen, da er nicht vollständig ist! Das wäre leicht zu ändern: Eltern rufen laut ihre Zöglinge, auch aus dem 10. Stock. zurück

Zwischen dem Unkraut – das funktioniert nicht, denn dann wären die Kinder zu sehen, da die Unkräuter nur um sie herum wüchsen, wohingegen sie im Unkraut besser verborgen wären! zurück

Das heißt einfach nur Petticoats – schließlich gibt keine Petticoathöschen für männliche Kinder! zurück

Aufs Neue steckt bereits in Jeden Sonntag das Altbekannte, kann also gestrichen werden. zurück

In meiner Erinnerung hieß der Satz »Was sollen denn die Leute denken!« zurück

Hier fehlt mir ein Zusammenhang, nämlich wie denken die Leute? Ich würde diesen Satz streichen, er fügt nichts Erhellendes hinzu. zurück

Sie kann sie – das holpert: Wer denn wen? Vorschlag: Sie kann Murle nicht hinüber retten in ihr richtiges Leben. zurück

Wer möchte gerne tauschen? Und was wofür? Ich verstehe diesen Satz inhaltlich nicht und empfehle deswegen eine ersatzlose Streichung! zurück

Gibt es auch klaren Brei? Eben! Weg mit dem Adjektiv! zurück

Da es keine unplötzlichen Unfälle gibt, ließe sich der Satz folgendermaßen bereinigen: Dann ein Unfall, der alles verändert. zurück

Diesen Absatz verstehe ich nicht, deshalb kann ich ihn auch nicht korrigieren! Wer kennt hier wen nicht: Das Kind nicht die Mutter oder die Mutter nicht das Kind? Erlebt das Kind eine unverhoffte Freude oder die Fremde? Wer nennt diese unverhoffte Freude Normalität? Wieso füllt die Leere einen Platz? zurück

© 2017 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.