Textkritik: Fragwürdigen Zeichensetzung bei streng katholischem Elternpaar

Sag mir doch, wohin du gehst,

womit ich dich erreiche,

ist dir die Freundschaft nicht genug,

wird’s nötig, dass ich weiche.

Für etwas, dass als Liebeslohn,

gemeinsam uns beglückte,

gewachsen ist in deinem Leib,

als Elternpaar uns schmückte.

Wenn auch die Zeit es nicht vermag,

Glück dauerhaft zu binden,

das neue Leben als Beweis,

wird immer von uns künden.

© 2017 by Bodo Hinse. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine inhaltliche Müllhalde

Die Kritik im Einzelnen

Die erste Strophe wirft eine Menge Fragen auf, und das ist ausnahmslos der fragwürdigen Zeichensetzung zu verdanken!

Man darf davon ausgehen, dass eine SIE gerade dabei ist, einen ER zu verlassen, und ER wissen will, wohin sie geht. Eine Antwort gibt es nicht, also will er ersatzweise wissen, womit er sie erreichen kann: Auto? Telefon? Handy? Der Hirni scheint nicht einmal die Handynummer seiner Fast-Ex zu kennen!

Es folgt die rätselhafte Zeile ist dir die Freundschaft nicht genug: Ist das eine Frage? Oder eine einschränkende Bedingung: Wenn dir die Freundschaft nicht genug ist – das ändert aber den Sinn! Die letzte Zeile ist inhaltlich nicht zu retten: SIE geht doch weg, wieso sollte ER dann weichen? Oder soll er ausweichen und sie vorbeilassen?

Es folgen jetzt zwei verständlichere Variationen der ersten Strophe mit geänderten Satzzeichen, aber dem inhaltlichen Unfug der letzten Zeile:

Sag mir doch, wohin du gehst

und wie ich dich erreiche!

Ist dir die Freundschaft nicht genug?

Wird’s nötig, dass ich weiche
?

Sag mir doch, wohin du gehst

und wie ich dich erreiche!

Ist dir die Freundschaft nicht genug,

Wird’s nötig, dass ich weiche
. zurück

Das Rätselraten geht weiter, denn jetzt folgt ein unvollständiger Satz, der eine Antwort geben soll auf die Frage, wem oder was ER weichen soll: Er soll weichen – also Platz machen – Für etwas, dass als Liebeslohn, / gemeinsam uns beglückte – zwei Fehler: Für etwas, das als Liebeslohn gemeinsam uns beglückte. Und inhaltlich? Offenbar handelt es sich um ein streng katholisches Elternpaar, das beim Akt ausschließlich an die Erzeugung eines Kindes dachte, was dann in Mutterleib heranwuchs und die beiden als Elternpaar schmückte.

Nanu? Das bedeutet doch, dass ER genau diesem Kind weichen soll, sich also überhaupt nicht mit dem Kind schmücken kann! zurück

Geht’s noch? Jetzt bedauert ER, dass die Zeit das Glück nicht dauerhaft binden könne? Wozu soll denn gefesseltes Glück gut sein? zurück

Frau weg samt Kind – wir erinnern uns: ER ist ja dem Beweis gewichen – und jetzt glaubt dieser Hirni allen Ernstes, dass dieses Kind als Beweis herumläuft dafür, dass es Eltern hat? zurück