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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 11. März 2002 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleBrilleKeine BrilleKeine Brille

Ein großer Junge

von Eva Flug

Irgendwann wurde Atemlos kriminell. Das war kurze Zeit, nachdem er in den Kellerverschlag gezogen war. Über ihm türmten sich 28 Stockwerke grauer Plattenbau, unter ihm lag, soviel er wusste, nur noch der Mittelpunkt der Erde aus kochender Lava und anderem Geschleime. Manchmal dachte er nach. Dann lag er auf dem Rücken auf der alten Matratze und starrte an die rissige, von Ruß geschwärzte Betondecke über seinem Körper. Meistens kaute er dabei auf einem Streichholz, weil er dann besser denken konnte, oder auf seiner Unterlippe, wenn er kein Streichholz zur Hand hatte, oder auf einer geschnorrten Kippe, obwohl er Nichtraucher war.
Er dachte an alles Mögliche: Daran, wie Scheiße er diesen stinkenden Keller fand, daran, was für ein Arschloch sein Vater, der alte Penner war, ihn einfach vor die Tür zu setzen – er war doch erst vierzehn – Alter, was für ein Drecksack, er dachte auch an seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, die geweint und die Hände gerungen hatte. Er hatte nicht einmal zurück geschaut, hatte sie einfach stehen lassen, mit ihren Tränen, er konnte es nicht leiden, wenn sie anfing zu heulen, verdammt, sie wusste das ganz genau, und was konnte er schließlich dafür, er hatte nichts getan, oder jedenfalls fast nichts.
Eine von den Ghettoschlampen war schwanger, na und? Konnte doch von jedem sein, die ließen sich doch auf jeder Tischtennisplatte flachlegen, die ließen doch jeden ran. Dann dachte er an die geilen, fetten Titten, die wie Wackelpudding hin und her wippten, wenn er sie richtig stieß, und an die harten Brustwarzen, die er so lange gekniffen und gezogen hatte, bis sie schrie. Er dachte auch daran, wie leicht sie sich von hinten nehmen ließ, wie sie den geilen Arsch hochreckte und ihn mit beiden Händen für ihn aufhielt, damit er sie richtig tief ficken konnte. Dann hörte er auf zu denken und beschäftigte sich nur noch mit seinem steifen Schwanz, sah nur noch die Bilder, die ihn aufgeilten, sah noch mehr Schlampen, die sich ihm anboten, spritzte in Ärsche und offene Münder und heiße aufgequollene Fotzen, bis es ihm kam. Danach fing er von vorne an. Er konnte das stundenlang machen, wie im Rausch. Er konnte alles um sich vergessen, sogar das scheiß Rattenloch, in dem er lag, sogar die versiffte Matratze und die miefige Kälte, die sich jetzt im November tief in sein Knochenmark fraß.
Wenn er fertig war, war die Matratze noch ein Stück versiffter und die Wände noch ein Stück verschleimter, aber seine Hände waren warm und sein Kopf war leer und das war gut so. Manchmal machte er eine Dose Bier auf, oder zwei, er war kein großer Trinker, und dann ging er raus und traf die anderen Jungs. Er erzählte ihnen nichts von dem Keller, das war ihm peinlich, trotz allem. Manchmal sah er seine Schwestern von weitem, dann versteckte er sich schnell, damit sie nicht zu ihm gelaufen kamen und ihn irgend etwas fragten, was er nicht beantworten konnte. Sie waren zu klein, um zu verstehen. Er war total cool, hatte jede Menge Spaß mit den Jungs – und er überlebte allein, er brauchte keinen Menschen. Er war einfach nur total cool.
Wenn es dunkel war in seinem Keller, dachte er an die Mutter und die kleinen Schwestern, aber er fing nie an zu heulen, Männer heulen nicht. Er übte Schießen mit den Jungs, zuerst lieh er sich was, dann zog er los und besorgte sich was Eigenes. Jetzt war er schwer bewaffnet und gefährlich, jetzt war er wer, keiner konnte ihm Angst einjagen, keiner schüchterte ihn ein. Er war ein großer Junge. Nachts kaute er manchmal auf seiner Unterlippe und starrte an die Decke. Aber er heulte nicht.

© 2002 by Eva Flug. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der Text hat nur 1 Problem: Er hat kein klares Ziel! Er schwankt zwischen einer Einsamkeits- und Verzweiflungsstudie (was ich für den starken Teil halte) und der Genese einer kriminellen Laufbahn (die außer in einer Absichtserklärung wenig Boden hat).
Deutlich wird: Eva Flug weiß etwas zu erzählen, und sie kann es auch. Im Schreiben steckt viel Handwerkliches – Schriftsteller fallen bekanntlich nicht vom Himmel, und wenn doch, dann sind sie tot.

Die Kritik im Einzelnen

Gibt das den beschränkten Geisteszustand von Atemlos wieder, dass er kochende Lava für etwas Schleimähnliches hält? Soll das einen Zusammenhang herstellen zu dem späteren Spermaschleim? Ich würde das einfach streichen, da es nichts deutlich macht! Auch den Mittelpunkt der Erde würde ich verschwinden lassen, denn das ist nur ein imaginärer Ort: kochende Lava unter der Matratze genügt vollauf! zurück
Lag er tatsächlich nur dann rücklings auf der Matratze, wenn er dachte? Oder war es nicht eher so, dass er manchmal auch nachdachte, wenn er rücklings auf der Matratze lag? Im letzteren Falle würde ich das auch so formulieren (s.u.) zurück
Eine Betondecke befindet sich normalerweise immer oben, wenn von einem Raum die Rede ist: wozu diese Betonung? Im Zusammenhang würde ich folgendermaßen verbessern:
. unter ihm gab es, soviel er wusste, nur noch kochende Lava. Wenn er mit dem Rücken auf der alten Matratze lag, dachte er manchmal nach. Dann starrte er an die rissige, von Ruß geschwärzte Betondecke; meistens. zurück
Umgangssprache hin, Jargon her: hier ist ein Adjektiv verlangt; also macht man aus Scheiße ein Adjektiv (also scheiße) oder nimmt ein richtiges, nicht minder umgangssprachliches: beschissen. zurück
Dem Vater werden vom Jungen drei Attribute zugeordnet: Arschloch, alter Penner, Drecksack; das ist weder eine Steigerung noch ein Gefälle (gefällt mir nicht: Klimax und Antiklimax klingt aber auch nicht viel besser), zumal sich der Junge selbst als Alter begreift und entsprechend anquatscht. Bescheidene Anfrage: reicht hier nicht ein einfaches Arschloch? Ich sehe nicht, was die beliebige Aneinanderreihung von Beschimpfungen leisten soll. zurück
Es heißt zu Beginn dieses Abschnittes, dass er an alles Mögliche dachte: warum dann die Mutter durch auch betonen? Streichen! zurück
Wenn er nicht zurückgeschaut hat – woher will er dann wissen, dass sie geweint und die Hände gerungen hat? Also muss er zurückgeschaut haben! Ärgerlich, dass diese Mutter über das Mütterklischee nicht hinauskommt: Händeringen und Weinen als elementare Lebensäußerung… Das hat der Text nicht verdient! zurück
Ist das ein heimliches Eingeständnis einer vielleicht doch irgendwie vorhandenen Teilschuld an der Situation? War Vater vielleicht doch kein richtiges Arschloch, sondern nur ein bisschen? Das weitere Verhalten des Jungen macht das unwahrscheinlich – also weg mit dem blinden Motiv!
Rückblickend auf den Abschnitt lässt sich sagen, dass der Junge hier gerade nicht an alles Mögliche dachte: er denkt zunächst vor allem an seine Eltern, also müsste es anders formuliert werden! Ich wage einen Verbesserungsvorschlag für den ganzen Abschnitt:
Er dachte z.B. daran, wie beschissen er diesen stinkenden Keller fand, daran, was für ein Arschloch sein Vater war, ihn einfach vor die Tür zu setzen – er war doch erst vierzehn, er dachte an seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, er hatte sie einfach stehen lassen, er konnte es nicht leiden, wenn sie anfing zu heulen, verdammt, sie wusste das ganz genau, und schließlich hatte er nichts getan. zurück
Da der Junge hier offenbar Teile einer konkreten Ghettoschlampe plastisch erinnert und er wohl nicht direkt die Titten »gestoßen« hat, würde ich statt die hier ihre anraten: so bleibt die Person trotz allem erhalten. zurück
Wen eine Einzahl und eine Mehrzahl mit 1 Verb verknüpft werden sollen, macht das immer Verständnisprobleme; hier ist die Lösung einfach: Aus Wände wird Wand – und schon funktioniert der Satz (abgesehen davon, dass es realistischer ist.)! zurück
Ab hier fällt die Erzählung auseinander: Dass er sich vor seinen Schwestern versteckt, ist nachvollziehbar, aber dass er sich selber sagt, er sei cool – das nehme ich ihm nicht ab! Solche Dinge sagen Kinder nur zu anderen als Abwehr und Schutz, nicht zu sich selbst… zurück
Dass er nachts immer an Mutter und Schwestern denkt, überrascht: er denkt doch laut Textvorlage an alles Mögliche, und die Schwester kommen in seinen ersten Gedanken (s.o.) überhaupt nicht vor. zurück
Warum er Schießen übt, bleibt genau so unerklärlich wie die Rolle seiner Kumpels – es gibt keinerlei Hinweis, warum er jetzt kriminell werden sollte (damit begann ja die Geschichte): Nur weil er zu Hause rausgeschmissen wurde, er seinen Vater für ein Arschloch hält, sich vor seinen Schwestern versteckt und stundenlang vor sich hin wichst, statt die Ghettoschlampen zu benutzen, die ja wohl immer noch da sind und allzeit bereit?
Da bleibt nur eines: rigoros streichen, und zwar bis zum Schluss. Folgendes vermag ich noch zu retten:
Sie waren zu klein, um zu verstehen. Er war ein großer Junge, er brauchte keinen Menschen. Nachts kaute er manchmal auf seiner Unterlippe und starrte an die Decke. Aber er heulte nicht.
Da das Kriminell-Werden keinen Bezug zur Erzählung hat, sollte es am Anfang gestrichen werden, genau wie der ungeklärte Spitznamen Atemlos. Der erste Satz könnte lauten:
Er hasste den Kellerverschlag – oder wenn es unbedingt einer erläuternden Situationsbeschreibung bedarf: Vor Kurzen war er in den Kellerverschlag gezogen. So würden keine Erwartungen geweckt, die der Text nicht erfüllen will und kann. zurück

© 2002 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.