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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 15. September 2003 | Textart: Lyrik
Brillen: BrilleBrilleBrilleBrilleKeine Brille

Ein Besuch

von Max Koß

Wir kamen in weißen Kleidern
zu deinem Grab.

Wir legten den Strauß Lilien sanft
und weilten in lächelndem Schweigen.
Der Spatz saß da, ein Wind
rauschte durch die Krone sommerlicher Herrlichkeit.
Tränen deinen Glückes
liefen über unsere Wangen.
Unsere Herzen umarmten einander.
Du schicktest zwei Wolken,
wolkigst auf blauem Grund.
Du nicktest.

Wir kamen in weißen Kleidern
zu deinem Grab.

© 2003 by Max Koß. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein wunderschön leichtes Gedicht mit überraschenden Bildern, die Spiel lassen für eigene Assoziationen.
Es ist nur ein Weniges zu lang geraten…

Die Kritik im Einzelnen

So etwas ist in unseren Breiten überraschend; doch ich erinnere mich dabei an Griechenland, wo ich in den 60er Jahren Zeuge einer Beerdigung wurde, anlässlich der alle Personen weiß gekleidet waren (während sie im täglichen Leben zumindest dunkle Farben trugen). In diesem Gedicht geht es offenbar nicht um Trauer im herkömmlichen Sinn. zurück
Lilien stehen als Symbol für: Licht, Reinheit, die Hingabe an Gott, Jungfrau Maria, Jungfräulichkeit, Dreieinigkeit – und vor dem Christentum waren sie bekannt als Phallussymbol. Auf das Grab wird gleich ein ganzer Strauß davon gelegt. Da möge sich jeder das für ihn Passende aussuchen, auch wenn es einfach nur die schönen Blumen sind… zurück
Diese beiden Zeilen stören mich heftig: wir haben (mindestens) zwei Personen, die das Grab einer anderen Person bzw. genau diese Person besuchen. Alles andere im Gedicht hat mit dieser Begegnung zu tun, nur der Spatz nicht und der Baum, auf dem er sitzt! Hier droht das Gedicht in die seichten Gefilde des Kitsches zu geraten wegen der Natursymbolik (der berühmte einfache Spatz in der Hand gegenüber der Krone und der Herrlichkeit): es ist pure Illustration. Ich jedenfalls würde diesen beiden Zeilen keine Träne nachweinen, denn das Gedicht würde durch eine Streichung an Dichte nur gewinnen. zurück
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eigentlich nicht deinen Glückes heißen soll, sondern deines Glückes: ich könnte keinen Grund finden, warum man das so schreiben sollte; vermutlich ist das einfach ein Fehler (eindeutige Fehler verbessere ich manchmal in den eingeschickten Texten stillschweigend, aber nicht immer: es könnte sich ja auch um eine regionale Besonderheit handeln, die mir unbekannt ist).
Überraschend: dass die beiden Besucher die Tränen des/der Toten weinen, und dass der/die Tote offenbar glücklich war, weil er/sie sterben durfte; das deutet auf ein großes Einvernehmen! zurück
Die beiden Wolken werden sogar optisch sichtbar durch die unmittelbare Koppelung Wolken-wolkigst. Sie werden als Botschaft der/des Toten begriffen, und zwar als eine positive.
Und mir steigen Erinnerungen auf an ein wunderbares Liebesgedicht von Brecht, Erinnerung an die Marie A. Leider darf ich es nicht abtippen, aber gegen ein Zitieren werden auch Brechts Erben nichts einwenden können; da heißt es am Ende der ersten Strophe: Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da. Die dritte Strophe beginnt: Und auch den Kuss, ich hätt ihn längst vergessen / Wenn nicht die Wolke dagewesen wär / Die weiß ich noch und werd ich immer wissen / Sie war sehr weiß und kam von oben her. zurück
Es ist jetzt unerheblich, wer nickt – es ist sogar überflüssig, dass jemand nickt, schließlich ist das Einverständnis bestätigt worden durch die beiden Wolken, die für mich die beiden Personen vertreten, die zum Grab gekommen sind – richtig: für mich ist das ein (Liebes)paar. Muss aber nicht sein. Wie auch immer, ich würde die Zeile streichen, da sie der Wolkenmetapher die Kraft nimmt. zurück
Die beiden Anfangszeilen werden wiederholt, das Gedicht wird rund; ich Frage mich aber, ob diese Form in diesem Falle wirklich nötig ist, denn die Bestätigung ist erfolgt, die beiden haben ihren Segen bekommen, der Gang zu Grab ist erfolgreich abgeschlossen, muss also nicht wiederholt werden. Ich setze den Text jetzt einfach mit meinen Kürzungsvorschlägen an den Schluss:

Der Besuch

Wir kamen in weißen Kleidern
zu deinem Grab.

Wir legten den Strauß Lilien sanft
und weilten in lächelndem Schweigen.
Tränen deinen Glückes
liefen über unsere Wangen.
Unsere Herzen umarmten einander.
Du schicktest zwei Wolken,
wolkigst auf blauem Grund
.

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