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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 10. März 2010 | Textart:
Brillen: BrilleBrilleBrilleKeine BrilleKeine Brille

Das Kuhmädchen

von Margot S. Baumann

Franziska steckte bis zu den Ellenbogen im warmen Schweineblut, als es klingelte. Sie runzelte die Stirn. Hatte der Metzger etwas vergessen? Sie schaute zur Fensterbank, doch der Schussapparat war weg. Ein schneller Blick durchs halbblinde Stallfenster brachte ebenfalls keine Erkenntnisse. Es kamen selten Leute auf die Kleematt, die sich zuhinterst im Emmental befand und auf einer kleinen Hügelkuppe lag. Ringsum erstreckte sich Mischwald und saftige Waldwiesen, die mit einfachen Holzzäunen eingefasst waren. An den steilen Hängen wuchs das Gras hüfthoch. Zu dieser Jahreszeit grasten Kühe, Schafe und Ziegen an den abschüssigen Böschungen, trampelten dabei regelmäßige Pfade in den Boden, die den Berghängen das Aussehen grüner Pyramiden verliehen. Manchmal verirrten sich sogar ein paar Touristen an den abgelegenen Ort, wo Fränzi Zaugg seit ihrer Kindheit wohnte. Wenn man im Tal unten falsch abbog, kam man auf die Kleematt anstatt in die Schlucht, die sich über eine Länge von drei Kilometern in die Felswände eingefressen hatte und weit über die Landesgrenze hinaus bekannt war. Besagte Kluft hatte im letzten Jahrhundert eine zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Eine ausländische Adelige war über die dortige Felswand gestürzt und in den tosenden Fluten des Wildbachs ertrunken. Man munkelte, dass sich das adlige Fräulein von einem Stallknecht hatte schwängern lassen und, um der öffentlichen Schande zu entgehen, nur noch diesen Ausweg gesehen hatte. Vermutlich aber war die Dame einfach in ihren Stöckelschuhen auf dem unwegsamen Gelände gestolpert und unglücklich gestürzt. Aber das Gerücht des romantischen Selbstmordes hielt sich hartnäckig und bescherte der Region deshalb über die Jahre hinweg einen steten Zustrom potenzieller Liebeskummer geplagter Nachahmerinnen. Franziska gab dem Tierkörper, der an einem langen Seil an einer Handwinde befestigt war und träge über dem Abfluss baumelte, einen Klaps auf die rosige Schwarte und ging zum gemauerten Trog hinüber. Mit dem Ellbogen betätigte sie den Hahn und wusch sich mit dem eiskalten Wasser das Blut von Armen und Händen. Da kein Handtuch in Reichweite lag, trocknete sie die Finger an ihren Jeans ab und zog sich die blutige Gummischürze über den Kopf. »Gopf!«, murmelte sie missmutig, »man kann auch nichts fertig machen!« Sie öffnete die Stalltür und linste zum Hauseingang hinüber. Dort, zwischen den vertrockneten Geranien, die eigentlich schon längst auf den Mist gehörten, stand Heinz, der Postbote. Er hatte die Hände seitlich ans Gesicht gelegt und spähte durchs Wohnzimmerfenster. Franziska seufzte, hoffentlich kamen keine weiteren Rechnungen. »Ich hab ein Einschreiben für dich«, sagte er, als er sie erblickte, und hielt ihr einen weißen Umschlag unter die Nase. »Aus Deutschland«, fügte er hinzu. »Ich kenne niemanden aus Deutschland«, brummte Franziska. Sie schob den Brief, nachdem sie den Erhalt quittiert hatte, in die Gesäßtasche ihrer Jeans. An Heinz’ enttäuschtem Gesicht merkte sie, dass er vermutlich gerne gewusst hätte, was in dem Schreiben stand. Doch sie hatte keine Lust, ihm diesen Wunsch zu erfüllen, und nach ein paar schweigsamen Sekunden tippte er sich an die Stirn. »Na dann, schönes Wochenende.« Franziska nickte. Ihr war nicht nach Reden, die Sau musste eingetütet werden. Heinz schwang sich achselzuckend auf sein Moped, trat in die Pedale und fuhr dann im Leerlauf die Naturstraße hinunter. Franziska blinzelte in die strahlende Herbstsonne. Vom Bauernhof aus hatte man einen weiten Blick übers Tal. Im Herbst, wenn in den Niederungen der Emme der Nebel hockte und die gerundeten Hügel sich wie Frauenbrüste der Sonne entgegenstreckten, kamen Wanderern oft der Gedanke, dass Gott hier etwas mehr Schönheit zurückgelassen hatte als anderswo. Doch Franziska hatte keinen Blick für den Liebreiz ihrer Heimat. Seit ihre Eltern gestorben waren, musste sie den kleinen Hof ganz allein führen. Der Betrieb warf aber nur Geld ab, wenn man ihn ordentlich bewirtschaftete, und das war der zierlichen 24jährigen kaum möglich. Daher verrosteten die Landmaschinen, die Felder verwilderten, und nahezu der gesamte Tierbestand war verkauft worden. Lediglich ein paar Schweine und zwei alte Kühe waren Franziska geblieben. Dazu eine Bande halbverwilderter Katzen und der alte Berner Sennenhund Hannibal. Die Blätter der Laubbäume hatten sich bereits herbstlich verfärbt und verwandelten den Wald in einen bunten Flickenteppich. In den Bergen war schon der erste Schnee gefallen. Bald würde es auch bis ins Tal hinab schneien. Doch im Moment war noch Herbst, und Franziska schob die Gedanken an die dunkle Jahreszeit beiseite. Zwar wartete die tote Sau im Stall auf sie, aber die Neugier auf den Brief war jetzt größer. Und da das Schwein ja schon tot war, würde es sich sicher noch etwas gedulden können. Fränzi setzte sich auf die Holzbank vor der Haustür, streckte die Beine in den blutigen Gummistiefeln weit von sich und zog den Briefumschlag hervor.

© 2010 by Margot S. Baumann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das würde ich gerne weiterlesen – wenn es überarbeitet ist!
Schreiben ist auch Arbeit, ist auch Handwerk. Und die offenen Augen eines anderen sehen manches, was beim Schreiben übersehen wird: Denn man weiß in der Regel, was man schreiben will – und liest entsprechend.

Die Kritik im Einzelnen

Hoppla: Was geht da ab? Franziska kopfüber eingeklemmt? Halbkörper-Kneippen in Schweineblut? Oder badet sie darin, und nur ihre Arme ab Ellenbogen ragen unbefleckt über den Blutspiegel, weil sie sich die Finger nicht schmutzig machen will?
Offenbar stecken nicht vielerlei Teile von Franziska im Gefäß, sondern lediglich ihre Arme bis zum Ellenbogen, vermutlich beim Blutrühren, damit es nicht klumpt (das weiß ich seit Claudia Schreibers herrlichem Roman »Emmas Glück«). zurück
Hier muss ich weit vorgreifen: Es ist der Postbote! Warum ihr der hier nicht einfällt, obwohl sie sich fürchtet vor dem, was er bringen könnte, und er eigentlich ein quasi »normaler« Besucher ist, bleibt mir rätselhaft.  zurück
Jetzt muss der Leser Franziska verlassen, wie sie da Blut rührend steht: zugegeben, das dauert eine Weile. Es hat aber geklingelt! Stattdessen folgt jetzt eine längere Beschreibung der Umgebung – warum auch nicht; aber warum hier? Warum beginnt der Romananfang nicht mit dieser Beschreibung? Die ist doch gelungen! Franziska kann auch noch später eingeführt werden, passt da auch viel besser (ich komme darauf zurück). zurück
Als Lektor würde ich aus erstreckte ein erstreckten machen, da Mischwald + Waldwiesen = mehrerlei; den angehängten Relativsatz würde ich in eine Partizipialkonstruktion verwandeln, um den Satz ruhiger (Naturbeschreibung!) zu machen und das mögliche – wenn auch nicht nahe liegende – Missverständnis zu vermeiden, der Mischwald sei ebenfalls eingezäunt: Ringsum erstreckten sich Mischwald und saftige, mit einfachen Holzzäunen eingefasste Waldwiesen. zurück
Wie Kühe durch regelmäßiges Trampeln auf den Boden Berghängen das Aussehen von grünen Pyramiden verleihen können sollen, übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Einen Berghang stelle ich mir im Prinzip nicht dreidimensional vor, aber eine Pyramide sehr wohl: Das macht unschöne Knoten im Hirn … ließe sich auf den Relativsatz nicht verzichten? zurück
Nanana – Schluchten fressen doch nicht! Doch selbst wenn sie es könnten, fräßen sie sich nicht in Felswände: Das ergäbe dann notwendigerweise eine horizontale Schlucht! Und sich in etwas einfressen ist gedoppelt, da hinein ja schon die Richtung in beinhaltet! Wie viel einfacher ist es doch, den Wildbach hier bereits einzufügen: (…) die ein Wildbach über eine Länge von drei Kilometern in den Berg gefressen hatte. zurück
Hach, wer kennt sie nicht, die rieselnden Wildbächlein, in denen ab und zu Löwenzahnschirmchen um ihr zartes Nochnichtleben kämpfen … Wer bei Wildbach und Klamm nicht  automatisch an laut und tobend (eben: wild) denkt, dem ist nicht zu helfen. Alle anderen haben keinerlei Verwendung für die tosenden Fluten – das ist überflüssig, zu viel, mit einem Wort: Kitsch! zurück
Genau hier ist die Stelle, wo Franziska konkret auftauchen sollte! Denn die vermeintliche (oder auch befürchtete) Bergidylle bekommt durch das Fressen, den vermuteten Selbstmord und die potenziellen Nachahmerinnen einen eher morbiden Charakter, wozu wunderbar das Rühren im Blut passt! zurück
Wie soll Heinz sie erblicken? Die Stalltür führt doch hoffentlich nicht ins Wohnzimmer! Macht sie (Franziska, nicht die Stalltür!) sich bemerkbar? Schleicht sie sich an ihn ran? Da fehlt was – eine Kleinigkeit nur, aber die Genauigkeit verlangt es! Es wäre auch im Film ein unverständlicher Schnitt, wenn sie ihn von weitem und hinten sieht und er ihr dann unvermittelt einen Brief unter die Nase hält. zurück
Das muss kam heißen, denn da kommt nur ein Gedanke. zurück
Das finde ich grandios-hinterlistig: Lasen wir doch gerade erst, dass die gerundeten Hügel sich wie Frauenbrüste der Sonne entgegenstreckten – und jetzt danken (männliche?) Wanderer quasi Gott dafür – das ist meine absolute Lieblingsstelle in diesem Romananfang! Mehr davon! zurück
Schade – Jetzt wird die Hinterlist fachfraulich erlegt, und hervor quillt Florian Silbereisen: »Liebreiz der Heimat« – Darf denn der Leser keine eigenen Gefühle anlässlich der Bergwelt entwickeln? Besser wäre es, wenn es einfach hieße, dass Franziska dafür keinen Blick hatte, ohne dafür inhaltlich dermaßen festzunageln! zurück
Ach je, die Arme! So GAAAAAANZ allein – wäre da ein technisch alleinstehendes allein nicht viel neutraler? Könnte auf dieses ganz nicht ganz verzichtet werden? zurück
Diese Naturbeschreibung passt hier nicht: Wir sind bei Franziska, die sich aus Bildern wie Flickenteppich nichts macht (wenn man dem Erzähler glauben will)! Dass Herbst ist, wird drei Sätzlein weiter erneut gesagt. Ich würde diesen Satz ganz streichen! zurück
Schön: Franziska ist uns jetzt vertrauer, wir nähern uns ihr an – sie ist jetzt unsere Fränzi geworden! Zumal sie auch das Blut hat verklumpen lassen (sofern sie es überhaupt gerührt hat) und lieber dem (Fehl)Läuten der Glocke gefolgt ist! zurück

© 2010 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.