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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 5. Januar 2013 | Textart: Lyrik
Brillen: BrilleBrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Honigtage

von Renate Tank

Die Sonne schenkt ein strahlend Kleid der Erde
und breitet es auf großen Feldern aus.
Der späte Raps lässt alle Fluren leuchten,
die Augen laben sich an diesem Schmaus.

Der gelbe Traum, er lässt einfach nicht los.
Ich möchte hier mein Menschsein überwinden
und einfach fliegen über diesen Gründen,
die mich so locken in den gelben Schoß.

© 2012 by Renate Tank. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich sauber, inhaltlich schief.
Da kann jemand reimen und weiß auch mit dem Metrum umzugehen. Aber inhaltlich und sprachlich holpert es heftig – aber es ist auch schwer, noch Naturgedichte zu ersinnen, die neue Sichtweisen ermöglichen: Dieses Feld ist gründlich abgeerntet!

Die Kritik im Einzelnen

Das nennt man »schiefes Bild«: Wenn die Sonne der Erde ein strahlendes Kleid schenkt, dann müsste dieses Kleid Tag und Nacht strahlen, somit gäbe es keinen Tag mehr, da es keine Nacht mehr gäbe, die Wörter hätten ihren Sinn verloren, die Erde würde ja quasi selbst zur Sonne! Nun gut, mag man einwenden: Die Erde zieht das Kleid ja gar nicht an, sondern die Sonne breitet es aus auf großen Feldern – was immer auch ein großes Feld sein mag: Sind hundert Hektar groß genug, um den Ehrentitel großes Feld verpasst zu bekommen? Ach so, groß sind sie erst ab 112 … Nun ja, da habe ich mich getäuscht! Darf es auch eine Menge kleiner Felder sein, oder haben die keinen Anspruch auf das radioaktive Kleid? Aha, keinen Anspruch … na, meinetwegen.

So viel zu dem hilflos stümpernden Adjektiv groß. Damit sind das radioaktiv verseuchte Kleid und das Geschenk aber noch nicht gerettet! Vorschlag: Belassen wir doch der Sonne ihr Strahlenkleid, man muss nicht alles neu erfinden – das Wort strahlend hingegen hat spätestens seit Fokushima eine fiese Nebenbedeutung! Wie wäre es z. B. so:

Die Sonne senkt ihr Strahlenkleid zur Erde
und breitet es mit weiten Schwüngen aus.

Bevor jemand laut meckert: Ich bin mit der zweiten Zeile überhaupt nicht zufrieden, habe aber keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen – das Verfassen von Naturgedichten ist nicht mein Metier. Hauptsache, die großen Felder sind eliminiert! zurück

Ja da schau her: Die Sonne hat ein strahlendes Kleid auf einem Dingsbums-Feld ausgebreitet, und jetzt lässt der späte Raps alle Fluren leuchten? Haben die Strahlungen des Kleides ihn etwa radioaktiv verseucht, so dass er stellvertretend zu ihm leuchten lässt alle Fluren – also alle nutzbaren Feldflächen?– Das wäre gewiss eine stattliche Menge! Warum muss es denn immer so gewaltig und groß sein? Alle Fluren? Ist 1 nicht genug? Das passiert wohl, wenn des Metrums oder des Reimes wegen gedankenlos Adjektive reingestopft werden, die halt irgendwie passen.

Jetzt wird der gute alte Augenschmaus getrennt und auf Schmaus mit laben noch einer draufgesetzt: Egal welcher Schmaus, da gehört sich laben einfach automatisch dazu, da muss nicht nochmals drauf gepocht werden. Wobei die Vorstellung von genüsslich schmatzenden Augen auch was für sich hat …

Von mir aus dürfen sich die Augen an diesem Schmaus weiden. Aber das macht die missglückte erste Strophe kaum besser. zurück

An dieser Strophe lässt sich nicht viel aussetzen – bis auf die Frage, warum das lyrische ich über diesen Abgründen fliegen möchte, wo der der gelbe Schoß so lockt: Was hindert es denn daran, hinein zu gehen und zu genießen? Warum muss hier das herrliche Menschsein so mühselig überwunden werden? zurück

© 2013 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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