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Textkritik: Beklemmend, stimmig – vielleicht ein Anfang

Veröffentlicht von Redaktion am 5. September 2013 @ 10:20 in Textkritik | Kommentare deaktiviert

Die Knöpfe waren aus Perlmutt. Hätte die Bluse keine Knöpfe gehabt, dann wäre das alles nicht passiert. Manchmal wünschte Luise, sie hätte die Finger von der Bluse [1] gelassen. Es war Mai und schönster Frühling, aber auch das war keine [2] Entschuldigung. Sie war gerade dabei, die Kaschmirpullover nach Größen zu sortieren und zu ordentlichen Stapeln aufzutürmen, zum dritten Mal an diesem Vormittag. Da stand plötzlich Frau Witte neben ihr und forderte [3] Luise auf, sich zu den Personalräumen zu begeben. Es sei dringend, sagte sie, und ihre Augen blitzten bösartig, obwohl sie mit den Lippen lächelte; das konnte nichts Gutes [4] bedeuten. Vor ihrem Spind standen zwei Herren, die dort definitiv nichts zu suchen hatten. Dieses war der Pausenraum für die Verkäuferinnen. Hier bewahrten sie nicht nur ihre Siebensachen auf, sondern führten auch die wichtigsten Gespräche, tauschten die neuesten Nachrichten aus und meckerten über Kollegen, die sie nicht leiden konnten. »Hallo, Frau Barringa!« begrüßte sie der Personalleiter, obwohl sie sich an dem Tag schon begegnet waren. Er war ungefähr in dem Alter ihres Sohnes und trug im Geschäft nichts anderes als graue Anzüge – tagein, tagaus denselben Schnitt und dieselbe Farbe. Auch seine Haare sahen immer gleich aus, [5] obwohl er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete. Einmal war sie ihm in der U-Bahn begegnet und hatte ihn in seiner Freizeitkleidung fast nicht erkannt. Doch heute war er wieder wie aus dem Ei gepellt und erinnerte sie an einen Fußballspieler, der aus Versehen eine Krawatte trug. Neben ihm stand Charlie, der Sicherheitsmann, dem sie kürzlich noch dabei geholfen hatte, ein Formular für seine Steuererklärung auszufüllen. Er war zwar nicht der Gescheiteste, aber immer freundlich. Umso befremdlicher fand sie es, dass er sie jetzt nicht ansah, sondern ohne jegliche Befugnis an ihrem Spind [6] herumfummelte. »Was soll denn das?« fragte sie, obwohl sie es schon ahnte. »Würden sie das bitte einmal aufmachen?« bat sie der Personalleiter in einem höflichen und zugleich strengen [7] Ton. Er gab Charlie durch eine Handbewegung zu verstehen, dass er von der Tür zurücktreten solle, was dieser nur widerwillig tat. Sie fingerte das Bändchen mit der Chipkarte aus ihrem Halsausschnitt und steckte die Karte in den Schlitz, so dass der Spind mit einem knackenden Geräusch aufsprang. Dann trat sie selbst zwei Schritte zurück und stellte sich neben Charlie, während der Personalleiter nach der Tüte griff und hineinschaute. Er sah erst Charlie an und dann sie. In diesem Moment betrat Frau Witte den Pausenraum und ihr billiges Parfüm schlug Luise sofort auf den [8] Magen. »Danke, Charlie, ich brauche Sie nicht mehr!« sagte der Personalleiter und wandte sich dann Luise zu: »Sie dürfen wieder abschließen, Frau Barringa, und dann folgen Sie mir bitte!« Auf dem Weg zu seinem Büro, das sich zwar auch im dritten Stock, aber am anderen Ende des Flurs befand, biss sie die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Übelkeit an, die es ihr unmöglich machte, ein Wort herauszubringen. Sonst hätte sie vielleicht schon laut protestiert oder dem Kerl die [9] Meinung gesagt, aber das ging nicht und sie trottete ihm hinterher wie ein Lamm dem Mutterschaf. Er hielt ihr die Tür auf und deutete auf den Besucherstuhl. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Er leerte die Tüte über seinem Schreibtisch aus und das Corpus delicti kam zum Vorschein. Bei der folgenden [10] Unterredung lag die Bluse mit den Perlmuttknöpfen zwischen ihnen, und sie konnte nur mit Mühe den Reflex unterdrücken, das feine Material hochzuheben und auf den Bügel zu hängen, der ebenfalls aus der Tüte gefallen war; Seide knitterte doch so leicht. »Tja, Frau Barringa …« begann der Personalleiter, machte jedoch keine Anstalten, seine Rede fortzusetzen, als sprächen die Tatsachen für sich. Entweder genoss er diese Situation, oder sie war ihm genauso peinlich wie ihr – sie wusste es nicht. Ihre Eingeweide spielten verrückt. »Möchten Sie vielleicht etwas sagen?« »Mir ist schlecht!« »Kann ich Ihnen etwas bringen, ein Glas Wasser vielleicht?« »Danke, aber … ich wollte die Bluse nicht entwenden, wirklich nicht! Ich arbeite doch heute nur bis mittags und dann wollte ich sie bezahlen!« Der Personalleiter griff nach dem Preisschild, das mit einem Bindfaden an einem der Knöpfe befestigt war. Er seufzte, als fände er es schade, dass die Bluse nur fast bezahlt worden war. Oder nur fast gestohlen. War das nun Diebesgut oder hinterlegte Ware? Das lag jetzt an ihm. »Es tut mir leid, Frau Barringa, aber wir haben unsere Vorschriften! Sie wissen, dass Sie ein Kleidungsstück nur aus dem Verkaufsraum entfernen dürfen, wenn es an der Kasse registriert worden ist. So wie die Dinge liegen, müssen wir davon ausgehen, dass Sie diese Damenbluse stehlen wollten, und das können wir leider nicht hinnehmen. Ich muss Sie daher bitten, Ihren Arbeitsplatz zu verlassen und Ihre Chipkarte bei Frau Witte [11] abzugeben! Sie werden von uns ein Kündigungsschreiben erhalten, auf eine Anzeige werden wir vorläufig verzichten. Bis auf diesen Vorfall haben Sie sich nichts zu schulden kommen lassen, aber ich muss trotzdem ein Hausverbot aussprechen – so ist das nun einmal!« Ihr Magen zog sich rhythmisch zusammen und sie spürte das Blut hinter ihren Schläfen pulsieren, aber sie riss sich zusammen und erhob sich von dem Stuhl. Irgendwie gelang es ihr, den Flur aufrechten Ganges zu durchschreiten und sich in den Pausenraum zu begeben, wo sie unter den Augen von Frau Witte ihren Spind räumte und ihre Handtasche packte. Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch [12] und ihre Vorgesetzte nahm es wortlos an sich. Die Tüte, in der sich die fast gestohlene Bluse befunden hatte, diente als Tragetasche für ihren Kaffeebecher, ihre Nadeldose und Schminkutensilien. Den kleinen Spiegel legte sie an Heddas Platz neben die leere Frühstücksdose. Das war ihr Abschiedsgeschenk. Der Gedanke an ihre liebste Arbeitskollegin trieb ihr die Tränen in die Augen, aber solange Frau Witte neben ihr stand, würde sie nicht weinen – den Gefallen würde sie ihr nicht tun! Dieser hageren Frau mit ihrer Lederhaut und den kalten Augen gönnte sie nicht den kleinsten Triumph. Während Frau Witte sie mit einem selbstgefälligen [13] Gesichtsausdruck beobachtete, raffte Luise ihre Habseligkeiten zusammen und vermied jeden Blickkontakt. Dann verließ sie das Kaufhaus, in dem sie zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, durch die Hintertür.

© 2013 by [14] Meike Cuddeford. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.
[15] Zusammenfassende Bewertung

Eine stimmige Erzählung mit geringfügigen sprachlichen Mängeln.
Könnte nach Korrektur ein gelungener Anfang sein für einen Roman.

[16] Die Kritik im Einzelnen

[17] leider weit verbreitete, aber hilflos Spannung erzeugen wollende Einleitung – das kann alles komplett entfernt werden, ohne dass dem Text etwas fehlte: Niemand würde es vermissen! [18] zurück

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[7] Ton: #b07
[8] Magen: #a08
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[13] Gesichtsausdruck: #a13
[14] Meike Cuddeford: http://www.literaturcafe.de/nachricht-autor/?ID=13088
[15] Zusammenfassende Bewertung: #x1
[16] Die Kritik im Einzelnen: #x3
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