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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 22. August 2011 | Textart: Prosa
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Die Fliegende Spinne

von Bettina Ghasempoor

Ein silbriger Nebelstreifen hing tief über dem Boden und ein Bündel Lichtstrahlen ließ die Farben der Bäume und den dichten Grasteppich in einer bunten Wildheit erscheinen, dass jeder Augenblick wie ein kostbarer Atemzug erschien. Nichts als nackte Natur. Feucht. Kühl. Geheimnisvoll.

Er sah aus dem geöffneten Fenster und er sah nichts. Er wollte nichts sehen. Lieber ließ er die Trägheit gewähren, die sich in seinen alten Knochen breit gemacht hatte. Die Neugier und die Sehnsucht und die Lust, sie waren weit weg, er suchte weder nach ihnen, noch bedauerte er, dass sie sich schon vor Jahren davon gemacht hatten. Er kam auch gut ohne sie zurecht. Er wollte nur seine Ruhe, niemand und nichts sollten ihn in Aufregung versetzen und stören; so viele Gedanken hatten ihn in seinem Leben schon erregt und betrübt und verbittert. Er seufzte, zog die Decke glatt und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, bemerkte er es sofort. Links, unweit seines Armes krabbelte es lautlos auf der breiten Lehne des Sessels. Direkt neben ihm, auf seinem geliebten Sessel, bei Tageslicht! Was ihn aber besonders irritierte, war nicht die nur Tatsache wie unbeirrt und furchtlos dieses große Spinnentier die Lehne hinauf krabbelte und er, unfähig zu reagieren, es mit Entsetzen beobachtete, nein, das Erstaunlichste und Unglaublichste an dieser Begegnung war das Tier selbst, dieses Insekt, das er noch nie zuvor gesehen hatte und bestimmt einzigartig war. Diese Spinne, ja daran gab es keinen Zweifel, es war eine Spinne, und doch es war keine, denn es hatte Flügel! Gab es das tatsächlich, eine Kreuzung zwischen Spinne und Fliege? Er zerbrach sich den Kopf, um zu begreifen, was er sah und gleichzeitig stieg dieses Tier immer höher, kam seinen Schultern bedrohlich näher und er, es immer nur anstarrend, schaffte es gerade noch sich mit einer Linksdrehung nach vorne zu beugen, um zu sehen, wie es den obersten Punkt der Lehne erreichte und stehen blieb. Warum schlug er nicht danach? Warum tötete er nicht dieses Tier, das ihn ängstigte, aber gleichzeitig auch paralysierte. Warum reagiert er nicht? Es putzte seine Flügel, dann drehte es sich im Kreis, breitete die Flügel aus und, er hielt die Luft an, es flog tatsächlich los. Er vernahm nicht, wie er vermutet hatte, das laute Brummen eines Käfers, nein es war vollkommen lautlos und er starrte ihm hinterher, wie es zielsicher, ja fast elegant zum offenen Fenster hinausflog. Spinne und Fliege, Fliege und Spinne, sagte er sich immer wieder, das konnte doch nicht sein, und erst, als es nicht mehr zu sehen war, wachte er auf aus seiner Lethargie, warf die Decke zur Seite, sprang mit einem Satz zum Fenster, doch es war nicht mehr zu sehen.

Hatte er sich das alles nur eingebildet oder geträumt? Er blickte hinaus zum Waldrand und er sah das eigentümliche Spiel der Farben im Licht der Sonne. Rötliche Strahlen durchbrachen den Dunst des Morgens. Silbrige Fäden hingen in der Luft. Der Wind spielte mit ihnen, sie verfingen sich in den Ästen oder flogen weit davon. Er schaute hinaus, vernahm den Gesang der Vögel und auf einmal packte ihn die Erinnerung. Da war der Junge wieder, auf der Suche nach Abenteuer und Freundschaft, er sah ihn ganz deutlich und es war schön ihn wiederzusehen. Wo war er nur gewesen die ganze Zeit? Er sah den Jungen umher tollen, wagemutig; er war mit Freunden unterwegs, er flirtete mit Mädchen; er lachte, war unbeschwert, unternehmenslustig und niemand und nichts konnten ihn aufhalten.

Er atmete tief die frische Luft ein, verharrte am offenen Fenster, dann schloss er es und ging in den Flur. Er nahm seinen alten, warmen Anorak, seine Mütze; er öffnete den Schuhschrank und griff nach seinen Wanderschuhen, die noch genauso dastanden, wie er sie vor Jahren abgestellt hatte

© 2011 by Bettina Ghasempoor. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Stimmungerzeugenwollendes Wortgeklingel

Die Überschrift suggeriert was Besonderes, denn „Fliegende“ ist groß geschrieben – aber es ist nichts Besonderes, das Tier ist halt da bzw. gleich wieder weg, und ein alter Mann erinnert sich. Es geht wohl um einen Neubeginn oder Aufbruch oder einen vierten Frühling, ist letztlich auch egal: Das Beste an dieser Erzählung: Sie ist eine Fundgrube für Beispiele, wie man besser nicht schreibt, wenn man schreibt. Da lässt sich viel draus lernen – aber nur, wenn frau/man will) …

Die Kritik im Einzelnen

Was hat diese Naturbeobachtung denn mit einem kostbaren Atemzug zu tun – und was ist ein kostbarer Atemzug? Das muss ein ganz besonderer sein, z.B. der erste, nachdem man beinahe ertrunken ist! Aber niemand ertrinkt im Bodennebel Und was sind das für Augenblicke? Hechelt da jemand heftigst & ausdauernd? zurück

Ach ja, kostbarer Atemzug, geheimnisvoll feuchtnacktkühle Natur … stimmungerzeugenwollendes Wortgeklingel, das problemlos komplett gestrichen werden könnte, denn der alte Zausel, der jetzt gleich die Bühne betritt, sieht es ja nicht – und als er endlich aufsteht, wird das nochmals beschrieben! Konsequenz? Richtig! Weg mit dem ersten Absatz! zurück

So, jetzt wissen wir Bescheid über den Zausel, müssen uns keine Gedanken mehr machen aus dem Folgenden, vor allem keine Schlüsse mehr ziehen, ist ja alles ausgiebig breitgetreten, damit der Leser bequem über den roten Teppich schreiten kann: verbitterter alter Mann – was auch sonst! Klischee erfüllt, aber nicht mit Leben! Auch dieser Absatz kann folgenlos fehlen – niemand wir ihn vermissen! zurück

DAS wäre ein Anfang nach meinem Geschmack! Aus dem Seufzen lassen sich diverse EIGENE Schlussfolgerungen ziehen wie: traurig, bedrückt, unglücklich … was es dann wirklich ist, kann sich IM LESER entwickeln! zurück

Da sammelt sich allerlei Unfug an, der wohl so etwas wie Spannung erzielen soll, aber letztlich belanglos ist! Wieso sollte eine Spinne oder ein Insekt NICHT unbeirrt krabbeln? Was könnte daran denn erstaunlich sein? Und warum sollte Zausel erstaunt sein, dass er entsetzt ist? Passiert ihm das zum ersten Mal? »Mööönsch, früher habe ich so’n Viehzeugs immer geknuddelt, und jetzt bin ich entsetzt? Erstaunlich, erstaunlich!« Da sind heftige Kürzungen notwendig! Dazu aber gleich mehr! zurück
Och nein … Spinnen sind keine Insekten, sondern Spinnentiere! zurück

Gerade erst hat er sich eine Frage gestellt, er zerbricht sich also bereits den Kopf: Warum muss das denn jetzt nochmals betont werden? Wem ist damit gedient? Allenfalls vielleicht Serienschreibern, die eine bestimmte Zahl von Zeilen schinden müssen, um schnellstmöglich zu Geld zu kommen. zurück

Wie darf ich mir das vorstellen: Da liegt einer im Bett und dreht sich mit einer Linksdrehung nach vorne? Kann ich mir nämlich nicht vorstellen, da kriege ich 3D-Knubbel im Kopf! Das ist wie bei Escher! Wieso richtet er sich nicht einfach auf, ohne Spinnenflieg aus den Augen zu lassen? Warum muss das ÜBERHAUPT beschrieben werden? zurück
Allmählich glaube ich, dass unser Zausel gewaltig einen an der Waffel hat: Er weiß, dass der Anblick dieses Tieres ihn paralysiert, und wundert sich gleichzeitig, dass er nicht auf es einschlagen kann! Und da wir nun einmal so weit gediehen sind, nehme ich mir mal diesen ganzen Absatz vor und versuche, ihn zu retten:
Er seufzte, zog die Decke glatt und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, bemerkte er es sofort: Links, unweit seines Armes, krabbelte es lautlos auf der breiten Lehne des Sessels. Was ihn aber besonders irritierte, war das Tier selbst, diese Spinne: Es war eine Spinne, und doch war es keine, denn es hatte Flügel! Gab es das tatsächlich, eine Kreuzung zwischen Spinne und Fliege? Dieses Tier stieg immer höher, erreichte den obersten Punkt und blieb stehen. Warum schlug er nicht danach?
Fehlt was? Nein? Dann ist ja gut! Da haben wir zum Glück eine Menge Wörter verloren, die nur für Unklarheiten verantwortlich waren … zurück

Auch hier verstehe ich nicht: Wieso dreht es sich im Kreis? Das tun doch domestizierte Wildtiere wie Katz & Hund, bevor sie sich niederlegen – obwohl weder in Körbchen noch auf Teppichen hohes Gras wächst! Oder ist das ein rituelles Kreiseln? Dann müsste es wiederum die magische drei sein (siehe auch unter: Natur, geheimnisvoll). Das Kreiseln darf also getrost in den Papierkorb; und um die Spannung sichtbar zu erhöhen bzw. das Anhalten zu verstärken, empföhle ich, er hielt die Luft an zwischen zwei Gedankenstriche zu setzen sowie tatsächlich zu streichen: DAS besorgen die Gedankenstriche von ganz allein: Es putzte seine Flügel, breitete sie aus und — er hielt die Luft an — es flog los! zurück

Um nicht schon wieder den Einschub in Gedankenstriche zu setzen, würde ich wie er vermutet hatte ersetzen durch zu seiner Überraschung; das nein kann gelöscht werden; nach lautlos empfehle ich ein Komma, denn jetzt wechselt das Subjekt, und eliminieren würde ich ja, fast elegant (nachdem ich zuvor das nach ja obligatorische Komma überflüssigerweise eingefügt hätte) – das tut nämlich so, als sei es die grammatische Steigerung von zielsicher: zielsicher, fast elegant, elegant! zurück

Ich frage mich, welch enorme Strecke diese Spinnenflieg zurücklegen musste, wenn es so einen langen Satz braucht (als es nicht mehr zu sehen war), bis sie es durch das Fenster geschafft hat? Unser Zausel schafft diese Distanz sogar mit einem einzigen Sprung!
Dieser Satz ist nicht zu retten. Am besten hüpft Zausel gleich zum Fenster, statt immer wieder »Spinne und Fliege, Fliege und Spinne, das kann doch nicht sein« vor sich hin zu brabbeln! zurück

Ich erlaube mir erneut, den ganzen Satz zu verbessern, denn da gibt es zu viele Kleinigkeiten! So schaut Zausel gleich noch zweimal zum Fenster hinaus, nachdem er bereits hinausschaut auf der Suche nach der fliegenden Spinne; umständlich auch und gedoppelmoppelt er blickte hinaus und er sah; seine Erinnerungen sind verwirrend: herumtollende Jungen, die mit Mädchen flirten? Das lässt sich steigernd gestalten – im Sinne von älter-werdend! Zudem gibt es viel mehr Satzzeichen als Punkt und Komma – die gilt es zu nutzen zu Nutz & Frommen des Lesers! Wer Augen hat zu sehen, der nutze sie!
Hatte er sich das alles nur eingebildet? Er sah den Waldrand, sah das eigentümliche Spiel der Farben im Licht der Morgensonne: Rötliche Strahlen durchbrachen den Dunst. Silbrige Fäden hingen in der Luft, der Wind spielte mit ihnen, sie verfingen sich in den Ästen oder flogen weit davon. Er vernahm die Vögel. Und auf einmal packte ihn die Erinnerung: Da war der Junge wieder, er sah ihn ganz deutlich, und es war schön, ihn wieder zu sehen. Wo war der nur gewesen die ganze Zeit? Er sah ihn umher tollen; war mit Freunden unterwegs; flirtete mit Mädchen; niemand und nichts konnte ihn aufhalten! zurück

Unser Zausel verharrt schon eine ganze Weile am Fenster – warum verharrt er dann noch extra? Warum nimmt er seinen warmen Anorak – hätte er denn auch einen kalten gehabt? (Stöhn: Immer wieder plagen sie einen, diese hirnlosen Adjektive). Und es bleibt die Frage: Was gibt das für ein seltsames Bild ab: Schlafanzug, Mütze, Anorak (alt) und Wanderschuhe (in der Hand): Wo will der um Himmels willen hin? zurück

© 2011 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.