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Stichwort: Textkritik

Alle Beiträge, die von der literaturcafe.de-Redaktion mit dem Stichwort »Textkritik« versehen wurden.

Beitrag vom 9. Dezember 2015 | Rubrik: Textkritik

Eine Textkritik am Rande des Abhangs

In einer Nacht vom 28. Februar auf den 1. März tobte ein Sturm über Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ein Ergebnis dieses Ereignisses wog 2430 Gramm, hatte eine Länge von 48 Zentimetern und erhielt den Namen des Sturms: Wiebke. Das ist banal. Die schönsten Frauennamen enden auf a. Sturmunabhängig.

Die Eltern lebten noch manches Jahr neben sich her. Weitere Stürme kamen nicht auf.

Wiebke blieb leicht, von kleiner Statur, und trug mit vier Jahren eine Brille zwischen dem Kastanienrot ihrer Haare.

Die Mutter ging Zigaretten holen, als Wiebke fünf Jahre, 364 Tage und sieben Stunden alt war. Sie kam nie zurück. Manche Frau lebt, was Mann will. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen.

Ihren sechsten Geburtstag feierte Wiebke ohne schriftlichen Gruß und Sopran beim Geburtstagsständchen. Den Kuchen hatte der Bäcker die Straße quer gegenüber gebacken. Wie jeden Tag. Wiebkes Vater konnte nicht backen. Ein Herd, viele Schalter. Es gab auch Licht auf dem Geburtstagstisch – eine selbstklebende Leuchtfolie in Neongrün, mit den Jahren ausgewechselt in LED-Lauflicht-Streifen mit Farbwechsel.

In dem Film Hass heißt es am Anfang und am Ende: »Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ’nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut …‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!« Stimmt.

Wiebkes Vater heißt Hugo. Er ist 31 Jahre alt, von Sternzeichen Widder. Mancher weiß nun alles, was er wissen muss. Hugo trägt ein voreiliges Grau in den Schläfen und er arbeitet in Wechselschicht. Früh – spät – nachts. Seine Arbeitskleidung ist eine blaue Latzhose, die er häufig wechseln muss aufgrund der Hitze am Arbeitsplatz.

Hugo schäumt in einem Automotive-Unternehmen. Er ist so wenig Schäumer wie einer, der bohrt, ein Bohrer ist. Nicht jede Tätigkeit verdient einen eindeutigen Namen. Hugo hilft bei der Fertigung von Stoßfängern, Kotflügeln, Längsträgern und Heckspoilern für noble Karosserien wie Bentley, Bugatti, Lamborghini und Porsche. Sein eigenes Auto ist ein alter Ford Escort LX Overwiew, rot, Baujahr 1996. Dieses Verkehrsmittel wird bei der nächsten TÜV-Prüfung gnadenlos durchfallen. Das ahnt Hugo schon heute.

Wenn Hugo Spät- oder Nachtschicht hat, darf Wiebke auf dem Weg in den Kindergarten im alten Ford sitzen, vorne, wie eine Königin. Die anderen Kinder werden außerdem im Auto gefahren, wenn Hugo Frühschicht hat.

Das Lieblingsessen von Wiebke ist Pommes mit Schnitzel. Schnitzel lassen sich zubereiten wie folgt: Jemand klopfe sie weich, wende sie in wenig Weizenstaub, Keimzelle, Bröseln und brate sie sanft in Butter. Wird die Butter schwarz, war sie zu heiß. Versuch und Irrtum nach Thorndike.

Wiebkes Mutter lebt mittlerweile irgendwo mit irgendwem. Irgendwer entwickelt sich nach erster Romantik zu einem, bei dem nach zwei bis ungezählt Flaschen Bier die Hand eigenständig ausholt. Ziel ist zu 99,9 Prozent Wiebkes Mutter. Der Rest trifft die Wand. Glück erkennt sich später. Wiebkes Mutter wird bei ihm, der namenlos bleibt, ausharren, bis wer wen ins Grab bringt. So oder so gibt es keinen Fehler in dieser Rechnung.

Voller Sehnsucht denkt Wiebke oft an ihre Mutter. Nachts kräuseln sich Gedanken zu Bildern. Kinder sind so. Die Phantasie macht aus Müttern Mütter.

Hugos Vater Hermann ist seit 37 Jahren verschollen im Land. Man denke sich einen Vater aus und werde, wie er ist.

Seit dem 10. März, sechs nach Wiebkes Geburt, ist Hugo Vater. Er war auch vorher Vater, nebenbei von Arbeit, Streitigkeiten, Geldnöten. Als Wiebkes Mutter nicht nach Hause zurückkehrte, er zwei Stunden, drei Stunden, fünf Stunden auf den Nachschub der Zigaretten wartete, das Kind leise im Bett unter der Decke weinte, stellte er sich eine einzige Frage: »Wie?«

Wiebkes Mutter, die den Namen Carla erhält, wollte nie Mutter sein. Sie mochte den Bauch nicht, den sie vor sich her schob, sie mochte kein Geschrei von einem strampelnden Zellhaufen, keine Windeln, weder mit noch ohne, kein Glucksen und Spucken. Was Wiebkes Mutter mochte war, sich ellenlange Sendungen aus dem Bildungsfernsehen von Teil eins bis achthundert siebenundneunzig anzusehen, dabei kiloweise Chips und Salzstangen zu verzehren, um innerhalb von vier Jahren ihr Gewicht erfolgreich zu verdoppeln.

Hermann, mit sechsundsechzig bereits alt und gebeugt, wünscht sich mittlerweile ein Enkelkind, vielleicht ein Zartes mit kastanienrotem Haar oder ein Schaf mit treuen Augen oder eine Maus mit weichem Fell. Hauptsache ein pochendes Herz, egal in welcher Größe.

Die Lebenserwartung von Hermanns Frau Lotte lag statistisch gesehen höher als seine. Entgegen jeder Statistik ist sie früher gestorben. Nicht alles lässt sich auf die Minute berechnen.

Ein wesentlicher Punkt, wenn nicht der Wesentlichste in der Geschichte, ist die Wohnung von Hugo und ehemals Carla. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach lebensmüde und strömt einen Geruch aus, der an Faulheit erinnert. Farblos geht sie in Tag und Nacht, als wolle sie ihre Belanglosigkeit offensiv demonstrieren. Ihr innerer Zustand ist wie kurz vor einer Organtransplantation. Drohende Komplettentleerung, und Überleben nicht unbedingt gesichert. Hier ist sich am Rande des Abhangs mit allen erdenklichen W-Wörtern daheim. (Auch eine grammatikalische Entartung muss dabei nicht fehlen!)

Hugo fällt. Die Landung ist nicht aufzuhalten, so wenig wie überhaupt.

© 2015 by Louise Lunghard. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein grandioser, vorbildlich eigenwilliger Text
Wie hier mit Erwartungen, Sprache und Konstruktionen gespielt wird, sucht seinesgleichen! Genauere Hinweise und Begründungen finden sich in der Einzelkritik. Ich bin mehr als nur sehr gespannt auf den ganzen Text!

Die Kritik im Einzelnen

Was ein famoser Beginn: Es wird nur angedeutet, man bekommt lakonisch Schnipsel geliefert, die Zusammenhänge muss man selbst herstellen. Dazu tritt der Erzähler auf, kommentiert die Ereignisse, gibt seinen Senf dazu: In dieser Sturmnacht wird ein Kind gezeugt und nach dem Sturm benannt – das sei banal. Wieso? Der Erzähler hält halt Frauennamen auf a für besser: das seien die schönsten!
Wir erfahren: Die Ehe schlurte vor sich hin, stürmische Nächte gab es wohl nicht mehr (zumindest nicht im erotischen Sinne). Andere Erzähler würden vielleicht nach Erklärungen suchen, das Scheitern dieser Beziehung untersuchen – aber nicht hier: Es ist, wie es ist. Sachlich, trocken, neutral.
In dieser Beziehungslosigkeit wächst Sturmtochter Wiebke auf. Sie ist Brillenträgerin seit ihrem vierten Lebensjahr. Erst jetzt wird deutlich, was Die Eltern lebten noch manches Jahr neben sich her eigentlich für Folgen hat: Wiebke spielt keine Rolle, wichtig ist sie nur bei der Brille.
Dieser uralte Witz vom Geschwind-Zigaretten-holen-Gehen bekommt eine ironische Umwertung durch das lapidare Manche Frau lebt, was Mann will – denn das könnte auch anders verstanden werden, nämlich so, dass Wiebkes Vater genau das gewollt hätte, aber nur Frau das ausführen kann. Tatsächlich war es ja der Mann, der das Nebeneinander-her-Leben duldete. Frau aber hält es nicht mehr aus und holt geschwind Zigaretten.
Der Zeitpunkt wird buchhalterisch-exakt genannt. Wer nicht aufmerksam ist, merkt nicht, dass die Mutter einen Tag vor Wiebkes 6. Geburtstag verschwindet. Deswegen fehlt der Sopran, und es gibt nicht einmal einen schriftlichen Gruß. Was sagt uns das zum Verhältnis der namenlosen Mutter zu Wiebke?
Schön, dass dazu weiter nichts ausgeführt wird; so lassen sich eigene Schlussfolgerungen zum Charakter der Mutter ziehen – auch wenn uns tiefere Gründe verschwiegen werden.
Vom Vater wissen wir, dass ihn die Bedienung eines Herds überfordert – das wird selbstverständlich nicht ausgesprochen. Das schmucklose Ein Herd, viele Schalter macht das Alberne von Vaters Überforderung viel anschaulicher. Dass es auch Licht gab in dieser letztlich traurigen Situation, ist blanker Zynismus: Schließlich handelt es sich nur um Beleuchtung!  zurück

Das Thema des Romans wird eingeführt, es geht um den Absturz, und schließlich um die Landung. In ersten Kapitel bekommen wir nur den Beginn des Absturzes mit! zurück

Wer kennt nicht diese Frage nach dem Sternzeichen! Die fragende Person glaubt dann anhand der Antwort tatsächlich, alles zu wissen über den Befragten. Die Fragenden nicken sogar dann wissend, wenn man ein falsches Sternzeichen angibt. Und lässt man sie raten, liegen sie in der Regel falsch. Also: Der Vater ist Widder? Mir sagt das gar nichts. zurück

Diese Personifizierung einer Farbe hat was: Fühlt sich Hugo deswegen etwa alt? zurück

Es sollte wegen der Hitze heißen, denn diese ist der Grund für den Kleiderwechsel; aufgrund wird korrekt verwendet bei Motivation oder Einstellung zu einer Handlung: Aufgrund seiner Erfahrung … (also nicht wegen seiner Erfahrung!) zurück

Schäumer = Schaumschläger? Das ist einfach nur witzig!  zurück

Jetzt unterweist der Erzähler Hugo in der Kunst der Schnitzelzubereitung – schließlich ist das Wiebkes Lieblingsessen, und Mutter ist weg. Allerdings fehlt noch die Bedienungsanweisung für den Herd. Und ob Hugo beim Einkaufen Weizenstaub finden wird oder gar Keimzellen, bleibt fraglich. zurück

Ist das Ziel nicht zu 100% die Mutter, und beträgt lediglich die Trefferquote 99,9%? Das würde ich umformulieren. zurück

Erneut bissige Wortspiele, diesmal mit den Bedeutungen von Mutter bzw. Vater: zum einen die biologische Ebene, zum anderen die familiäre. zurück

Zunächst habe ich den Punkt nach Frage ersetzt durch einen Doppelpunkt, denn diese Frage folgt unmittelbar. Dabei ist das gar keine Frage, sondern lediglich ein simples Fragewort! Es liegt beim Leser, dieses Fragewort zu ergänzen, und ich vermute, da gibt es nichts Falsches! Der Erzähler hält sich deswegen fein raus. zurück

Erneut dieses Spiel mit dem Leser: Wiebkes Mutter erhält genau an dieser Stelle ihren Namen, so, als ob dem Erzähler gerade eingefallen wäre, dass sie noch keinen hat. Gleichzeitig tut der Erzähler so, als handle es sich um eine reale Person, die durch einen erfundenen Namen geschützt werden müsse. zurück

Dieses sprachliche Zahlenmonster (897) würde ich durch Ziffern ersetzen (wie alle Zahlen jenseits der 12). zurück

Man hätte viel erzählen können über das Zerwürfnis zwischen Hugo und seinen Eltern; angedeutet war es schon sehr früh durch seit 37 Jahren verschollen im Land. Jetzt erfahren wir, dass er sich am liebsten ein Enkelkind gewünscht hatte mit kastanienrotem Haar … dabei hat er ein solches. zurück

Die Personifizierung der Wohnung als ironische Verkehrung: Die Wohnung hält diese Personen nicht mehr aus? Wohl eher hält Hugo es nicht mehr aus. zurück

Es ist sich daheim: Welch gelungene grammatische Entartung! zurück

Beitrag vom 17. November 2015 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Nach diesem Anfang las jeder weiter

Als Vamin es leid war, daß sich in ihrem Leben nichts änderte, beschloß sie, die Ergebnisse ihrer Studien zu veröffentlichen. Sie war klug genug, daraus keine wissenschaftliche Abhandlung zu machen, denn die hätte erst einmal der Orden begutachtet. Sie rechnete nicht damit, daß ihr Bericht danach noch gedruckt worden wäre, ganz gleich, was andere Leute darin sehen oder nicht sehen würden. Das Sonderbare ist nicht beliebt, schon gar nicht, wenn es vorgetragen wird mit dem Anspruch wissenschaftlich begründeter Ernsthaftigkeit.

In einer Geschichte freilich kann man allerhand erzählen. Wenn sie es nur geschickt genug anfinge, dachte Vamin, würde niemand sich genötigt sehen, öffentlich einzuschreiten. Wenn aber ihre Überlegungen mehr wären als ein phantasievolles Gespinst aus Ängsten und Erwartungen, dann würde sich ihr Leben ändern. Ganz schnell.
Also schrieb sie für den Almanach des nächsten Jahres eine Geschichte.

Siehst Du!
stand im Almanach auf das nächste Jahr in kraftvollen roten Buchstaben da, in einer kleinen Sammlung von Sagen und Märchen, die in jedem Almanach erschien, seit Menschengedenken in der Abteilung für die kalten Wintertage.

Siehst Du!
stand da, direkt hinter der Geschichte über die Trolle in den Wäldern, die Kinder entführten und austauschten gegen verschlagene Doppelgänger, und vor dem Märchen über den unendlichen Wald auf dem Gebirge, aus dem noch keiner wiedergekehrt war, der sich einmal zu tief hineingewagt hatte.

Wer solche Geschichten schreibt, könnte man sich denken, dürfte nicht mehr so weiterleben wie bisher. Irrtum. Solche Geschichten werden am Kamin vorgelesen, während die Zuhörer auf ihren Rabas herumkauen und heißen Tee trinken, und sie leben nur durch die Wärme des Feuers und den Duft der brennenden Kerzen und des würzigen Kräutertees. Vamins Geschichte dagegen …

Vamins Geschichte war sehr kurz.

In den großen alten Häusern von Windhaven, schrieb sie, und tatsächlich strahlte das prachtvolle kannelierte Initial am Anfang ihrer Geschichte etwas von der Würde und dem Ernst dieser Häuser aus; so genau hatte sie sich das vorgestellt.

In den großen alten Häusern von Windhaven, heißt es, und vielleicht auch in den großen alten Häusern anderer Städte bewachen uns die Augen der Unsichtbaren durch die Spiegel unserer Zimmer hindurch. Habt ihr noch nie Blicke auf euch gespürt? Habt ihr nicht, wenn ihr euch umwenden wolltet, hastig oder behutsam, direkt auf euch selbst geblickt, auf euer verstörtes, unsicheres Gesicht, das euch anschaute? Ihr habt euch dann wieder eurer Beschäftigung zugewandt und nicht mehr daran gedacht, auch nicht an die schwache Ahnung einer fließenden, sanften Bewegung hinter dem Glas, als würde jemand eurem Blick ausweichen wollen ins Dunkel hinein, das sich hinter dem Glas verbirgt. Habt ihr dennoch noch nie das Bedürfnis verspürt, einen Spiegel einfach einzuschlagen, um zu erkunden, welche Finsternis sich dahinter verbirgt?

Nach diesem Anfang las jeder weiter.

Aber wir haben ja von klein auf gelernt, welch schreckliches Unglück über den kommt, der einen Spiegel zerbricht. Ob deshalb in den alten Häusern die Spiegel durch Gitter geschützt sind, die jeden, der in sie hineinschaut, aus einem Kerkerfenster blicken lassen? Wir haben uns längst daran gewöhnt. Deshalb bauen auch manche von uns ein symbolisches Gitter für einen neuen Spiegel, den sie im Hafen erstehen können, damit er ihnen nicht so unanständig nackt und schutzlos erscheint.

Es läge an den Brunnen, hat man uns erzählt, die auch mit einem Gitter abgedeckt werden, damit keiner hinein fällt. Oder vielleicht, damit nichts aus dem dunklen Wasser schießt und den versonnenen Betrachter packt und mit sich hinunter zieht – wer weiß?

Aber das habe ich nie geglaubt. Wenigstens habe ich es nicht mehr geglaubt, seitdem ich bemerkt habe, wie dick die Wände in den großen alten Häusern sind. Es fällt nicht auf, weil zwischen allen Zimmern Durchgänge sind oder Türen, deren Tiefe durch kunstvolle Abstufungen, durch kleine Aufgänge und Wendungen kaschiert wird, so daß sie alle zu kleinen Portalen werden, anstatt einfache Türen zwischen zwei Zimmern zu sein, die nur durch dünne Wände getrennt sind.

Das ist wirklich so, dachte sie, als sie das schrieb.

Aber es klingt nicht hohl, wenn man an die Wände klopft, so schwer und stark sind die Mauern, und wer zuweilen, wenn alles still zu sein scheint, auf ein leises Schaben lauscht, auf sehr gedämpftes Rascheln und Schleichen, der lauscht vergebens.

Trotzdem glauben wir, daß wir bewacht werden. Wir glauben es so sehr, daß wir fast meinen – und manche meinen es wirklich –, uns schaue selbst durch harmlose Brillengläser hindurch ein Agent der Wächter an, und das aus keinem anderen Grunde als dem: Wir spiegeln uns in ihnen und werden so, während wir beobachtet werden, auf uns selbst zurückgeworfen.

Dieses Gefühl ist so stark, daß wir die Bewacher direkt ansprechen, wenn wir etwas finden, das uns bemerkenswert erscheint.

»Siehst Du!« sagen wir dann. »Siehst Du!« nicht etwa zu unserem Gegenüber, sondern mit einem Unterton von Trotz und Widerwillen zu unseren Bewachern, die irgendwo sind, über uns, hinter uns, neben uns. Schlaft nicht ein, sagen wir, siehst Du! Du hast es doch gleich geahnt! sagen wir, und dann wenden wir uns wieder unseren Geschäften zu, ein wenig verlegen wie ein Kind, das dabei ertappt wurde, wie es mit einem imaginären Freund sprach. Aber was wissen wir, mit wem Kinder reden?

Vamins Leben änderte sich tatsächlich von da an.

Aber das ist eine andere Geschichte.

© 2015 by Henrik Verkerk. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein leiser Text mit überraschenden Wendungen
und mit kleinen Mängeln (wozu die alte Rechtschreibung nicht zählt). Der Leser wird hier Zeuge eines Schreibprozesses, Zeuge des Ringens um den Inhalt und die Gestaltung des Inhalts: Was ist einem Leser zuträglich? Empfindet der Leser das genau so, wie Vamin es behauptet, oder lehnt er das ab?

Um das zu erreichen, schafft sich der Erzähler die Ich-Erzählerin Vamin. Wir wissen nicht genau, was sie schreibt, aber worüber. Sie verwendet uns und wir, macht sich gemein mit uns Lesern, überzeugt sich damit, dass richtig ist, was sie schreibt. Der eigentliche Erzähler kommentiert Vamins Erfolg, scheint stolz, was und wie Vamin schreibt:

Das lässt einen fast vergessen, dass Vamin von einem Erzähler erfunden ist: Sie verdrängt ihn gewissermaßen. Der taucht nämlich erst am Ende wieder auf! Wie heißt es zu Beginn: In einer Geschichte freilich kann man allerhand erzählen. Richtig! Aber nur, wenn man es kann!

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde aus dem Adjektiv ein Adverb machen (denn sonst müsste nach prachtvolle ein störendes Komma stehen). Dann hieße es das prachtvoll kannelierte Initial. Das bedeutet übrigens ein mit zusätzlichen Linien bzw. Elementen ausgeschmückter Großbuchstabe. zurück

In der Kombination mit durch darf ein hindurch in der Regel fehlen. Mir fällt grad auch keine Ausnahme ein, die ein zusätzliches hindurch benötigte. zurück

Auch hier: Verwandlung eines Adjektivs (sanfte) in ein Adverb (sanft) und daraus eine sanft fließende Bewegung machen. zurück

Dennoch noch? Warum dennoch? Da fehlt mir der Zusammenhang! Hier wäre eine direkte Leseransprache geeigneter, denn es handelt sich ja um ein Resümee des bisher Geschriebenen; da brauchte es auch kein denn mehr – eigentlich passte da besser:
Habt ihr eigentlich noch nie das Bedürfnis verspürt, einen Spiegel einfach einzuschlagen (…) zurück

Dieser Bruch ist genial: Der namenlose Erzähler macht hier seiner erfundenen Erzählerin Vamin Mut: Sie habe einen so großartigen Anfang geschaffen, dass jeder weiterlesen würde – das klingt, als sei der Erzähler von Vamins Leistung überrascht! zurück

Und noch eine Geschichte: Der Erzähler schreibt, dass Vamin etwas schreibt, das auch gedruckt wurde – und jetzt ändert sich ihr Leben? Gilt das auch für den Erfinder von Vamin? Das ist einfach nur ein gelungenes Spiel mit der Fiktion! zurück

Beitrag vom 16. Juli 2015 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Brennende Babys

dörfer brennen wie
zeitungspapier
bäume genug
um einen wald voll
zu verbrennen
menschen noch mehr
so viel schon
brennt
und tiere erst
knistern in der luft
wie babys
oder spielzeug
als zigarrenrauch
in der luft
all das obst
und ähren und felder
selbst der fluß
kaffeeheiß
steigt empor
wie brennen dörfer

herr ober
lieber einen tee
und die neueste ausgabe
die hier ist
von gestern

© 2014 by Gary Tuncay. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Kurz, böse und ehrlich
Was dieser scheinbar beliebige Übergang von brennendem Zeitungspapier zu anderem Brennenden wie Wald, Tiere, Babys, Spielzeug auslöst, das spielt sich im Leser ab, damit muss er ganz allein fertig werden: Was geht da ab? Was geschieht? Woher kommen diese irritierenden Bilder?

Angedeutet wir es schon in der zweite Zeile: Die Zeitung mit ihren Sensations-Meldungen steht am Anfang, sie kommt jeden Morgen frisch auf den Tisch.
Die Meldungen informieren, aber stumpfen auch ab, wie z. B das lyrische Ich, das beiläufig alles zur Kenntnis nimmt und dann feststellt: Kenn ich doch, ist doch von gestern! Gibt es denn nichts Neues? Immer diese brennenden (oder ertrinkenden) Babys …

Die Kritik im Einzelnen


(entfällt)

Beitrag vom 22. Oktober 2014 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Ein Raum für eigene Gedanken

er riecht nach meer
er führt nach, und
er ist weit,
der weg
und am ende eben
dort, wo man schon
die möwen hört
er ist warm als sommer
und rau als winter
aber niemals
herbst oder frühling
ist er frei
ist er aufbruch
ist er das letzte stück land
unter meinen füßen
ist er bug
ist er plattform
da wo der kontinent endet
und ich mich dem meer entgegenstrecke
dort wo am horizont nichts als wasser ist
und weil alt ein mythos.

norden, er

© 2014 by Christine Klomfaß. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Gute Ansätze, aber zu eng geführt und zu überfrachtet
Das ließe sich aber leicht verbessern. Wer Lyrik schreibt, sollte vor allem viel gute Lyrik lesen und daran sein Handwerk schulen.

Die Kritik im Einzelnen

Das Problem beginnt mit der Überschrift er (norden): Hier wird das Ziel einer Sehnsucht explizit genannt, der Leser bekommt also schon von vornherein eine Lesart aufgedrückt – doch die braucht er nicht: Leser jedweden Geschlechts sollten sich eigene Gedanken machen können! Schließlich ist es egal, ob der reale Norden gemeint ist … Es ist also eine anderer Titel vonnöten (dazu am Ende ein Vorschlag).
Die ersten drei Zeilen beziehen sich gar nicht auf den Norden, sondern auf den Weg: das irritiert!
Das und in der folgenden Zeile darf getrost weg sowie alle Kommas am Zeilenende, denn später folgen keine mehr, sie sind auch nicht notwendig fürs Verständnis.
Durch das dreimalige er ist eine Struktur vorgegeben, die hinfort zu beachten wäre (und durchaus vorhanden ist). Es ist schön, dass er führt nach nicht weiter ausgeführt ist, denn das lässt Raum für eigene Ziele! zurück

Das und am Anfang dieser drei Zeilen kann entfallen. Gut gelungen ist das zweideutige eben: Ist es das Adjektiv, das eine Fläche meint, oder ist es das Adverb, weil es eben halt so ist am Ende des Weges? Oder beides, weil es dort eben eben ist?
So läse sich dann der erste Abschnitt:

er riecht nach meer
er führt nach
er ist weit
der weg
am ende eben
dort, wo man schon
die möven hört

zurück

Der Weg war im letzten Abschnitt zunächst beendet, es folgen Feststellungen: Darum muss er ist entfernt werden. Um die Drei-Zeilen-Blöcke einzuhalten, sollte herbst oder frühling in eine Zeile gepackt werden. Schön ist, dass der logischen Reihenfolge Sommer-Winter das rückwärtsgewandte Herbst-Frühling entgegengestellt wird und auf warm kein kalt folgt!
Das er kann nicht der Weg sein! Es kann aber auch nicht der Norden sein: Den gibt es weder als Sommer noch als Winter! Deswegen ersetze ich als durch im. Aus klanglichen Gründen tausche ich oder durch ein weiters niemals – wer will, kann das ja mal laut lesen.

warm im sommer
rau im winter
niemals herbst, niemals frühling

zurück

Das ist der problematischste Teil: Fünfmal heißt es ist er; es heißt da wo statt dort, wo wie im ersten Abschnitt – das wirkt im Gedicht höchst beliebig! Der endende Kontinent sowie Plattform und das letzte stück land/unter meinen füßen sind inhaltlich ähnlich – das wirkt, als sei da absichtlich Tiefsinn reingestopft! Dabei braucht es diese Wörter gar nicht …
Frei, Aufbruch und Bug hingegen geben eine Entwicklung an, z. B. eine Weiterfahrt auf dem Meer! Deswegen habe ich heftig gekürzt, und so ergeben sich erneut drei Zeilen, die sich wiederholen wie im ersten Abschnitt.
Wohin die Reise geht, hat das lyrische Ich für sich entschieden, und nur für sich! Zu diesem Zwecke habe ich auch er durch es ersetzt:

ist es frei
ist es aufbruch
ist es bug

zurück

Hier verändere ich dieses da wo des vorangegangenen Abschnitts in ein dort, wo analog zu dem im ersten Abschnitt und zu dem in der folgenden Zeile.
Ausgehend von dem ursprünglichen Titel und dem Schluss-Satz mit diesem norden frage ich mich, was denn Norden für ein Mythos sein soll? Etwa der nordische von dem Zwerg Nor∂i, einem der vier Träger des Himmelgewölbes, von denen die Himmelsrichtungen ihre Namen haben? Zudem ist ein Mythos in der Regel immer alt: Das muss nicht noch betont werden.
Stattdessen empfehle ich eine dritte Zeile, die nur noch dort, wo lautet – und damit sollte das Gedicht enden (es könnte sogar der Titel sein.) Das Gedicht wäre inhaltlich und formal rund, Leser oder Leserin wird nichts vorgeschrieben, kann stattdessen eigenen Gedanken oder Gefühlen nachgehen …
So sieht das Gedicht dann aus:

dort, wo

er riecht nach meer
er führt nach
er ist weit
der weg
am ende eben
dort, wo man schon
die möven hört
warm im sommer
rau im winter
niemals herbst, niemals frühling
ist es frei
ist es aufbruch
ist es bug
dort, wo ich mich dem meer entgegenstrecke
dort, wo am horizont nichts als wasser ist
dort, wo

zurück

Beitrag vom 24. Juli 2014 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Noch zwei Schippen drauf! Töröööh!

Ihr wollt das wirklich alles wissen? Was kommt denn dabei rüber? Hundert? Dass ich nicht lache. Fünfhundert müssen es schon sein. Und für ein paar Fotos fünfhundert extra. Meint ihr, ich sitze zum Vergnügen hier? Und wie ich aussehe. So was romantisch Verkommenes wie mich kriegt ihr sonst nirgends auf die Platte. Schon die Kosakenpelzmütze fürs Betteln und die Fußlappen sind was wert. Und dieser schmutzstarrende, löchrige Mantel ist ein Goldstück. Erst recht die Kältebeulen im Gesicht, die Schwielen, der Grind, die Triefaugen.
OK. Zehn Hunnies. Dafür kriegt ihr auch die besonders ergreifende Version.
Geboren und aufgewachsen in St. Georg. Hinterhof. Bahnhofsnähe. Vater Säufer, Mutter auf dem Strich. Selbst mit 13 heroinabhängig und im Bahnhof anschaffen gegangen. Dann einigermaßen gerappelt, für eine Weile clean geworden. Hauptschulabschluss nachgemacht. Berufsausbildung zur Cutterin, vom Arbeitsamt bezahlt. Arbeit nach kurzer Zeit verloren, weil es keine Filmrollen mehr gab. Alles elektronisch heute. Bis dahin zwei Abtreibungen und eine Totgeburt. Von einem Loddel, den ich liebte wie doof, jahrelang verprügelt und auf den Strich geschickt. Hautausschläge gekriegt. Vom Loddel weggeschickt. Auf der Straße gelandet. Und da sitz ich nun seit zwölf Jahren. Mache nur Straße, Park oder Platte. Nein, kein Obdachlosenheim. Da kriegt mich keiner rein.
So, das war’s. Die Fotos habt ihr, die Geschichte auch. Verschwindet jetzt. Was ich mit dem Geld mache? Damit spekuliere ich an der Börse.

90 Minuten später:

Die ganze Geschichte willst du? Und auch noch Fotos? Das wird dein Institut aber was kosten. Mit Fotos alles zusammen tausend.
Einverstanden? Dann setz dich hier aufs Pflaster und hör zu. Ich habe nicht ewig Zeit.
Also: Geboren und aufgewachsen in Blankenese. Vater Bankdirektor, Mutter Rechtsanwältin. Von Hausmädchen, Erzieherinnen und au pair Mädchen großgezogen. Teures Internat. Abitur. Studium der Medizin. In iranischen Kommilitonen verliebt. Heirat gegen den Willen der Eltern. Danach sieben Jahre Gefangenschaft in seiner Familie in Teheran. Kein Kontakt mehr zu den Eltern. Verstoßenes Kind gewesen. Drei eigene Kinder, alle in Teheran geblieben. Selbst auf abenteuerliche Weise rausgekommen. Danach äußerlich Hautausschläge und innerlich gebrochen. Seit 12 Jahren auf der Straße. Und nun hau ab!

40 Minuten später:

Mädchen, du willst alles wissen? Schülerzeitung? Welche Schule denn? Heine Gymnasium Blankenese? Aha. Fünfhundert. Zu viel? Das ist schon die Hälfte. Mein Sozialpreis.
OK? Abgemacht. Fünf Hunnies. Dafür ein paar Fotos und die ganze Wahrheit über mich. Unterbrechungen und Rückfragen kosten extra.
Also: Zunächst ein ganz normales Leben in einem Beamtenhaushalt in Fuhlsbüttel geführt. Vater Studienrat, Mutter Logopädin. Abitur. Danach Ausbildung zur Cutterin. Als keine Cutterinnen mehr benötigt wurden, hätte ich auf Elektronik umschulen können. Aber da hatte ich schon gute Kontakte zu den Filmleuten. Ich kannte manche von der Requisite, mit einer von der Maske war ich befreundet. Nein, keine Namen. Weder meinen, noch ihren. Als wir vor 12 Jahren fast gleichzeitig aus den Studios rausflogen, begann unsere Zusammenarbeit. Die offene, ein bisschen nässende Schwiele hier am Kinn? Abstoßend, was? Ratsch, ab ist sie. Darunter glatte Haut. Die vielen Stunden an der frischen Luft sind gesund. An guten Tagen habe ich bis zu fünf Reporter am Hals. Zeitungen vom In und Ausland, Illustrierte, Fernsehleute und so weiter. Mache am Tag so zwischen zwei und fünftausend. Dazu noch das Kleingeld aus der Kosakenmütze.
Warum ich das ausgerechnet dir erzähle? Ich war auch mal so eine aufgeweckte Göre wie du. Und außerdem: Heute ist mein letzter Tag. Das Haus im Süden ist gekauft, die üppigen Sofortrenten für meine Freundin und mich sind eingezahlt.
Das ist die Wahrheit. Du kannst sie glauben.

© 2014 by Wolfgang Rill. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Sprachlich meist überzeugende, inhaltlich jedoch viel zu stark überzogene »Satire«.

Eine Satire lebt davon, dass es sich tatsächlich so hätte ereignen können! Man erkennt die Übertreibung und kann sich daran freuen. Das ist in diesem Text misslungen, und am Schluss wird der Text geradezu unerträglich. Schade drum. Denn die Ich-Erzählerin ist nicht dumm, hat Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen oder Nicht ohne meine Tochter und zum Teil ihres Lebens gemacht.
Immerhin: Die Satire wäre noch zu retten!

Die Kritik im Einzelnen

Das scheint mir gewaltig überzogen: 500 Euro für eine Lebensgeschichte? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein normaler Mensch so etwas bezahlen würde. Da wären wohl höchstens 50 Euro angebracht! zurück

Die Nähe von Totgeburt und Von einem Loddel ist missverständlich und unsinnig: Ist der Loddel Vater des tot geborenen Kindes? Oder war die Totgeburt bereits im Mutterbauch als Loddel tätig?
Besser wäre eine Umstellung des Satzes:
Bis dahin zwei Abtreibungen und eine Totgeburt. Jahrelang verprügelt und auf den Strich geschickt von einem Loddel, den ich liebte wie doof. zurück

Hier handelt es sich offenbar um ein offizielles Gespräch mit einem Vertreter von irgendeinem Institut – da kann die Ich-Erzählerin selbstverständlich hinlangen. Was mich wundert: Wieso will das Institut dabei keinen Film, obwohl es doch um Authentizität geht, sondern beschränkt sich auf Fotos? Eine Videoaufzeichnung würde zudem die Geldforderung zusätzlich begründen! zurück

Das ist der kürzeste Lebenslauf – und deswegen wird der Zuhörer aufgefordert, sich zu setzen? Klar, das kann und soll vielleicht auch witzig sein; genau deswegen halte ich dafür, diese Aufforderung zu streichen: 1000 Euro für den kürzesten Lebenslauf ist schon genug! zurück

Jetzt wirkt die Geldforderung nur noch albern: Eine Schülerzeitung hat in der Regel kein Geld für Interviews! Die ausnahmslos ehrenamtlichen Redakteurinnen freuen sich schon, wenn sie mal umsonst in eine Theateraufführung kommen. zurück

Nehmen wir mal im Schnitt 3000 pro Tag (rechnet sich einfacher als 3500), dann 200 Tage im Jahr (so eine selbst fabrizierte Obdachlose hat auch noch ein anderes Leben), dann wären das 700.000 nur in einem Jahr. Unversteuert.
Hier stürzt die »Satire« endgültig ins Bodenlose! zurück

Damit könnte alles beendet sein. Allerdings dürfte diese Erzählung auch ohne diesen Satz aufhören. Tut sie aber leider nicht … zurück

Und noch eine Schippe drauf, damit’s auch der Dümmste begreift: Das Klischee vom Wunschhaus im Süden (Töröööh!), die üppigen (Töröööh!) Sofortrenten für die Maskenbildnerin und die Ich-Erzählerin … Moment: Die Sofortrenten sind eingezahlt? Ich dachte, man zahlt die Rentenbeiträge! Das wären dann die Beiträge für die Sofort-Rente statt die Sofort-Rente selbst … egal, ist eh schnurz. Schließlich folgen noch zwei weitere Schippen Peinlichkeit: Das sei alles die Wahrheit (Töröööh!), und weil die Ich-Erzählerin das sagt, darf man ihr glauben (Töröööh!).
Dazu passt der Dialog zwischen Phantomias und einem Bürger anlässlich der Kampagne der Firma Nasweis, Spicker und Ausspecht, kurz NSA: »Und woher wollen Sie wissen, ob Sie dieser Firma vertrauen können?« – »Die von der NSA sind seriös! Haben sie selbst gesagt!« (LTB 449, S. 103) zurück

Beitrag vom 12. November 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Alles was nun folgt, ist irrsinnig komisch

Was soll ich sagen? Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben je etwas so irrsinnig Komisches, so etwas über alle Maßen Vergnügliches erlebt zu haben wie seinerzeit mit meiner besten Freundin Beate im Zug von Hamburg nach Berlin.
Dabei ist es nicht nur diese Komik allein, dieses pure Vergnügen, erzeugt durch einen einzigen prägnanten Satz am Schluss dieser kleinen Begebenheit, das so außergewöhnlich ist, dass es sich mir unvergesslich ins Gedächtnis eingraben konnte. Nein! Es ist auch dieses seltene Gefühl von Verbundenheit, das sich unter dem Publikum breit machte, unmerklich erst, aber im Verlauf der Episode immer spürbarer, so dass es mir am Schluss erschien, als seien wir alle Teil eines kleinen, erlesenen Theaterstücks.
Eine solch intime Vertrautheit zu mir völlig fremden Leuten, geboren aus dem kollektiven Verlangen nach unverhohlener, reiner Freude, ist mir vor dieser Geschichte und auch nach ihr nie wieder untergekommen.

Schuld an allem war letzten Endes die Schwerhörigkeit meiner Freundin, wenn man in dem Zusammenhang von Schuld sprechen will.
Beate ist um die fünfzig, von normalem Wuchs, höchstens etwas pummelig vielleicht. Sie redet wie ein Buch, das man nicht weglegen mag, hat man einmal angefangen, darin zu blättern. Und sie ist schwerhörig, wie gesagt.
Wir hatten einen Tischplatz. Saßen am Fenster. Ich gegen die Fahrtrichtung, Beate mir gegenüber, denn sie muss immer im Blick haben, was auf sie zukommt, sonst fühlt sie sich unwohl. Der Wagen war bis auf den letzten Platz besetzt.
Sie sah mir mit freudiger Erregung ins Gesicht und beugte sich dann über den Tisch zu mir hinüber:
»Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr im KadeWe gewesen. Mindestens. Und ich kaufe die gesamte Parfum-Abteilung leer. Darauf kann er Gift nehmen! Das sag ich dir.«
Mit er meinte sie ihren Mann. Sie hatten einen kleinen Streit, kurz bevor wir aufbrachen. Nichts Bewegendes.
»Euer armes Konto«, bemerkte ich. Aber ich fühlte genau wie sie. Meinetwegen konnte das gesamte KadeWe nur aus der Parfum-Abteilung bestehen.
»Meiner schickt mich in die Wüste, wenn ich ihm das antue«.
Ein mitleidiger Blick traf mich.
»Du Arme!«
Beate fingerte sich ein Tempo aus der Handtasche und schnäuzte geräuschvoll hinein. »Du musst dich mal durchsetzen zu Hause. Er kann dir doch nicht ewig auf der Nase rumtanzen, dieser Kasper.«
Sie mochte ihn nicht. Das wusste ich. Und sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was jedoch unser beider Freundschaft keinen Abbruch tat.
Ich bemerkte, wie man aufmerksam wurde, wenn nicht unbedingt auf das, was wir sprachen, so doch wie wir sprachen, genauer: wie Beate sprach, denn sie dachte überhaupt nicht daran, ihre Lautstärke der Umgebung anzupassen. Wie gesagt: Sie ist schwerhörig. Und wer schwerhörig ist, spricht manchmal lauter, als es den Leuten lieb sein kann. Die Blicke, die uns zugedacht waren, tendierten von neutral bis alles andere als freundlich. Ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut.
Aber Beate nahm von all dem rein gar nichts wahr. Im Gegenteil: Sie war in ihrem Element und sprach bald mit Händen und Füßen, wie es ihre Art ist. Sie teilte mir haarklein mit, wie sie sich das 3-Tage-Programm während unseres Berlin-Aufenthalts vorstellte, obwohl wir zur Klärung dieser Frage bereits zwei oder drei Essen in unserem Lieblingslokal abgehalten hatten.
Irgendwann, vielleicht nach einer halben Stunde, womöglich früher, trat das ein, was immer eintritt, wenn wir zusammen sitzen und quatschen und meine Freundin beginnt, ihre im Bekanntenkreis so berüchtigten und gefürchteten Monologe zu halten: Ich wurde unaufmerksam, ihres Wortschwalls überdrüssig und blickte hin und wieder hilflos lächelnd zu unseren Nachbarn hinüber, um auf diese Weise Nachsicht zu erbitten und den Eindruck, den man offensichtlich im Begriff war, sich von meiner Freundin zu machen, möglicherweise ein klein wenig zu korrigieren. Hier und da erhielt ich stumme Zustimmung, einen wohlmeinenden Blick, ein kaum erkennbares Kopfnicken ein Achselzucken.
So also wurden wir beide, Beate und ich, in unserem ICE-Waggon zu einer kleinen, durchaus erduldeten Institution.
Dann bekommt der Lauf der Dinge eine abrupte Wendung. Ihr Telefon klingelt.
»Entschuldige!«
Sie greift in ihr Täschchen, kramt das Handy hervor, klappt es auf und lehnt sich zurück.
»Hallo! Hier Beate.«
Sie spricht plötzlich lauter, höher. Die Mitreisenden werden stutzig.
»Einen Augenblick, Karin!«
Sie nimmt das Telefon vom Ohr, deckt das Mikro ab, beugt sich wieder hinüber zu mir und lässt mich mit gedämpfter Stimme wissen:
»Ich schalte den Lautsprecher an. Ich hör so schlecht. Macht dir doch nichts, oder?«
Ich fühle mich überfragt. Aber bevor ich irgendwie reagieren kann, höre ich schon Karins Stimme am anderen Ende so laut und deutlich, als säße sie direkt neben mir:
»Ich muss dir was erzählen. Du weißt doch, dass ich heute dieses Online-Date hatte.«
»Das ist Karin«, flüstert Beate laut. Ich nicke ihr zu.
»Zwei, drei Mitreisende drehen ihre Köpfe, als sie das Gespräch fortsetzt.
»Erzähl, Karin!«
Sie lehnt sich wieder zurück. Die Spannung wächst. Wer hört nicht gern intime Einzelheiten über ein Date, das eine erwachsene Frau gerade hinter sich hat?
»Volker heißt er, ein Kerl von einem Mann, sag ich dir.«
Wie man bereits vermuten kann, ist Karin die zweitbeste Freundin Beates. In ihr hat sie ihren Meister gefunden, was das Sprechen ohne Pause angeht. Und Beate übt sich gerade in einer Disziplin, die zu üben sie sonst kaum Gelegenheit hat: Sie hört zu.
»Das Essen war in Ordnung. Aber das interessiert dich ja gar nicht. Wir waren bei Kenny. Du weißt.«
Dann wird’s interessant.
»Du ahnst, welche Frage kam, als wir aus der Tür raus waren, oder?«
Beate ahnt nicht und druckst. Und Karin spricht sofort weiter, als ob sie das Thema nur rhetorisch angerissen hätte.
»Die Frage war: Gehen wir zu mir oder zu dir?«
»Klar«, pflichtet Beate ihr bei.
»Und rate mal, wo wir landen!«
»Bei dir«, kommt Beates schnelle Antwort.
»Denkste! Nein, bei ihm. Und jetzt halt dich fest!«
Ein vielsagender Blick trifft mich, als Karin eine kleine Pause einlegt, um ihre Worte wirken zu lassen. Und sie wirken. Denn ich bemerke, wie das halbe Abteil den Atem anhält und der Auflösung lauscht, die jetzt kommen soll, ohne dass auch nur einer der Anwesenden mit dieser Eröffnung etwas anfangen könnte, denn keiner kennt ja Karin außer Beate und mir.
»Sitzt du?« kommt die Nervenkitzelfrage aus dem Lautsprecher.
»Ja, ich sitze. Nun sag schon!«
Ich spüre förmlich, wie das Publikum sich dieser Aufforderung anschließt, weil es endlich wissen will, wie die Geschichte weitergeht.
»Du kennst übrigens das Haus«. Karin versteht es, die Spannung zu halten. »Ich sage nur: Amtsverwaltung!«
Großes Rätselraten bei der Hörerschaft.
Auch Beate kann ihrer Gesprächspartnerin nicht folgen.
»Was meinst du damit?«
»Egal! Der Punkt ist: Es hat nicht geklappt.«
Meine beste Freundin hakt nach:
»Wie – Nicht geklappt?« Sie rollt mit den Augen und wirft mir verzweifelte Blicke zu. Der Waggon stöhnt.
»Tu nicht dümmer, als du bist, Dummchen! Was denn wohl?«
Achselzuckend sitzt Beate mir gegenüber.
»Na, er hat keinen hochgekriegt! Mein Date. Und er heißt mit Nachnamen Paulsen und ist der Kämmerer des Amtes. Und wollte mit mir seine Frau betrügen
Ihre Stimme fällt ins Stottern, überschlägt sich und gluckst. Und wir vernehmen nur noch ein Prusten durchs Telefon.
Bis sich Karin nach einigen Sekunden Sendepause wieder meldet und mit kaum beherrschter Erregung den letzten Teil ihrer Rede vom Stapel lässt:
»Aber Beate! Schwöre mir! Hörst du?« schallt es durch den Lautsprecher, »Schwöre mir, dass du niemandem gegenüber auch nur ein Sterbenswörtchen erzählst. Das wäre mit hammerpeinlich. Ich bringe dich um.«
Meine Beate sitzt kraftlos in ihrem Sitz, faselt kleinlaut etwas wie »Na, klar. Kannst dich auf mich verlassen«, klappt ihr Handy zusammen und schaut zaghaft in die Runde.
Das Publikum brüllt.
Ich registriere, wie man hier und da versucht ist, Beifall zu klatschen. Es dauert eine Zeit, bis die Wogen sich glätten. Und es gibt niemanden, so vermute ich jedenfalls, dem diese Gratis-Vorstellung nicht gefallen hätte, dieses über alle Maßen vergnügliche, kleine, erlesene Theaterstück.
Wie gesagt – ich kann mich nicht erinnern, je etwas so irrsinnig Komisches erlebt zu haben wie auf dieser Zugfahrt mit meiner besten Freundin Beate von Hamburg nach Berlin.

© 2013 by Hermann Markau. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zusammengepfuschte, aufgeblasene Fünfzeilenzote
Ich kann mich an keinen Text erinnern, in dem dermaßen viel falsch gemacht wurde: Da wären eigentlich 5 Minusbrillen angebracht.
Immerhin: Man kann viel daraus lernen. Wenn man denn will.

Die Kritik im Einzelnen

Hätte ich mir diesen Text nicht bewusst für eine Textkritik ausgesucht, sondern wäre ihm beim Stöbern in einer Buchhandlung begegnet: Ich hätte das entsprechende Buch sofort beiseite gelegt! Nichts ist schlimmer als vollmundige Ankündigungen, was ich Leser zu erwarten habe! Irsinnig komisch soll es werden, über alle Maßen vergnüglich! Das KANN ja nur flach werden, wenn das so betont wird! Das ist wie bei Stefan Raab, der sicherheitshalber vorher selbst kichert, wenn er glaubt, etwas Witziges von sich zu geben, quasi als Aufforderung an das Publikum. zurück

Das Geschwätz setzt sich fort: Komik und Pures Vergnügen werden angekündigt wegen eines einzigen prägnanten Satzes am Schluss. Die Selbstbeweihräucherung der Ich-Erzählerin ist dermaßen gestiegen, dass sie den Satzbau aus den lachtränennassen Augen verliert: Sie fährt fort mit dem Relativsatz das so außergewöhnlich ist, ohne dass ein Bezug des Relativpronomens das zu irgendetwas dazu Passendem auszumachen wäre. Sollte das vielleicht die Begeisterung sein?
Weitere Drohungen folgen: Der Leser wird miterleben, wie sich im Publikum diese seltene Gefühle der Verbundenheit breit macht – jedoch nicht im Publikum, sondern unterm Publikum! Was sich dort allenfalls breit machen könnte, ist aber nicht witzig, sondern eher unappetitlich.
Jetzt wird das, was dem Leser droht, ein kleines, erlesenes Theaterstück – demnach also ein mehrfach geprobter, einstudierter Witz? Beliebig wiederholbar bei zig anderen Bahnfarten? Mit Verlaub: Die Erzählerin hat entweder nicht alle Tassen im Schrank oder keine Ahnung vom Theater!
Intime Vertrautheit wird geboren aus dem kollektiven Verlangen nach unverhohlener, reiner Freude, also z. B. auf dem Fußballplatz, wenn Fans das Tor der eigenen Mannschaft bejubeln, aber nicht das der anderen.
In diesem Text geht es am Ende wohl eher um Schadenfreude.
Was solls: Hauptsache, der eigene Text wird werbetechnisch gebührend hochgejubelt.
Jetzt wird der Leser auf etwas besonders Wichtiges hingewiesen: Freundin ist schwerhörig! Und da Leser prinzipiell dumm sind bzw. höchst vergesslich, wird im Verlaufe des Textes viermal darauf hingewiesen, und vor dem entscheidenden Passus sagt das die Freundin auch noch einmal selbst: Würg!
Die dann folgende Charakterbeschreibung von Freundin Beate ist so überflüssig wie inhaltlich falsch: Alter und Aussehen spielen in diesem Text überhaupt keine Rolle, und dass sie redet wie ein Buch, merken der Leser später von ganz allein; dass sie aber redet wie ein Buch, das man nicht weglegen mag, ist gelogen, denn die Ich-Erzählerin hört Beate später gerade nicht zu, weil diese schwafelt wie ein schlechtes Buch! Also noch etwas, was gestrichen werden muss.
Im Übrigen gehört auch dieser dumpfbackige Einfall, dem Leser vorher zu erzählen, was er zu befürchten hat, zu den fünf peinlichsten Anfängen von Hobbyautoren, in diesem Falle Platz 5.
Das Beste, was mit diesem Beginn anstellen kann: Ersatzlos streichen! zurück

Wie wäre es mit Wir hatten einen Tischplatz am Fenster? Zu kurz? Na, es geht noch kürzer: Auch darauf könnte verzichtet werden, denn das spielt später keine Rolle! Es ist schnurzegal, wo die sitzen! zurück

Alle Plätze sind besetzt: Das merken, für später! zurück

Warum soll sie freudig erregt sein? Sie will sich doch nur rächen?
Es heißt KaDeWe, nicht KadeWe. Etwas Sorgfalt darf man doch erwarten!
Das er in dem Satz Mit er meinte sie ihren Mann muss in Anführungszeichen stehen, da es ein Zitat ist.
Inwiefern fühlte die Ich-Erzählerin genau wie Beate? Wollte sie sich auch rächen? Oder geht es um das Parfüm-Klischee?
Warum blickt Beate ihre Freundin mitleidig an statt wissend? Das alles ist so sinnlos wie überflüssig!
Dass die Ich-Erzählerin wusste, dass Beate ihren Mann nicht mochte, reicht völlig aus. Schließlich fahren die beiden zusammen nach Berlin; das täten sie wohl nicht, wenn sie sich deswegen streiten würden! zurück

Jetzt wird es bizarr: Da Beate schwerhörig ist, muss doch die Ich-Erzählerin ebenfalls lauter als normal sprechen, sonst würde sie doch nicht verstanden! Folglich müssen beide laut sprechen!
Der Satz, dass Beate nicht daran dachte, ihre Lautstärke der Umgebung anzupassen, ist inhaltlich Blödsinn: Sie konnte es nicht, wie soll sie es denn kontrollieren?! Dass die Ich-Erzählerin (ich nenne sie im Folgenden kurzerdings »Berta«) sich in ihrer Haut nicht wohl fühlt, liegt eben nicht nur an Beate, sondern auch an ihr selbst! Das müsste völlig anders formuliert werden, lohnt sich hier aber nicht! zurück

Was ist das Gegenteil von Gar-nichts-Wahrnehmen? Wahrnehmen? – Falsch! Ätschbätsch, reingefallen! Berta weiß es besser: Mit-Händen-und-Füßen-Sprechen! So schreibt sie das jedenfalls.
Vorschlag zur Güte: Also zunächst einmal dieses Im Gegenteil eliminieren. Dann den ganzen Teil ab beugte sich dann über den Tisch zu mir (also das KaDeWe-Gelaber usw.) streichen; daran anschließend das Drei-Tage-Programm-Geschwafel und schließlich der das Aufmerksamwerden der Zuginsassen. Wäre logischer. Und vor allem kürzer. zurück

Dieser Absatz taugt nur für den Papierkorb! Zunächst widerspricht er dem vorher behaupteten ; dann wird wiederholt und auch noch weiter ausgeführt, dass die Insassen das Laute eher nicht mögen. Und es fehlt, dass es Berta selbst peinlich sein müsste, so laut gesprochen zu haben, statt mit Lächeln Nachsicht zu erbitten nur für Beate! Gerade so, als würde Beate das nicht bemerken, die zwar schwerhörig ist, aber bestimmt nicht so doof, wie Berta meint, aller Beteuerungen (die berüchtigten & gefürchteten Monologe) zum Trotz!
Nebenbei: Was sind das für Freundinnen, die so etwas immer wieder mitmachen? zurück

Ich werde auch stutzig: Hatte Beate denn zuvor normal gesprochen, wen sie jetzt lauter spricht? Ich dachte, sie hätte bereits lauter als normal gesprochen, dann müsste es doch jetzt noch lauter sein, so wie es den meisten ergeht, an welchen Fonen auch immer? zurück

Aha: Beate kann also doch ihre Stimme kontrollieren, trotz aller beschworenen Schwerhörigkeit … wundert mich jedoch nicht: In diesem Text ist eh alles wurschd!
Anführungszeichen bei gedämpfter wären hier mehr als angebracht! zurück

Seit wann sitzen Stimmen? Sollte Karin gemeint sein, müsste zuvor aus Karins Stimme eine schlichte Karin werden. Bezüge sind jedoch nur ein grammatisches Problem!
Viel schlimmer ist der inhaltliche Unfug: Säße Karin neben ihr, wäre das eine normale Unterhaltung. Kaum jemand im Abteil könnte diese verfolgen, es sei denn die unmittelbar in der Nähe Sitzenden. An ihrem Tischplatz sitzen also notwendig noch zwei Personen, denn der ICE war bis auf den letzten Platz besetzt! So steht es schwarz auf weiß am Anfang (und war zu merken). Und diese beiden haben sich das Gebrüll die ganze Zeit bieten lassen, statt einzuschreiten? Das ist einigermaßen unglaubwürdig!
Damit aber alle im Wagen Karin zuhören können (was unabdingbare Voraussetzung für die kommenden Zote ist), hätte da z. B. stehen müssen: als brüllte sie mir direkt ins Ohr. Dann, und nur dann, hätte auch alle was davon! zurück

Warum zu Beginn Anführungszeichen stehen, weiß Berta allein! Und wie die schwerhörige (ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, ist so ansteckend, weil so wichtig) Beate exakt so laut flüstern kann, dass zwar Berta es hört, aber nicht die beiden unmittelbaren Nebensitzer, ist mehr als ein Wunder! zurück

Oberpeinlich: Jetzt wird dem Leser erneut mitgeteilt, was nun folgt: Intime Details! Endlich der Höhepunkt nach so viel belanglosem Geschwafel! Kommt mir vor wie diese Witzeerzähler, die dem weggedämmerten Publikum kurz vor der Pointe (also: was sie dafür halten) das Aufmerksamkeit heischende Aufwachsignal »Achtung, jetzt kommt’s« entgegen schleudern. zurück

Jaja, vergeblich Spannung erhöhen wollen durch überflüssigste Einschübe: Was hat das mit dem Nicht-Gespräch zu tun? zurück

Wäre zu schön, um wahr zu sein! Ich glaube aber nicht, dass da noch irgendetwas Interessantes zustande kommt. Überraschend und erleichternd ist Bertas Eingeständnis, dass bis hierhin noch nichts Interessantes zu lesen war. zurück

Huch, wie die Spannung steigt in solch schwindelerregende Höhen, dass die Übelkeit beängstigend zunimmt! Dieses Aufblasen und Wichtigtun kann nur schief gehen! zurück

Da wir Leser wohl immer noch nicht kapiert haben, dass es ganz doll spannend wird, wird jetzt der Nervenkitzel bemüht, der aber eher einem Auf-die-Nerven-Gehen ähnelt. So sehr suhlt sich Ich-Erzählerin Berta im Vorgefühl des immer noch näher kommenden Höhepunktes ihres Geschwafels. zurück

Und weiter schleppt sich dieser Schrumpeltext zeilenschindend vorwärts, obwohl das Publikum vor allem anderen wissen will, wann dieses Rumgeeiere endlich aufhört! zurück

Und weiter im Leerlauf: Jetzt ist bereits der ohrenlose Wagen dermaßen angeödet, dass er stöhnt … hoffentlich hält meine Tastatur durch! zurück

Ächz! Mit Verlaub: Solch albernen Dialog habe ich noch nie gelesen: Warum in aller Welt nennt Karin den Nachnamen? Bloß, damit diese völlig danebene Erzählung – Nein! Das ist zu viel der Ehre: – diese aufgeblasene Zote irgendwann einmal funktioniert?
Und was – bitte schön – ist ein Kämmerer des Amtes? Ein Kämmerer seiner selbst? Kämmerer ist ein Amt! Und dieses Amt will laut Karin auf Deubel komm raus seine Frau betrügen, was so aber nicht funktioniert, wohl auch nicht funktionieren kann:
Denn das wird wohl entscheidend an dieser Karin gelegen haben, wenn ich mir ihr Geschwafel so anschaue. zurück

Das war keine Rede, das war ein Dialog! Aber wem sag ich das … zurück

Jajaja, hammerpeinlich ist dieser Text! Wie erzählt man jemandem gegenüber ein Sterbenswörtchen?
Karin kennt doch Beate, weiß um deren Hörproblem, wird also auch wissen, dass diese beim Händifonieren den Lautsprecher einschaltet! Nichtsdestotrotz erzählt sie völlig überflüssige Details, statt Beate zunächst zu fragen, ob diese allein ist!
Am Schluss dann, Karin durchaus angemessen, diese Teenager-Drohung Ich-bring-dich-um-Wenn, obwohl Karin genau weiß, dass Beate das weiter erzählen wird, ist doch so ein einzigartiges Erlebnis, das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder!
Und diese Drohung soll der absolute Höhepunkt dieses Machwerks sein, wie es vollmundig zu Beginn des Textes verkündet wurde: dieses pure Vergnügen, erzeugt durch einen einzigen prägnanten Satz am Schluss dieser kleinen Begebenheit?
Warum sitzt Beate kraftlos im Sessel? Ist sie so erschöpft von dem Text? Sie hat es doch niemandem erzählt! Kann sie denn was dafür, dass Karin nicht gefragt hat, ob sie allein ist?
Und warum schaut sie zaghaft in die Runde? Wann hat sie denn gemerkt, dass ALLE ihr zugehört haben? Eben: Nie!
Das wird von der unfähigen Schreiberin Berta nur erfunden wegen dem, was folgt: (Jetzt will ich aber auch mal Spannung aufbauen!) zurück

Das Publikum brüllt nämlich, wohl vor Schmerz. Kann ich verstehen nach all dem produzierten formal-stilistischen, inhaltlichen und sprachlichen Müll. zurück

Welche Wogen? Welcher Beifall? Welche Gratis-Vorstellung von welchem Theater? Was ist da vergnüglich? Was erlesen? Was ist an diesem irrsinnig schlechten Text denn noch so irrsinnig komisch außer der irrsinnigen Unfähigkeit der Ich-Erzählerin, die mir zum Schluss sicherheitshalber unterjubeln will für den Fall, dass ich es irgendwie doch nicht gemerkt haben sollte, alles sei genau so eingetreten, was sie am Anfang angedroht hatte? zurück

Beitrag vom 5. September 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Beklemmend, stimmig – vielleicht ein Anfang

Die Knöpfe waren aus Perlmutt. Hätte die Bluse keine Knöpfe gehabt, dann wäre das alles nicht passiert. Manchmal wünschte Luise, sie hätte die Finger von der Bluse gelassen. Es war Mai und schönster Frühling, aber auch das war keine Entschuldigung. Sie war gerade dabei, die Kaschmirpullover nach Größen zu sortieren und zu ordentlichen Stapeln aufzutürmen, zum dritten Mal an diesem Vormittag. Da stand plötzlich Frau Witte neben ihr und forderte Luise auf, sich zu den Personalräumen zu begeben. Es sei dringend, sagte sie, und ihre Augen blitzten bösartig, obwohl sie mit den Lippen lächelte; das konnte nichts Gutes bedeuten. Vor ihrem Spind standen zwei Herren, die dort definitiv nichts zu suchen hatten. Dieses war der Pausenraum für die Verkäuferinnen. Hier bewahrten sie nicht nur ihre Siebensachen auf, sondern führten auch die wichtigsten Gespräche, tauschten die neuesten Nachrichten aus und meckerten über Kollegen, die sie nicht leiden konnten. »Hallo, Frau Barringa!« begrüßte sie der Personalleiter, obwohl sie sich an dem Tag schon begegnet waren. Er war ungefähr in dem Alter ihres Sohnes und trug im Geschäft nichts anderes als graue Anzüge – tagein, tagaus denselben Schnitt und dieselbe Farbe. Auch seine Haare sahen immer gleich aus, obwohl er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete. Einmal war sie ihm in der U-Bahn begegnet und hatte ihn in seiner Freizeitkleidung fast nicht erkannt. Doch heute war er wieder wie aus dem Ei gepellt und erinnerte sie an einen Fußballspieler, der aus Versehen eine Krawatte trug. Neben ihm stand Charlie, der Sicherheitsmann, dem sie kürzlich noch dabei geholfen hatte, ein Formular für seine Steuererklärung auszufüllen. Er war zwar nicht der Gescheiteste, aber immer freundlich. Umso befremdlicher fand sie es, dass er sie jetzt nicht ansah, sondern ohne jegliche Befugnis an ihrem Spind herumfummelte. »Was soll denn das?« fragte sie, obwohl sie es schon ahnte. »Würden sie das bitte einmal aufmachen?« bat sie der Personalleiter in einem höflichen und zugleich strengen Ton. Er gab Charlie durch eine Handbewegung zu verstehen, dass er von der Tür zurücktreten solle, was dieser nur widerwillig tat. Sie fingerte das Bändchen mit der Chipkarte aus ihrem Halsausschnitt und steckte die Karte in den Schlitz, so dass der Spind mit einem knackenden Geräusch aufsprang. Dann trat sie selbst zwei Schritte zurück und stellte sich neben Charlie, während der Personalleiter nach der Tüte griff und hineinschaute. Er sah erst Charlie an und dann sie. In diesem Moment betrat Frau Witte den Pausenraum und ihr billiges Parfüm schlug Luise sofort auf den Magen. »Danke, Charlie, ich brauche Sie nicht mehr!« sagte der Personalleiter und wandte sich dann Luise zu: »Sie dürfen wieder abschließen, Frau Barringa, und dann folgen Sie mir bitte!« Auf dem Weg zu seinem Büro, das sich zwar auch im dritten Stock, aber am anderen Ende des Flurs befand, biss sie die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Übelkeit an, die es ihr unmöglich machte, ein Wort herauszubringen. Sonst hätte sie vielleicht schon laut protestiert oder dem Kerl die Meinung gesagt, aber das ging nicht und sie trottete ihm hinterher wie ein Lamm dem Mutterschaf. Er hielt ihr die Tür auf und deutete auf den Besucherstuhl. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Er leerte die Tüte über seinem Schreibtisch aus und das Corpus delicti kam zum Vorschein. Bei der folgenden Unterredung lag die Bluse mit den Perlmuttknöpfen zwischen ihnen, und sie konnte nur mit Mühe den Reflex unterdrücken, das feine Material hochzuheben und auf den Bügel zu hängen, der ebenfalls aus der Tüte gefallen war; Seide knitterte doch so leicht. »Tja, Frau Barringa …« begann der Personalleiter, machte jedoch keine Anstalten, seine Rede fortzusetzen, als sprächen die Tatsachen für sich. Entweder genoss er diese Situation, oder sie war ihm genauso peinlich wie ihr – sie wusste es nicht. Ihre Eingeweide spielten verrückt. »Möchten Sie vielleicht etwas sagen?« »Mir ist schlecht!« »Kann ich Ihnen etwas bringen, ein Glas Wasser vielleicht?« »Danke, aber … ich wollte die Bluse nicht entwenden, wirklich nicht! Ich arbeite doch heute nur bis mittags und dann wollte ich sie bezahlen!« Der Personalleiter griff nach dem Preisschild, das mit einem Bindfaden an einem der Knöpfe befestigt war. Er seufzte, als fände er es schade, dass die Bluse nur fast bezahlt worden war. Oder nur fast gestohlen. War das nun Diebesgut oder hinterlegte Ware? Das lag jetzt an ihm. »Es tut mir leid, Frau Barringa, aber wir haben unsere Vorschriften! Sie wissen, dass Sie ein Kleidungsstück nur aus dem Verkaufsraum entfernen dürfen, wenn es an der Kasse registriert worden ist. So wie die Dinge liegen, müssen wir davon ausgehen, dass Sie diese Damenbluse stehlen wollten, und das können wir leider nicht hinnehmen. Ich muss Sie daher bitten, Ihren Arbeitsplatz zu verlassen und Ihre Chipkarte bei Frau Witte abzugeben! Sie werden von uns ein Kündigungsschreiben erhalten, auf eine Anzeige werden wir vorläufig verzichten. Bis auf diesen Vorfall haben Sie sich nichts zu schulden kommen lassen, aber ich muss trotzdem ein Hausverbot aussprechen – so ist das nun einmal!« Ihr Magen zog sich rhythmisch zusammen und sie spürte das Blut hinter ihren Schläfen pulsieren, aber sie riss sich zusammen und erhob sich von dem Stuhl. Irgendwie gelang es ihr, den Flur aufrechten Ganges zu durchschreiten und sich in den Pausenraum zu begeben, wo sie unter den Augen von Frau Witte ihren Spind räumte und ihre Handtasche packte. Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch und ihre Vorgesetzte nahm es wortlos an sich. Die Tüte, in der sich die fast gestohlene Bluse befunden hatte, diente als Tragetasche für ihren Kaffeebecher, ihre Nadeldose und Schminkutensilien. Den kleinen Spiegel legte sie an Heddas Platz neben die leere Frühstücksdose. Das war ihr Abschiedsgeschenk. Der Gedanke an ihre liebste Arbeitskollegin trieb ihr die Tränen in die Augen, aber solange Frau Witte neben ihr stand, würde sie nicht weinen – den Gefallen würde sie ihr nicht tun! Dieser hageren Frau mit ihrer Lederhaut und den kalten Augen gönnte sie nicht den kleinsten Triumph. Während Frau Witte sie mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck beobachtete, raffte Luise ihre Habseligkeiten zusammen und vermied jeden Blickkontakt. Dann verließ sie das Kaufhaus, in dem sie zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, durch die Hintertür.

© 2013 by Meike Cuddeford. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine stimmige Erzählung mit geringfügigen sprachlichen Mängeln.
Könnte nach Korrektur ein gelungener Anfang sein für einen Roman.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Text benötigt weder ein zweite Überschrift noch diese übliche und leider weit verbreitete, aber hilflos Spannung erzeugen wollende Einleitung – das kann alles komplett entfernt werden, ohne dass dem Text etwas fehlte: Niemand würde es vermissen! zurück

Ha: DAS wäre ein guter Beginn nach, weil nach dem Kitschfrühling völlig überraschend eine Entschuldigung folgt: Wofür? Warum? DAS macht neugierig! Dagegen haben Perlmuttknöpfe keine Chance! zurück

Es wäre sinnvoller, den vorhergehenden Satz mit Luise zu beginnen (statt mit Sie): dann wäre der Zusammenhang eindeutig; die erst hier mit Luise angesprochene Person könnte eine dritte sein. zurück

Der Nachsatz wiederholt, was vorher bereits durch den Augen-Lippen-Kontrast gesagt wurde: Also? Eben: Streichen! zurück

Der Zusammenhang bleibt mir verschlossen: Die Frisur ist doch wohl deswegen immer gleich, weil er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete – oder täusche ich mich da? zurück

Was fummelte der da? Und warum? Klar kann ein Sicherheitsbeauftragter jeden Spind öffnen, wenn die Polizei das will! Nach Luise wurde aber gerufen, er konnte doch beruhigt abwarten, bis sie angekommen war! Ich würde das kürzen, es reicht doch, dass er Luise nicht ansah. zurück

Hier schleicht sich überflüssigerweise Nominalstil ein: Der Ton wird nicht benötigt: bat sie der Personalleiter höflich und zugleich streng. zurück

Wenn Frau Witte nicht zwischenzeitlich sich parfümiert haben sollte: Warum bemerkt Luise den Geruch erst jetzt und nicht schon bei der ersten Begegnung? Besser: streichen – die Anwesenheit dieser Person reicht doch wohl, um ihr auf den Magen zu schlagen … zurück

Welche Meinung denn? Luise weiß doch ganz genau, was sie angestellt hat, kennt die Regeln! Sie fühlt sich ja schließlich unwohl! Soll hier der Leser in die Irre geführt werden, so, als hätte der Personalchef hier einen Fehler gemacht? Würde ich streichen! zurück

Das darf fehlen – dass die Bluse zwischen ihnen liegt, ist an sich logisch: Schließlich geht es doch um genau diese! zurück

Sollte sie nicht besser erst die Chipkarte abgeben (nach der Spindentleerung) und dann den Arbeitsplatz verlassen? Scheint mir logischer … zurück

Hauptsätze, die mit und verbunden sind, sollte man sinnvollerweise durch Komma trennen (Das war schon immer so, das ist keine Erfindung der Neuen Rechtschreibung! Eine Regel, dass vor und nie ein Komma steht, hat es nie gegeben …) – besonders dann, wenn sonst beim Lesen Unsinn entsteht wie in diesem Fall: Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch und ihre Vorgesetzte zurück

Auch hier stört der Nominalstil mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck. Ein selbstgefälliges Knieschlackern kann es ja wohl kaum sein – und das Adjektiv selbstgefällig reicht vollkommen: Während Frau Witte sie selbstgefällig beobachtetezurück

Beitrag vom 8. August 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Gefroren ohne Muse

Was wird, wenn alles an Wert verliert?
In Dir Sinn und Glück erfriert?

Ohne Leidenschaft.
Ohne Muse. Ohne Kraft.

Bleibt nur – zu funktionieren.
Und ohne Ziel sinnieren

Oder sterben und erwachen!
Und am Ende drüber lachen.

© 2013 by Sabrina Fritzsche. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Haltloses Dumpfgelaber in Pseudogedichtform

Die Kritik im Einzelnen

Huch? Soll diese Frage ernst gemeint sein? Wieso denn gleich alles, also dieses Gedicht und den Wert inklusive? Wert ist nichts Materielles, folglich wird nichts anders, als es ist. zurück

Seltsam: Sinn & Glück sind zwar gerade wertlos geworden und jetzt auch noch als Steigerung in mir und dir und euch zusätzlich erfroren, und zwar nicht allgemein (=alles), sondern im Besonderen! Das soll also echt schlimm sein, wenn etwas Wertloses auch noch tiefgefrostet wird? Solch Unsinn will mir nicht in den Kopf! Immerhin reimen sich diese beiden metrisch unregelmäßigen Zeilen, aber das hat bekanntlich keinen Wert. zurück

Das soll wohl eine Aufzählung dessen sein, was übrig bleibt, wenn alles an Wert verloren hat und unser aller Sinn und Glück erfriert: Dann sind z. B. unsere Haare ohne Leidenschaft und kraftlos.
Schön. Na und? Waren sie vorher auch schon, zumindest was die Leidenschaft angeht!
Rätselhaft bleibt diese fehlende Muse: Welche denn? Klio, Melpomene, Terpsichore, Thalia, Erato, Urania, Polyhymnia, Kalliope, Euterpe … um nur die klassischen olympischen zu nennen?
Mich beschleicht ein böser Verdacht: Euterpe wird gefehlt haben, allerdings schon vor Beginn dieses Dumpfgedichtes, denn diese ist u. A. für Lyrik zuständig!
Warum aber nur die eine fehlt, da sie als Teil von alles ihren Wert verloren hat, aber zum Glück (noch) nicht erfroren ist: Was ist mit den anderen geschehen, die doch auch Teil von alles sind, also ebenfalls Musen ohne Wert?
Korrekter- und logischerweise müsste es dann doch ohne Musen heißen!
Man könnte diese beiden Zeilen auch durch eine ersetzen: Ohne alles. Das impliziert nämlich sowohl Leidenschaft als auch Kraft und Musen. Ließe sich sogar optisch unterstützen, indem man die Schriftfarbe dem Hintergrund anpasst, da sie ebenfalls keinen Wert mehr hat. zurück

Geht aber so was von ganz & gar & überhaupt nicht, hat doch keinen Wert mehr! Wieso soll denn ausgerechnet das Funktionieren noch funktionieren? Herr, schmeiß Hirn ra! zurück

Kalliope fehlt wohl auch: Vor den … steht ein Leerzeichen, sofern kein Wort abgewürgt wird!
Und bitte schön und mit Verlaub: Wie soll man sinnieren können, da der Sinn doch gefrostet ist? Na? Klingelts? Eben: So geht’s, wenn Wörter beliebig zusammengekleistert werden. zurück

Fein: Das Erwachen ist das Ende und somit dieses Gestammel erledigt.
Was bleibt? Muster ohne Wert! Nicht mal daraus lernen kann man, da nicht übertragbar. zurück

Beitrag vom 16. Juli 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Kleine Mängel, leicht zu beheben

Das leise Gemurmel der Betenden beginnt, sich in der einzigen Hauptstraße des Dorfes zu sammeln. Die schwarzen schweren Röcke der Frauen schleifen über die Pflastersteine. Alte Hände halten Gesangbücher. Zwei junge Burschen tragen mit unbewegter Miene das hohe Kreuz. Die Frau am Rande der Straße hält inne. Sie stützt sich auf ihren Kehrbesen, während ihr erster Blick auf den Pfaffen fällt. Sein liturgisches Gewand berührt im Vorbeiziehen beinahe ihre Alltagsschürze. Sie schreckt zurück vor dem Geruch von Mottenkugeln und Haarwasser. Das gemurmelte Beten der alten Frauen schwillt an. Sie senken die Köpfe. Die Frau am Straßenrand erkennt dennoch das eine oder andere gelblich-eingefallene Gesicht, und sie sperrt ihren Atem vor dem Geruch von Lavendel auf alter Haut. Die Gruppe der Männer in dunklen Anzügen betet lauter und tiefer. Als wolle sie die Kreuzesträger in ihrer Mitte schützen vor dem Ansturm der Frühlingsluft. Die frisch umgepflügte Erde verbreitet ihren würzigen Geruch. Sie trägt die dunkle Farbe des Holzkreuzes. Die Frau sucht den Blick des rechten Kreuzträgers. In der Nacht hatte sie den weichen Flaum seines braunen Haares an ihrer Brust gespürt. Später schäumte sie mit einem cremigen Kamillenshampoo dieses kräftige junge Haar, um ihre Nase darin zu baden. Die vorwitzigen Schaumkronen verliefen sich immer noch auf ihrem Gesicht, als er ihr Haus bereits verlassen hatte.

Nun schaut er weg, weit weg, ganz weg. Sie glaubt dennoch, der Duft der Kamille wehe zu ihr hinüber. Es ist aber der strenge Geruch des jahrhundertealten Holzkreuzes, der jeden anderen Sinneseindruck überbietet. Sie fängt den Blick des Gekreuzigten auf und wendet sich mit schnellem Atem ab, als die letzte Gruppe der Murmelnden an ihr vorbeigezogen ist. Raschen Schrittes, nicht mehr auf den Besen achtend, läuft sie ins Haus .

Ihr Atem beginnt zu rasseln. Die Ausdünstungen der Küche nach altem abgestandenen Kaffee, heruntergebrannten Holzscheiten und Morgenschweiß legen sich auf ihre Bronchien wie zäher Schleim.

Als der Menschenzug zurückkommt, steht niemand mehr am Straßenrand. Die alten Frauen singen in hohen schrillen Tönen: »Oh Haupt voll Blut und Wunden.« Die Kreuzesträger blicken zu Boden. Das hohe alte morsche Kreuz ist schwer geworden. Der Pfaffe schweigt noch immer.

Ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen hüpft in gebührender Entfernung dem verhallenden Singsang hinterher. Es hält kurz inne angesichts der weit geöffneten Tür jenes kleinen Hauses am Straßenrand. Zu Hause wartet das Fastenessen mit jenem Karpfen, dessen tote Augen glotzen. Das kleine Mädchen hüpft auf den Türschlund zu. Ahnungslos. Ihre blonden Zöpfe schaukeln in der Frühlingsbrise. Der tote Karpfen kann warten.

© 2013 by Ella Rosenmichel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine leise, hintersinnige Kurzgeschichte

Kleine Mängel, die leicht behoben werden können!

Die Kritik im Einzelnen

Wie viele Hauptstraßen kann ein Dorf vertragen? Eben: einzige streichen!

Aber großes Lob, dass hier nicht platt erzählt wird, sondern überlegt: Bevor man die Prozession sieht, hört man sie! Und das trifft sicher zu für die Frau mit dem Besen, um die es geht, die aber erst später auftaucht. Das Gemurmel sammelt sich, wird also immer lauter! zurück

Zwischen den beiden Adjektiven sollte ein Komma stehen; zudem würde ich die Reihenfolge ändern, denn der optische Eindruck ist der erste: die schwarzen, schweren Röcke. zurück

Hier beginnt etwas Neues, nämlich der Blick auf die Frau. Deshalb empfehle ich einen Absatz am Anfang. Aus am Rande der Straße würde ich Straßenrand machen, weil das nur 1 Substantiv ist – sonst nehmen die überhand! zurück

Während gibt einen Zeitraum, d. h. sie stützt sich so lange, wie der Blick fällt: Das kann nicht so lange dauern, dass es ein während verdiente! Ich würde während einfach streichen: Die Frau hält inne, stützt sich auf den Besen und sieht den Pfarrer (der ja sehr nahe ist, wie man gleich erfährt). zurück

Wegen der Ähnlichkeit (vorvon) schlage ich vor: vor dem Geruch nach Mottenkugeln und Haarwasser. Gut, wie hier alt und neu zusammengebracht werden, und ebenso, wie das abwertende Pfaffe ganz allein ausdrückt, was die Frau von diesem Kirchenmann hält! zurück

Auch das ist gelungen: Die Alten ignorieren die Frau, demonstrieren das auch noch, aber diese erkennt dennoch einige Gesichter. Es wird seinen Grund haben, warum diese Frau nicht bei der Prozession dabei ist. zurück

Hier würde ich den folgenden allein stehenden Nebensatz durch ein Komma anbinden, es wäre ja der einzige. Sofern Leser diesen Gedanken jedoch als einen spöttischen der Frau auffassen, was durchaus möglich und berechtigt wäre, gäbe es auch die Lösung, mit dem isolierten Nebensatz einen neuen Absatz zu beginnen und mit einem Ausrufezeichen zu beenden, was den Kommentar-Charakter verstärkte! zurück

Das stimmt nicht, es gibt fünf Sinne! Hier geht es ausschließlich um den Geruch, also streichen! zurück

Was soll mit schnellem Atem bedeuten? Atem hat nichts mit Tempo zu tun, wohl aber Atmen! Der Blick des Gekreuzigten bewirkt etwas in ihr, was zu einem veränderten Atmen führt: schnell sagt wenig aus: Vielleicht heftig? Weil es die allein stehende (?) Frau stark berührt, von dem jungen Burschen so ignoriert zu werden, wo sich Jesus doch um die Huren bemühte? Das wäre Interpretationssache, entsprechend müsste das Adjektiv fürs Atmen gefunden werden: und wendet sich heftig atmend ab könnte es z. B. lauten. zurück

Raschen Schrittes ist zuviel, schließlich benutzt sie wohl nicht die Hände! Rasch genügt vollauf! Aber jetzt kommt das Problem mit dem Laufen: Im Süddeutschen Raum bedeutet das gehen, im Hochdeutschen das, was in Dauerlauf steckt, also im Süddeutschen rennen. Da es am Anfang rasch heißt, sollte jetzt gehen folgen, denn ein Lauf bzw. ein Rennen ist von vornherein rasch: Rasch geht sie ins Haus.

Den Besen habe ich dabei eliminiert, denn ich gehe davon aus, dass sie ihn beim Abwenden einfach hat fallen lassen, so deute ich zumindest diese umständliche Formulierung »nicht mehr auf den Besen achtend«. zurück

Abgestandener Kaffee muss alt sein, es gibt keinen frischen abgestandenen, allenfalls einen aufgewärmten! Weg mit diesem Adjektiv! zurück

Hier würde ich keinen Abschnitt machen, sondern nur einen Absatz, denn hier ereignet sich nichts Neues! zurück

Schrille Töne sind hoch, sonst wären sie nicht schrill. Also weg mit hohen! zurück

Christliche Kreuze sind immer hoch, das darf also ebenfalls weg! zurück

Hier fängt etwas Neues an, also sollt hier ein Abschnitt voraus gehen! zurück

Das ist jetzt ZU deutlich! Hier wird eine möglich Gefahr für das Mädchen angedeutet, und genau darauf würde ich verzichten! Wer bis jetzt noch keinen Verdacht gehegt hat, dass die (angeblich) männerverschlingende und abgelehnte Frau mit dem Besen als Hexe betrachtet werden könnte, sollte jetzt nicht gewaltsam darauf gestoßen werden! Denn sie muss ja keine sein, nur weil andere sie dafür halten! Warum also sollte dem Mädchen Gefahr drohen? Wovon hätte sie eine Ahnung haben sollen? Ahnungslos streichen! zurück

Oh nein, das tun sie gewiss nicht: Die Zöpfe schaukeln notwendig, weil das Kind hüpft! Also hinweg mit der Frühlingsbrise! zurück

So liest sich die verbesserte Version:

Das leise Gemurmel der Betenden beginnt, sich in der Hauptstraße des Dorfes zu sammeln. Die schweren, schwarzen Röcke der Frauen schleifen über die Pflastersteine. Alte Hände halten Gesangbücher. Zwei junge Burschen tragen mit unbewegter Miene das hohe Kreuz.

Die Frau am Straßenrand hält inne, stützt sich auf ihren Kehrbesen, und ihr erster Blick fällt auf den Pfaffen. Sein liturgisches Gewand berührt im Vorbeiziehen beinahe ihre Alltagsschürze. Sie schreckt zurück vor dem Geruch nach Mottenkugeln und Haarwasser. Das gemurmelte Beten der alten Frauen schwillt an. Sie senken die Köpfe. Die Frau am Straßenrand erkennt dennoch das eine oder andere gelblich-eingefallene Gesicht, und sie sperrt ihren Atem vor dem Geruch von Lavendel auf alter Haut. Die Gruppe der Männer in dunklen Anzügen betet lauter und tiefer.

Als wolle sie die Kreuzesträger in ihrer Mitte schützen vor dem Ansturm der Frühlingsluft! Die frisch umgepflügte Erde verbreitet ihren würzigen Geruch. Sie trägt die dunkle Farbe des Holzkreuzes. Die Frau sucht den Blick des rechten Kreuzträgers. In der Nacht hatte sie den weichen Flaum seines braunen Haares an ihrer Brust gespürt. Später schäumte sie mit einem cremigen Kamillenshampoo dieses kräftige junge Haar, um ihre Nase darin zu baden. Die vorwitzigen Schaumkronen verliefen sich immer noch auf ihrem Gesicht, als er ihr Haus bereits verlassen hatte.

Nun schaut er weg, weit weg, ganz weg. Sie glaubt dennoch, der Duft der Kamille wehe zu ihr hinüber. Es ist aber der strenge Geruch des jahrhundertealten Holzkreuzes, der jeden anderen überbietet. Sie fängt den Blick des Gekreuzigten auf und wendet sich heftig atmend ab, als die letzte Gruppe der Murmelnden an ihr vorbeigezogen ist. Rasch geht sie ins Haus.

Ihr Atem beginnt zu rasseln. Die Ausdünstungen der Küche nach abgestandenem Kaffee, heruntergebrannten Holzscheiten und Morgenschweiß legen sich auf ihre Bronchien wie zäher Schleim.

Als der Menschenzug zurückkommt, steht niemand mehr am Straßenrand. Die alten Frauen singen in schrillen Tönen: »Oh Haupt voll Blut und Wunden.« Die Kreuzesträger blicken zu Boden. Das alte morsche Kreuz ist schwer geworden. Der Pfaffe schweigt noch immer.

Ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen hüpft in gebührender Entfernung dem verhallenden Singsang hinterher. Es hält kurz inne angesichts der weit geöffneten Tür jenes kleinen Hauses am Straßenrand. Zu Hause wartet das Fastenessen mit diesem Karpfen, dessen tote Augen glotzen. Das kleine Mädchen hüpft auf den Türschlund zu. Ihre blonden Zöpfe schaukeln. Der tote Karpfen kann warten.

Beitrag vom 20. Juni 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Pfiffig, nässend, unzufrieden – und doch sehr zufrieden

Rosarot
Die Wolken
Jubelnd
Bin ich
Leben Lachen
Licht

Rosigrot
Die Wunden
Nässen Narben
Sieht man
Schmerzen
Nicht

© 2012 by Derry Verleger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Feines, überraschendes, pfiffig sauberes kleines Gedicht
Die sattsam bekannten beiden Seiten der Liebe werden hier pfiffig und überraschend neu dargestellt – und DAS mach ein Gedicht aus! Rosarot-Rosigrot, Wolken-Wunden, jubelnd-nässend – bereits diese Gegensätze sprechen für sich! Und dabei handwerklich gekonnt mit seinen Alliterationen und dem Trochäus!

Die Kritik im Einzelnen


Ich empfehle analog zu Jubelnd im ersten Abschnitt Nässend. zurück

An der zweiten Strophe irritiert mich: Den beiden Silben von Jubelnd stehen vier in Nässend Narben gegenüber, während den vier in Leben Lachen nur zwei gegenüberstehen (Schmerzen).
Habe deswegen einen Versuch gewagt:

Rosigrot
Die Wunden
Nässend
Narben
Sieht man Schmerzen
Nicht

Das überzeugt mich aber auch nicht, weil optisch die vorletzte Zeile unvermittelt so lang ist: Damit bekäme diese Zeile ein besonderes Gewicht, das sie nicht verdient! Na ja, das hat man davon, wenn man nie zufrieden ist. Aber ich traue dem Verfasser durchaus zu, daran weiter zu arbeiten, wenn es denn tatsächlich nötig sein sollte!

Beitrag vom 10. April 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: 110 fehlende Leerzeichen

Lautes Lachen, ein rollendes Poltern und Gejohle hörte Anna plötzlich hinter sich. Erschrocken drehte sie sich um. Mindestens fünf Jugendliche auf Inlinern und Skateboards kamen um die Ecke gebraust. Schnell trat sie an die Seite. ›Das sind doch die Kinder aus der Nachbarschaft!‹ dachte sie missmutig. ›Keine Rücksicht nehmen die, auf nichts und niemanden. Frech und Laut, so waren wir früher nicht.‹ Langsam ging sie weiter, dabei stütze sie sich schwer auf ihren Gehstock. Mit der anderen Hand zog sie einen Einkaufs-Trolly hinter sich her. Vom Ziehen tat ihr der Arm nun weh, denn der Supermarkt war ein ganz schönes Stück entfernt. Der Arzt hatte ihr einen Rollator empfohlen, aber so etwas wollte sie nicht. ›Das ist doch nur was für alte Leute‹, das war ihre Meinung dazu. Erneut blieb sie stehen, um etwas zu verschnaufen. Dabei schweifte ihr Blick zur anderen Straßenseite. Ihre Augen wurden mit einem mal groß. Erstaunt sah sie dort eine noch ziemlich junge Frau mit einem … Rollator! »Meine Güte, die ist so jung, und ich habe Angst, alt zu wirken? Ich muss wohl doch noch mal über den Rat des Doktors nachdenken.« Nach diesem Selbstgespräch ging sie mit etwas mehr Schwung weiter. Endlich stand sie vor ihrer Haustür. Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie alleine hier.
›Nein, nicht ganz alleine‹ dachte sie lächelnd, als sie die Wohnungstür aufschloss. Ein großer roter Perserkater kam schnurrend auf sie zu und strich um ihre Beine. Der wurde jetzt ausgiebig gestreichelt. Dann erst fing sie an, die Tasche auszupacken. Der Kater war auch nicht mehr jung und ihr ein und alles. »Wir sind ein gutes Team« sagte sie zu ihm. Er miaute, als ob er ihre Worte verstand.

Mit einer Tasse Kaffee setzte sie sich nun auf den großen Balkon. Alles blühte so wunderschön, eine richtige Wohlfühl-Oase war das. Früher hatten sie und ihr Mann am Stadtrand ein kleines Einfamilienhaus mit einem Garten. Aber als sie beide älter wurden, entschlossen sie sich zu dieser Eigentumswohnung. Deshalb legte sie so großen Wert auf die Bepflanzung der Blumenkästen, quasi als Ausgleich zu dem Garten, den sie manchmal vermisste. Wie schön wäre es, wenn ihre Enkel hier mal sitzen würden. Aber die Kinder wohnten weit weg und sie sah sie nur noch selten. War das vielleicht ein Grund für die Abneigung gegen die lärmenden Nachbarskinder? Kinder waren nun mal laut, und man kann sie nicht festbinden und ihnen auch kein Pflaster auf den Mund kleben. Ihre eigenen waren in der Jugend auch nicht anders. Das musste sie ehrlicherweise zugeben. Und wie war sie selbst gewesen? Nun musste Anna doch schmunzeln. Sie war ein ziemlich wildes Mädchen, und das war in ihrer Jugend schon sehr unschicklich gewesen. Sehr oft hatte sie Hausarrest, und auch auf den Po hat es öfter was gegeben. Die Eltern hatten es mit ihr nicht leicht. Sie liebte Kinder und war deshalb auch Lehrerin geworden. Nun war sie schon viele Jahre pensioniert, aber sie dachte gerne an die Schulzeit zurück.

Von draußen hörte sie nun wieder unbeschreiblichen Lärm. Als sie über die Balkonbrüstung schaute, erblickte sie die Jugendlichen von vorhin. ›Aber da weint doch jemand‹ dachte sie und sah genauer hin. Einer der Jungens lag etwas verdreht auf dem Boden und die Freunde standen ziemlich ratlos herum. Jemand rief um Hilfe. Ein anderer meinte: »Meine Eltern sind nicht zu Hause
Anna war nun nicht mehr zu halten. Ohne zu überlegen ergriff sie den Notfallkoffer und rannte zum Fahrstuhl. Durch den Keller des Hauses war sie nach einigen Minuten im Garten.
»Ich wusste gar nicht, das ich noch so schnell laufen kann!« sagte sie zu den Kids. Diese sahen sie erstaunt an. Darum zeigte sie auf ihren Balkon direkt über ihnen: »Da wohne ich, Anna Meyers ist mein Name. Was ist passiert?« Die Jugendlichen erklärten es ihr und fragten sie, ob sie Ärztin wäre. »Nein,« lächelte Anna, »ich war Lehrerin, aber mein Mann war Arzt und ich musste ihm oft helfen
Der junge Mann hatte einige Schürfwunden an Kopf und Knie, und das eine Bein war am Knöchel schon stark geschwollen. Sanft befühlte sie die Stelle. »Es scheint nichts gebrochen, nur verrenkt. Ihr habt doch im Gefrierschrank bestimmt so Eisbeutel, die holt mal und ein Glas Wasser.« Schnell wie der Blitz sauste einer ins Haus. Die anderen standen flüsternd etwas abseits. Scheinbar wussten sie nun wer die alte Dame war. Sehr oft hatten sie sie schon geärgert und beschimpft, wenn sie nicht schnell genug aus dem Wege ging. Und jetzt war sie hier unten und half ihnen, während die anderen, sonst so freundlichen Nachbarn, hinter der Gardine standen und zusahen.
Zu allem Überfluss fing es jetzt an zu regnen. Der Eisbeutel war inzwischen da und sie legte ihn auf den Knöchel. Dann gab sie ihm ein Aspirin gegen die Schmerzen. »Das Bein muss ruhig gehalten werden. Besser wäre es, wenn ihr in die Notaufnahme fahren würdet. Damit er noch mal von einem Arzt untersucht wird. Mehr kann ich für ihn nicht tun.« »Aber wir sind alleine, unsere Eltern sind arbeiten und die Freunde wohnen wo anders. Wie sollen wir da hin kommen?« Anna sah die Jugendlichen prüfend an: »Ich rufe von meiner Wohnung aus einen Krankenwagen an. Einer fährt mit ihm. Die anderen können von mir aus bei mir warten. Natürlich nur, wenn ihr wollt. Zu essen und zu trinken habe ich auch.» Das nahmen sie zögernd an und trugen erst einmal den Verletzten auf die Terrasse.

Als der Freund weg war, standen sie auf der Terrasse herum und schauten zu Annas Balkon hoch. Sie trauten sie nicht, in die Wohnung zu gehen. War das ihr schlechtes Gewissen? Da erschien Annas Kopf über dem Geländer: »Nun kommt schon, der Kakao wird kalt.« Schnell wie der Blitz rannten die Jugendlichen nun hinauf.
In der Wohnung roch es wunderbar nach heißem Kakao. Auf dem Tisch standen Schokokekse und Apfelkuchen.
»Setzt euch und langt zu. Bei soviel Temperament, wie ihr habt, seid ihr bestimmt hungrig, oder?« meinte sie lächelnd. Immer noch waren sie erstaunt über diese alte Dame, die eigentlich keinen Grund hatte ihnen zu helfen. Und das sagten sie dann auch. Und sie entschuldigten sich. Aber davon wollte Anna nichts hören. »Kinder sind nun mal so. Zeitweise habe ich vergessen, wie ich selbst einmal war und auch meine Kinder waren keine Engel. Viele alten Leute vergessen das. Aber ich habe mich, glaube ich, noch rechtzeitig erinnert.« Es entspann sich ein tolles Gespräch. Die Kinder waren froh, das ihnen mal jemand zuhörte. Sie erzählten ihr von ihren Sorgen und Nöten. Anna hatte so manch guten Rat. Plötzlich klingelte es und die beiden Jungens waren wieder da. Auch sie bekamen heißen Kakao und Kuchen. Mit Erstaunen sahen sie, wie gut sich die Freunde inzwischen mit Frau Meyers verstanden. Anna erzählte ihnen Erlebnisse aus ihren Schultagen als Lehrerin und auch von ihren vielen Strafen als Kind. Sie versprach den Jugendlichen immer ein offenes Ohr für sie zu haben. Sie dürften jederzeit zu ihr kommen, auch mit den Hausaufgaben. Allerdings nicht ohne Zustimmung der Eltern. Und so entstand eine wunderbare Freundschaft. Auch die Eltern der Kinder waren begeistert und luden die neue Freundin nun öfter zu sich ein. Kater Oskar war auch sehr angetan, hatte er doch jetzt ganz viele Hände mehr, die ihn streichelten.

© 2012 by Sieglinde Schwierczinski. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Eine Erzählung für Kinder mit dicker Moralkeule und überaus kitschigem Schluss.
Unklare räumliche Vorstellungen, seltsame Dialoge, und im Original kaum zumutbar: 110 (!) fehlende Leerzeichen nach Punkt oder Komma mussten ersetzt, 29 fehlende oder falsche Anführungs- bzw. Schlusszeichen sowie 13 falsche Satzzeichen verbessert werden, damit Leser und Leserin dem Text ohne Irritationen folgen kann …

Die Kritik im Einzelnen


Wie kann Anna lautes Lachen von dem viel lauteren Gejohle unterscheiden? Ist das laute Lachen überhaupt wichtig? Rätselhaft auch, warum sie das plötzlich laut hörte: Normalerweise steigert sich die Lautstärke mit der Annäherung der Jugendlichen. Das ist alles ziemlich merkwürdig. zurück

Die Ecke macht das Unverständliche des Anfangs nicht besser, denn diese hält den Schall nicht davon ab, schon vor den Jugendlichen um die Ecke zu witschen! M.a.W: die Ecke darf fehlen!. Erstaunlich, dass Anna sie nicht zählen kann: Dann müssen die Jugendlichen verdammt schnell gewesen sein, denn bis zu sieben Personen erkennt man ohne zu zählen auf einen Blick …
Inliner sind in der Regel ziemlich lautlos, sie verursachen gewiss kein rollendes Poltern – das bleibt den Skatebords mit den kleinen Rädchen vorbehalten.
Ich erlaube mir mal wieder einen Verbesserungsvorschlag zu machen für diesen missglückten Beginn:
Erschrocken trat Anna zur Seite: Mit lauten Gejohle brausten fünf Jugendliche auf Inlinern und lärmenden Skateboards von hinten an ihr vorbei. zurück

Ein Trolly ist eigentlich ein Trolley, zumindest rechtschreibmäßig betrachtet – das hat nichts damit zu tun, dass Trolly sehr wohl im Internet zu finden ist, wie jeder andere Rechtschreibfehler auch. Aber das ist nicht so wichtig: Viel wichtiger ist, dass es nicht um die Entfernung zum Supermarkt geht, sondern um den Weg hin und zurück. Dass ihr der Arm nun weh tat, ist verzichtbar. Und so würde ich das auch schreiben:
Vom Ziehen tat ihr der Arm weh, denn der Weg zum Supermarkt und zurück war weit. zurück

Das das nebst voraus gegangenem Komma darf man getrost streichen! zurück

Warum wohl werden Augen groß? Na? Eben – Anna ist erstaunt! Warum also muss das denn nochmals dem armen Leser um die Ohren geklatscht werden? So muss das heißen:
(…) wurden groß: Eine ziemlich junge Frau mit einem … Rollator! Dass die Madame noch ziemlich jung ist, kann man getrost vergessen, denn niemand ist immer jung, das vergeht, garantiert … zurück

Mit etwas mehr Schwung ist dröger Nominalstil: Wie wäre es mit einem einfachen etwas schwungvoller? zurück

Sowohl hier als auch im folgenden Sätzlein empfehle ich das hochsprachliche allein statt dem umgangssprachlichen Geschnodder alleine. zurück

Nanu? Hat die alte Anna den Trolley verloren? Wo kommt die Tasche her? zurück

Ab hier den Rest des Satzes streichen – denn das sind Standardfloskeln, die man sich schenken kann. Kinder sind nicht doof, die verstehen das Miauen schon ohne diesen Hinweis. zurück

Was soll das denn heißen? Was ist eine großer Balkon? Wie wäre es mit ausladend, geräumig, großzügig bemessen, stattlich? Aber dieses dröge groß? Es ginge ganz ohne ein Adjektiv: Denn dass da viel Platz ist, wird aus der folgenden Wohlfühl-Oase deutlich – was braucht es also mehr? zurück

Klar, ja, ich weiß schon: Normalerweise blühen Pflanzen potthässlich – Anna hingegen liebt & hütet absonderliche Pflanzen, die blühen in echt so wunderschönAlles blühte so wunderschön bitte bitte in den Abfalleimer! Und so zusammen fassen: (…) setzte sie sich nun auf den Balkon: Der war eine richtige Wohlfühl-Oase! Bitte auch die geänderten Satzzeichen beachten, es gibt schließlich weit mehr als Punkt und Komma! zurück

(Stöhn) Es gibt einfach keinen Ausgleich ZU etwas, aber es gibt einen Ausgleich FÜR etwas! zurück

Welche Kinder sind hier gemeint? Die Enkelkinder? Oder Annas eigene mit ihren Kindern? Hieße es ihre Kinder statt die Kinder, wo doch gerade von Enkel die Schreibe war, wäre alles klar, selbst Kinder würden den Satz dann verstehen … zurück

In eigener Sache: Jetzt gibt es nur noch einen Link pro Absatz, sonst sitze ich nächste Woche noch an dieser Besprechung!
Zu Beginn hörte Anna beschreiblichen Lärm – jetzt hört sie wieder unbeschreiblichen Lärm (eiwei …) – und als sie über die Balkonbrüstung blickt, hört sie trotz des unbeschreiblichen Lärms jemanden weinen: Das wird dann wohl eher ein Kreischbrüllen gewesen sein … Auch der Hilferuf und der völlig alberne Satz Meine Eltern sind nicht zu Hause wären in dem unbeschreiblichen Lärmgekreische wohl untergegangen. Und der Genitiv Plural von Junge heißt JungenJungens ist Umgangssprache und damit gewisslich nicht Stil einer pensionierten Lehrerin!
Hätte jedoch vor dem Haus der übliche Kinderlärm stattgefunden und wäre plötzlich abgebrochen, wäre das doch Grund genug gewesen, über die Balkonbrüstung zu schauen, und alles hätte annähernd so sein können – annähernd, denn der alberne Satz kommt später nochmals, da passt er dann auch! zurück

Wenn jemand schwer am Gehstock geht, kann er nicht rennen. Die Äußerung, dass sie selbst nicht wusste, dass sie so schnell rennen könne, entschuldigt das nicht, zumal diese Äußerung in der Situation völlig überflüssig ist. Ebenso ihre Vorstellung. Und dass die Jugendlichen plötzlich Kids heißen, ist nur noch sonderbar. Folgendes bliebe übrig:
Anna war nun nicht mehr zu halten. Ohne zu überlegen ergriff sie den Notfallkoffer und beeilte sich. Zwei Minuten später war sie im Garten. »Was ist passiert?« Die Jugendlichen erklärten es und fragten, ob sie Ärztin wäre. »Nein,« lächelte Anna »ich war Lehrerin, aber mein Mann war Arzt, und ich musste ihm oft helfen.« zurück

Annas Wunsch nach Eisbeutel und Wasser ist höchst umständlich und letztlich unangemessen. Die Floskel schnell wie der Blitz kommt demnächst nochmals und ist fürchterlich breitgetrampelt – soll der eine Bursch doch ins Haus rennen oder in ihm verschwinden (war das der, dessen Eltern nicht zu Hause sind?). Dass die Jungen nicht wussten, wo Anna wohnt, ist unglaubwürdig, es sei denn, der Junge, der ins Haus geblitzt ist, ist gerade erst eingezogen. Die anderen Nachbarn sind also freundlich? Und Anna war immer unfreundlich? Was soll das, es ergibt doch keinen vernünftigen Sinn! Außerdem frage ich mich: Wo ist eigentlich das Weinen des Jungen geblieben? Und hat er eigentlich Schmerzen? Darüber zu befinden ist aber nicht meine Aufgabe! Übrig bliebe:
Der junge Mann hatte einige Schürfwunden an Kopf und Knie, und das eine Bein war am Knöchel schon stark geschwollen. Sanft befühlte sie die Stelle. »Es scheint nichts gebrochen, nur verrenkt. Ich brauche einen Eisbeutel und ein Glas Wasser.« Einer verschwand im Haus. Die anderen standen flüsternd etwas abseits. Sie kannten die alte Dame. Oft hatten sie sie schon geärgert und beschimpft, wenn sie nicht schnell genug aus dem Wege ging. Und jetzt war sie hier unten und half ihnen, während die anderen Nachbarn hinter der Gardine standen und zusahen. zurück

Den Regen kann man sich sparen, er hat keinerlei Bedeutung für den Fortgang der Handlung. Man hätte genau so gut schreiben können, zu allem Überfluss sei in Indien ein Sack Reis umgefallen. Warum hat der Eisbeutel eigentlich Schmerzen und bekommt Aspirin, während der Junge leer ausgeht? Das zumindest sagt die Satzkonstruktion aus, denn das ihm bezieht sich sprachlogischerweise auf das Subjekt des vorangegangenen Satzes (sollte der Knöchel das Aspirin bekommen, müsste es diesem heißen – der Junge hingegen fehlt völlig. Vermutlich war das Glas Wasser noch unterwegs, angekommen ist es ja nicht im Gegensatz zum Eisbeutel. Warum Anna aber überhaupt Aspirin verabreicht, ist unverständlich: Weder den Jungen noch den Eisbeutel hat sie danach gefragt. Damit aber nicht genug: Wie sollen denn bitte die Jungen den Verletzten ins Krankenhaus befördern? Und wieso schaut Anna die Jugendlichen prüfend an? Und warum tragen sie den Jungen auf die Terrasse – und auf welche? Wo kommt die her? Der Junge liegt doch im Garten, wenn ich mich recht erinnere … Vorschlag:
Der Eisbeutel und Wasser waren inzwischen angekommen. Sie legte ihn auf den Knöchel. Dann gab sie ihm ein Aspirin gegen die Schmerzen. »Das Bein muss ruhig gehalten werden. Er muss noch mal von einem Arzt untersucht werden. Ich rufe gleich einen Krankenwagen. Einer bleibt bei ihm. Die anderen können von mir aus bei mir warten. Ich wohne im dritten Stock. Natürlich nur, wenn ihr wollt. Zu essen und zu trinken habe ich auchzurück

Die Terrasse und den Regen hatte ich entfernt – Es wäre ja auch doof von den Jugendlichen, auf einer Terrasse zu stehen, wenn es regnet – denn was wäre da der Vorteil? Und sollte es sich um eine überdachte Terrasse handeln, könnten sie nicht von da aus zu Annas Balkon hoch schauen. Da stimmt was Gehöriges nicht. Zudem kommt der angekündigte Blitz … Übrig bliebe:
Als der Freund weg war, schauten zu Annas Balkon hoch. Sie trauten sich nicht, in die Wohnung zu gehen. War das ihr schlechtes Gewissen? Da erschien Annas Kopf über dem Geländer: »Nun kommt schon, der Kakao wird kalt.« zurück

Ja, ja, wundaba … hatten wir doch schon … roch wunderbar (schauder): Wie wäre es mit einem schlichten duftete OHNE riechen und wunderbar? SO EINFACH kann Schreiben sein, wenn man sich nur an die herrlichen Verben zu erinnern bemüht: Die Wohnung duftete nach heißem Kakao. zurück

An diesem Teilstück stört mich lediglich Zeitweise habe ich vergessen – es ist ihr doch gerade erst passiert, und das ist doch nicht Zeitweise, sondern manchmal! Ich würde vorschlagen Manchmal vergesse ich (…) zurück

Und jetzt kommt die Moralkeule … beim letzten Link hätte diese Erzählung enden können: Anna hat eine Verbindung hergestellt, die Jugendlichen sind gekommen. Alles Weitere ist überflüssig. Stattdessen wird jetzt ein superkitschiges Happyend konstruiert nach dem Motto: Seid lieb zu den Alten, denn dann geht es euch prima! Diese Verbrüderung ist schlichtweg peinlich! Jedes Kind, das zugehört oder gelesen hätte, kann allein weiter denken, vielleicht entstehen fruchtbare Gespräche, aber ein solch zuckersüßes Ende macht die Erzählung unglaubwürdig, weil sie so tut, als müsste es so sein. Solche Moral sollte Märchen vorbehalten bleiben, wo die Kleinen und Schwachen und Unterdrückten gewinnen – aber in Erzählungen haben sie nichts zu suchen, damit macht man alles kaputt! zurück

Beitrag vom 11. Februar 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Liebe in Gruben und Gräben

»Im Wesen nichts Neues«, bemerkst du, Marie,
und legst diesen Blick in mein Bett, dass ich denke,
den Schinken aufs Kissen, das Wissen, Marie,
dass Krieg ist, und du mir und ich dir nichts schenke.

Wir leiern uns alt und wir lauern, Marie,
in Gräben hier nebeneinander und staken
im Grund auf der Suche nach Schwäche, Marie,
und treffen uns nachts in den Gruben der Laken.

© 2012 by Volker Weist. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein überaus bemerkenswertes Gedicht!
Das Spiel mit Erich Maria Remarques immer noch verstörenden Anti-Kriegs-Roman »Im Westen nichts Neues« ist inhaltlich und formal überaus gelungen: Reime, Versmaß, Aufbau: alles vom Feinsten! Der durchgängig sauber verwendete Amphibrachus als Metrum, das Spiel mit dem Titel: Westen – Wesen, dann leiern – lauern, die Folge Gräben – Grund – Gruben: Alles kompakt! Und: Man darf sich seine eigenen Gedanken machen, nichts wird einem übergestülpt!

Indem der männliche »Maria« in eine Marie verwandelt wird, spielt das Gedicht auf die bekannten situativen homosexuellen Notbeziehungen an (z.B. in Gefängnissen oder eben bei Soldaten im Feld) – aber Liebe funktioniert nicht in den Gräben, trotz der Gruben der Laken. Seltsamerweise fiel mir nach dem Lesen aber auch noch Bertolt Brechts Gedicht »Erinnerung an die Marie A.« ein, das jedoch nichts mit Krieg zu tun hat! Bei Brechts Gedicht spielt die weiße Wolke ganz weit oben eine Hauptrolle, hier sind es Gräben, Grund und Gruben … ist es dieser Gegensatz?

Bedauerlich ist, dass ich nicht mehr als 5 Punkte vergeben kann …

Die Kritik im Einzelnen

entfällt

Beitrag vom 5. Januar 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Das Bild hängt schief

Die Sonne schenkt ein strahlend Kleid der Erde
und breitet es auf großen Feldern aus.
Der späte Raps lässt alle Fluren leuchten,
die Augen laben sich an diesem Schmaus.

Der gelbe Traum, er lässt einfach nicht los.
Ich möchte hier mein Menschsein überwinden
und einfach fliegen über diesen Gründen,
die mich so locken in den gelben Schoß.

© 2012 by Renate Tank. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich sauber, inhaltlich schief.
Da kann jemand reimen und weiß auch mit dem Metrum umzugehen. Aber inhaltlich und sprachlich holpert es heftig – aber es ist auch schwer, noch Naturgedichte zu ersinnen, die neue Sichtweisen ermöglichen: Dieses Feld ist gründlich abgeerntet!

Die Kritik im Einzelnen

Das nennt man »schiefes Bild«: Wenn die Sonne der Erde ein strahlendes Kleid schenkt, dann müsste dieses Kleid Tag und Nacht strahlen, somit gäbe es keinen Tag mehr, da es keine Nacht mehr gäbe, die Wörter hätten ihren Sinn verloren, die Erde würde ja quasi selbst zur Sonne! Nun gut, mag man einwenden: Die Erde zieht das Kleid ja gar nicht an, sondern die Sonne breitet es aus auf großen Feldern – was immer auch ein großes Feld sein mag: Sind hundert Hektar groß genug, um den Ehrentitel großes Feld verpasst zu bekommen? Ach so, groß sind sie erst ab 112 … Nun ja, da habe ich mich getäuscht! Darf es auch eine Menge kleiner Felder sein, oder haben die keinen Anspruch auf das radioaktive Kleid? Aha, keinen Anspruch … na, meinetwegen.

So viel zu dem hilflos stümpernden Adjektiv groß. Damit sind das radioaktiv verseuchte Kleid und das Geschenk aber noch nicht gerettet! Vorschlag: Belassen wir doch der Sonne ihr Strahlenkleid, man muss nicht alles neu erfinden – das Wort strahlend hingegen hat spätestens seit Fokushima eine fiese Nebenbedeutung! Wie wäre es z. B. so:

Die Sonne senkt ihr Strahlenkleid zur Erde
und breitet es mit weiten Schwüngen aus.

Bevor jemand laut meckert: Ich bin mit der zweiten Zeile überhaupt nicht zufrieden, habe aber keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen – das Verfassen von Naturgedichten ist nicht mein Metier. Hauptsache, die großen Felder sind eliminiert! zurück

Ja da schau her: Die Sonne hat ein strahlendes Kleid auf einem Dingsbums-Feld ausgebreitet, und jetzt lässt der späte Raps alle Fluren leuchten? Haben die Strahlungen des Kleides ihn etwa radioaktiv verseucht, so dass er stellvertretend zu ihm leuchten lässt alle Fluren – also alle nutzbaren Feldflächen?– Das wäre gewiss eine stattliche Menge! Warum muss es denn immer so gewaltig und groß sein? Alle Fluren? Ist 1 nicht genug? Das passiert wohl, wenn des Metrums oder des Reimes wegen gedankenlos Adjektive reingestopft werden, die halt irgendwie passen.

Jetzt wird der gute alte Augenschmaus getrennt und auf Schmaus mit laben noch einer draufgesetzt: Egal welcher Schmaus, da gehört sich laben einfach automatisch dazu, da muss nicht nochmals drauf gepocht werden. Wobei die Vorstellung von genüsslich schmatzenden Augen auch was für sich hat …

Von mir aus dürfen sich die Augen an diesem Schmaus weiden. Aber das macht die missglückte erste Strophe kaum besser. zurück

An dieser Strophe lässt sich nicht viel aussetzen – bis auf die Frage, warum das lyrische ich über diesen Abgründen fliegen möchte, wo der der gelbe Schoß so lockt: Was hindert es denn daran, hinein zu gehen und zu genießen? Warum muss hier das herrliche Menschsein so mühselig überwunden werden? zurück

Beitrag vom 13. Dezember 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Wenn der Frost nach Sommer schmeckt

1
Riechst du es? Im Herbst kochen die Frauen
Apfelmus ein. Es wärmt bis zum
Nächsten Frühjahr ihnen die Bäuche von
Innen. Selbst der Frost
Schmeckt damit nach Sommer.

2
Der Blick von der Burg reicht in die Hinterhöfe, in denen die Tage wie Scheite gestapelt liegen.
Aus den Gärten riecht es nach Grillkohle und Petersilie und Wäsche, die Stimmen der Alten klingen laut über die Hecken, und der Wetterhahn zeigt niemals nach Westen, weil ihm ein Arm fehlt.
Ich denke mit den Fingerspitzen auf Mauersteinen; Namen wie Basalt, Ammonith und Porphyr scheinen flüchtig auf, und ich kann sie nicht zuordnen, wie auch Ulme, Erle und Pappel nur Worte sind. Was ich sehe, sind Mauersteine und Laubbäume, und ich denke, wenn ich zwischen der Wäsche, dem Wetterhahn und den Alten geboren wäre, wüsste ich mehr.

3
Zwischen diesen Halmen habe ich nicht gesessen seit jenem ersten Jahr, als die Stammtische noch keine Gesichter hatten und das Schnauben der Pferde mein städtisches Ohr erschreckte. In den Sommern las ich Spuren auf den geteerten Straßen und senkte meine Zehen in die gemalte Landschaft. Hier ist der Himmel stets blau und manchmal eine Lüge; mit der Uhr am Handgelenk bestimme ich die tatsächlichen Sonnentage, lese sie ab an der wintergebliebenen Haut unterm Gehäuse.
Mit den Füßen schreibe ich Zeichen ins Gras beim Feuer, das ist für die Kinder, und Hände tragen die Wörter zu mir, während am Bogen meines Daumens die Sonne aufgeht.

4
Ich sortiere die Wäsche und sammle: aus den aufgekrempelten Hosenbeinen Blätter und Steinchen, aus dem Hemdtaschen Bleistifte, vom Mantelkragen Altweiberhaar.
Ich sammle, und lege: über den Ginster das Haar, die Bleistifte neben das Telefon, die Blätter auf die Schwelle, die Steinchen ins Fenster.
Ich mache die Wäsche und gieße die Blumen. Spüle den Milchtopf aus. Hänge das Geschirrtuch über die Stuhllehne. Seit ich zurück bin, atme ich flacher. Also halte ich still jetzt, die Hände, die Füße, den Kopf.

© 2012 by Kati Fränzel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein wunderbarer Text!
Man wird förmlich hineingesaugt in die Stimmung durch Sprache und Rhythmus, und am Schluss hält man ebenfalls still und rätselt darüber, was einem gerade widerfahren ist. Das ist eigentlich mehr wert als 5 Brillen … Chapeau!

Die Kritik im Einzelnen

Die Eingangsfrage richtet sich an den Leser, sozusagen einen Ortsunkundigen – oder spricht hier der Erzähler mit sich selbst? Dieses Gedicht in freien Rhythmen umfasst Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken, alle vier Jahreszeiten, und analog zu diesen treibt das Gedicht dank der Enjambements zügig voran: Kurz, konzentriert, knapp: vorbildlich! zurück

Da der folgende Irrealis wäre von Haus aus zeigt, dass darüber nachgedacht wurde, ist die Floskel ich denke überflüssig. zurück

Hier werden erneut die Sinne angesprochen: Sehen, Riechen, Hören – und Fühlen, was hier als denke[n] mit den Fingerspitzen auf den Mauersteinen beschrieben wird, überraschend, aber logisch: Der Tastsinn verrät dem Ortskundigen mehr als eine wissenschaftlich Beschreibung der Stein- und Baumsorten. Zudem wird hier erstmals deutlich, dass der Erzähler kein von Haus aus Ortskundiger ist, sondern sich das erarbeiten musste. Sprachlich einfach überzeugend. zurück

Ich möchte nicht weiter auf diesen Abschnitt eingehen als: Was hier durch die lyrische Sprache an Stimmung erzeugt wird von heimelig über befremdlich bis wehmütig-resignierend, das ist einfach großartig! zurück

Ortskunde im kleinen – alles hat seinen Platz, aber es ist eng daheim, denn der Atem geht flacher. Verschiedene Orte galt es zu erkunden, den großen realen, den der Erinnerung und die kleine eigene Burg. zurück

Beitrag vom 25. September 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Fabelhaft missglückt

Alle wussten sie es. Alle glaubten daran. Doch es gab, eigentlich, niemanden, der es schaffte, es zu tun. Dabei wäre es so einfach gewesen. Man musste, und dass wussten alle, nur den Bären um Erlaubnis fragen. Doch das war nicht so einfach. Der Bär konnte ja schlafen. Oder aber, wenn man ihn anträfe, würde er eine andere Sprache sprechen als man selbst. Und dabei wusste niemand, ob der Bär überhaupt sprechen konnte. Es gab entsprechend viele Gerüchte. Denn das war es ja, was alle wollten. Mit dem Bären sprechen, ihn um Erlaubnis fragen. Doch es war zu schwer. Außerdem war es ja zu kalt in der Höhle, die eigentlich gar keine war. Sie war ein ganz anderes Land, das alle kannten. Und dann war da ja noch die Dunkelheit und natürlich hatte keiner Licht. So vergingen die Jahre und keiner wusste, ob der Bär Erlaubnis geben würde. Immer wenn der Bär kam ein Tier zu fressen, das unvorsichtig genug war, sich ihm zu nähern, waren alle ruhig. Und auch sie wurden immer hungriger, denn sie hatten nicht um die Erlaubnis gefragt zu essen. Alle waren sie tot, bevor sie erkennen konnten, dass auch sie Bären waren.

© 2012 by Bob Blume. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine sehr missglückte Fabel

Da wird zu viel angedeutet und verklausuliert, als dass sie noch aufklärerisch bzw. politisch wirken könnte; das ist auch sehr schwer in einer Demokratie, denn dort BRAUCHT man keine Fabeln, da wir Meinungsfreiheit haben. Fabeln gedeihen prächtig in Diktaturen jeder Couleur!

Die Kritik im Einzelnen

Entweder glaubten sie daran oder sie wussten es – denn glauben bedeutet schließlich nicht wissen: Ich empfehle hier wissen (auch wenn Glauben durchaus auch zu dummen Handlungen führen kann …) zurück

Da es tatsächlich niemand schaffte, ist eigentlich hier falsch, denn es suggeriert, dass es doch jemand schaffte! Es zu tun wäre ebenfalls verzichtbar: Doch es gab niemanden, der es schaffte. zurück

Hier müsste die Unsicherheit durch den Konjunktiv könnte ausgedrückt werden – analog zu den folgenden! zurück

Warum wird jetzt die umgangssprachliche Hilfskonstruktion würde sprechen gewählt statt das einfache spräche? zurück

Wie viele Gerüchte sind es denn, dass hier viele so betont werden muss? Reichen nicht einfache Gerüchte? Nur zwei Vermutungen sind genannt worden, die reichen doch aus, um ein Ansprechen zu verhindern … zurück

Dieser Satz ist missverständlich, denn inhaltlich bezieht sich das auf die Gerüchte des vorigen Satzes: Alle wollten Gerüchte! Dieses Missverständnis ließe sich ganz einfach beheben, wenn dieser Satz mit einem Doppelpunkt endete: Der wäre der Hinweis darauf, dass das das erst im Folgenden erläutert würde. zurück

Jetzt wird es kritisch: Bereits Außerdem zeigt an, dass hier kein vernünftiger Zusammenhang hergestellt werden konnte, also patscht man eine weiteren Einfall mitten in den Text: Das tut dem Text gar nicht gut, diese Höhle, die eigentlich (!) keine Höhle war. zurück

Eiwei: Die Höhle war also eigentlich keine Höhle, sondern ein Land? Auch noch ein Land, das alle kannten? Wieso nennen sie das dann Höhle? zurück

Schlimm schlimm, jetzt wird noch einmal etwas drangepatscht: Dunkelheit, und niemand hat Licht! Würde man diesen Kälte/Höhlen/Land/Dunkelheit-Klumpatsch einfach streichen – niemand würde das Fehlen bemerken! zurück

Wieso kam der Bär, um zu fressen? Das Tier näherte sich ihm doch von allein: Da musste der Bär nur warten, braucht nicht zu kommen! Und warum näherte sich das Tier? Was wollte es beim Bären? Den Bären um Erlaubnis fragen? zurück

Fein. Sie wurden hungriger. Und wer noch? Der Bär doch nicht, da ist immer einer hingelatscht. Weshalb steht denn da geschrieben, dass auch sie immer hungriger wurden? zurück

Das war vorauszusehen – das sollte eine Fabel werden! Sogar eine mit Moral (was Fabeln eigentlich nicht haben: Diese ist eine Erfindung von Pädagogen aus dem 19. Jahrhundert): Alle sind gleich, auch in einem kalten und dunklen Land, und man sollte die Herrscher besser um Erlaubnis Fragen, ob man essen darf – wenn man nicht fragt, wird man gefressen. Oder so oder wie oder was. zurück

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