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Stichwort: Lyrik

Alle Beiträge, die von der literaturcafe.de-Redaktion mit dem Stichwort »Lyrik« versehen wurden.

Beitrag vom 4. Dezember 2014 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Freude über den Tod und ein gelungenes Gedicht

Im Apfelbaum
war der Tod
unerwartet
verschieden.

Ein Code
im Staub
waren wir
selbst
verständlich
nicht
den anderen.

© 2014 by Wilfred Gerber. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Einfach nur großartig! Hier wird dem Leser nichts vorgeschrieben, er darf seinen eigenen Assoziationen folgen!

E: Laut Luther-Übertragung war ein verbotener Apfel Ursache von Tod und Vertreibung – aber nun ist der Tod selbst gestorben … Was aber bleibt? Freunde!

Asche zu Asche, Staub zu Staub – eine weitere Anspielung auf den Tod. Die Freunde wissen es selbstverständlich – aber die anderen verstehen das nicht, können den Code im Staub nicht entziffern. Die Freundschaft jedoch überdauert.

Die Kritik im Einzelnen

entfällt

Beitrag vom 9. September 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

feine post zum reinweinen von horst, hund und brodt

host, hund und brodt - nur die Postkarte, das Buch ist im Papier darunter eingewickeltEs steckt vieles im Briefkasten der Redaktion und immer viele Bücher. Man freut sich über die, die man angefordert hat, was selten passiert (das Anfordern, nicht das Freuen).

Und da sind die, die man nicht angefordert hat, die man aus dem Umschlag nimmt und deren Cover bereits verkündet, dass man sie nach dem Lesen des ersten Satzes weglegen wird. Aber wohin?

Und dann einer der raren Momente, in denen das Auspacken bereits Poesie ist und inmitten des Papiers Lyrisches schläft.

Beitrag vom 8. August 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Gefroren ohne Muse

Was wird, wenn alles an Wert verliert?
In Dir Sinn und Glück erfriert?

Ohne Leidenschaft.
Ohne Muse. Ohne Kraft.

Bleibt nur – zu funktionieren.
Und ohne Ziel sinnieren

Oder sterben und erwachen!
Und am Ende drüber lachen.

© 2013 by Sabrina Fritzsche. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Haltloses Dumpfgelaber in Pseudogedichtform

Die Kritik im Einzelnen

Huch? Soll diese Frage ernst gemeint sein? Wieso denn gleich alles, also dieses Gedicht und den Wert inklusive? Wert ist nichts Materielles, folglich wird nichts anders, als es ist. zurück

Seltsam: Sinn & Glück sind zwar gerade wertlos geworden und jetzt auch noch als Steigerung in mir und dir und euch zusätzlich erfroren, und zwar nicht allgemein (=alles), sondern im Besonderen! Das soll also echt schlimm sein, wenn etwas Wertloses auch noch tiefgefrostet wird? Solch Unsinn will mir nicht in den Kopf! Immerhin reimen sich diese beiden metrisch unregelmäßigen Zeilen, aber das hat bekanntlich keinen Wert. zurück

Das soll wohl eine Aufzählung dessen sein, was übrig bleibt, wenn alles an Wert verloren hat und unser aller Sinn und Glück erfriert: Dann sind z. B. unsere Haare ohne Leidenschaft und kraftlos.
Schön. Na und? Waren sie vorher auch schon, zumindest was die Leidenschaft angeht!
Rätselhaft bleibt diese fehlende Muse: Welche denn? Klio, Melpomene, Terpsichore, Thalia, Erato, Urania, Polyhymnia, Kalliope, Euterpe … um nur die klassischen olympischen zu nennen?
Mich beschleicht ein böser Verdacht: Euterpe wird gefehlt haben, allerdings schon vor Beginn dieses Dumpfgedichtes, denn diese ist u. A. für Lyrik zuständig!
Warum aber nur die eine fehlt, da sie als Teil von alles ihren Wert verloren hat, aber zum Glück (noch) nicht erfroren ist: Was ist mit den anderen geschehen, die doch auch Teil von alles sind, also ebenfalls Musen ohne Wert?
Korrekter- und logischerweise müsste es dann doch ohne Musen heißen!
Man könnte diese beiden Zeilen auch durch eine ersetzen: Ohne alles. Das impliziert nämlich sowohl Leidenschaft als auch Kraft und Musen. Ließe sich sogar optisch unterstützen, indem man die Schriftfarbe dem Hintergrund anpasst, da sie ebenfalls keinen Wert mehr hat. zurück

Geht aber so was von ganz & gar & überhaupt nicht, hat doch keinen Wert mehr! Wieso soll denn ausgerechnet das Funktionieren noch funktionieren? Herr, schmeiß Hirn ra! zurück

Kalliope fehlt wohl auch: Vor den … steht ein Leerzeichen, sofern kein Wort abgewürgt wird!
Und bitte schön und mit Verlaub: Wie soll man sinnieren können, da der Sinn doch gefrostet ist? Na? Klingelts? Eben: So geht’s, wenn Wörter beliebig zusammengekleistert werden. zurück

Fein: Das Erwachen ist das Ende und somit dieses Gestammel erledigt.
Was bleibt? Muster ohne Wert! Nicht mal daraus lernen kann man, da nicht übertragbar. zurück

Beitrag vom 20. Juni 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Pfiffig, nässend, unzufrieden – und doch sehr zufrieden

Rosarot
Die Wolken
Jubelnd
Bin ich
Leben Lachen
Licht

Rosigrot
Die Wunden
Nässen Narben
Sieht man
Schmerzen
Nicht

© 2012 by Derry Verleger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Feines, überraschendes, pfiffig sauberes kleines Gedicht
Die sattsam bekannten beiden Seiten der Liebe werden hier pfiffig und überraschend neu dargestellt – und DAS mach ein Gedicht aus! Rosarot-Rosigrot, Wolken-Wunden, jubelnd-nässend – bereits diese Gegensätze sprechen für sich! Und dabei handwerklich gekonnt mit seinen Alliterationen und dem Trochäus!

Die Kritik im Einzelnen


Ich empfehle analog zu Jubelnd im ersten Abschnitt Nässend. zurück

An der zweiten Strophe irritiert mich: Den beiden Silben von Jubelnd stehen vier in Nässend Narben gegenüber, während den vier in Leben Lachen nur zwei gegenüberstehen (Schmerzen).
Habe deswegen einen Versuch gewagt:

Rosigrot
Die Wunden
Nässend
Narben
Sieht man Schmerzen
Nicht

Das überzeugt mich aber auch nicht, weil optisch die vorletzte Zeile unvermittelt so lang ist: Damit bekäme diese Zeile ein besonderes Gewicht, das sie nicht verdient! Na ja, das hat man davon, wenn man nie zufrieden ist. Aber ich traue dem Verfasser durchaus zu, daran weiter zu arbeiten, wenn es denn tatsächlich nötig sein sollte!

Beitrag vom 3. Juni 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Die geballte Dichte des Walle Sayer

Sayer-KohlrabenEs muss anfangs dieses Jahrtausends gewesen sein, dass in meiner inzwischen leider geschlossenen Lieblingsbuchhandlung mir ein schmales Bändchen von Walle Sayer auffiel, »Kohlrabenweißes«, ein »Prosazyklus«.
Schon das Äußere sprach mich an, der feste Einband, das klare Layout.

Und ich begann zu lesen. Aber das war keine Geschichte. Oder gerade doch? Es ist … ja was?

Beitrag vom 11. Februar 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Liebe in Gruben und Gräben

»Im Wesen nichts Neues«, bemerkst du, Marie,
und legst diesen Blick in mein Bett, dass ich denke,
den Schinken aufs Kissen, das Wissen, Marie,
dass Krieg ist, und du mir und ich dir nichts schenke.

Wir leiern uns alt und wir lauern, Marie,
in Gräben hier nebeneinander und staken
im Grund auf der Suche nach Schwäche, Marie,
und treffen uns nachts in den Gruben der Laken.

© 2012 by Volker Weist. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein überaus bemerkenswertes Gedicht!
Das Spiel mit Erich Maria Remarques immer noch verstörenden Anti-Kriegs-Roman »Im Westen nichts Neues« ist inhaltlich und formal überaus gelungen: Reime, Versmaß, Aufbau: alles vom Feinsten! Der durchgängig sauber verwendete Amphibrachus als Metrum, das Spiel mit dem Titel: Westen – Wesen, dann leiern – lauern, die Folge Gräben – Grund – Gruben: Alles kompakt! Und: Man darf sich seine eigenen Gedanken machen, nichts wird einem übergestülpt!

Indem der männliche »Maria« in eine Marie verwandelt wird, spielt das Gedicht auf die bekannten situativen homosexuellen Notbeziehungen an (z.B. in Gefängnissen oder eben bei Soldaten im Feld) – aber Liebe funktioniert nicht in den Gräben, trotz der Gruben der Laken. Seltsamerweise fiel mir nach dem Lesen aber auch noch Bertolt Brechts Gedicht »Erinnerung an die Marie A.« ein, das jedoch nichts mit Krieg zu tun hat! Bei Brechts Gedicht spielt die weiße Wolke ganz weit oben eine Hauptrolle, hier sind es Gräben, Grund und Gruben … ist es dieser Gegensatz?

Bedauerlich ist, dass ich nicht mehr als 5 Punkte vergeben kann …

Die Kritik im Einzelnen

entfällt

Beitrag vom 5. Januar 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Das Bild hängt schief

Die Sonne schenkt ein strahlend Kleid der Erde
und breitet es auf großen Feldern aus.
Der späte Raps lässt alle Fluren leuchten,
die Augen laben sich an diesem Schmaus.

Der gelbe Traum, er lässt einfach nicht los.
Ich möchte hier mein Menschsein überwinden
und einfach fliegen über diesen Gründen,
die mich so locken in den gelben Schoß.

© 2012 by Renate Tank. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich sauber, inhaltlich schief.
Da kann jemand reimen und weiß auch mit dem Metrum umzugehen. Aber inhaltlich und sprachlich holpert es heftig – aber es ist auch schwer, noch Naturgedichte zu ersinnen, die neue Sichtweisen ermöglichen: Dieses Feld ist gründlich abgeerntet!

Die Kritik im Einzelnen

Das nennt man »schiefes Bild«: Wenn die Sonne der Erde ein strahlendes Kleid schenkt, dann müsste dieses Kleid Tag und Nacht strahlen, somit gäbe es keinen Tag mehr, da es keine Nacht mehr gäbe, die Wörter hätten ihren Sinn verloren, die Erde würde ja quasi selbst zur Sonne! Nun gut, mag man einwenden: Die Erde zieht das Kleid ja gar nicht an, sondern die Sonne breitet es aus auf großen Feldern – was immer auch ein großes Feld sein mag: Sind hundert Hektar groß genug, um den Ehrentitel großes Feld verpasst zu bekommen? Ach so, groß sind sie erst ab 112 … Nun ja, da habe ich mich getäuscht! Darf es auch eine Menge kleiner Felder sein, oder haben die keinen Anspruch auf das radioaktive Kleid? Aha, keinen Anspruch … na, meinetwegen.

So viel zu dem hilflos stümpernden Adjektiv groß. Damit sind das radioaktiv verseuchte Kleid und das Geschenk aber noch nicht gerettet! Vorschlag: Belassen wir doch der Sonne ihr Strahlenkleid, man muss nicht alles neu erfinden – das Wort strahlend hingegen hat spätestens seit Fokushima eine fiese Nebenbedeutung! Wie wäre es z. B. so:

Die Sonne senkt ihr Strahlenkleid zur Erde
und breitet es mit weiten Schwüngen aus.

Bevor jemand laut meckert: Ich bin mit der zweiten Zeile überhaupt nicht zufrieden, habe aber keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen – das Verfassen von Naturgedichten ist nicht mein Metier. Hauptsache, die großen Felder sind eliminiert! zurück

Ja da schau her: Die Sonne hat ein strahlendes Kleid auf einem Dingsbums-Feld ausgebreitet, und jetzt lässt der späte Raps alle Fluren leuchten? Haben die Strahlungen des Kleides ihn etwa radioaktiv verseucht, so dass er stellvertretend zu ihm leuchten lässt alle Fluren – also alle nutzbaren Feldflächen?– Das wäre gewiss eine stattliche Menge! Warum muss es denn immer so gewaltig und groß sein? Alle Fluren? Ist 1 nicht genug? Das passiert wohl, wenn des Metrums oder des Reimes wegen gedankenlos Adjektive reingestopft werden, die halt irgendwie passen.

Jetzt wird der gute alte Augenschmaus getrennt und auf Schmaus mit laben noch einer draufgesetzt: Egal welcher Schmaus, da gehört sich laben einfach automatisch dazu, da muss nicht nochmals drauf gepocht werden. Wobei die Vorstellung von genüsslich schmatzenden Augen auch was für sich hat …

Von mir aus dürfen sich die Augen an diesem Schmaus weiden. Aber das macht die missglückte erste Strophe kaum besser. zurück

An dieser Strophe lässt sich nicht viel aussetzen – bis auf die Frage, warum das lyrische ich über diesen Abgründen fliegen möchte, wo der der gelbe Schoß so lockt: Was hindert es denn daran, hinein zu gehen und zu genießen? Warum muss hier das herrliche Menschsein so mühselig überwunden werden? zurück

Beitrag vom 16. April 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Innenhof der Bibliothek mit wenigen überflüssigen Wörtern

graue Pflastersteine im Geviert
in der Nessel die Hummel
die Vergissmeinnicht
leuchten blau

dicke Buchsbaumkugeln
am Pflasterweg
das Steintier, gekrönt,
frisst die Mondsichel

im Viereck der Häuser
schläft der Sonnenschirm
aus uralten Fenstern
schauen die Bücher

© 2012 by Gabriele Knoten. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Feines Simmungsbild

mit wenigen überflüssigen Wörtern

Die Kritik im Einzelnen

Dass Vergissmeinnicht in Blautönen leuchten, ist trivial, da redundant wie kalter Schnee oder grünes Gras. Ich würde sie einfach nur leuchten lassen und zudem den bestimmten Artikel entfernen: Bei der Nessel leuchtet dieser ein, da es sich offenbar um eine Nessel handelt, in der eine Hummel zugange ist – dadurch werden beide zu etwas Besonderem. Problem: Dann würde eine Zeile wegfallen, es sei denn, man verteilt Vergissmeinnicht leuchten auf zwei Zeilen. zurück

Auch hier ist das dick bei den Buchsbaumkugeln eines dieser völlig nichtssagenden Adjektive: Wer bei Buchsbaumkugel nicht automatisch an dick denkt, weiß entweder nicht, was ein Buchsbaum ist, oder – ganz doll schlimm – was eine Kugel ist … zurück

Beitrag vom 12. März 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Bei dieser Lyrik hilft keine Meduzin

An wen soll ich mich noch wenden,
ich weiss nicht mehr wer.
Zu keinem das Vertrauen, mich zu verstehn.
Aber ich kann es nicht alleine,
nur ich und das Papier.
Es spricht nicht, kommt nur aus mir.
Buchstabe für Buchstabe, ein hilfloses Meer.
Sollte ich besser schweigen,
auf Nägeln weiter gehn?
Schmerzen ertragen, Gefühle verwehrn?

© 2012 by Andrea Schatt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Sinnentleertes Geschwafel

Hat überhaupt nichts mit einem Gedicht zu tun und wäre auch als Text unerträglich. Dafür müsste es eigentlich Minusbrillen geben statt nur keine.

Die Kritik im Einzelnen

Oioioi – da hat das lyrische Ich aber schon eine Menge Menschen behelligt, wenn es nicht mehr weiß, an wen es sich noch wenden soll. Hier gäbe es Rat! Kein Wunder, dass es am Ende der Wendestrecke allein ist (aber mit Verlaub: Ich bin mir sicher, dass es sich an mich nicht gewandt hat!).
Grammatisch ist der zweite Vers völlig verunglückt (ich spreche bei diesem Text doch lieber von Zeile, denn bereits diese hat metrisch/formal mit der ersten so gar nichts zu tun): Logisch müsste es heißen: Ich weiß nicht mehr, an wen. Das aber wäre nur eine Wiederholung der ersten. Vielleicht ist die vorliegende Konstruktion versehentlich nicht beendet worden, sollte eigentlich Ich weiß nicht mehr, wer ich bin lauten – das legt zumindest dieses seltsame wer nahe und würde zudem passen: Da will jemand wissen, wer er ist! Das ist schon wichtig, wenn man keine Ahnung mehr hat …zurück

Jetzt folgt zur Abwechslung ein elliptischer Satz, denn das Prädikat fehlt. Vom Metrum und der Form passt diese Zeile wiederum nicht zu den vorangegangenen: Es sieht so aus, als entstünde ein Gedicht dadurch, dass man Zeilen untereinander setzt – und wenn es ganz besonders toll sein soll, werden die dann auch noch zentriert, als ob Müll hübscher wird, wenn man ihn der Größe nach sortiert! Und ganz schlimm wird es, wenn ausgesprochene Homepage-Dummköpfe illegalerweise Gedichte renommierter Lyriker fehlerhaft abtippen und auch noch zentrieren … aber das nur am Rande!
Hier passiert das glücklicherweise nicht, und das ist das einzig Positive, was mir zu diesem Geschreibsel einfällt!
Die Logik des Satzes holpert: Wieso fragt sich ohne Fragezeichen das lyrische Ich, an wen es sich noch wenden soll, wenn es eh kein Vertrauen hat, verstanden zu werden? Wozu das Gejammer? zurück

Jetzt wird der klare Titel durch das umgangssprachliche alleine verballhornt – und ich hatte mich schon gefreut, dass jemand noch das schöne allein kennt. zurück

Wer eine Erklärung erwartet hatte, was das lyrische Ich allein nicht zustande bringt, wird bitter enttäuscht: Das wird nicht enthüllt. Satt dessen wird dem geneigten Leser weis gemacht, dass nur es (also das lyrische Ich) UND das Papier (Hallo Partner!) es kann – ja aber was denn? Und was hat das lyrische Ich mit dem Papier (nicht irgendeinem, nein: einem bestimmten) zu tun? Wo kommt das her, wo will das hin? Was können die beiden zusammen, was das lyrische Ich allein nicht nicht kann: Sich an jemanden wenden, nicht mehr wissen wer, gemeinsam das lyrische Ich verstehen?
An wen kann ich mich wenden? Mein Hirn droht zu verenden … Ojemine owe, das tut gar schröcklich weh … zurück

Kinder: Überraschung!!! Das Papier spricht nicht! Boah ey, ein nicht sprechendes Papier – so was gibt es nur in Erzeugnissen, die sich für ein Gedicht halten. Aber noch viel schöner ist, dass zumindest die Frage, woher das Papier kommt, geklärt wird: Das Papier kommt aus dem lyrischen Ich!
Mit anderen Worten: Das lyrische Ich ist ein Papierspender, das Gedicht folglich aus der Perspektive eines solchen geschrieben; der wird von niemandem verstanden und kann sich an niemanden mehr wenden, da er z. B. in der Toilette eines aufgegebenen Gasthauses hängt: So bleibt nur noch das Papier als Kumpel übrig, aber eben als ein stummer, da er nicht spricht … zurück

Wort für Wort ein hilfloses Meer … Ach, diente es doch der Selbsterkenntnis, möchte ich da dem Papierspender zurufen … nichts, aber gar nichts vermag ich diesem Buchstabengewimmel zu entnehmen, dass auch nur ansatzweise einen nachvollziehbaren Sinn ergibt oder auch nur andeutungsweise was mit einem Gedicht zu tun hat! zurück

Jaaaaaaaa! Aber bedauerlicherweise ist es 8 Zeilen zu spät für diese treffliche Erkenntnis! zurück

Wer geht denn bereits auf Nägeln, dass er weiter auf Nägeln gehen kann (der Papierspender hängt allenfalls an welchen, wenn er stümperhaft befestigt wurde)? Weiß niemand, ist auch schnurzegal! Doch auf welchen oder wessen Nägeln geht er: den Zehennägeln? Den eigenen? Das ist schmerzhaft, zugegeben, wenn sie lang genug sind, dass man auf ihnen gehen könnte. Auf denen des lieben Nachbarn? Ginge – aber nicht sehr weit, der hat nur zehn Zehn. Oder ist gemeint über ein Nagelbrett? Wo so viele Nägel nebeneinander stehen, dass man bei einigermaßen gesunder Hornhaut (barfuß gehen ist angesagt) problemlos, da schmerzfrei gehen kann?
Aber auf Nägeln gehen? Das geht eigentlich nicht – man kann darauf treten, das geht! zurück

Nein, keine Schmerzen ertragen: Da gibt es Meduzin gegen: Pipi fragen! Gefühle verwehrn? Hängt von den Gefühlen ab: Gegen Freude oder Angst hilft jede Art von Seditiva – am besten Arzt oder Apotheker fragen. Gegen Depressionen gibt es Antidepressiva (sollte ich nach diesem Wordgewusel besser einnehmen). zurück

Beitrag vom 9. Januar 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Hundephilosophie und Hundehandwerk

Der Hund, der seinen Schweif verfolgt
Zeigt mir dadurch ganz ungewollt
Wie oft ich mich auch wenden mag
Wie oft ich stets dasselbe frag’
Ob rechts, ob links – ist’s nie getan
Dank hündischem Verfolgungswahn
Kann ich mir daher sicher sein
Kein Anfang holt das Ende ein.

© 2011 by Corinna Holz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich gelungen, inhaltlich überfrachtet.

Astreine Jamben, saubere Reime – aber inhaltlich überfrachtet: Weniger wäre hier mehr!

Die Kritik im Einzelnen

Was diesem Gedicht vor allem fehlt: Satzzeichen! Der Konstruktion ist schwer zu folgen, sie ist auch brüchig. Hier wäre am Zeilenende ein Komma hilfreich! zurück

Auch hier wäre am Zeilenende ein Komma hilfreich – besser noch: ein Doppelpunkt! Denn jetzt sollte etwas Wichtiges folgen. zurück

Jetzt kommt das lyrische Ich ins Spiel – aber wieso es sich wendet und wohin, ist völlig unklar: Sollte es ebenfalls um sich selbst kreisen? Aber sich wenden hat nichts mit dem Kreisen des Hundes zu tun! Sollte damit gemeint sein, dass das lyrische Ich überall eigenschwanzjagende Hunde entdeckt, wohin es sich auch wendet? Keine Ahnung. Bleibt eine Rätselzeile, sollte aber bei dieser Art Gedicht keine sein. Auch hier fehlt am Ende ein Satzzeichen, sinnvollerweise ein Komma, denn der Satz geht ja weiter, die nächste indirekte Frage folgt. zurück

Gleich zwei Rätselzeilen: Was soll Ob rechts, ob links für eine Frage sein, die das lyrische Ich sich immer wieder stellt angesichts dieses Hundes? Es ist egal, ob es sich selbst nach recht oder links wendet? Ob der Hund rechts- oder linksrum seinen Schwanz verfolgt?

Ganz unklar bleibt nach dem Gedankenstrich dieses ist’s nie getan: Hier müsste ein Hauptsatz stehen: Es ist nie getan! Oder in Kurzform: ‘s ist nie getan. Damit wäre immerhin der Satzbau gerettet, nicht aber der Inhalt: Was ist denn nie getan? Die Antwort auf die Frage (sofern man eine Antwort tun kann)? Das Kreisen? Kann nicht sein, irgendwann ist jeder Hund erschöpft oder leckt seinen verwundeten Schwanz, wenn er ihn denn erwischt hat (was das Gedichtlein allerdings kategorisch ausschließt). Also haben wir jetzt schon drei inhaltlich verquaste Rätselzeilen! Auch hier täte ein trennendes Satzzeichen (Punkt oder Ausrufungszeichen) dem Vers-Ende nur Gutes! zurück

Eine schöne Spielerei mit dem Begriff »Verfolgungswahn«, denn nicht der Hund fühlt sich verfolgt, sondern er verfolgt spielerisch ein eigenes Körperteil, indem er es als etwas Fremdes betrachtet, das gejagt werden muss! zurück

Da anschließend das große Finale kömmt (Kleist, Der zerbrochen Krug, Stuttgart 1983, S.7, Z.68 – hier wird schließlich nicht geguttenbergt!), sollte am Ende ein Doppelpunkt darauf hinweisen! zurück

Abgesehen von dem inhaltlichen Fehler, denn manche Hunde erwischen durchaus ihren Anhang, mögen die geneigten Leser und Leserinnen mir gestatten, dass ich hier die Gelegenheit ergreife, das Gedicht ansprechend von allem verklausulierten zu befreien und auf den Kern zu reduzieren – Danke, vielen Dank:

Ein Hund, der seinen Schweif verfolgt,
Zeigt mir dabei ganz ungewollt:
Ich darf mir völlig sicher sein –
Kein Anfang holt das Ende ein!

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