Alle Beiträge, die von der literaturcafe.de-Redaktion mit dem Stichwort »buchkritik« versehen wurden.
Und wieder ein neuer Glavinic. Der österreichische Autor ist mittlerweile nicht nur einer der vielseitigsten im deutschsprachigen Raum, sondern auch einer der vielschreibendsten.
Hatte Thomas Glavinic gerade noch im Frühjahr dieses Jahres mit »Lisa« einen fulminanten Internet-, Paranoia- und Drogenroman um einen Webradio-Moderator präsentiert, ist er nun »Unterwegs im Namen des Herrn«.
Es ist der scheinbar autobiografische Bericht einer Pilgerbusreise nach Medjugorje in Bosnien. Ein Buch, dem aber leider der göttliche Beistand im entscheidenden Moment fehlte.
»Schoßgebete« ist da. Das zweite Buch von Charlotte Roche und der Nachfolger von »Feuchtgebiete« ist seit einer Woche in den Buchhandlungen erhältlich. Und genauso zuverlässlich, wie der Medienhype beginnt, nervt das Gejammer derer, die das Geschreibsel schrecklich, den Rummel verächtlich und das perverse Buch ohnehin nicht als Literatur bezeichnen.
Ob es klug war, das Werk mit einer 15-seitigen Sex-Szene zu beginnen, in der sich Fans und Feinde in ihren Vorurteilen bestätigt sehen?
»Fütter mich« steht auf dem kakelbunten Cover, auf dem sich Hariboteilchen drängeln: Cornelia Travnicek serviert uns Lesern schlichte, aber alles andere als leichtverdauliche Kost: 11 Erzählungen über Menschen, die nach sehr Unterschiedlichem hungern.
Mit »schlicht« ist hier beileibe nicht der Inhalt gemeint, sondern die klare, einfache, ja schmucklose Sprache: kein Wort zu viel – nichts wird uns Lesern vorgekaut, sondern wir müssen selbst herausfinden, was mit den Protagonisten los ist; kein Etikett à la mager- oder fresssüchtig klebt darauf!
Der Erzähler lässt die Protagonisten ihren jeweiligen Hunger implizit entwickeln, da heißt es aufmerksam lesen, mitdenken, sich einfühlen.
Mit einer dürftigen Geschichte ein ganzes Buch zu füllen ist schwer – und auch in diesem Fall misslungen. Vielleicht wollte Tommy Jaud aber nur um viele Gags und Zoten herum eine Geschichte drapieren – leider ist auch dies misslungen.
Es war mein erstes Buch von Tommy Jaud, und es wird wohl auch das letzte bleiben. Ich kannte den Autor nicht, wusste nicht, dass er u. a. einer der Gag-Schreiber für Anke Engelke ist.
Auf diesem nicht besonders hohem Comedy-Niveau bewegt sich das gesamte Buch. Flache und unsäglich langweilige Gags reihen sich aneinander, die Protagonisten sind Klischeefiguren bis zum Unerträglichen.
Dieses Büchlein macht einfach Freude! Alleine, es zur Hand nehmen, es anzufassen, lässt das Autoren – und Leserherz höher schlagen. Ein Buch, eher ein Büchlein, im Format eines Notizkalenders, dazu in Leinen gebunden und mit Lesebändchen versehen. So etwas kann sich sehen lassen. Denn die Textmanufaktur hat nicht nur ein Faible für gute Texte, sondern schön gemachte Bücher.
Für den Inhalt zeichnet sich Titus Müller, Autor zahlreicher historischer Romane, verantwortlich. Der Klappentext empfiehlt das Buch für »Schreibanfänger und für fortgeschrittene Autoren, die sich ihrer Fähigkeiten wieder versichern wollen.«
Doch das kleine Bändchen ist weit mehr als nur ein Leitfaden zum Schreiben. Titus Müller versteht es auf meisterhafte Weise, seine Tipps und Erfahrungen in Geschichten zu packen. So liest sich das Buch nicht wie ein Ratgeber, sondern eher wie ein Roman.
Philip K. Dick gehört zu jenen Autoren, die von ihren Büchern mehr schlecht als recht leben konnten. Dick war zwar bereits zu seinen Lebzeiten als renommierter Science-Fiction-Autor bekannt, doch der große Ruhm kam erst nach seinem Tod im Jahre 1982. Und ironischerweise ist er vielen als der Autor bekannt, nach dessen Romanen und Kurzgeschichten großartige Filme wie Blade Runner, Total Recall oder Minority Report gedreht wurden.
Philip Kindred Dick war ein Schriftsteller, der leider viel zu sehr in der SF-Schublade verkantet war. Am Anfang seiner Laufbahn, in den 1950er-Jahren, schrieb er auch »normale« Romane, so genannte »Mainstream Novels«, die ganze ohne SF-Elemente auskamen.
Dem kleinen Münchner Verlag »Liebeskind« ist es zu verdanken, dass über 25 Jahre nach Dicks Tod das beeindruckende Werk »Unterwegs in einem kleinen Land« in deutscher Sprache vorliegt.

Foto: Birgit-Cathrin Duval
Fast schon wie ein Naturgesetz landete Frank Schätzings neuer Roman »Limit« gleich nach Erscheinen ganz oben auf der Bestsellerliste. Doch kann man das 1.320-Seiten-Monster wirklich lesen? Birgit-Cathrin Duval hat damit nicht nur physische Probleme, die sie in diesem Beitrag beschreibt.
Seit einigen Wochen quäle ich mich. Überwiegend im Bett. Schuld daran ist Frank Schätzings neustes Werk »Limit«. Eigentlich ist es dem Leser nicht zumutbar. Denn wie, bitteschön, soll man den 1,2-Kilogramm-Brocken nur halbwegs handlich lesen können ohne sich Muskelkrämpfe zuzuziehen? Wo bleibt da das Lesevergnügen? Der Verlag hätte gleich eine Lesestütze mitliefern sollen. Denn der Wälzer biblischen Ausmaßes – immerhin 1.320 Seiten – liest sich nunmal nicht in einigen Tagen.
Das Format ist wirklich eine Qual. Aber nicht nur das, wie hier zu lesen sein wird.
Das Paradies der Jugend ist ein Schrebergartenhaus, es gehört Samuel und Janik. Hier kiffen sie, hier trinken sie Criss, Bier, Schnaps und Cola, reden und schweigen, lachen und posen. Samuel und Janik stehen kurz vor dem Abitur und vor allem: Sie sind Freunde. Ungefähr die besten, die man sich vorstellen kann. Janik, der Sohn aus gutem und furchtbar liberalen Holzelternhaus, und Samuel, Sohn der alkoholkranken Pennerin Irene. Ohne Vater aufgewachsen, hat sich Samuel in den Kopf gesetzt, dass sein namenloser Erzeuger Türke sei. Und so beschließen sie, gemeinsam in Istanbul nach Samuels Vater zu suchen. Kurz vor der Abreise macht Janik einen verhängnisvollen Fehler und stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Ihre Reise steht unter einem schlechten Stern. Die beiden fahren trotzdem los.
In seinem Romandebüt erzählt der 25-jährige Finn-Ole Heinrich die Geschichte einer Freundschaft und liefert damit einen herausragenden Coming-of-Age-Roman. Die beiden Jungs sind wie Brüder von zwei verschiedenen Planeten. Sie entdecken das Leben, die Liebe und die Schuld, versuchen die Ablösung vom Elternhaus und suchen nach ihrem Plan fürs Leben.
Und wieder können wir ein Kreuz auf unserem Harry-Potter-Bingo-Feld machen: Eine Redakteurin der New York Times hat einfach eine Buchhandlung betreten, und dort hat man ihr ganz offiziell den neuen Harry-Potter-Band verkauft. Dabei wäre das vor Samstag noch gar nicht erlaubt gewesen.
Anika Stracke über Markus Werners Debütroman Zündels Abgang
Wie lebt es sich mit einem Polizeihund im Gehirn? Gar nicht, entscheidet Zündel und vollzieht seinen Abgang. Was bleibt zu sagen, wenn man sich ausnahmslos inmitten von »Bemäntelungsexperten, Entlastungstechnikern und Rechtfertigungsspezialisten« befindet, wenn jeder Satz zum Vorwand mutiert, der die schuftigsten Schritte adelt? »Unhaltbar!«, meint Zündel und zerbricht.
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