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Alle Beiträge, die von der literaturcafe.de-Redaktion mit dem Stichwort »Anfang« versehen wurden.

Beitrag vom 21. Februar 2014 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Aus der Kitschkiste zusammengepfuscht

Müde hält sich mein Blick an der Frau dort draußen fest.
Verwirrt und leer starre ich durch die Scheibe meines Schlafzimmerfensters und sehe, wie sie unten aus der Haustür tritt.

Meines Schlafzimmerfensters … wie das klingt!
Fremd tönt das in meinen Ohren und in meinem Herzen … »mein Schlafzimmer«, das bis gerade eben noch »unser Schlafzimmer« gewesen ist. Und die da vor meinem Haus, das ist auch nicht irgendeine, es ist meine Frau!
Zumindest war sie das. Bis heute früh.
Und jetzt?
Ich wage nicht darüber nachzudenken – wissend, dass es im Augenblick weder Erklärungen noch Lösungen gibt. Nichts.

In mir ist es kalt, ich fühle mich benommen und mein Herz scheint still zu stehen, als sie einen Fuß vor den anderen setzt.
Unaufhaltsam geht sie weiter – fort von mir!

Und hier stehe ich also, ohnmächtig an meinem Fenster und blicke ihr hinterher, meiner Frau, die mich verlassen hat. Einfach so – nach vier glücklichen Jahren.

Ich hatte ihr vorhin am Frühstückstisch Kaffee eingeschenkt und es mir mit der eigenen Tasse auf dem Stuhl bequem gemacht. Sie trank einen Schluck und ich lächelte sie an. Gerade wollte ich ihr von meinem seltsamen Traum in der Nacht erzählen, als ich irritiert verstummte, denn sie erwiderte mein Lächeln nicht.
Ich schluckte, weil ich spürte, dass jetzt etwas geschieht.
Und dann fing sie an zu sprechen.

»Wir sind noch so jung«, sagte sie.
»ICH bin noch so jung. Und ich empfinde keine Liebe mehr für Dich, Uli. Ich möchte nicht länger mit Dir zusammen leben. Es tut mir leid.«
Dabei lag ihre Hand sanft auf meiner und sie sah mich an.
Aus dem Nichts kamen diese Worte, ich war vor den Kopf gestoßen!

Tags zuvor hatte ich mit ihr im Prospekt für den kommenden Sommerurlaub geblättert und wir hatten uns ausgemalt, wie gut uns die Erholung in Griechenland tun würde! Wie wir ihren Geburtstag dort feiern wollten, mit einem schönen Abendessen und einer Flasche gutem Wein, alleine – gemütlich! Dieser Blumenstrauß für sie –  vor meinem geistigen Auge: 26 Stück, für jedes Lebensjahr eine weiße, duftende Rose!
Sommer und Sonne … und ihre Hand wollte ich halten, jene, die heute früh so kalt auf meiner ruhte.
Am Strand verliebt in ihre Augen sehen, dieselben dunkelgrünen Sterne, die mir bei ihren Worten in mein tiefstes Inneres zu blicken schienen.
Den Duft ihrer schwarzen Haare atmen, die wie Seide über zarte Schultern flossen.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich war sonst nie um Worte verlegen, aber der Schmerz lähmte mir in diesem Augenblick die Stimme und ich schwieg sie hilflos an.
Was hätte ich auch erwidern sollen? Es war endgültig, und ich erkannte an der Art, wie sie gesprochen hatte, dass es ihr Ernst war. Sie würde gehen. Mich verlassen.
Einfach so.

Und dann war sie aufgestanden, ohne ein weiteres Wort.
Ihr Blick war das Schrecklichste in diesem Moment!
Ich konnte in ihren Augen sehen, dass ich ihr leid tat, aber warme Gefühle erblickte ich darin keine.
Sie hatte die Wahrheit gesagt … da war nicht ein Funken Liebe mehr in ihr.
Ich sah ihr zu, wie sie nach oben ging, ich wusste, sie würde packen und dann gehen.
Ich wollte ihr gerne soviel sagen, aber ich hatte keine Ahnung, wie! Ich konnte es nicht begreifen, ich war der ganzen Geschichte hilflos ausgeliefert.
So starrte ich kopfschüttelnd und entsetzt in meine Kaffeetasse.

Der Inhalt war längst kalt, als ich endlich erahnte … langsam … was vor sich ging.
Träge stand ich auf und schlurfte ihr hinterher, nach oben. In unser Schlafzimmer.
Traurig setzte ich mich auf die Bettkante und sah ihr zu, wie sie die letzten Dinge in ihren Koffer packte.
Ich wusste, ich konnte sie nicht halten, also schwieg ich, weiterhin verletzt und mit Tränen in den Augen.
Als sie fertig war, erhob sie sich und umarmte mich stumm. Sie blickte mich an, gab mir einen Kuss auf die Stirn und murmelte:
»Verzeih mir bitte, wenn du das kannst. Mach es gut, Uli.«
Und dann war sie auch schon verschwunden, mit ihrem Koffer.
Die leere Schrankhälfte stand noch offen und gähnte ins Zimmer hinein.

Und so stehe ich nun hier am Fenster und schaue ihr nach. Wie sie ihr Auto erreicht und die Türe aufschließt. Sie blickt sich nicht um.
»Machs auch gut, Susanne!« sage ich leise und nehme wahr, wie sie um die Ecke fährt, fort von mir in ein neues Leben. Gedankenversunken verweile ich, seit einer Stunde und dennoch will sich mir ein Sinn hinter allem, was geschehen ist, nicht erschließen.

Als das Telefon klingelt, schrecke ich hoch und hoffe sofort, dass sie es ist!
Sie hat es sich anders überlegt! Oh mein Gott! Fast hechte ich übers Bett, auf meine Seite und reiße den Hörer aus der Ladestation. Es knackt kurz in meinem Rücken, aber das ignoriere ich tapfer, das war jetzt nicht wichtig!

»Susanne??« rufe ich hoffend und presse das Telefon ans Ohr, als ginge es um mein Leben. Genau darum geht es ja auch!

»Nee, Uli, altes Haus! Ich bin’s, Gerd! Sag mal, hast Du Lust auf ne Runde joggen am See, heute Mittag?«

Mein Gesicht fällt in Scherben und ich schüttle den Kopf. Mein Rücken schmerzt, mindestens so sehr, wie mein Herz.

»Ach lass mal, Gerd.«

Ich hatte wirklich keine Lust mit ihm zu reden, und schon gar nicht über das, was vorgefallen war.
Nicht jetzt.

»Ich hab mir wohl grade nen Nerv im Rücken verklemmt, ich glaube mit dem joggen, das lassen wir besser sein …« antworte ich tonlos.
»Ha, Du willst sagen, Du hast Dir heute Nacht dein Kreuz verbogen? Hehe, in Deinem Alter …«, ich höre seine Worte nur halb und den Satz beendet er nichtmal.

»Ach was, Gerd! Mit fünfzig geht das Leben ja erst richtig los!« sage ich, mühsam die Erkenntnis überspielend, die meinen Geist beschleicht und mein Herz zerbricht.

»Weißt doch, wir sind doch noch jung!«

Ich lege auf.

»Wir sind doch noch jung …« hämmert es hinter meiner Stirn, und ich blicke in den Spiegel meines Kleiderschranks und fühle mich plötzlich sehr, sehr alt.

© 2013 by Carmen Rodrigues. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Sprachlich und inhaltlich spätpubertärer Gefühlkitschmatsch eines 50-Jährigen

Die Kritik im Einzelnen

Das fängt gar nicht gut an: Da blickt jemand gleich zu Beginn aus dem Fenster! Das ist einer der peinlichsten und desterwegen höchlichst zu vermeidenden Anfänge (Platz 3)
Doch damit nicht genug: Der Blick, der sich an einer Frau festhält, kann sich gar nicht an der Frau festhalten, denn die ist noch nicht da, sondern tritt unten aus der Haustür … woran hat er sich dann festgehalten? An der Erwartung des Heraustretens?
Halt, Stopp: Irrtum, Kommando zurück: Nicht die Frau tritt durch die Haustür, sondern die Scheibe, durch die er zugleich auch noch starrt! Das liegt an diesem sie, das sich grammatisch auf das letzte vorangegangene weibliche Substantiv bezieht, und das ist nun einmal die Scheibe! Wobei auf Scheibe verzichtet werden kann, denn wenn er durch sein Schlafzimmerfenster starrt, wird er kaum geschlossene Roll- bzw. Fensterläden blicklings penetrieren!
Und wie kann jemand verwirrt sein, wenn er doch leer ist? Verwirrung ist ziemlich hirnfüllend, da ist kein Raum mehr für Leere!
Fazit nach zwei Sätzlein: Hier wird verwirrt aus der Kitschkiste zusammengepfuscht! zurück

Zunächst kleine Rechtschreibübung, weil folgender Fehler allzu häufig in Einsendungen auftaucht: Die drei Auslassungspunkte (bei Word: ctrl+alt+. und beim Mac alt+.) folgen, sofern ein Satz abgebrochen wird, nach einem Leerzeichen. Das war in diesem Text meist nicht der Fall und wurde per Suchen und Ersetzen korrigiert. Wird aber ein Wort nicht ausgeschrieben, z. B. eine Beschimpfung (F… dich, du A…), dann folgen diese Punkte ohne Leerzeichen, und sollte das am Satzende stehen, folgt kein weiteres Satzzeichen (ausgenommen das Redeschlusszeichen bzw. die Schlussklammer).
Meines Schlafzimmerfensters: Das klingt tatsächlich saudoof: mein Schlafzimmerfenster, dein Klofenster … Kommt hier unerwartet Humor ins Spiel?
Klingen tut es aber nur, sofern man so etwas laut sagt. Sagt unser Protagonist das denn laut? Aber ja: Es klingt in seinen Ohren und seinem Herzen! Sind das dann diese Herzenstöne, also die, die aufs Gemüt schlagen bzw. es erheben?
Offenbar, denn unvermutet wird mein Schlafzimmerfenster reduziert auf mein Schlafzimmer: Ist das jetzt eine missglückte klammheimliche Korrektur, weil es ja albern wäre, hätte er je mit seiner Frau von unserem Schlafzimmerfenster gesprochen? Was ein Schmarrn!
Zu allem Übel wagt er jetzt nicht nachzudenken, weil er nämlich etwas weiß, also wissend ist – wie soll das denn bitte gehen, er ist laut persönlicher Auskunft doch bereits einige Zeilen lang verwirrt und leer? Zum Glück werden wir jetzt aufgeklärt, was das Nichts ist: Wenn es weder Erklärungen noch Lösungen gibt. zurück

Standardzutaten für Gefühlkitsch werden überflüssigerweise ergänzt: die innere Kälte, der scheinbare Herzstillstand! Zu Verwirrung, Leere und Wissen gesellt sich fröhlich die Benommenheit, und Protagonist stellt fest: Seine Frau geht fort. Ächz … zurück

Auch die Ohmacht darf jetzt ihr Scherflein beitragen zum Kitschchor, und Protagonist hat wieder SEIN Fenster zurückerobert und behauptet steif und fest, dass seine Frau unaufhaltsam weitergeht … zumindest hat sie noch nicht der Schlag getroffen oder ein Panzer überrollt!
Warum rennt dieser Heini nicht hinter ihr her und hält sie auf? »Kann nicht, ich bin ohnmächtig und leer und verwirrt und wissend und innen kalt und benommen und mein Herz scheint still zu stehen und es klingt in ihm, und sie ist eh unaufhaltsam!«
Ja dann: zurück

DAS war zu befürchten: JETZT wird erklärt, wie es dazu kam, warum Heini an seinem Schlafzimmerfenster steht, dessen Scheibe er durchschaut – damit wäre auch der nächste hochnotpeinliche Erzählfehler (Platz 2) überzeugend erfüllt. Und ein weiteres Klischee wurde gesucht, gefunden und eingebunden: Wenn eine Frau nicht zurücklächelt, geschieht etwas – das irritiert Heini, worauf er schluckt (was soll er auch sonst anstellen mit seinem Kaffee?) – und was geschieht? Seine Frau redet! Boah Alda! Jetzt wirds spannend!
Und dass er es sich mit der eigenen Tasse auf dem Stuhl bequem gemacht hatte, das merke man sich genau, das hat nämlich Folgen! zurück

Dass der Heini Uli fünfzig ist, erfährt der Leser am Ende, und dass jener vier Jahre glücklich verheiratet war mit Susanne (auch das erfährt der Leser erst später: Bislang war Susanne nur seine Frau, also so etwas wie sein Schlafzimmerfenster.
Es gibt wohl einen größeren Altersunterschied zwischen den beiden, denn warum sollte sich Susanne sonst verbessern bei ihrer seltsamen Feststellung, beide bzw. nur sie wäre noch jung?
Dass sie ihn bei ihrer langen Rede seit Beginn angesehen und ihre Hand auf seine gelegt hatte … (Ha! Gemerkt? Uli sitzt bekanntlich auf seinem Stuhl mit seiner Kaffeetasse in der Hand! Und da legt die ihre Hand drauf?) … also von dieser Handauflegung erfährt der Leser erst am Ende ihrer Ansprache: Warum eigentlich? Uli war irritiert, weil Susanne nicht zurückgelächelt hat, und ist überhaupt nicht irritiert, als sie unvermittelt ihre Hand auf seine legt und ihn dabei anschaut?
Wenn dem aber so ist und man dem Text glauben können sollte, dann hat sie Uli NICHT angeschaut, als der sie angelächelt hat (was demnach ein sinnloses Anlächeln gewesen wäre), konnte also logischerweise auch nicht zurücklächeln.
Gern hätte ich erfahren (aber nicht durch diesen Ich-Erzähler!), was in Uli vorging bei der unvermittelten Berührung.
Das ist alles so beliebig verquer aus dem Ärmel geschüttelt: Da stimmt inhaltlich gar nichts!
Die Essenz von diesem substanzlosen Gesummse: Seine Frau ist ein Nichts, denn aus diesem kamen die Worte, und er war vor den Kopf gestoßen – das fehlte noch im Kitschchor, macht aber nichts: Benommen war er schließlich schon. zurück

Jetzt wird ausgebreitet, was am Tag vorher passiert ist (Platz 2 zum zweiten), denn das muss besonders schööön gewesen sein, damit Susannes Absage eine richtig saftige Bedeutung bekommt für den ohnmächtigen Uli – und genau so ist es auch!
24 Jahre beträgt der Altersunterschied nämlich! Gestresst waren sie, brauchten Erholung in Griechenland, Susannes Geburtstag wollten alldort sie feiern mit 26 Rosen (da hatte Uli ihr schon sein Geburtstagsgeschenk verraten!) und Alkohol und Schmalz und Sülz und Trallala und Drohungen von Ulis Seite: Er werde verliebt in ihre Augen schauen usw. usf., war alles zu lesen.
Schauder: Da hätte ich an Susannes Stelle auch Schluss gemacht: Wieso verschiebt Uli das auf den Urlaub? Kann er sonst nicht verliebt in ihre Augen schauen? Ist er sonst nur mit Verwirrnis, Ohnmacht, Leere und Konsorten beschäftigt?
Und wir erfahren, dass Susannes Hand sanft, aber kalt auf seiner gelegen hatte am folgenden Morgen: Wieso hat er es da nicht gleich bemerkt und seine Hand entzogen? Okay, wäre vielleicht Kaffee verschüttet worden und Flecken und so.
Aber es stimmte ja eh nichts bei dieser Frühstücksbegegnung … zurück

Ja was denn jetzt: Wusste Uli nicht, was er antworten sollte, oder konnte er nicht, weil der Schmerz seine Stimme lähmte (auch so ein Klischee … wahrlich eine Fundgrube hier in diesem Text)? Vermutlich ersteres, das zweitere ist nur feige Ausrede! Gibt er dann auch zu: »Was hätte ich auch erwidern sollen?« Löschte man den ersten Absatz dieses Abschnittes, fehlte nichts – aber Verbesserungsvorschläge sind in diesem Fall sinnlos, dieser Text ist nicht zu retten.
Der letzte Satz ist ein einziger Unfug: Sie hat ihn nicht Einfach so verlassen, sie hat es ihm gesagt! Und er hat es geahnt, sonst hätte er ihr nicht diesen oberkitschigen Versöhnungsurlaub angedienert. Später gibt er ja zu, dass er wusste, was kommt. Warum in aller Welt tut er hier so scheinheilig? zurück

Ihr Blick war das Schrecklichste, weil Uli sehen konnte, dass in ihren Augen keine warmen Gefühle mehr waren! Mitleid, wie wir alle wissen, ist ja bekanntermaßen eiskalt, so wie Susannes Händchen auf dem seinigen: Erneut haut ein Satz voll daneben, denn es geht Uli doch nur um einen Funken Liebe, keineswegs um irgendwelche warmen Gefühle.
Wieder werden Wörter verplempert für Banales, Uli wusste, was passieren würde blah blah blah, und er wollte ihr soviel sagen blah blah blah –
Ja geht’s noch? Keine Stimmlähmung mehr? Und was denn sagen? Ach, es geht nur noch um das Wie? Worte hätte der Sonst-um-Worte-nie-verlegene Uli schon noch gehabt? Ja zum Kuckkuck: welche denn? DU, Heini Uli, bist doch der Ich-Erzähler! DU musst das doch wissen! Warum verschweigst du dem Leser das alles und suhlst dich stattdessen besoffen in deinem schnarchlangweilig pubertären Selbstmitleid?
Tärä: Den Kitschchor unterstützen jetzt noch Gevatter Hilflosigkeit und Bruder Entsetzen – bald haben wir alle fröhlich zuhauf beieinand! zurück

Es geht noch schlimmer: Heini wusste gerade noch, was geschehen würde (nämlich hinaufgehen & packen), aber jetzt erahnte er langsam, was vor sich ging. Nach so wenigen Zeilen kann das nur Zeichen für eine verschärfte Variante von Demenz sein (die gehört zum Glück noch nicht in den Kitschchor!).
Überaus wichtig ist auch, dass er nach oben ging, das wird besonders betont, da nachgestellt. Seltsam aber, dass Susanne bereits schon nach oben gegangen ist, ein paar Zeilen zuvor, und er ihr hinterher schlurfte … wohin also? Eben. Ein weiteres Anzeichen von Demenz, diesmal allerdings durch scharfes Nachdenken erfolgreich bewältigt!
Weitere sprachliche Schlampereien: Er sah ihr zu, wie sie packte statt Er sah zu, wie sie packte; dass es ausgerechnet die letzten Dinge sein müssen, die sie einpackt, sei ihr nachgesehen; die Anrede du wurde in der direkten Rede schon immer klein geschrieben (zumindest von denen, die sich um Rechtschreibung bemühten); selbst das Bild im letzten Satz dieses Abschnittes wird zerstört: Stünde da nackt und bloß und ganz einfach Die leere Schrankhälfte gähnte ins Zimmer, dann hätte ich mich endlich über 1 Satz freuen können, aber nein, da muss zugekleistert werden! Die Schranktüre muss offen sein (steckt bereits im Gähnen) und leer (auch das steckt bereits im Gähnen!), und sie gähnt nicht ins Zimmer, sondern ins Zimmer hinein (Zur Sicherheit! Sonst könnte der blöde Leser ja denken, sie gähnte ins Zimmer hindurch oder heraus!): Diese verschnarcht dumpfen Doppelungen gehen auf keine Kuhhaut drauf! Das sollte sich jeder Autor beiderlei Geschlechts in sein Buch hinein reinschreiben!
Den Kitschchor verstärken überraschend Verletztheit und Tränen in den Augen, die aber wohl bereits inkognito irgendwie da waren, da sie weiterhin da sind: immerhin dankenswert, dass sie eifrig extra nachgereicht werden. zurück

Jaja: »Und so steh ich nun am Fenster und schaue ihr nach«. Endlich fängt die Erzählung wieder an, war der Leser doch so gespannt, wie lange sich Heinis Blick an seiner Exfrau festhält, die sie schon am Beginn war, was aber verschwiegen wurde, um den Leser aufs Kreuz zu legen.
Warum einfach, wenns auch umständlich geht? Muss doch so sein, denn Uli weiß gar nichts zu erzählen in seiner matschigen Gefühlsunseligkeit! Frau weg, und er steht eine geschlagene Stunde gedankenversunken herum – DIE Gedanken hätte ich gerne gelesen (oder besser doch nicht bei diesem stümpernden Ich-Erzähler), die in die gnadenlose Erkenntnis münden, dass er keinen Sinn in den Ereignissen laber laber laber (wo er doch alles ahnte und wusste) … zurück

Als das Telefon klingelt, schreckt der bereits stehende Uli auch noch hoch statt auf und nennt Susanne dann Gott, weil er so blöd ist zu glauben, sie würde anrufen, obwohl er doch mehrfach behauptete zu wissen, dass ihr Abschied endgültig ist! Einen Beinahhecht über ein Bett kann ich mir nicht vorstellen, und wieso ein Hörer in einer Ladestation stecken soll, gleich gar nicht! Die Sprechmuschel schlummert wohl unter dem Bett in ihrer eigenen Ladestation. Gemeint ist wohl ein Mobilteil oder auch Telefon. Aber was solls!
Kryptisch ist das hilflose Komma nach Bett, und was die kryptische meine Seite bedeutet, wenn er übers Bett beinahhechtet statt aufs Bett, will sich mir nicht erschließen: Ich nehme einfach einmal an, dass das Telefon im Schlafzimmer steht, damit man immer erreichbar ist, man also bequem vom Bett aus danach greifen kann. Warum also übers Bett auf den Boden hechten? zurück

So, der zerstückelte Rest jetzt in einem Aufwasch! Immerhin folgt jetzt endlich einmal etwas weniger Langweiliges, weil noch jemand anders redet als der um Worte vollumfänglich verlegene Heini Uli:
Warum ruft Uli das hoffend? Was ist das für eine verschnarchte Information, hat er Susanne doch zwei Fragezeichen angehängt, die genau das bedeuten, darüber hinaus das Hoffen im vorigen Abschnitt bereits genannt war? Und dass es um Ulis Leben gehe, ist pubertärer Kitschgipfel! Wäre dem so, hätte er besser versucht, sich ins Sterbebett zu legen, aus dem nur der Susannegott ihn hätte erlösen können!
Zum Glück ruft die nicht an (obwohl das nach dem bisherigen Kitschgeraffel durchaus zu befürchten gewesen wäre: Endlich eine positive Überraschung!), sondern ein Dauerlaufkumpel namens Gerd. Folge: Ulis Gesicht fällt in Scherben, und er schüttelt den Kopf, dass die Scherben nur so durchs Schlafzimmer flirren! Welch Trümmerhaufen von schrägem Bild: Wie verhärtet müssen die Gesichtszüge sein, damit sie in Scherben fallen können? Und gar ein Gesicht – da bleiben doch vorne nur noch Knochen übrig!
Zum Kitschchor gesellt sich jetzt noch der – von Sprachmüden gerne einfallslos bemühte – Herzschmerz. Neu ist, dass der qualitätsmäßig gleichzusetzen ist mit Rückenschmerz (Richtig: der Knacks beim Beihnahhecht übers Bett).
Unser Heini Uli wiegelt ab, weil er nicht mit Gerd reden will – aber der wollte doch mit ihm dauerlaufen?! Da redet man doch nicht miteinand, im Gegenteil: Man stöpselt sich die Ohren zu, um nicht den Vogellärm zu hören oder die allfälligen Sirenen und Motorgeräusche oder gar das Hecheln der Mitläufer! Wäre doch optimal gewesen!
Immerhin kann Uli jetzt medizinische Gründe nennen. Gerd sondert daraufhin eine Machozote ab: Männer um die 50 denken immer nur an das eine, woran immer alle Männer denken. Ist auch Klischee, passt trefflich zu den anderen, und besonders zu Uli, der diesen Kumpel ja freiwillig hat.
Peinlich geht’s weiter mit der nächsten Plattitüde: Mit fünfzig (oder sechzig, siebzig, achtzig usw.) geht das Leben ja erst richtig los. Ächz&Stöhn!
Wegen seinem Dummspruch geht’s in Ulli jetzt endgültig und vollendet drunter und drüber: Da versucht er eine Erkenntnis zu überspielen, die keine Erkenntnis ist, da sie seinen Geist beschleicht, also noch gar nicht da ist, und die überdies in ihrer Nochnichtdaheit sein Herz zerbricht. Scherben über Scherben und immer noch kein Ende! Zäh ist er, dieser Heini!
Zum Abschluss hämmert es hinter seiner Stirn! Hör mal, wer da hämmert: Das ist die Erkenntnis, die schließlich seinen Geist doch noch erfolgreich beschlichen hat und diesen dazu bringt, dass er Ulis Augen dazu überredet, doch mal in den Spiegel zu schauen: Kein Gesicht mehr, und Herz auch noch kaputt! Da sieht Uli mit seinen pubertären 50 Jahren plötzlich ganz schön alt aus! zurück

Beitrag vom 12. November 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Alles was nun folgt, ist irrsinnig komisch

Was soll ich sagen? Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben je etwas so irrsinnig Komisches, so etwas über alle Maßen Vergnügliches erlebt zu haben wie seinerzeit mit meiner besten Freundin Beate im Zug von Hamburg nach Berlin.
Dabei ist es nicht nur diese Komik allein, dieses pure Vergnügen, erzeugt durch einen einzigen prägnanten Satz am Schluss dieser kleinen Begebenheit, das so außergewöhnlich ist, dass es sich mir unvergesslich ins Gedächtnis eingraben konnte. Nein! Es ist auch dieses seltene Gefühl von Verbundenheit, das sich unter dem Publikum breit machte, unmerklich erst, aber im Verlauf der Episode immer spürbarer, so dass es mir am Schluss erschien, als seien wir alle Teil eines kleinen, erlesenen Theaterstücks.
Eine solch intime Vertrautheit zu mir völlig fremden Leuten, geboren aus dem kollektiven Verlangen nach unverhohlener, reiner Freude, ist mir vor dieser Geschichte und auch nach ihr nie wieder untergekommen.

Schuld an allem war letzten Endes die Schwerhörigkeit meiner Freundin, wenn man in dem Zusammenhang von Schuld sprechen will.
Beate ist um die fünfzig, von normalem Wuchs, höchstens etwas pummelig vielleicht. Sie redet wie ein Buch, das man nicht weglegen mag, hat man einmal angefangen, darin zu blättern. Und sie ist schwerhörig, wie gesagt.
Wir hatten einen Tischplatz. Saßen am Fenster. Ich gegen die Fahrtrichtung, Beate mir gegenüber, denn sie muss immer im Blick haben, was auf sie zukommt, sonst fühlt sie sich unwohl. Der Wagen war bis auf den letzten Platz besetzt.
Sie sah mir mit freudiger Erregung ins Gesicht und beugte sich dann über den Tisch zu mir hinüber:
»Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr im KadeWe gewesen. Mindestens. Und ich kaufe die gesamte Parfum-Abteilung leer. Darauf kann er Gift nehmen! Das sag ich dir.«
Mit er meinte sie ihren Mann. Sie hatten einen kleinen Streit, kurz bevor wir aufbrachen. Nichts Bewegendes.
»Euer armes Konto«, bemerkte ich. Aber ich fühlte genau wie sie. Meinetwegen konnte das gesamte KadeWe nur aus der Parfum-Abteilung bestehen.
»Meiner schickt mich in die Wüste, wenn ich ihm das antue«.
Ein mitleidiger Blick traf mich.
»Du Arme!«
Beate fingerte sich ein Tempo aus der Handtasche und schnäuzte geräuschvoll hinein. »Du musst dich mal durchsetzen zu Hause. Er kann dir doch nicht ewig auf der Nase rumtanzen, dieser Kasper.«
Sie mochte ihn nicht. Das wusste ich. Und sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was jedoch unser beider Freundschaft keinen Abbruch tat.
Ich bemerkte, wie man aufmerksam wurde, wenn nicht unbedingt auf das, was wir sprachen, so doch wie wir sprachen, genauer: wie Beate sprach, denn sie dachte überhaupt nicht daran, ihre Lautstärke der Umgebung anzupassen. Wie gesagt: Sie ist schwerhörig. Und wer schwerhörig ist, spricht manchmal lauter, als es den Leuten lieb sein kann. Die Blicke, die uns zugedacht waren, tendierten von neutral bis alles andere als freundlich. Ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut.
Aber Beate nahm von all dem rein gar nichts wahr. Im Gegenteil: Sie war in ihrem Element und sprach bald mit Händen und Füßen, wie es ihre Art ist. Sie teilte mir haarklein mit, wie sie sich das 3-Tage-Programm während unseres Berlin-Aufenthalts vorstellte, obwohl wir zur Klärung dieser Frage bereits zwei oder drei Essen in unserem Lieblingslokal abgehalten hatten.
Irgendwann, vielleicht nach einer halben Stunde, womöglich früher, trat das ein, was immer eintritt, wenn wir zusammen sitzen und quatschen und meine Freundin beginnt, ihre im Bekanntenkreis so berüchtigten und gefürchteten Monologe zu halten: Ich wurde unaufmerksam, ihres Wortschwalls überdrüssig und blickte hin und wieder hilflos lächelnd zu unseren Nachbarn hinüber, um auf diese Weise Nachsicht zu erbitten und den Eindruck, den man offensichtlich im Begriff war, sich von meiner Freundin zu machen, möglicherweise ein klein wenig zu korrigieren. Hier und da erhielt ich stumme Zustimmung, einen wohlmeinenden Blick, ein kaum erkennbares Kopfnicken ein Achselzucken.
So also wurden wir beide, Beate und ich, in unserem ICE-Waggon zu einer kleinen, durchaus erduldeten Institution.
Dann bekommt der Lauf der Dinge eine abrupte Wendung. Ihr Telefon klingelt.
»Entschuldige!«
Sie greift in ihr Täschchen, kramt das Handy hervor, klappt es auf und lehnt sich zurück.
»Hallo! Hier Beate.«
Sie spricht plötzlich lauter, höher. Die Mitreisenden werden stutzig.
»Einen Augenblick, Karin!«
Sie nimmt das Telefon vom Ohr, deckt das Mikro ab, beugt sich wieder hinüber zu mir und lässt mich mit gedämpfter Stimme wissen:
»Ich schalte den Lautsprecher an. Ich hör so schlecht. Macht dir doch nichts, oder?«
Ich fühle mich überfragt. Aber bevor ich irgendwie reagieren kann, höre ich schon Karins Stimme am anderen Ende so laut und deutlich, als säße sie direkt neben mir:
»Ich muss dir was erzählen. Du weißt doch, dass ich heute dieses Online-Date hatte.«
»Das ist Karin«, flüstert Beate laut. Ich nicke ihr zu.
»Zwei, drei Mitreisende drehen ihre Köpfe, als sie das Gespräch fortsetzt.
»Erzähl, Karin!«
Sie lehnt sich wieder zurück. Die Spannung wächst. Wer hört nicht gern intime Einzelheiten über ein Date, das eine erwachsene Frau gerade hinter sich hat?
»Volker heißt er, ein Kerl von einem Mann, sag ich dir.«
Wie man bereits vermuten kann, ist Karin die zweitbeste Freundin Beates. In ihr hat sie ihren Meister gefunden, was das Sprechen ohne Pause angeht. Und Beate übt sich gerade in einer Disziplin, die zu üben sie sonst kaum Gelegenheit hat: Sie hört zu.
»Das Essen war in Ordnung. Aber das interessiert dich ja gar nicht. Wir waren bei Kenny. Du weißt.«
Dann wird’s interessant.
»Du ahnst, welche Frage kam, als wir aus der Tür raus waren, oder?«
Beate ahnt nicht und druckst. Und Karin spricht sofort weiter, als ob sie das Thema nur rhetorisch angerissen hätte.
»Die Frage war: Gehen wir zu mir oder zu dir?«
»Klar«, pflichtet Beate ihr bei.
»Und rate mal, wo wir landen!«
»Bei dir«, kommt Beates schnelle Antwort.
»Denkste! Nein, bei ihm. Und jetzt halt dich fest!«
Ein vielsagender Blick trifft mich, als Karin eine kleine Pause einlegt, um ihre Worte wirken zu lassen. Und sie wirken. Denn ich bemerke, wie das halbe Abteil den Atem anhält und der Auflösung lauscht, die jetzt kommen soll, ohne dass auch nur einer der Anwesenden mit dieser Eröffnung etwas anfangen könnte, denn keiner kennt ja Karin außer Beate und mir.
»Sitzt du?« kommt die Nervenkitzelfrage aus dem Lautsprecher.
»Ja, ich sitze. Nun sag schon!«
Ich spüre förmlich, wie das Publikum sich dieser Aufforderung anschließt, weil es endlich wissen will, wie die Geschichte weitergeht.
»Du kennst übrigens das Haus«. Karin versteht es, die Spannung zu halten. »Ich sage nur: Amtsverwaltung!«
Großes Rätselraten bei der Hörerschaft.
Auch Beate kann ihrer Gesprächspartnerin nicht folgen.
»Was meinst du damit?«
»Egal! Der Punkt ist: Es hat nicht geklappt.«
Meine beste Freundin hakt nach:
»Wie – Nicht geklappt?« Sie rollt mit den Augen und wirft mir verzweifelte Blicke zu. Der Waggon stöhnt.
»Tu nicht dümmer, als du bist, Dummchen! Was denn wohl?«
Achselzuckend sitzt Beate mir gegenüber.
»Na, er hat keinen hochgekriegt! Mein Date. Und er heißt mit Nachnamen Paulsen und ist der Kämmerer des Amtes. Und wollte mit mir seine Frau betrügen
Ihre Stimme fällt ins Stottern, überschlägt sich und gluckst. Und wir vernehmen nur noch ein Prusten durchs Telefon.
Bis sich Karin nach einigen Sekunden Sendepause wieder meldet und mit kaum beherrschter Erregung den letzten Teil ihrer Rede vom Stapel lässt:
»Aber Beate! Schwöre mir! Hörst du?« schallt es durch den Lautsprecher, »Schwöre mir, dass du niemandem gegenüber auch nur ein Sterbenswörtchen erzählst. Das wäre mit hammerpeinlich. Ich bringe dich um.«
Meine Beate sitzt kraftlos in ihrem Sitz, faselt kleinlaut etwas wie »Na, klar. Kannst dich auf mich verlassen«, klappt ihr Handy zusammen und schaut zaghaft in die Runde.
Das Publikum brüllt.
Ich registriere, wie man hier und da versucht ist, Beifall zu klatschen. Es dauert eine Zeit, bis die Wogen sich glätten. Und es gibt niemanden, so vermute ich jedenfalls, dem diese Gratis-Vorstellung nicht gefallen hätte, dieses über alle Maßen vergnügliche, kleine, erlesene Theaterstück.
Wie gesagt – ich kann mich nicht erinnern, je etwas so irrsinnig Komisches erlebt zu haben wie auf dieser Zugfahrt mit meiner besten Freundin Beate von Hamburg nach Berlin.

© 2013 by Hermann Markau. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zusammengepfuschte, aufgeblasene Fünfzeilenzote
Ich kann mich an keinen Text erinnern, in dem dermaßen viel falsch gemacht wurde: Da wären eigentlich 5 Minusbrillen angebracht.
Immerhin: Man kann viel daraus lernen. Wenn man denn will.

Die Kritik im Einzelnen

Hätte ich mir diesen Text nicht bewusst für eine Textkritik ausgesucht, sondern wäre ihm beim Stöbern in einer Buchhandlung begegnet: Ich hätte das entsprechende Buch sofort beiseite gelegt! Nichts ist schlimmer als vollmundige Ankündigungen, was ich Leser zu erwarten habe! Irsinnig komisch soll es werden, über alle Maßen vergnüglich! Das KANN ja nur flach werden, wenn das so betont wird! Das ist wie bei Stefan Raab, der sicherheitshalber vorher selbst kichert, wenn er glaubt, etwas Witziges von sich zu geben, quasi als Aufforderung an das Publikum. zurück

Das Geschwätz setzt sich fort: Komik und Pures Vergnügen werden angekündigt wegen eines einzigen prägnanten Satzes am Schluss. Die Selbstbeweihräucherung der Ich-Erzählerin ist dermaßen gestiegen, dass sie den Satzbau aus den lachtränennassen Augen verliert: Sie fährt fort mit dem Relativsatz das so außergewöhnlich ist, ohne dass ein Bezug des Relativpronomens das zu irgendetwas dazu Passendem auszumachen wäre. Sollte das vielleicht die Begeisterung sein?
Weitere Drohungen folgen: Der Leser wird miterleben, wie sich im Publikum diese seltene Gefühle der Verbundenheit breit macht – jedoch nicht im Publikum, sondern unterm Publikum! Was sich dort allenfalls breit machen könnte, ist aber nicht witzig, sondern eher unappetitlich.
Jetzt wird das, was dem Leser droht, ein kleines, erlesenes Theaterstück – demnach also ein mehrfach geprobter, einstudierter Witz? Beliebig wiederholbar bei zig anderen Bahnfarten? Mit Verlaub: Die Erzählerin hat entweder nicht alle Tassen im Schrank oder keine Ahnung vom Theater!
Intime Vertrautheit wird geboren aus dem kollektiven Verlangen nach unverhohlener, reiner Freude, also z. B. auf dem Fußballplatz, wenn Fans das Tor der eigenen Mannschaft bejubeln, aber nicht das der anderen.
In diesem Text geht es am Ende wohl eher um Schadenfreude.
Was solls: Hauptsache, der eigene Text wird werbetechnisch gebührend hochgejubelt.
Jetzt wird der Leser auf etwas besonders Wichtiges hingewiesen: Freundin ist schwerhörig! Und da Leser prinzipiell dumm sind bzw. höchst vergesslich, wird im Verlaufe des Textes viermal darauf hingewiesen, und vor dem entscheidenden Passus sagt das die Freundin auch noch einmal selbst: Würg!
Die dann folgende Charakterbeschreibung von Freundin Beate ist so überflüssig wie inhaltlich falsch: Alter und Aussehen spielen in diesem Text überhaupt keine Rolle, und dass sie redet wie ein Buch, merken der Leser später von ganz allein; dass sie aber redet wie ein Buch, das man nicht weglegen mag, ist gelogen, denn die Ich-Erzählerin hört Beate später gerade nicht zu, weil diese schwafelt wie ein schlechtes Buch! Also noch etwas, was gestrichen werden muss.
Im Übrigen gehört auch dieser dumpfbackige Einfall, dem Leser vorher zu erzählen, was er zu befürchten hat, zu den fünf peinlichsten Anfängen von Hobbyautoren, in diesem Falle Platz 5.
Das Beste, was mit diesem Beginn anstellen kann: Ersatzlos streichen! zurück

Wie wäre es mit Wir hatten einen Tischplatz am Fenster? Zu kurz? Na, es geht noch kürzer: Auch darauf könnte verzichtet werden, denn das spielt später keine Rolle! Es ist schnurzegal, wo die sitzen! zurück

Alle Plätze sind besetzt: Das merken, für später! zurück

Warum soll sie freudig erregt sein? Sie will sich doch nur rächen?
Es heißt KaDeWe, nicht KadeWe. Etwas Sorgfalt darf man doch erwarten!
Das er in dem Satz Mit er meinte sie ihren Mann muss in Anführungszeichen stehen, da es ein Zitat ist.
Inwiefern fühlte die Ich-Erzählerin genau wie Beate? Wollte sie sich auch rächen? Oder geht es um das Parfüm-Klischee?
Warum blickt Beate ihre Freundin mitleidig an statt wissend? Das alles ist so sinnlos wie überflüssig!
Dass die Ich-Erzählerin wusste, dass Beate ihren Mann nicht mochte, reicht völlig aus. Schließlich fahren die beiden zusammen nach Berlin; das täten sie wohl nicht, wenn sie sich deswegen streiten würden! zurück

Jetzt wird es bizarr: Da Beate schwerhörig ist, muss doch die Ich-Erzählerin ebenfalls lauter als normal sprechen, sonst würde sie doch nicht verstanden! Folglich müssen beide laut sprechen!
Der Satz, dass Beate nicht daran dachte, ihre Lautstärke der Umgebung anzupassen, ist inhaltlich Blödsinn: Sie konnte es nicht, wie soll sie es denn kontrollieren?! Dass die Ich-Erzählerin (ich nenne sie im Folgenden kurzerdings »Berta«) sich in ihrer Haut nicht wohl fühlt, liegt eben nicht nur an Beate, sondern auch an ihr selbst! Das müsste völlig anders formuliert werden, lohnt sich hier aber nicht! zurück

Was ist das Gegenteil von Gar-nichts-Wahrnehmen? Wahrnehmen? – Falsch! Ätschbätsch, reingefallen! Berta weiß es besser: Mit-Händen-und-Füßen-Sprechen! So schreibt sie das jedenfalls.
Vorschlag zur Güte: Also zunächst einmal dieses Im Gegenteil eliminieren. Dann den ganzen Teil ab beugte sich dann über den Tisch zu mir (also das KaDeWe-Gelaber usw.) streichen; daran anschließend das Drei-Tage-Programm-Geschwafel und schließlich der das Aufmerksamwerden der Zuginsassen. Wäre logischer. Und vor allem kürzer. zurück

Dieser Absatz taugt nur für den Papierkorb! Zunächst widerspricht er dem vorher behaupteten ; dann wird wiederholt und auch noch weiter ausgeführt, dass die Insassen das Laute eher nicht mögen. Und es fehlt, dass es Berta selbst peinlich sein müsste, so laut gesprochen zu haben, statt mit Lächeln Nachsicht zu erbitten nur für Beate! Gerade so, als würde Beate das nicht bemerken, die zwar schwerhörig ist, aber bestimmt nicht so doof, wie Berta meint, aller Beteuerungen (die berüchtigten & gefürchteten Monologe) zum Trotz!
Nebenbei: Was sind das für Freundinnen, die so etwas immer wieder mitmachen? zurück

Ich werde auch stutzig: Hatte Beate denn zuvor normal gesprochen, wen sie jetzt lauter spricht? Ich dachte, sie hätte bereits lauter als normal gesprochen, dann müsste es doch jetzt noch lauter sein, so wie es den meisten ergeht, an welchen Fonen auch immer? zurück

Aha: Beate kann also doch ihre Stimme kontrollieren, trotz aller beschworenen Schwerhörigkeit … wundert mich jedoch nicht: In diesem Text ist eh alles wurschd!
Anführungszeichen bei gedämpfter wären hier mehr als angebracht! zurück

Seit wann sitzen Stimmen? Sollte Karin gemeint sein, müsste zuvor aus Karins Stimme eine schlichte Karin werden. Bezüge sind jedoch nur ein grammatisches Problem!
Viel schlimmer ist der inhaltliche Unfug: Säße Karin neben ihr, wäre das eine normale Unterhaltung. Kaum jemand im Abteil könnte diese verfolgen, es sei denn die unmittelbar in der Nähe Sitzenden. An ihrem Tischplatz sitzen also notwendig noch zwei Personen, denn der ICE war bis auf den letzten Platz besetzt! So steht es schwarz auf weiß am Anfang (und war zu merken). Und diese beiden haben sich das Gebrüll die ganze Zeit bieten lassen, statt einzuschreiten? Das ist einigermaßen unglaubwürdig!
Damit aber alle im Wagen Karin zuhören können (was unabdingbare Voraussetzung für die kommenden Zote ist), hätte da z. B. stehen müssen: als brüllte sie mir direkt ins Ohr. Dann, und nur dann, hätte auch alle was davon! zurück

Warum zu Beginn Anführungszeichen stehen, weiß Berta allein! Und wie die schwerhörige (ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, ist so ansteckend, weil so wichtig) Beate exakt so laut flüstern kann, dass zwar Berta es hört, aber nicht die beiden unmittelbaren Nebensitzer, ist mehr als ein Wunder! zurück

Oberpeinlich: Jetzt wird dem Leser erneut mitgeteilt, was nun folgt: Intime Details! Endlich der Höhepunkt nach so viel belanglosem Geschwafel! Kommt mir vor wie diese Witzeerzähler, die dem weggedämmerten Publikum kurz vor der Pointe (also: was sie dafür halten) das Aufmerksamkeit heischende Aufwachsignal »Achtung, jetzt kommt’s« entgegen schleudern. zurück

Jaja, vergeblich Spannung erhöhen wollen durch überflüssigste Einschübe: Was hat das mit dem Nicht-Gespräch zu tun? zurück

Wäre zu schön, um wahr zu sein! Ich glaube aber nicht, dass da noch irgendetwas Interessantes zustande kommt. Überraschend und erleichternd ist Bertas Eingeständnis, dass bis hierhin noch nichts Interessantes zu lesen war. zurück

Huch, wie die Spannung steigt in solch schwindelerregende Höhen, dass die Übelkeit beängstigend zunimmt! Dieses Aufblasen und Wichtigtun kann nur schief gehen! zurück

Da wir Leser wohl immer noch nicht kapiert haben, dass es ganz doll spannend wird, wird jetzt der Nervenkitzel bemüht, der aber eher einem Auf-die-Nerven-Gehen ähnelt. So sehr suhlt sich Ich-Erzählerin Berta im Vorgefühl des immer noch näher kommenden Höhepunktes ihres Geschwafels. zurück

Und weiter schleppt sich dieser Schrumpeltext zeilenschindend vorwärts, obwohl das Publikum vor allem anderen wissen will, wann dieses Rumgeeiere endlich aufhört! zurück

Und weiter im Leerlauf: Jetzt ist bereits der ohrenlose Wagen dermaßen angeödet, dass er stöhnt … hoffentlich hält meine Tastatur durch! zurück

Ächz! Mit Verlaub: Solch albernen Dialog habe ich noch nie gelesen: Warum in aller Welt nennt Karin den Nachnamen? Bloß, damit diese völlig danebene Erzählung – Nein! Das ist zu viel der Ehre: – diese aufgeblasene Zote irgendwann einmal funktioniert?
Und was – bitte schön – ist ein Kämmerer des Amtes? Ein Kämmerer seiner selbst? Kämmerer ist ein Amt! Und dieses Amt will laut Karin auf Deubel komm raus seine Frau betrügen, was so aber nicht funktioniert, wohl auch nicht funktionieren kann:
Denn das wird wohl entscheidend an dieser Karin gelegen haben, wenn ich mir ihr Geschwafel so anschaue. zurück

Das war keine Rede, das war ein Dialog! Aber wem sag ich das … zurück

Jajaja, hammerpeinlich ist dieser Text! Wie erzählt man jemandem gegenüber ein Sterbenswörtchen?
Karin kennt doch Beate, weiß um deren Hörproblem, wird also auch wissen, dass diese beim Händifonieren den Lautsprecher einschaltet! Nichtsdestotrotz erzählt sie völlig überflüssige Details, statt Beate zunächst zu fragen, ob diese allein ist!
Am Schluss dann, Karin durchaus angemessen, diese Teenager-Drohung Ich-bring-dich-um-Wenn, obwohl Karin genau weiß, dass Beate das weiter erzählen wird, ist doch so ein einzigartiges Erlebnis, das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder!
Und diese Drohung soll der absolute Höhepunkt dieses Machwerks sein, wie es vollmundig zu Beginn des Textes verkündet wurde: dieses pure Vergnügen, erzeugt durch einen einzigen prägnanten Satz am Schluss dieser kleinen Begebenheit?
Warum sitzt Beate kraftlos im Sessel? Ist sie so erschöpft von dem Text? Sie hat es doch niemandem erzählt! Kann sie denn was dafür, dass Karin nicht gefragt hat, ob sie allein ist?
Und warum schaut sie zaghaft in die Runde? Wann hat sie denn gemerkt, dass ALLE ihr zugehört haben? Eben: Nie!
Das wird von der unfähigen Schreiberin Berta nur erfunden wegen dem, was folgt: (Jetzt will ich aber auch mal Spannung aufbauen!) zurück

Das Publikum brüllt nämlich, wohl vor Schmerz. Kann ich verstehen nach all dem produzierten formal-stilistischen, inhaltlichen und sprachlichen Müll. zurück

Welche Wogen? Welcher Beifall? Welche Gratis-Vorstellung von welchem Theater? Was ist da vergnüglich? Was erlesen? Was ist an diesem irrsinnig schlechten Text denn noch so irrsinnig komisch außer der irrsinnigen Unfähigkeit der Ich-Erzählerin, die mir zum Schluss sicherheitshalber unterjubeln will für den Fall, dass ich es irgendwie doch nicht gemerkt haben sollte, alles sei genau so eingetreten, was sie am Anfang angedroht hatte? zurück

Beitrag vom 24. Februar 2013 | Rubrik: Schreiben

Bitte nicht: Die 5 peinlichsten Romananfänge von Hobby-Autoren

FenstergriffKann man einen schlechten Roman schon am ersten Satz erkennen? Unsere Erfahrung zeigt: leider ja. Es gibt Romananfänge, die nichts Gutes erwarten lassen, denn sie sind kitschig, langweilig und ausgelutscht – weil bei Hobby-Autoren überaus beliebt.

Wir haben eine Liste der peinlichsten Romananfänge erstellt, die man als Autorin oder Autor besser vermeiden sollte.

Beitrag vom 28. September 2011 | Rubrik: Literarisches Leben, Schreiben

Das Vorwort tötet den Roman: Warum Autoren zum unnötigen Blabla neigen

Vorwort: Wer will das lesen?Speziell bei Hobby-Schriftstellern und Selbstverlegern ist das unnötige Vorab-Blabla vor einem Roman sehr beliebt – landläufig »Vorwort« genannt. Auch ein »Prolog« vor der eigentlichen Geschichte wird gern verfasst.

Neulich traf ich einen Autor, der sein E-Book selbst bei Amazon veröffentlicht hat. Er lobte meinen Ratgeber, mit dem die technische Hürde leicht zu bewältigen war, doch beklagte er, dass niemand seinen Roman kaufe. Und das, obwohl er im vielversprechenden Fantasy-Genre angesiedelt und die Story nicht schlecht sei.

Ich lade die Leseprobe herunter – und mir wird sofort klar, warum niemand auf »Kaufen« klickt.