Tabu des Verschweigens: Von der Faszination des Nationalsozialismus

Kann man aus der Geschichte lernen? Vielleicht. Falls dies möglich ist, dann ist es spätestens jetzt höchste Zeit, dass wir es tun. Rechtsgerichtete Gruppierungen gewinnen in der westlichen Welt an Gewicht, radikalen Bewegungen gelingt es, Menschen unter Missachtung des eigenen Lebens, in den Tod zu schicken und völlig Unschuldige dabei zu ermorden. Das alles war von 1918 bis 1945 schon grausige Realität in Deutschland. Was wurde daraus gelernt? Fast nichts.

Unsere Literatur war dennoch fleißig mit dem Aufarbeiten des Geschehenen, des Unfassbaren beschäftigt. War sie das wirklich? Eher nicht.

Lernen von ihrer Verführbarkeit

Die Literatur hat sich den Tabus der Nachkriegszeit bis heute gebeugt. Das, was die Menschen dazu gebracht hat, für nichts und wieder nichts Millionen unschuldiger Menschen zu töten, wurde von der Literatur konsequent ausgeblendet. Die Erinnerungskultur wurde von der ernstzunehmenden Literatur hochgehalten.

Doch was versteht man im Nachkriegsdeutschland unter »Erinnerungskultur«? Es war und ist die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und deren Gegner. Es ist wichtig, dass der ermordeten Juden, Sinti und Roma, der sinnlos getöteten Geiseln und Kriegsgefangenen gedacht wird. Das sind wir diesen Menschen schuldig.

Doch was ist mit denen, die die Mehrheit in Deutschland stellten? Was ist mit den meisten unserer Eltern und Großeltern? Können wir nicht gerade von ihnen und ihren Fehlern, ihrer Verführbarkeit lernen? Sie haben das Regime gestützt, haben von ihm profitiert, waren begeistert vom Nationalsozialismus oder haben ihn still geduldet. In der Literatur erscheinen sie kaum oder gar nicht als Protagonisten. In ihr wie im Film ist der Nazi lediglich ein perverses Monster, das Freude am Töten hat oder er ist so fanatisch, dass er glaubt, jeder Mord sei durch ein großes Ziel zu rechtfertigen.

Diese Art der Literatur, nicht nur der deutschen, macht es uns leicht, uns besser zu fühlen. »Wir wären nie so gewesen, wir hätten zu den Guten, zu den Menschen im Widerstand gehört! Dumm und verblendet? Grausam und sadistisch wie in den zahlreichen Nachkriegsromanen? Das wären nicht wir, das waren die geisteskranken Nazis.«

Mit dieser Einstellung immunisieren wir uns gegen das Lernen, damit halten uns selbst Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll und Lothar-Günther Buchheim von der Erkenntnis fern, dass wir unter ähnlichen Verhältnissen auch hätten schuldig werden können.

Aber wieso Buchheim? Hat er in »Das Boot« nicht Soldaten geschildert, die für Hitler gekämpft haben? Seine Soldaten sind unpolitisch, sie sind die Prototypen des sauberen deutschen Soldaten, der brav seine Pflicht tut, allerdings ohne wirklich zu wissen, was er damit anrichtet.

Nur Opfer als Protagonisten

Auch heute noch erscheinen Romane, die der Schilderung der Faszination des Nationalsozialismus konsequent aus dem Weg gehen und lediglich Opfer der Nazidiktatur als Protagonisten schildern. Als Beispiel sei »Im Frühling sterben« von Ralf Rothmann genannt. Protagonisten in diesem Roman sind friedfertige, unpolitische junge Männer, die zum Dienst in der Waffen-SS gezwungen werden. Die SS hatte ab einem bestimmten Moment des Kriegsverlaufes tatsächlich diese Methoden, Soldaten zu rekrutieren. Jedoch gab es nach dem Krieg fast nur noch zwangsrekrutierte unschuldige Männer. Getötet wurde nur auf Befehl. Die Schuldigen, das waren die toten Himmlers und Heydrichs, die gefallenen Kompanieführer und Generäle.

Wäre es nicht an der Zeit, sich endlich den Tatsachen zu stellen, und den Versuch zu wagen, die Menschen, die dem Naziregime auf die eine oder andere Art gedient haben, zu verstehen? Wäre es einem Grass nicht möglich gewesen Verstehen ohne Verständnis, Urteilen ohne zu Verurteilen, in Romanen einfließen zu lassen?

Sicher, es ist nicht einfach, einen Protagonisten als »guten« Menschen darzustellen, obwohl er schreckliche Dinge tut. Ohne mich mit diesen ruhmbekränzten Autoren vergleichen zu wollen, habe ich es in meinem Roman »Nur der Tod vergisst« versucht. Protagonist ist ein junger, vom Nationalsozialismus überzeugter Soldat der Waffen-SS. Wir, die Nachkriegsgeneration, ich wurde 1948 geboren, sind noch nahe genug am Geschehen und fern von persönlicher Schuld, um ohne Scham hinsehen zu können. Wir wissen, dass die überlebenden deutschen Soldaten zu liebevollen Vätern und Großvätern wurden. Sie waren für uns weder die sadistischen Monster noch die verblödeten Fanatiker der Literatur.

Faszination als Tabu

Stephan Marks hat sich in dem Sachbuch »Warum folgten sie Hitler?«, erschienen im Patmos-Verlag, der Faszination des Nationalsozialismus gewidmet. Er zeigt darin auf, wie verhängnisvoll es sich auswirken kann, wenn die Faszination ideologisch fundierter Diktaturen tabuisiert wird.

Die Gefahren, die von der Verführbarkeit des Menschen ausgehen, müssen wir ernst nehmen. Die Literatur darf die Warnung vor den Folgen nicht alleine wenig gelesenen, gelehrt geschriebenen Sachbüchern überlassen. Die Literatur muss sich in unterhaltsamen Romanen endlich vom Tabu des Verschweigens befreien. Sie muss dies tun, ohne zu verurteilen und ohne zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Sie muss gerade jungen Menschen zeigen, was mit ihren Großeltern geschehen ist, und wie möglich wurde, was geschah. Wie sonst könnten wir aus der Vergangenheit lernen?

Wir brauchen eine Literatur über unsere Vergangenheit, die junge Menschen, die in der Schule mit der Geschichte des 3. Reiches übersättigt wurden, lesen können und wollen.

Peter Hakenjos

Stephan Marks: Warum folgten sie Hitler? - Die Psychologie des Nationalsozialismus. Gebundene Ausgabe. 2011. Patmos Verlag. ISBN/EAN: 9783843600538. EUR 19,90 » Bestellen bei Amazon.de

Peter Hakenjos: Nur der Tod vergisst. Taschenbuch. 2014. Der Kleine Buch Verlag. ISBN/EAN: 9783765086465. EUR 10,00 » Bestellen bei Amazon.de