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Stuttgart 21: Gegner werden auch auf der Frankfurter Buchmesse bespitzelt

Normale Fachbesucher der Buchmesse? Nicht ganz.Plötzlich wehte auf der Frankfurter Buchmesse der Atem der Stasi durch die Messehalle 3: Eine kleine Verlagsauslieferung aus dem Stuttgarter Raum hatte am Messefreitag um 17 Uhr 30 zur Happy-Hour eingeladen. Im Vorfeld war bekannt geworden, dass es auch so etwas wie ein inoffizielles Treffen der Parkschützer [1] und S21-Gegner [2] werden würde. Denn warum sollten Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter zur Messe ihr politisches Gewissen abgeben? Immerhin ist freitags Demo-Tag in Stuttgart.

Schon im Laufe des Freitags hatten die Organisatoren Besuch von einigen Herren bekommen, die darauf hinwiesen, dass politische Kundgebungen auf der Messe verboten seien und es ernsthafte Probleme geben könnte, falls die Feier ausarten würde.

Was hat man befürchtet? Ein vielstimmiges »Oben bleiben!« das plötzlich durch die Messehallen schallt? Gewaltbereite Buchhändlerinnen, die mit Papierfliegern auf Polizisten zielen?

Ungefähr 20 bis 30 Menschen fanden sich am Stand zur Happy-Hour ein. Es wurde »RESIST S21«-Bier [3] ausgeschenkt (»21 Cent pro Flasche gehen an den Widerstand«), gegen eine Spende konnte man sich mit »Oben bleiben«-Buttons und Aufklebern für die nächste Demo eindecken, und jemand brachte die grüne K21-Flagge mit, die den Stand schmückte.

Etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch großer und bekannter Verlage aus Stuttgart und der Stuttgarter Gegend und andere Sympathisanten waren anwesend. Die meisten in Anzug oder Kostüm, einige trugen weiterhin ihre Namensschilder mit Verlagslogo, andere waren als Privatperson gekommen. Man stand gemütlich beisammen und machte der Happy-Hour alle Ehre.

Groteske Bespitzelung wie im schlechten Krimi

RESIST-Bier und Oben-bleiben-ButtonsDoch wer aus Baden-Württemberg stammt, scheint derzeit terrorverdächtig und Staatsfeind zu sein. An einem blauen Stehtisch am Stand schräg gegenüber stand zunächst ein Mann, der ab und zu zur gut gelaunten Versammlung hinüberblickte. Beschleicht einen da schon Paranoia oder wird man tatsächlich oberserviert? Einige Minuten später war die Sache klar, als sich zwei weitere Männer hinzugesellten, deutlich mit Knopf im Ohr. Schwenkte man eine Kamera in ihre Richtung, drehten sie sich sofort weg oder gaben vor, die Prospekte eines Verlagsstandes durchzusehen. Es war eine absurd groteske Szene wie in einem billigen Krimi. Am Ende standen insgesamt vier Männer um den Tisch und observierten die Menschen am Verlagsstand. Ähnlich muss es in der DDR gewesen sein, als Stasi-Spitzel mehr oder weniger auffällig Bürger beobachtet haben, die nicht alles so toll fanden, was »der Staat« da so treibt. Was die Herren später wohl für die Akten notierten?

Die Botschaft war klar: Wir sehen euch, macht bloß keinen Fehler! Bleibt ruhig und muckt nicht auf. Politische Einschüchterung im Jahre 2010 in der Bundesrepublik Deutschland. »Demokratisch legitimiert«, würde man es wahrscheinlich im Baden-Württembergischen Staatsministerium nennen.

Später dann löste sich am Stand die kleine Runde netter Verlagsmenschen auf. Man wünschte sich noch erfolgreiche Messetage, man sehe sich ja vielleicht wieder auf der Demo am kommenden Montag in Stuttgart, und die letzten Worte waren selbstverständlich:

»Oben bleiben!«