Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 22. Mai 2009 | Rubrik: Notizen

Sprachkritik: Das Staunen der Wähler im Rahmen der Möglichkeiten

Ich schwörs dir, Alder!Das Jahr 2009 ist wieder einmal ein sogenanntes »Superwahljahr«, in dem der Bürger im Laufe des Jahres so einiges wegwählen kann. Das beginnt am 7. Juni, an dem wir unbekanntere Menschen nach Straßburg wegwählen. Und da daran niemand großes Interesse hat, werden Europawahlen gerne terminlich mit Kommunalwahlen zusammengelegt, damit überhaupt jemand ins Wahllokal kommt. So auch in Baden-Württemberg, wo wir uns der Wahlkampfbroschüre der Freien Wähler aus der Doppelstadt Villingen-Schwenningen mit den Mitteln der Sprachkritik genähert haben. Denn auch Gebrauchstexte haben ein demokratisch verbürgtes Recht darauf, einmal besprochen zu werden – das Problem der politischen Sprache ist schließlich überall das gleiche.

Schon beim Aufschlagen wunderten wir uns: Da fläzen sich in Liegen am Rande eines Hallenbades 6 Herren lässig entspannt und vollständig angezogen – zwei Links- und vier Rechtshänder -, heben schlapp ihre Lieblingshand und grinsen in die Kamera; und die Bildunterschrift lautet: »Energievolle Konzepte für die Zukunft!«: Wie bitte? Von diesen Schlaffis? Und was verstehen diese Entspanner Energie im Liegestuhl!unter »energievolle Konzepte«? Sie möchten, dass die städtischen Gebäude komplett verglast werden, denn sie wollen mit »der Sanierung und Renovierung der städtischen Gebäude […] für sonnige Aussichten sorgen« – damit sie also im Gemeindesaal auf ihren Liegestühlen ungehindert den strahlenden Himmel betrachten können! Schon war klar: Finger weg von diesen Energiebolzen!

Auf einem anderen zufällig aufgeschlagenen Doppelbild grinsen sich fünf männliche Menschen an, als hätten sie gerade einen grandiosen Witz gemacht: Darunter ist nämlich zu lesen: »Villingen-Schwenningen ist lebens- und liebenswert!«

Es keimt bereits beim bloßen Ansehen der Verdacht, der beauftragte Werbegrafiker sei heimlich ein erbitterter Feind dieser Wählergruppe! Denn zu allem Überfluss entfärben sich alle Bilder nach unten hin, so dass man beim Betrachten glaubt, diese Menschen schwebten im Wolkenkuckucksheim, weil ihnen jede Bodenhaftung fehlt.

Dieser Verdacht erhärtete sich beim Lesen der Texte: Kein Artikel, der ohne Fehler wäre, sei es Rechtschreibung, Zeichensetzung, entsetzlicher Beamtenstil oder purer Unsinn. So gibt es z. B. drei Personenkreise zur Auswahl: erfahrene Stadträte, engagierte Frauen und junge männliche Kandidaten – die letzteren müssen auch nicht engagiert sein, bei männlichen Wesen reicht das Qualitätsmerkmal jung.

Ein derartig Qualifizierter gibt von sich, seine Kandidatur (und nicht etwa er selbst!) »soll dazu beitragen, die Chancen dieser Stadt durch eine definierte und gut nachvollziehbare Strategie zu erschließen« – fein: seine Kandidatur will etwas erschließen, weil er keine Ahnung hat, wo es lang gehen soll, die Stadt hat schließlich keine Chancen! Und deswegen fährt er auch »politisch eine eindeutig nachvollziehbare Linie und spricht sich deutlich gegen Neuverschuldungen aus«; das bedeutet: Erstens weiß er nicht, wo es lang gehen soll (das ist politisch eindeutig), und eine große Neuverschuldung ist besser als viele kleine – denn gegen Neuverschuldung allgemein hat er ja gar nichts: Auch das ist eindeutig! Und was ist sein Hauptmerkmal? »Der direkte Weg ohne unnötige Stopps«. Merke: Jeder Stopp ist nötig, denn er hat einen Grund … Eiweia: Welch hoffnungsvoller Kandidat!

Eine engagierte Person will sich aktiv einbringen (nicht etwa passiv), hält aber die Bevölkerung irrtümlich für einen Verein, denn für sie besteht die Bevölkerung aus Mitgliedern; eine andere Engagierte möchte auch künftig mit Feuereifer aktiv mitgestalten, z. B. will sie ein »spannendes Freizeitangebot für junge Menschen«, was auch immer das sein mag; eine andere ist äußerst engagiert, dennoch aber aktiv und zu allem Überfluss ist sie auch noch interessiert; dann haben wir tatsächlich einen»rührigen, aktiven Engagierten für Zusammenhalt und Ehrenamt«, der daran interessiert ist, etwas zu tun: Da schau her! Eine andere Person engagiert sich gar nicht, sondern die will sich einsetzen, leider ebenfalls aktiv. Jemand will sich stark machen »für mehr Angebote für familienfreundliche Arbeitgeber« – was immer man sich darunter vorstellen mag (ganz abgesehen von den unsittlichen). Noch eine andere unternimmt alles, damit es »klick« macht; mein Tipp: Zippo! Dann gibt’s jemanden, der engagiert für die nötige »Verschwendung landschaftlicher Ressourcen« eintritt, nur die unnötige hat er gar nicht lieb.

Eine weitere Person möchte sich prinzipiell stark machen, verschweigt also, wofür. Die nächste macht sich für eine Stärkung stark. Und dann behält jemand einen Gedanken im Auge, in dem er gleichzeitig einen Dorn hat – ob er wohl noch durchblickt? Eine Person sieht »Sanierungsbedarf in Brücken und andern Projekten«. Eine möchte ganz dringend »den Ausbau einer Umgehungsstraße […] wie geplant fertig stellen« statt einfach »die Umgehungsstraße vollenden« – und genau so umständlich wird dann im Gemeinderat palavert, würde die hineingewählt! Und wieder eine andere Person strebt an eine »vernünftige Weiterentwicklung des Wohnbaus und Gewerbeansiedlung« an – Gewerbeansiedlung ist immer gut, die muss nicht auch noch vernünftig sein. Einem »passioniertem Radfahrer« liegt auch etwas am Herzen (warum eigentlich nicht Herzem …). Eine weitere möchte »eine stärkere Mitbestimmung der Bürger« vorantreiben; da es kaum Mitbestimmung gibt, schon gar keine stärkere, kann sie letztere auch gar nicht vorantreiben: Sie verspricht also, nichts zu tut! Immerhin: eine ehrliche Haut!

Was haben wir gelacht!Eine andere ist interessiert daran, bürgerschaftliches (was immer auch das bedeuten mag – klingt halt gut) Engagement zu unterstützen – und dabei wird es wohl auch bleiben, beim Interesse! Jemand jedoch engagiert sich nicht, der will nur »im Rahmen seiner Möglichkeiten dem Wohle der Gemeinschaft dienen«, gibt aber keine Auskunft über seine Möglichkeiten; einer radebrecht in »dem ›gut badischen-gut schwäbischem‹ Akzent«; eine schlaue Person sieht im Städteverbund sowohl Grundlage als auch Basis; eine freut sich, dass die beiden Stadtteile »ihre eigenen Geschichten und eigene Traditionen haben«; offenbar weiß sie nicht, dass die beiden Stadtteile sogar ihre eigene Geschichte haben … Zwei wollen immerhin bereit sein, wenn’s brennt; eine »bewegt sich« sogar »beim Wandern«! Eine andere will »die Weiterentwicklung des Wirtschaftsstandortes fortschreiben« (vermutlich weil sie ihn nicht weiter entwickeln kann), und außerdem möchte sie »den Tourismus […] der Einwohner fördern« – also nichts wie weg von Villingen-Schwenningen! Einige wollen die Verwaltung verschlanken, verschweigen aber, wie viele sie entlassen wollen; fast alle haben mehrere Schwerpunkte, was aber vor allem ein physikalisches Phänomen ist.

Eine Person weiß, dass »den Jugendlichen mehr Abwechslung geboten« werden muss, damit sie in der Stadt bleiben. Wie wäre es mit Arbeitsplätzen? Wäre doch mal eine echte Abwechslung zum alkoholseligen Rumhängen? Aber jetzt überschätzen wir die Person wohl, schließlich setzt die sich nur für »Themen« ein anstelle von Inhalten. Statt eine seniorenfreundliche Stadt zu schaffen, möchte jemand die »Strukturen« dafür schaffen. Und woran erkennt man eine seniorenfreundliche Stadt? Wenn eine »seniorenfreundliche Stadt« »lebens- und liebenswert für ältere Generationen ist«, dann ist eine seniorenfreundliche Stadt seniorenfreundlich. Toll!

Jemand macht sich stark für die eigenwillige Mischung »Senioren, Kinder, Jugendliche, Behinderte und die Kliniken« und ist überzeugt, »dass Babyklappen Menschenleben retten können« – warum macht man sich nicht sachkundig bei seriösen Quellen?

Jemand hat als Ziel »eine nachhaltige Vision für VS« – mit anderen Worten: Der hat gar keine – und sowas soll man wählen? Oder jemanden, der erst »Perspektiven entwickeln« will? Oder gar jemanden, der offenbar an zerebraler Flatulenz leidet, weil er »beim Wandern und Joggen Ideen und Lösungsansätze am buchstäblichen laufenden Meter« produziert – statt 1 vernünftige Idee oder 1 vernünftigen Lösungsansatz?

Jemand wirft 1 kritischen Blick auf Dinge, ein anderer geht »den Dingen gerne auch kommunalpolitisch auf den Grund“, und ein dritter jemand »geht nicht nur beim Tauchen den Dingen auf den Grund.« Hoffentlich hat der immer die passende Brille auf! Jemand hat »Steuern, Verwaltung und Gebühren als Etappenziel«, dabei gibt es das schon alles. Wieder andere sind für »gezielte Mittelstandsförderung, die ankommt«, im Gegensatz zu der ungezielten Mittelstandsförderung, die ankommt – warum eigentlich? Hauptsache ist doch, sie kommt an, ob gezielt oder nicht. Und so etwas erklären die auch noch zur Devise!

Jemand will allen Ernstes wiedergewählt werden, der zugibt, lange Zeit nichts getan zu haben außer: »Seit Jahren beobachte ich […] einen zunehmend unbekümmerten Umgang mit Steuergeldern …« Ein anderer »freut sich jeden Tag aufs Neue über die positive Entwicklung der Neckarstadt einerseits und der Villinger Altstadt andererseits«: Na prima! Was will er dann, wenn alles so gut läuft?

Einer »tritt in Radpedale und gibt auch bei der Förderung von Vereinen und Eigeninitiative […] so richtig Gas.« Mit anderen Worten: beschauliches Radfahrergas. Und man fragt sich, was die Firma Radpedal in Villingen-Schwenningen ihm angetan hat, dass er dort hineintreten will – als Firmeninhaber würde man sich juristisch wehren, normale Radfahrer treten schließlich in die Pedale.

Jemand möchte unbedingt in den Gemeinderat, weil er von den Verwaltungen kontrolliert werden möchte – er hat sich wohl nicht im Griff: »Ich bin von der Notwendigkeit einer Kontrollfunktion der Verwaltungen überzeugt« wird ganz offen eingestanden.

Da wird eine »geographisch optimale Lage eingebettet in eine bestechende Landschaft« (eine Landschaft ist ja nun gar nicht geografisch, wie wir wissen, da muss erst eine Lage hinein) – und wofür sorgt dieses sprachliche Wirrwarr? Diese durch die Lage geografisierte Landschaft »macht den Charme und die Lebenslust an und in der Gesamtstadt aus«. Was soll ein Charme an der Gesamtstadt sein? Oder einer in der Gesamtstadt? Wie wäre es mit Charme der Gesamtstadt? Zu einfach? Genau – Beamtendeutsch verlangt halt nach den blödsinnigsten Präpositionen: Deswegen kann es auch nicht um die Lebenslust der Bürger gehen, sondern um die Lebenslust »an und in der Gesamtstadt« …

Jemand versteht sich doch tatsächlich als »Netzwerker« – lassen wir Wikipedia zu Wort kommen: »Netzwerker ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Menschen, die ein Beziehungsnetz (vgl. Soziales Netzwerk) aktiv aufbauen und erweitern. Oftmals werden diese Beziehungen danach gewinnbringend eingesetzt. In diesem Zusammenhang kann „Netzwerker“ abwertend gemeint sein. Früher wurde dafür der Begriff der Vetternwirtschaft verwendet.« Nein danke …

Einer geht allen Ernstes »Wandern und Walken«»in dem« Natur, wofür er offene Ohren hat (übrigens auch noch für Musik), und im Gegensatz zu allen anderen, die nur 1 offenes Ohr haben. Fragen: Walkt er jetzt Filz oder Leder? Warum geht er Wandern und nicht wandern? Ist das die Nähe zur Jugend: »Ey, ich geh Döner, dann Kino! Und Du?« – »Ich geh Wandern und Walken!« Warum steht dort nicht, dass er gerne wandert und spazieren geht (englisch: walk)? Sabbel, sabbel, sabbel!

Ist gutes Deutsch so schwer? Oder liegt es nur daran, dass man zwar überhaupt nichts zu sagen hat, das aber auf Glanzpapier mit bunten Bildchen? Und wissen die Kandidaten, was ihnen mit diesen Texten angetan wurde? Wäre man Neubürger, hätte der ganze Verein keine Chance, weil dieser Auftritt so überaus peinlich ist.

Malte Bremer

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *