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Beitrag vom 25. März 2014 | Rubrik: Leipziger Buchmesse 2014, Literarisches Leben

Sibylle und Sisyphos – Eine Erinnerung an Leipzig

Erinnerungsfoto: Besucher der Leipziger Buchmesse 2014

Erinnerungsfoto: Besucher der Leipziger Buchmesse 2014

Was hat die Frau Lewitscharoff in Dresden noch mal gesagt? War es irgendetwas über Homunculi oder Succubae?

Ich weiß es nicht mehr.

Woran ich mich jedoch erinnere, sind Facebook-Posts und Kommentare, die meisten künstlich erregt, andere witzig, ein paar wenige sicher auch sachlich (Dass ein paar sachliche Kommentare dabei sein mussten, gebietet schon allein die Mathematik der Wahrscheinlichkeit).

Woran sollte man sich erinnern?

Vor einigen Monaten war es Juli Zehs und Ilija Trojanows Aufruf an die Kanzlerin, den Amerikanern wegen der NSA-Ausspähung gefälligst Beine zu machen, und später ein Artikel in der »Zeit«, in dem Florian Kessler den in Schreibschulen versammelten Arztsöhnen und -töchtern literarische Beliebigkeit bescheinigte.

Morgen wird ein anderer Skandal durch die Blätter rauschen. Ein anderes Konzert, gespielt von einem neuen Orchester und angeführt von einem neuen Solisten. Doch sobald Gospodin Putin in Moskau auf die Pauke drischt, herrscht sowieso Ausnahmezustand unter den Edel- und Sudelfedern im Netz und anderswo. Wir alle sehen zu vom Fernsehsessel, der Couch, dem Tablet oder Handy.

Wir alle stumpfen ab. Und wer mag denn nicht einen schönen saftigen Skandal von Zeit zu Zeit – very entertaining, indeed.

Ach ja: Dann gab’s ja auch noch eine Messe in Leipzig – Lesungen, Small-Talk, liebste Kollegen und Agenten und Geschäfte, und ab und zu ein Seitenblick auf wahren Ruhm (Ich sah Margaret Atwood leibhaftig durch die Hallen wandeln!).

Heute, kaum zwei Wochen später, ist auch das kaum mehr als buntes Rauschen, fast schon unwahr – ein Ausschnitt aus Film, Script und Soundtrack eines anderen Lebens.

Dennoch bleibt einiges hängen: Ein distinguierter älterer Herr schlug mir vor, eine Krimiserie zu schreiben, ein anderer – deutlich jünger – fragte mich nach meiner sexuellen Orientierung (Sorry mate, hetero!), eine gute Freundin warf in einem Restaurant mit Brötchen nach mir, ich signierte ein paar Bücher, gab einen Workshop, bei dem meine Zuhörer in manchem schlauer waren als ich, und versackte in einem Gothic Club bis Sonntagmorgens um fünf mit einer Gang Journalisten und Deutschlands führendem Werwolfexperten (thanx for all the beer, by the way!).

Was unter dem Rauschen im Blätterwald, dem der bunten Bilder und Erinnerungen fast verloren ging, war die Hauptsache.

Die Messehallen waren voll.

Jean Paul hielt Bücher für »Briefe an fremde Freunde« – im März 2014 fanden jene Briefe ihre Adressaten in rauen Mengen.

Die großartige Angela Carter schrieb einmal über eine ihrer Romanheldinnen: »Sie war wie ein Piano in einem Land, in dem man allen Menschen die Hände abgehackt hatte«.

Die Messe in Leipzig (und nicht nur die) bewies: In unserem Land spielen die Pianos. Sie spielen grün, rot, schwarz, gelb, blau und manchmal sogar mit bedenklich braunen Untertönen. Und unsere Hände sind nach wie vor, wo sie hingehören, und versetzen uns in der Lage, sie zu nutzen, um Texte zu schreiben.

Texte, von denen  wir sicher sein dürfen,  dass sie eine faire Chance darauf haben, auf irgendeinem Weg ihre Leser zu finden, weil in diesem Land – bei allen Schwierigkeiten auf den niederen oder mittleren Ebenen – ein Staatsanwalt, Richter oder Polizist es sich zum Glück zehn Mal überlegt, bevor er es wagt, die Veröffentlichung irgendeines Buches zu unterdrücken.

Den Vorabend der Buchmesse in Leipzig nahm der PEN Club zum Anlass für seine Veröffentlichung über die 2013 inhaftierten, ermordeten und wegen ihrer Arbeit verfolgten Schriftsteller.

Albert Camus fand: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Vielleicht findet ihr ja, während ihr eurer Sisyphosarbeit des Schreibens nachgeht, einen Augenblick Zeit, einen Blick auf die Pressemitteilung des PEN Clubs zu werfen.

Und vielleicht erinnert ihr euch dabei daran, dass bei allem Mist, bei aller täglichen Schreibermühsal wir hier in Deutschland in mancher Hinsicht immer noch zu den happy few gehören …

David Gray

Über den Autor dieses Artikels

David Gray (Foto: (c) 2013 Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray (Foto: Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray ist das Pseudonym eines deutschen Journalisten und Filmkritikers.

Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf.

Er hat einen historischen Roman, einen Polizeithriller und eine Shortstorysammlung auf amazon.de veröffentlicht.

Autorenseite von David Gray bei amazon.de

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