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Shortlist des Kindle Storyteller Award 2016: Hurra, wir verblöden?

Story Teller Award 2016 - Die Shortlist

Amazon hat die fünf Titel der Shortlist bekannt gegeben, die in diesem Jahr Aussicht auf den Gewinn des Storyteller Awards für Self-Publisher [1] haben. Der Gewinnertitel wird auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben und mit 10.000 Euro prämiert.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat sich die fünf Titel angesehen. Während er im letzten Jahr einzig den späteren tatsächlichen Gewinner [2] Phillip P. Peterson preiswürdig fand [3], ist in diesem Jahr nichts dabei, was auch nur ansatzweise einen Preis verdient hat.

Während man bei Amazon in anderen Bereichen mit Zahlen eher vorsichtig ist, wirft der US-Konzern bei seinem Self-Publishing-Preis mit Superlativen um sich: Über 1.900 Titel wurden diesmal eingereicht, was einen Zuwachs von 81 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet, fünf eingereichte Titel standen im Laufe des Wettbewerbs auf Platz 1 der Kindle-Bestsellerliste, insgesamt waren 80 in den Top 100 vertreten.

Nun wählt eine Jury u. a. mit Schauspieler Christian Ulmen sowie den Self-Publishing-Autorinnen Astrid Korten und Poppy J. Anderson unter den fünf nominierten der Shortlist das Gewinnerbuch aus. Die Preisverleihung findet dann am 20. Oktober 2016 um 13:15 im Innenhofbereich der Frankfurter Buchmesse statt.

Der mit Gesamtpreisen im Wert von 30.000 Euro dotierte Storyteller Award soll Self-Publishing stärken und ist natürlich auch eine Werbeveranstaltung für Amazons Self-Publishing-Plattform KDP.

Nachwievor hat Self-Publishing den Ruf, dass dort nicht unbedingt die hochwertigsten Werke zu finden sind. Doch wenn die fünf Titel der Shortlist die fünf besten und bei den Lesern beliebtesten sind, so festigt der Wettbewerb leider das negative Image des Self-Publishing.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat sich die Anfänge der fünf Shortlist-Titel angesehen. Lesen Sie hier seine Eindrücke und sein Fazit.

Melisa Schwermer: So bitter die Schuld

»Mir tut der Bauch weg«

Das soll ein Thriller sein? Bzw. werden? Wo schon der Beginn dermaßen verquer ist? Auweia!

Da schwätzt eine Kristina in die Stille des Raumes (welch abgehalftertes Bild!), und ihre Stimme hallte von den hohen Wänden wider – muss wohl so was wie eine Turnhalle sein oder eine Kirche, zumindest hübsch leer, damit sich der Hall entfalten kann! Und weil der Einleitungssatz »Mir tut der Bauch weh« ins Dunkle gesprochen wurde, klang es beinahe, als hätte sie die Worte laut gerufen – was Dunkelheit nicht alles bewirken kann!

Aber es ist weder eine Kirche noch eine Turnhalle, sondern ein stinknormales Zimmer mit mindestens zwei Betten – aber ansonsten müsste es bitteschön leer sein, damit so etwas wie Hall überhaupt entstehen könnte – ist es aber nicht: Es gibt sogar berüchtigte Schallschlucker, nämlich Vorhänge!

Und das steife Bettlaken pikte (pickte? piekste?), und das schwache Licht der Straßenlaternen (sind da mehrere vor dem Fenster versammelt?), das durch den Schlitz zwischen den schallverstärkenden Vorhängen fiel, erzeugte gruselige Schatten – aber wovon? Was wurde da abgebildet? Der Spalt? Kann nicht sein, es handelt sich ja um mehrere Schatten, die Kristina da beobachtet.

Bereits der Anfang ist gruselig verkorkst, dass es eine Art hat!

Gibt es eigentlich auch einen Preis für den miesesten Anfang? Wenn nicht: Hier wäre ein Favorit!

Melisa Schwermer: So bitter die Schuld: Thriller (Fabian Prior 1). Kindle Edition. 2016.  » Herunterladen bei Amazon.de [4]

Halo Summer: Aschenkindel – Das wahre Märchen

»Ich bin nicht lieb«

Bemüht hemdsärmelig und flapsig und launig schlappt das einher, dann werden Informationen nachgeholt, die man nicht braucht – es sollte wohl irgendwie rund wirken. Ob Schuldgeld (statt Schulgeld) ein Tippfehler ist oder Unwissenheit, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht ist das ja auch ein elaborierter Witz?

Und als Aschenkindel dann von ihrer angeblichen Vergangenheit des Langen und Breiten schwafelt, hatte ich die Nase voll. Viele mögen flachsinnige Blödeleien. Ich nicht.

Halo Summer: Aschenkindel - Das wahre Märchen. Kindle Edition. 2016.  » Herunterladen bei Amazon.de [5]

Martin Gresch: Exit-Strategie – Fünf Wege, den eigenen Tod vorzutäuschen

»Sehr geehrte Staatanwaltschaft«

Worum geht’s? Es geht darum, aus den täglichen Zwängen auszubrechen – aber was ist daran so schwierig? Es reicht doch z. B., seine Zigaretten einem Bedürftigen zu schenken und SOFORT mit dem Rauchen aufzuhören, statt es auf morgen zu verschieben. Oder den Silvesterabend.

Worum geht’s? Dieses Buch stillt die Sehnsucht nach einem besseren Leben – Meiner Treu: Dann besser sofort die Finger lassen von diesem Buch! Und damit schließe ich mich vollumfänglich Martin Gresch höchstpersönlich an, der warnt schließlich selbst vor selbigem:

Wenn Sie diese Zeilen lesen, gehören Sie zu den Menschen mit Problemen, ernsten Problemen.

Sorry: Ich schreibe eine Besprechung zur Shortlist des Kindle Storyteller Award 2016, und mir ist rätselhaft, was dieser ebenfalls fürchterlich alberne Text da zu suchen hat: Hurra, wir verblöden?

Ohne mich. Und Schauderschreck: Wie mies müssen dann erst die über 1895 restlichen Einsendungen sein, wenn so was zu den ausgewählten gehört?

Martin Gresch: Exit-Strategie: Fünf Wege, den eigenen Tod vorzutäuschen. Kindle Edition. 2016.  » Herunterladen bei Amazon.de [7]

Emma C. Moore: Finian Blue Summers oder Was wir sagen, wenn wir schweigen

»Manche Dinge ...«

Bereits die fehlenden Kommas auf der ersten Seite nerven – aber das ist ein Lektor- bzw. Korrektor-Problem: Wir sind geschult, Fehler zu entdecken.

In ihren Gedanken rechnet eine Ich-Erzählerin mit einer anderen Person ab: Dass diese sie nicht überzeugen könne, dass manche Dinge unmöglich sind. Diese Person hat dafür eine besondere Gabe: Sie kann nämlich die Ich-Erzählerin mit einem Grübchenlächeln anfunkeln – He: das würde ich gerne auch sehen, ein funkensprühendes Grübchenlächeln.

Die Ich-Erzählerin will etwas Verrücktes tun: nämlich ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen (dieses zu ist grammatisch falsch; aber frau schreibt halt, wie man so labert).

Und das soll schwer – pardon: unmöglich sein? Weil sie z. B. ihren Vater nicht dazu bringt, ihr zuzuhören? Warum redet sie überhaupt mit ihm? Es gibt doch sicher in ihrem Umkreis noch andere Menschen. Beschränkt sich ihre Vorstellung von eigenen Leben darauf, anderen etwas vorzuschreiben? Dann wäre sie ihres Vaters treffliche Tochter.

Das ist heftig verquast.

Anschließend wird nichts erzählt, stattdessen wühlt die Ich-Erzählerin in ihrer Vergangenheit herum – also einer der grundfalschen Anfänger-Anfänge [8]. Offenbar gibt es nichts zu erzählen.

Macht nichts. Denn nichts auf der Welt ist so freiwillig wie das Lesen (außer, man ist Lektor).

Marah Woolf, Emma C. Moore: Finian Blue Summers. Kindle Edition. 2016.  » Herunterladen bei Amazon.de [9]

Janine Hofeditz: Hüter der Schatten (Die Fengard Chroniken)

Larkin

Wonach biedere Fantasy-Herzen gieren: Eine grimmige Miene starrt in die Dunkelheit, während Larkin mühsam um Beherrschung rang. Seine Magie ist ein wildes Tier, und diese bzw. das befindet sich selbstverständlich in seinem Innern, also da, wo Magie von Haus aus hingehört (mal abgesehen von magischen Pantoffeln, Teppichen, Stäben usw. oder Symbolen). Fluchen kann Larkin auch, und zwar bei der Seele des Waldes – also wohl ein Öko-Magier. Nach dem Fluch nimmt er (woher nimmt er den eigentlich? Hat er irgendwo einen Vorrat angelegt?) einen tiefen Atemzug (statt tief Luft zu holen)und dann folgt völlig überraschend eine ungewöhnliche Wendung: Larkin nimmt diesen, um seines Ärgers wieder Herr zu werden – welch sprachliches Kleinod in dieser Kitschwüste! Zu erwarten gewesen wäre beispielsweise um seinen Ärger wieder los zu werden oder sich zu beruhigen und dergleichen Ramschfloskeln mehr.

Und erneut dieser Anfängerfehler: Statt weiter zu erzählen, stopft Larkin uns dann mit seiner Vergangenheit voll.

Janine Hofeditz: Hüter der Schatten (Die Fengard Chroniken 1). Kindle Edition. 2016.  » Herunterladen bei Amazon.de [10]

Fazit

Keine dieser Einsendungen ist auch nur ansatzweise preiswürdig. Ginge es darum, das geringste Übel zu wählen, würde ich Janine Hofeditz vorschlagen, und sei es auch nur wegen der allerliebsten Genitiv-Konstruktion!

Malte Bremer