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Beitrag vom 26. April 2011 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Serienmörder-Spezialist: Stephan Harbort im Interview

Stephan Harbort (Foto: privat)

Stephan Harbort (Foto: privat)

Für Millionen Bundesbürger gehört es zum sonntäglichen Ritual, sich nach der Tagesschau gemütlich im Sessel oder auf der Couch zurückzulehnen und die Woche mit dem Tatort ausklingen zu lassen. Hier muss keiner befürchten, der Mörder entkommt, hier siegt das Gute in Form tüchtiger Ermittler und der Böse bekommt seine gerechte Strafe. Unser Bedarf am Blick in die Abgründe des Menschen ist gedeckt, der voyeuristische Kitzel befriedigt.

Diejenigen, denen das noch nicht reicht, die auch nach Stieg Larsson und Kommissar Wallander noch nach menschlicher Bösartigkeit dürsten, können zu Sachbüchern greifen. Real Crime sozusagen. Da gibt der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in seinem Buch Einblicke in »Verbrechen« und der Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort schreibt bevorzugt über Serienmörder.

Was bringt Menschen dazu, sich so tief wie möglich in die Psyche von Straftätern hineinbegeben zu wollen? Was bringt einen Ermittler dazu, jahrelange Interviews mit verurteilten Serienmördern zu führen, um auch das letzte Verborgene aus den kranken Hirnen heraus zu destillieren? Cornelia Lotter hat Stephan Harbort dazu befragt.

Und für wen schreibt Stephan Harbort?

Seine Bücher sind natürlich interessant für Autoren, die sich dem Genre des Kriminalromans und des Thrillers verschrieben haben. In seinem Buch »Das Hannibal Syndrom« beschreibt Harbort detailliert Fälle von Serienmorden aus den letzten Jahrzehnten. Das liest sich trotz sachlicher Sprache, die es nicht nötig hat, Effekthascherei zu betreiben, spannend wie ein Krimi. Auch in »Mörderisches Profil« und »Das Serienmörder-Prinzip« kriecht er den Tätern in den Kopf und schildert deren Taten, abwechselnd aus Polizeiberichten zitierend und den Täter selbst zu Wort kommen lassend. Hierfür hat er über Jahre hinweg mit über 50 Serienmördern gesprochen, mit ihnen korrespondiert und die Ergebnisse seiner Recherchen teils als wörtliche Wiedergabe der Dialoge bzw. Briefzitate, teils in eigenen Worten niedergeschrieben.

Doch wen außer den von Berufs wegen neugierigen Autoren interessieren solche »True-Crime«-Stories? Schließlich dürfte ein Unterschied zu den Konsumenten von »CSI« oder »Criminal Intent« bestehen. Ein Buch will gelesen sein, nicht bloß passiv konsumiert wie die Fernsehbilder, die einem ohne eigene Anstrengung ins Hirn gespült werden. Besteht nicht sogar die Möglichkeit, dass sich da ein kranker Geist an den Schilderungen im Buch aufgeilt? Vielleicht sogar Ideen für eigene Taten bekommt? Aus den Fehlern der geschnappten »Kollegen« lernt?

In seinem jüngsten Buch »100 Prozent tot – Das Phantom vom Grunewald« beschränkt sich Harbort auf einen Fall von 1982. Zwei niederländische Touristinnen waren im Grunewald ermordet aufgefunden worden. Im Zuge des Verhörs des festgenommenen mutmaßlichen Täters kommen noch andere Morde ans Licht. In diesem Buch erzählt vor allem der Täter, der sich 2007 von sich aus an den Autor gewandt und um ein Gespräch gebeten hatte, die Details der Verbrechen sehr eloquent und teilweise selbstverliebt. Und hier spätestens fragt man sich, ob manche der Verbrecher sich nicht ob des Interesses gebauchpinselt und vielleicht sogar aufgewertet fühlen und sich darüber freuen, dass noch Jahre nach ihrer Tat ein Quäntchen Berühmtheit für sie abfällt, vielleicht sogar eine gewisse Anerkennung dafür, dass sie teilweise jahrelang in ihren Augen clever und intelligent die Polizei an der Nase herumgeführt haben.

Doch gäbe es diese Bücher sicher nicht, wenn es keinen Markt dafür gäbe. Und es scheint so, als läge gerade bei den abscheulichsten Verbrechen ein gewisser Reiz darin, quasi durchs Schlüsselloch in die Psyche der Bestien zu schauen. Voyeurismus auf höchstem Niveau. Hier hat Stephan Harbort mit seinen Büchern ganz sicher eine Nische gefunden. Und für Krimiautoren bieten die detailreichen, psychologisch fundierten Schilderungen und Erklärungen des Autors in jedem Fall nicht nur eine Bereicherung für jede Recherche, sondern auch genügend Inspiration für Themen und Plots.

Und wer mehr über Stephan Harbort erfahren will, der gedulde sich bis zum nächsten Jahr. Dann kommt der Film »Blick in den Abgrund« in die Kinos, der vier Profiler (im deutschen Sprach- und Dienstgebrauch: Fallanalytiker) porträtiert. Einer aus den USA, England, Finnland und eben Stephan Harbort. Doch bis zum nächsten Buch muss der interessierte Leser nicht so lange warten. Bereits im Herbst dieses Jahres erscheint bei Eichborn das neueste Buch »Wenn Leichen falsche Fährten legen«, ein Sachbuch über Kriminalirrtümer.

Cornelia Lotter hat sich für literaturcafe.de mit Stephan Harbort unterhalten.

Interview mit Buchautor Stephan Harbort

literaturcafe.de: Sind Sie immer noch bei der Kriminalpolizei als Ermittler tätig? Wenn ja, wie schaffen Sie es zeitmäßig, beides – Recherche und Schreiberei und den Job – unter einen Hut zu bringen?

Stephan Harbort: Ja, ich arbeite noch als Kriminalist, und das wohl auch noch die nächsten 15 Jahre. Natürlich ist es schwer, Familie und mindestens zwei Berufe unter einen Hut zu bringen. Das gelingt nur mit einem (nahezu) perfekten Zeitmanagement und eiserner Disziplin. Dafür verzichte ich beispielsweise auf Hobbies. Dass ich dabei meine persönlichen Bedürfnisse vernachlässige, spüre ich schon. Diese hohe Belastung soll aber kein Dauerzustand bleiben.

literaturcafe.de: Wann und wieso sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Erfahrungen und Ihr Wissen außer in wissenschaftlichen Aufsätzen auch in Sachbüchern niederzuschreiben?

Stephan Harbort: Vielen Wissenschaftlern halte ich vor, dass sie sich in einem Elfenbeinturm verschanzen und ihr Expertenwissen nur in gewissen Kreisen verbreiten. Das ist falsch. Profitieren sollten alle Menschen. Diese Erkenntnis hat mich dazu gebracht, populäre Bücher zu schreiben. Die sehr positiven Rückmeldungen der Leser bestätigen meine Einschätzung: Das Interesse, dem Bösen näher zu kommen und auch solche Dinge verstehen zu wollen, ist berechtigt und groß.

literaturcafe.de: Warum interessiert Sie besonders das Thema »Serienmörder«?

Stephan Harbort: Das hat mit einem Kriminalfall zu tun, den ich als junger Kriminalstudent vor 20 Jahren erlebt habe. Zwei junge Männer töteten binnen weniger Monate drei Menschen, um »forciert erben« zu können. Die Kaltblütigkeit, mit der die Täter vorgingen, und die Emotionslosigkeit, mit der sie ihre Gräueltaten einräumten, waren für mich einerseits abstoßend, andererseits machten sie mich aber auch neugierig: Was sind das für Menschen? Wie wird man so? Was wissen wir über diesen Tätertyp? Und als ich feststellte, dass wir über deutsche Serienmörder wenig bis nichts wussten, wurde mir klar: Das ist ein Feld, dass Du beackern möchtest. Dass es so etwas wie eine Art Lebensaufgabe werden würde, ahnte ich damals nicht.

literaturcafe.de: Für wen schreiben Sie die Sachbücher, z. B. darüber, wie Serienmörder »ticken«? Was meinen Sie, was für Leser derartige Lektüre bevorzugen?

Stephan Harbort: Ich schreibe die Bücher grundsätzlich für alle, die sich für die Erscheinungsformen oder Ursachen dieses Gewaltphänomens interessieren und nicht nur an oberflächlich bearbeiteten True-Crime-Geschichtchen interessiert sind. Aufgrund der vielen Rückmeldungen darf ich sagen, dass die Leser aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen, alle Berufe sind vertreten. Auffällig ist, dass es mehrheitlich Frauen sind, die sich für dieses doch eher dunkle Thema interessieren. Warum das so ist, weiß ich allerdings nicht.

literaturcafe.de: Was würden Sie sagen, wenn Sie erfahren würden, dass zu Ihren Lesern auch psychisch gestörte Menschen gehören, die sich an den Schilderungen von Tötungen und dem Davor und Danach, den Gedanken der Täter, aufgeilen?

Stephan Harbort: Das wird hier und da auch so sein. In mehreren Fällen wurden meine Bücher sogar bei Serienmördern gefunden. Das ist zwar nicht in meinem Sinne, doch sind diese irritierenden Begleiterscheinungen unvermeidbar. Nicht wenige Täter lesen sogar wissenschaftliche Arbeiten, weil dort inspirierende Tatortfotos etc. gezeigt werden oder Tatbeschreibungen nachzulesen sind. Es gibt eben kein Medium, das nicht auch zweckentfremdet werden kann – so ist es auch mit meinen Büchern.

literaturcafe.de: Wie ertragen Sie als Familienvater all das, mit dem Sie z.B. bei Serienmördern konfrontiert werden?

Stephan Harbort: Die Belastung ist groß, aber auszuhalten. Ich gebe nicht den hartgesottenen Macho, der über den Dingen steht. Wenn mich beispielsweise ein Interview mit einem Patienten oder Gefangenen beeindruckt, spreche ich meine Empfindungen im Anschluss an das Gespräch auf mein Diktiergerät. So schaffe ich wieder die nötige Distanz. Und das gelingt mir ganz gut: psychosomatische Störungen oder Alpträume habe ich jedenfalls nicht.

literaturcafe.de: Gelingt es Ihnen immer, bei Interviews mit Mördern die notwendige professionelle Distanz zu wahren, oder überwältigen Sie auch manchmal Ihre Gefühle? Können Sie »abschalten«, wenn Sie die Beschäftigung damit für den Tag erledigt hat?

Stephan Harbort: Die Gespräche mit Serienmördern sind – das gebe ich gerne zu – recht schwierig, aber darin liegt auch der besondere Reiz: Vermeintliche »Monster« auch von einer anderen Seite kennenzulernen, die bisher vernachlässigt worden ist, den Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu erkennen, die bisher verborgen geblieben sind. Das schafft in mir mitunter atemlose Spannung. In diesen Augenblicken der Erkenntnis habe ich keine Gefühle im engeren Sinne, ich bin vollkommen fokussiert auf meine Aufgabe. Emotionen kommen erst viel später, wenn alles vorbei ist und ich ins Grübeln und Rekapitulieren komme.

literaturcafe.de: Was war Ihre Motivation, in die Psyche von Serienmördern so tief wie möglich einzudringen?

Stephan Harbort: Ich wollte verstehen und wissen. Gerade für mich als Kriminalist stellt dieser so schwer zu überführende Tätertyp eine besondere Herausforderung dar. Anfangs habe ich mich auf das Studium der Gerichtsakten beschränkt, später stellte ich fest, dass dies nicht ausreicht, um den Tätern wirklich nahe zu kommen. Man muss sich ehrlich und beharrlich um diese Menschen bemühen, erst dann öffnen sich Türen.

literaturcafe.de: Haben die Befragungen, die Antworten, die Sie bekommen haben, Ihnen die gewünschte Erkenntnis gebracht?

Stephan Harbort: Klares Jain. Ich habe mir viele Fragen beantworten können und bin mitunter zu überraschenden Erkenntnissen gekommen. Aber die Königsfrage, wie man zu einem Serienmörder wird, kann ich pauschal immer noch nicht beantworten – aber ich arbeite daran.

literaturcafe.de: Herr Harbort, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Cornelia Lotter. Sie veröffentlicht unter ihrem Namen sowie verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane. Im November 2011 erschien im fhl Verlag Leipzig ihr Erzählband »Das letzte Frühstück«. Sie ist Mitglied im VS und im Montsegur-Autorenforum. Im Dezember 2011 erhielt sie den Selma-Meerbaum-Eisinger-Literaturpreis in der Sparte Lyrik.

Bücher von Stephan Harbort:

  • Stephan Harbort: Killerinstinkt: Serienmördern auf der Spur. Taschenbuch. 2012. Ullstein Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548374772. EUR 8,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: "Ich musste sie kaputt machen.": Anatomie eines Jahrhundert-Mörders. Taschenbuch. 2013. Ullstein Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548374796. EUR 9,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: Aus reiner Mordlust: Der Serienmordexperte über Thrill-Killer. Taschenbuch. 2013. Knaur TB. ISBN/EAN: 9783426786161. EUR 8,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: »Ich liebte eine Bestie«: Die Frauen der Serienmörder. Taschenbuch. 2011. Ullstein Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548373577. EUR 8,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: Das Serienmörder-Prinzip: Was zwingt Menschen zum Bösen? Taschenbuch. 2008. Piper Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783492250252. EUR 9,95 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: Wenn Frauen morden: Spektakuläre Kriminalfälle. Taschenbuch. 2010. Piper Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783492257855. EUR 8,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: Der Liebespaar-Mörder: Auf der Spur eines Serienkillers. Taschenbuch. 2013. Bastei Lübbe (Bastei Lübbe Taschenbuch). ISBN/EAN: 9783404607471. EUR 8,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: Aus reiner Mordlust: Der Serienmordexperte über Thrill-Killer. Kindle Edition. 2013. Knaur eBook (Herunterladen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: Die Maske des Mörders: Serientäter und ihre Opfer. Taschenbuch. 2013. Knaur TB. ISBN/EAN: 9783426786062. EUR 8,99 (Bestellen bei Amazon.de)
  • Stephan Harbort: 100 Prozent tot: Das Phantom vom Grunewald. Gebundene Ausgabe. 2010. Droste Vlg. ISBN/EAN: 9783770014163. EUR 19,95 (Bestellen bei Amazon.de)

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1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Karolina Gl. schrieb am 26. April 2011 um 17:04 Uhr

    Ein sehr interessantes Interview. Habe von Harbort “begegnung mit dem Serienmörder” gelesen, sehr zu empfehlen.

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