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Self-Publishing: Wie finde ich den richtigen Lektor?

André Hille

Expertentipps von André Hille

Ein Lektorat muss sein. Fragt man erfolgreiche Selfpublisher, wozu sie auf jeden Fall raten und wofür man Geld ausgeben sollte, so steht das Lektorat an erster Stelle.

Wer bei einem Verlag veröffentlicht, bekommt einen Lektor zugewiesen – zumindest sollte es so sein.

Aber wie findet man als Selbstverleger den richtigen Lektor für den eigenen Text? Was ist überhaupt ein gutes Lektorat, und wie erkenne ich, ob »mein« Lektor gut arbeitet? Wie läuft die Zusammenarbeit mit einer Lektorin oder einem Lektor idealerweise ab?

André Hille ist Leiter der Text-Manufaktur Leipzig [1], Dozent für Prosaschreiben am Mediacampus [2] Frankfurt und freier Lektor.

Im März hat André Hille auf der Leipziger Buchmesse die Fragen von Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de zum Thema Lektorat beantwortet. Lesen Sie in diesem Beitrag die besten Tipps des Experten und hören Sie den Mitschnitt der Veranstaltung auf der Bühne autoren@leipzig im Podcast des literaturcafe.de [3].

Immer noch gibt es die Meinung, dass ein Lektor Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Das aber ist ein Korrektorat und hat mit der Tätigkeit des Lektors zunächst einmal nichts zu tun, auch wenn viele Lektoren gleichzeitig auch eine Rechtschreibprüfung vornehmen.

Was ist ein Lektorat? Was ist ein gutes Lektorat?

Ein guter Lektor sollte zunächst einmal die Ansprüche des Textes erkennen. Nach Ansicht von André Hille kranken zu viele Texte daran, dass sie zu viele Themen auf einmal bearbeiten, dass sie zu viel wollen. Gerade Debütanten versuchen oftmals, in ihr Buch alles hineinzupacken, um ihre Gedanken zu verbreiten.

Was also ist das Thema des Textes? Ist es eine Liebesgeschichte, eine Reisegeschichte? André Hilles Tipp ist es, ein Thema in die Tiefe durchzuarbeiten, statt in die Breite zu gehen.

Dann sollte man die Dramaturgie des Textes näher betrachten. Wirft der Text Fragen auf, ist er spannend? Ein interessanter Text lässt beim Leser Fragen entstehen, deren Antwort hinausgezögert wird. Es geht also um die berühmten W-Fragen, die im Text behandelt werden sollten: wer, wann, was, warum, wo, mit wem und wieso. Dieses »Fragespiel« ist nicht nur für Krimis elementar wichtig, da oft das »Warum« die Essenz des Ganzen ist.

Hat der Text eine Figur, mit der sich der Leser identifizieren kann oder deren Schicksal ihm zumindest nicht egal ist?

Und wer ist die Zielgruppe, für wen schreibe ich den Text?

Oftmals, so die Erfahrung André Hilles, muss man als Lektor mit dem Autor am Fundament des Textes arbeiten, selbst dann, wenn der Autor eigentlich der Meinung ist, dass sein Text bereits fertig sei. Oftmals gehen Autoren »produktiv zerstört« aus dem Gespräch mit dem Lektor heraus, um nochmals an der Grundstruktur ihres Textes zu arbeiten.

»Mutti findet immer alles gut, was man macht«, so Hille ironisch. Man sollte sich auf Urteile aus der Familie oder dem Freundeskreis nicht unbedingt verlassen. Natürlich ist es ok, wenn man für Freunde und Bekannte eine Kleinauflage als POD-Buch erstellen lässt. Doch sobald man für einen Markt, für ein größeres Publikum schreibt, muss man gewisse Regeln beachten. Der Leser erwartet nun einmal von einem Autor, dass er sein Handwerkszeug beherrscht und das Buch eine gewisse Qualität hat.

Der Autor sollte nach Meinung Hilles nie völlig geknickt aus dem Gespräch mit dem Lektor herausgehen und denken, dass er oder sie das mit dem Schreiben besser bleiben lassen sollte. Hille: »Es geht nicht darum, Leute zu demotivieren, es geht immer darum, die Potenziale in einem Text zu erkennen. Wer schreibt, sucht in diesem Schreiben etwas und packt so viel hinein, dass der Text Potenzial hat. Es gilt, dieses Potenzial herauszuarbeiten – ohne dabei unkritisch zu sein. Das geht schon an die Substanz.«

Wie finde ich einen Lektor?

Lektor ist kein geschützter Ausbildungsberuf. Jeder kann sich Lektor nennen. Daher ist das Ganze eine Vertrauensfrage.

Ein guter Ausgangspunkt für die Suche ist der Verband der freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) [5]. Wer dort Mitglied werden will, muss nachweisen, dass er oder sie als Lektor tätig ist und Arbeitsproben einreichen. Das garantiert einen Mindeststandard.

Auf der Website des Verbands findet sich eine Datenbank [6], in der man nach Lektorinnen und Lektoren suchen kann. Dort sind auch Referenzen und Tätigkeitsschwerpunkt (Genres) der Lektoren aufgeführt.

Schaut man auf die Honorarempfehlungen des Verbandes, so wird man schnell feststellen, dass beispielsweise das Lektorat eines 800-seitigen Fantasy-Romans nicht ganz so günstig wird. Umgerechnet auf den Monatslohn des Lektors oder der Lektorin relativiert sich dieser Wert jedoch rasch, denn schließlich muss ein Lektor von seiner Arbeit leben.

Gute Lösung Gutachten

Anstatt ein Manuskript vollständig zu lektorieren, kann ein Gutachten eine sinnvolle Lösung sein. Auf Basis eines aussagekräftigen Exposés und 50 Seiten Leseprobe kann ein Profi schon sehr viel rausholen, sodass Stärken und Schwächen des Textes klar erkannt werden. Diese werden dann in einem ein bis zweistündigen Gespräch mit dem Autor besprochen.

Ein Exposé ist – einfach gesagt – eine Inhaltsangabe des Textes. Es hat zwei Funktionen: erstens eine orientierende, die dem Leser (und Lektor) mitteilt, um was für eine Art von Text es sich handelt (Genre, Zielgruppe, …), wie viele Figuren es gibt und wie die Handlung aufgebaut ist. Dann hat ein Exposé immer auch eine werbende Funktion (ähnlich einem Klappentext). Das Exposé sollte also auch neugierig machen. Diese beiden Dinge zu vermitteln, sollte dem Exposé auf einer DIN-A4-Seite gelingen. Mehr zum Thema Exposé findet sich in diesem Bericht im literaturcafe.de [7].

Ein seriöser Lektor wird anhand von Exposé und Leseprobe dem Autor mitteilen, ob sich ein komplettes Lektorat lohnt oder – wie eingangs erwähnt – zunächst nochmals grundsätzlich am Text zu arbeiten ist. Extreme Vorsicht ist immer dann geboten, wenn der Lektor oder ein Literaturagent nach einem kostenpflichtigen Lektorat mehr oder weniger konkrete Hoffnung auf eine Verlagsveröffentlichung macht [8]. Hier wird mit der Hoffnung des Autors Geld verdient und nicht unbedingt seriös lektoriert.

Für wen wird lektoriert?

Der Lektor im Verlag hat klarere Rahmenbedingungen. Er kennt das Verlagsprofil, er kennt die Zielgruppe und kennt die Standards des Verlages. Für wen bzw. welche Zielgruppe sollte ein freier Lektor lektorieren?

Zunächst einmal gibt es für ein Lektorat so etwas wie »objektive« Kriterien, wie beispielsweise eine falsche Perspektive oder stilistische Fehler. Dennoch ist ein gewisser Anteil der Lektoratstätigkeit immer auch subjektiv. Ein Probelektorat einiger Seiten kann helfen, den Stil des Lektors kennenzulernen. Denn selten ist ein Lektor Generalist, und jeder Lektor hat seine Stärken und Schwächen. Es ist wichtig, dass zum Lektor ein Vertrauensverhältnis besteht. Dies ist nicht nur bei Selfpublishern so. Oftmals wechseln Verlagsautoren zu einem anderen Verlag, wenn der Lektor dorthin wechselt.

Welche Rolle spielt die regionale Nähe? Sollte man sich einen Lektor suchen, mit dem man sich bei Bedarf unkompliziert persönlich treffen kann?

Lektoratsarbeit funktioniert sehr gut auch auf die Ferne. Er selbst arbeite mit seinen Autoren problemlos auf Distanz, so André Hille. Telefon oder Skype sind gute Kommunikationswege. Hille bevorzugt diese Wege, statt eine zeitaufwendigere Mail-Kommunikation.

Hille empfiehlt, Schreibgruppen zu gründen. Wenn man sich mit anderen Autoren im kleinen Kreis trifft und über die eigenen Texte spricht, so ist dies eine gute Übung für die Arbeit am eigenen Text und die eigene Kritikfähigkeit.

Problematisch wird die Arbeit für den Lektor immer dann, wenn der Autor nicht kritikfähig ist, sondern nur Lob erwartet.