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Self-Publishing und Selbstvermarktung: Klare Einnahmen gegen vage Versprechen

Veröffentlicht von Redaktion am 15. August 2012 @ 09:59 in E-Books,Literarisches Leben,Literatur online,Self-Publishing | 18 Kommentare

Sommer, Sonne & Tod : Ferien-Schocker (Cover-Ausschnitt)Xander Morus schreibt Horror-Geschichten und veröffentlicht diese seit geraumer Zeit bei Amazon als Kindle E-Book. Im Mai 2012 hat er darüber [1] im literaturcafe.de berichtet.

Was hat ihm dieser Artikel gebracht? Haben sich dadurch seine Bücher besser verkauft? Und wie sollte man als Selbstverleger mit dem Thema »Eigenwerbung« umgehen? Sollte man immer ehrlich bleiben oder gelegentlich zu Tricks in der Grauzone des Legalen greifen?

In diesem zweiten Artikel blickt Xander Morus unter anderem auf die Verkaufszahlen anderer und auf die eigenen.

Selfpublisher sind Leser, Autor, Verleger und Werbefachmann in einer Person

Als Selfpublisher ist man Leser, Autor, Verleger und Werbefachmann in einer Person. Nicht ohne Grund werden diese unterschiedlichen Rollen üblicherweise von mehreren Personen besetzt. Spezialisierung und Professionalisierung gehen einher mit einem scheinbar undurchdringlichen Netz von Institutionen und Positionen. Vielleicht ist es kein Zufall, sondern notwendige Folge, dass nach dem Höhepunkt des Buchgeschäfts vor Beginn des Onlinehandels in den Neunzigern das Schreiben, Verlegen und Verkaufen von Büchern ein Mega-Apparat geworden ist. Sogenannte Gatekeeper installierten sich, um diese Errungenschaften zu schützen und all die hoffnungsvollen Goldritter im Zaum zu halten. Legionen von Autoren scheiterten an diesen Zerberussen.

Doch immer dann, wenn etwas groß, mächtig und stabil erscheint, wird es ein bisschen satt und träge. Man sagt dann, die Zeit sei reif für Innovationen: Aber ein verlässlicher Indikator dafür ist nur ein signifikanter Anstieg der Umsätze und Einnahmen in einem Bereich, der sich zuvor nicht bemerkbar gemacht hat. Alles andere ist Spielerei.

Tatsächlich passiert etwas. Werfen wir einen Blick auf folgende Grafik:

[2] Einnahmen aus dem Thriller »Sechs« (mit freundlicher Genehmigung von Niels Gerhardt)

Einnahmen aus dem Thriller »Sechs« (mit freundlicher Genehmigung von Niels Gerhardt)

 

[3] Selfpublisher Niels Gerhardt hat mit seinem [4] Thriller »Sechs« knapp 15.000 Euro innerhalb von sechs Wochen verdient. Und er ist vermutlich nicht der Einzige. Man muss Niels Gerhardt zugutehalten, dass er die Zahlen transparent macht. Andere fürchten Neider oder Finanzamt.

Bevor ich zu meinen Zahlen komme, die weitaus bescheidener sind, lässt sich feststellen, dass diese Fakten nur einen Schluss zulassen: Klare Einnahmen siegen gegen vage Versprechen von Dienstleistern (POD, kleine Verlage, große Verlage, [5] Zuschussverlage etc).

Wenn das obige Beispiel keine Ausnahme ist, dann »Goody bye, POD, Agenten, mickrige Vorschüsse, Zuschussverlage, etc …«

Wenn es ein Zeichen gibt, dass manche sich warm anziehen müssen, dann sind es solche Zahlen.

Ein Buch entsteht nicht nebenbei. Oder doch?

Veränderungen haben auch eine Kehrseite. Ferdinand von Schirach (»[6] Verbrechen«) [7] schrieb kürzlich im SPIEGEL, dass er schreiben wolle und nicht »Cover erstellen, Verträge verhandeln und Hotelzimmer buchen«. Er sprach damit einen wunden Punkt an. Natürlich hat er recht. Fälle erfolgreicher Doppelbelastung sind weithin unbekannt. Hat das schon Mal bei irgendjemandem funktioniert? Ein Buch entsteht nicht nebenbei.

Wir wollen alle nur schreiben, und jemand anders sollte lektorieren, [8] das Cover erstellen und das Buch verkaufen. Diese Berufsbilder sind entstanden, weil der Schriftsteller nur schreiben will. Clevere Verleger und gute Autoren trifft man selten in einer Person. So weit, so wahr …

Was aber, wenn wir keine andere Wahl haben? Wenn das System so schwerfällig und selbstgenügsam wurde, dass neue Autoren es schwer haben? Was, wenn man von Lektoren hört, die eingesandte Manuskripte aus Prinzip nicht empfehlen, weil »man das nicht macht«, da man damit die eigene Glaubwürdigkeit gefährdet?

Dann muss man sich dieser Realität stellen und nicht nur schreiben, sondern sich (vorerst) auch um den Rest kümmern. Das Projekt Eigenwerbung – neudeutsch Selfpromotion – beginnt. Bevor ich zu den verlockenden Methoden trickreicher Selfpromotion komme, gehen wir den traditionellen Weg. Zum Beispiel mit Artikeln wie diesem hier.

Es läuft ungefähr so: Nachdem ich einige kleine Achtungserfolge erzielen konnte, merkte ich, dass es an der Zeit wahr, meinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Die natürliche Frage ist: Wie generiere ich Aufmerksamkeit, ohne platte Werbung zu betreiben, die einen peinlichen »Shitstorm« auslösen könnte? Dass herkömmliche Werbemöglichkeiten für unbekannte Autoren genauso schwierig und unerschwinglich sind wie ein Auftritt auf dem »Blauen Sofa«, lassen wir mal außen vor.

Seriöse Promotion-Arbeit ist im Netz nicht einfach

Halbwegs seriöse Promotion-Arbeit ist im Netz nicht einfach. Die Ironie ist, dass Twitter, [9] Facebook und unzählige Foren uns genau das Gegenteil versprechen: Menschen zu erreichen sei so leicht wie nie zuvor. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es bei einem Versprechen bleibt, wenn es um harte Verkaufszahlen geht.

Trotzdem versuchen wir es über diese dauergepushten Kanäle immer wieder. Sind wir mal ehrlich: Wer hat nicht schon Bekannte gebeten, eine »positive« Rezension für das Werk zu schreiben? Vielleicht auch zwei oder drei? Aber welche Möglichkeiten hat man denn sonst?

Obwohl ich seit 1999 online bin, ist mir eigentlich kein Portal bekannt, dass sich dem Buchhandel und Autoren journalistisch so widmet wie das literaturcafe.de. »Ein erfreuliches Alleinstellungsmerkmal« könnte man sagen. So kam die Idee auf, meinen ersten Selfpromotion-Versuch hier zu starten. Mein Artikel über sechs Monate Kindle-Publishing war [1] Erfahrungsbericht und Werbung zugleich. Durchaus ein legitimes Vorgehen, wenn man relevante Informationen anbieten kann.

Viel interessanter als die Aufmerksamkeit war die Frage, ob sich durch meinen Artikel die Verkaufszahlen verändern würden. Vielleicht mag einem das ganz selbstverständlich vorkommen – frei nach dem Prinzip »Hauptsache, sie schreiben deinen Namen richtig!«. Aber man konnte es auch als [11] Lackmustest ansehen, ob der Mythos »erhöhte Aufmerksamkeit gleich steigende Einnahmen« stimmt.

Mein Artikel [1] »Reichtumsträume erst mal verschoben« ging am 8. Mai. 2012 online.

Zunächst einmal passierte gar nichts. Das Netz ist nicht nur ein intelligenter Schwarm, sondern kann auch eine träge Schnecke sein. In der ersten Woche nach Publikation konnte ich keine Veränderungen feststellen. Nada. Das hat mich schon überrascht, war aber ganz eindeutig so. Sofort passiert gar nichts. Aber dann, nach einer guten Woche, gibt es plötzlich diesen Ruck, als ob der Schwarm mit seinem Schweif ausgeschlagen hat. Die Verkaufszahlen machen einen Satz nach oben.

Hier die Übersicht:

[12] E-Book-Verkäufe von Xander Morus

Die Verkäufe haben sich teilweise verdoppelt und die Einnahmen zogen dadurch natürlich auch an.

[13] E-Book-Einnahmen von Xander Morus

Bedenkt man, dass im Mai die Sommermonate beginnen, kann man davon ausgehen, dass bei anderer Witterung der Effekt womöglich noch deutlicher ausgefallen wäre. Auch wenn die Verkäufe im Juni wieder sanken, sind sie insgesamt gestiegen. Der Artikel hat also zusätzlich zum (hoffentlich) journalistischen Wert seinen Zweck erfüllt.

Interessanterweise scheinen sich die Verkäufe der Kindle-Bücher in den letzten Monaten insgesamt zu erhöhen. Früher war ich bei täglich fünf verkauften Exemplaren von »[14] Die Insel« unter den ersten 500 in den Verkaufscharts. Heute lande ich damit irgendwo zwischen Rang 900 und 1.200. Der Kuchen wird zwar größer, verteilt sich aber auf mehr Teilnehmer.

Den Segen der Selfpromotion habe nicht nur ich entdeckt. Verschiedene Wege führen in die Charts. Die beliebten Rezensionen von Freunden und anderen Autoren sind nur ein Beispiel unter vielen.

Tricksende Selfpromoter und jubelnde Freunde

Die Leser erkennen inzwischen tricksende Selfpromoter und lernen zwischen jubelnden Freundschaftsdiensten und ehrlichen Fremdrezensionen zu unterscheiden. Letztere scheinen sogar als Korrektiv eingesetzt zu werden; so finden sich auffällig viele Selfpublisher mit 5- und 1-Sternerezensionen.

Dennoch gibt es einige Tricks, hoch in die Charts zu kommen. Dazu gehören: Ein paar Dutzend Freunde bitten, genau an einem Tag das Buch zu kaufen. Auch scheint es möglich zu sein, mehrere E-Mail-Adressen mit einem Bankkonto zu verknüpfen, so kann man dann »anonym« selbst zusätzliche Push-Rezensionen verfassen. Ob damit sogar ein mehrfacher Kauf möglich ist, habe ich nicht getestet.

Schließlich gibt es noch die hilflos anmutenden Versuche, Autoren- und Amazonforen mit Hinweis-Werbung zu pflastern. So etwas kann schnell nach hinten losgehen, scheint aber bisher Wirkung zu zeigen.

Es gibt also vielfältige Versuche, als Selfpublisher, Selfmarketing zu betreiben.

Doch sollte uns zu denken geben, dass sich die Leser nicht auf der Nase rumtanzen lassen. Wenn gefakte Zeitungsartikel ein Buch hochjubeln und Freundschaftsdienste inflationär in Anspruch genommen werden, sind böse Rezensionen die Folge.

Wir sollten nicht vergessen: Wer mit Tricks arbeitet, hinterlässt meist verbrannte Erde. Der Autorenname kann irreparablen Schaden nehmen. Wenn einen die Eitelkeit drängt, unter richtigem Namen zu publizieren, man dann aber das Buch mit Tricks verkaufen will, sollte man sich fragen, ob man mit den möglichen Folgen leben mag. Wer will schon seinen Namen googeln und lauter wütende Rezensionen lesen?

Das alles beweist, dass es möglich ist, als Einzelkämpfer mit einem gewissen Biss erfreuliche Umsätze zu erzielen.

Bemerkenswert ist dies, weil durch die jahrelangen Versuche mit POD, Kleinverlagen, Zuschussverlagen und eigenen Shops eigentlich eine gewisse Sättigung eingesetzt hatte. Viele mir bekannte Autoren glaubten nicht mehr an einen finanziellen Erfolg als Selbstverleger. Ernüchtert hatte man sich bereits mit der physischen Existenz des eigenen Buches zufriedengegeben, was im Prinzip völlig okay ist, jedoch von zu vielen Verlagsdienstleistern nur zu gerne als Geschäftsmodell entdeckt wurde.

Jetzt ist alles anders, und wir müssen diese Herausforderungen annehmen.

Solche Möglichkeiten rufen nach einer gewissen Verantwortung. Deshalb sollte man im Sinne aller Kindle-Autoren Tricks unterlassen, die Selfpublisher insgesamt in ein schiefes Licht setzen könnten. Jedes Mal, wenn ich eine Rezension lese á la

»Voller Fehler und hastig heruntergetippt. Mal wieder mit einem billigen Buch eines unbekannten Autoren reingefallen. Amazon sollte da echt etwas machen …«

frage ich mich, ob das nicht irgendwann Auswirkungen haben könnte.

Nachhaltigkeit sieht anders aus, und wir Selfpublisher sollten nicht den gleichen Fehler begehen wie so mancher Verlagsdinosaurier: undurchschaubar, unnahbar und manchmal verdächtig selbstgerecht.

Ferdinand von Schirach schließt [7] seinen Artikel mit einem mutigen Satz: »Ich würde nicht mehr schreiben, wenn ich kein Geld dafür bekäme.«

Man kann es auch anders sehen. Noch können wir sagen: »Wir schreiben jetzt, weil wir Geld dafür bekommen.«

Xander Morus

[15] Sommer, Sonne & Tod : Ferien-Schocker von Isabell Schmitt-Egner und Xander MorusXander Morus ist das Pseudonym eines Universitätsangestellten aus Bayern. Er schreibt mit Vorliebe Horror-und Thrillergeschichten, liebt bayerisches Bier, H.P. Lovecraft und Youtube-Videos von alten Computerspielen.
Zuletzt erschien sein Buch »[15] Sommer, Sonne & Tod : Ferien-Schocker« (zusammen mit Isabell Schmitt-Egner.

[16] Die Bücher von Xander Morus bei amazon.de »


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[2] Bild: http://www.literaturcafe.de/wp-content/uploads/sechs_verkaeufe_genehmigt_von_niels_gerhardt.gif
[3] Selfpublisher Niels Gerhardt: http://www.sechs-book.com
[4] Thriller »Sechs«: http://www.amazon.de/gp/product/B007T6VL74/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&
amp;creativeASIN=B007T6VL74&linkCode=as2&tag=dasliteraturc-21

[5] Zuschussverlage: http://www.literaturcafe.de/auf-einen-zuschussverlag-reinfallen/
[6] Verbrechen: http://www.literaturcafe.de/bestseller-ferdinand-von-schirach-verbrechen-buchkritik/
[7] schrieb kürzlich im SPIEGEL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-85833415.html
[8] das Cover erstellen: http://www.literaturcafe.de/buchumschlag-die-16-beliebtesten-gestaltungsfehler-von-selbstverlegern/
[9] Facebook: http://www.literaturcafe.de/totalueberwachung-welche-gefahren-der-gefaellt-mir-button-von-facebook-b
irgt/

[10] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[11] Lackmustest: https://de.wikipedia.org/wiki/Lackmustest
[12] Bild: http://www.literaturcafe.de/wp-content/uploads/xm_verkaeufe_aktuell.jpg
[13] Bild: http://www.literaturcafe.de/wp-content/uploads/xm2_einnahmen_aktuell.jpg
[14] Die Insel: http://www.amazon.de/gp/product/B005FQTFPA/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&
amp;creativeASIN=B005FQTFPA&linkCode=as2&tag=dasliteraturc-21

[15] Bild: http://www.amazon.de/gp/product/B008WLY7EO/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&
amp;creativeASIN=B008WLY7EO&linkCode=as2&tag=dasliteraturc-21

[16] Die Bücher von Xander Morus bei amazon.de »: http://www.amazon.de/gp/entity/Xander-Morus/B005I2LU40/?ie=UTF8&site-redirect=de&tag=daslite
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