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Self-Publishing: Suizid im Hirschkostüm und 57 Antworten von Tom Liehr

Gib's mir!21 Kommentare bereits am Veröffentlichungstag: Tom Liehrs Beitrags zum Thema Selfpublishing [1] hat damit vielleicht einen Rekord im literaturcafe.de aufgestellt. Zahl und Inhalt der Kommentare zeigen, dass es um ein schwieriges, vor allem aber um ein sehr emotionales Thema geht.

»Gut! Kunst ist emotional, Künstler leben von Emotionen. Wenn Kalkül das Gefühl übertrumpft, entsteht seelenloser, wenig nachhaltiger Müll – diese Randbemerkung sei mir gestattet. Sie wird allerdings auch im Nachfolgenden noch relevant sein«, meint Autor Tom Liehr.

Wie angekündigt antwortet Tom Liehr in diesem Artikel den Kommentatoren und Kritikern ausführlich. Nehmen Sie sich Zeit zum Lesen dieses Beitrags.

Wider die Selbstveröffentlichungs-Abfeierei

Tom Liehr (Foto:privat)Tom Liehr
Jahrgang 1962, Berliner, ist freier Schriftsteller. Im Aufbau Verlag sind seine Romane »Radio Nights« (2003), »Idiotentest« (2005), »Stellungswechsel« (2007), »Geisterfahrer« (2008) und »Pauschaltourist« (2009) erschienen. Bei Rütten & Loening sind »Sommerhit« (2011) und »Leichtmatrosen« (2013) erhältlich. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, darunter im »Playboy« und in der »c’t«, außerdem Prominentenportraits im österreichischen Magazin »DATUM - Seiten der Zeit« und diverse Sachtexte zum Thema Schreiben im »Autorenkalender«. Er ist Mitbegründer des gemeinnützigen »42erAutoren - Verein zur Förderung der Literatur e.V.«, der u.a. den »Putlitzer Preis« auslobt und den »Autorenkalender« herausgibt und dessen Vorsitzender Liehr jahrelang war. Für eine enorm medienwirksame Aktion schufen die 42er im Sommer 2009 die fiktive Autorenperson »Rico Beutlich«, mit deren Hilfe sie sog. Druckkostenzuschussverlagen erfolgreich auf den Zahn fühlten [2].

Links:
Autorensite:
www.tomliehr.de [3]
42erAutoren:
www.42erAutoren.de [4]

Romane:
Radio Nights [5] (2003)
Idiotentest [6] (2005)
Stellungswechsel [7] (2007)
Geisterfahrer [8] (2008)
Pauschaltourist [9] (2009)
Sommerhit [10] (2011, soeben als Taschenbuch)
Leichtmatrosen [11] (2013)

Der – zugegeben, nicht ganz glücklich betitelte – Beitrag [1] ist natürlich auch emotional, subjektiv und provokant – es ging mir darum, der Selbstveröffentlichungs-Abfeierei z. B. hier im literaturcafe.de etwas entgegenzusetzen, also eine relativierende Diskussion anzustoßen, an deren Ende möglicherweise beiderseitiger Erkenntnisgewinn steht, ohne auf Gedeih und Verderb eine – völlig überflüssige und alle Alternativen ausschließende – Entscheidung für das eine oder andere treffen zu müssen. Schade eigentlich, hier von »Seiten« sprechen zu müssen, denn eigentlich wollen wir alle das gleiche: Guten Autoren dabei helfen, ein/ihr Publikum zu erreichen. An dieser Stelle trifft mich die mehrfach geäußerte Unterstellung, ich wäre neidisch, besonders hart. Seit Jahrzehnten leiste ich unermüdlich aktive Nachwuchsförderung und habe vielen Autoren bei den ersten bis fünften Schritten geholfen (was umgekehrt übrigens auch der Fall war), ich bin selbst Leser und ich liebe Bücher – von denen es zwar nicht zu viele, aber zu wenige wirklich gute gibt, also solche mit frischen Ideen, originellen Plots und verblüffenden neuen Stimmen. Wenn es um Literatur geht, ist Neid nun wirklich das allerletzte Gefühl, das mich umtreibt – es würde mich außerdem bei meiner schriftstellerischen Tätigkeit behindern. In einem einzigen Zusammenhang träfe es zu: Ich würde gerne so schreiben können wie Frank Schulz [12], auf den verspüre ich tatsächlich eine liebevolle Form von Neid, die aber eher demütige Ehrfurcht ist – verbunden mit der Gewissheit, diese Messlatte niemals reißen zu können. Auch die Verkaufszahlen der E-Book-Bestseller machen mich keineswegs neidisch, höchstens ein bisschen traurig, wenn Absatzzahlen zum alles andere überdeckenden Aspekt werden. Relativ hohe Verkaufszahlen sind längst nicht alles. Übrigens ließe sich der Neid-Vorwurf auch recht lässig zurückreichen, aber dieser Verlockung erliege ich nicht. Mit meinem eigenen, bescheidenen Erfolg bin ich bislang jedenfalls durchaus zufrieden, arbeite aber daran, ihn auszubauen.

Tod im Wald

PAPIERDie anscheinend übliche, jedenfalls überwiegende Vorgehensweise, wenn Selbstveröffentlichungen praktiziert werden, hat mich zu folgendem Vergleich kommen lassen: Jemand, der des Lebens müde ist, betritt einen Wald, um dort Selbstmord zu begehen, darauf hoffend, zufällig von der Kugel eines Jägers getroffen zu werden. Die Person beschäftigt sich vor dem originellen Suizidversuch nicht damit, ob Jagdsaison ist, gar in diesem Wald überhaupt Tiere leben, die bejagt werden dürfen, welchen Einfluss die Jahreszeit möglicherweise hat, und sie kommt auch nicht auf die Idee, sich beispielsweise als Jagdwild zu verkleiden – sie steht einfach im Unterholz und wartet stoisch auf den Tod. Es ist denkbar, dass sie irgendwann tatsächlich stirbt, aber sehr wahrscheinlich nicht, wie erhofft, durch den Schuss aus einem Jagdgewehr. Nach einem ähnlichen Prinzip (deshalb auch der Lottovergleich am Anfang des Beitrags [1]) verfahren nach meinem Dafürhalten viele Autoren, die sich als »Selfpublisher« betätigen (sowie solche, die nach dem Gießkannenprinzip Manuskripte an Publikumsverlage und Agenturen versenden [13]). Spricht sich aber herum, dass man dann und dann jenen oder diesen Wald aufsuchen müsste, weil Saison ist und dort Jagdgesellschaften auf der Pirsch sind, stehen zwischen den Bäumen plötzlich zehntausend Suizidkandidaten in Damhirschkostümen.

Mit großem Unbehagen musste ich – auch schon vor der Veröffentlichung des Beitrags – zur Kenntnis nehmen, dass die Thematik intensiv ideologisiert wird. Zuweilen beschleicht mich der Eindruck, es ginge um Sekten, die sich in einer Konkurrenzsituation befinden, und die sich, um Neuzugänge buhlend, die immer gleichen, oft ziemlich lahmen Argumente an den Kopf werfen: Publikumsverlage veröffentlichen nur Dreck, Auslandslizenzen und »Mainstream« (Was bitte ist das genau? Ist das ein Genre? Und wer von den Leuten, die das behaupten, war je in einer Buchhandlung?), verschlafen überdies Trends (genau, und die Schlaumeier, die viel besser als die Verlagskläuse wissen, wo der Zug hinfährt, verkaufen 50 oder vielleicht 500 Neunundneunzig-Cent-Downloads pro Quartal per KDP!), außerdem wäre längst ein neues Zeitalter angebrochen (ein Argument, bei dem ich immer an den nachhaltigen Erfolg [14] der Piratenpartei denken muss) und so weiter – der Sarkasmus an dieser Stelle sei mir verziehen, ich relativiere ihn später, versprochen. Auf der anderen Seite meint man, einen Besitzstandswahrungsreflex zu erkennen, ein Festhalten an den (ver)alte(te)n Strukturen, einfach, weil man – vorübergehend – das Glück hat, ein Dazugehöriger zu sein. Wer Verlagsverträge in der Tasche hat, will natürlich nicht hören, dass die Verlage Dinosaurier sind, deren Aussterben praktisch unmittelbar bevorsteht, gar, wenn man einigen glaubt, längst erfolgt ist, nur noch nicht bemerkt wurde. In einem anderen Zusammenhang, aber auch hierzu passend, sagte kürzlich ein Professor im Rahmen eines »Spiegel online«-Interviews [15] (bei dem es um Intelligenzforschung ging) sinngemäß: Faktenwissen wird (inzwischen) häufig durch Meinungen, Mythen und Mutmaßungen ersetzt.

So ist es.

Quasireligiöse Aspekte und Bibeln

Dass es um quasireligiöse Aspekte, also nahezu um eine Glaubensfrage geht, darauf scheint auch zu verweisen, dass ein großes Portal für Selbstveröffentlicher »Die Selfpublisher-Bibel [16]« heißt – eine »Verlagsautoren-Bibel« habe ich jedoch nicht gefunden. Bibeln enthalten heilige Worte, die man nachzubeten und gefälligst nicht zu hinterfragen hat. Warum aber sollte jemand, der eine Schriftstellerkarriere plant, gar aktiv in Angriff nimmt, sich für eine Fraktion entscheiden müssen, einer Gruppe beitreten, deren Dogmen er zu verinnerlichen und weiterzuverbreiten hat, wie das auch hier, im Rahmen der Kommentare [17] gebetsmühlenartig geschieht? Ich verstehe, dass diese Fraktionsbildung selbstbewusstseinsstärkende Aspekte hat, dass man sich besser mit Entscheidungen fühlt, wenn sie von anderen geteilt werden (exakt so funktionieren Glaubensgemeinschaften), aber richtiger werden diese Entscheidungen dadurch in jedem Einzelfall nicht. Evident oder repräsentativ sind sie erst recht nicht.

Der Beruf Schriftsteller – um den es geht! – hat mit Glaubensfragen wenig bis nichts zu tun. Man kann glauben, was man will, die Leser wird das kaum interessieren, und Buchverkäufe oder Reputation generiert es ebenso wenig. Was den angehenden Schriftsteller beschäftigen sollte, das sind faktische Entwicklungen, Chancen und Brancheneigenarten, vor allem aber die eigene Tätigkeit als schreibender Mensch, also die (nicht nur literarische) Qualität dessen, was er verfasst. Die Entscheidung für die Sekten »Selfpublisher« oder »Verlagsautoren« (diese Sekte gibt es übrigens nicht) ist eine sinn- und wertlose; sie sollte vor allem nicht dadurch beeinflusst werden, dass das eine vermeintlich leichter geht als das andere. In Karaokebars sind Gesangsauftritte auch einfacher zu bekommen als im Opernhaus von Sidney. Es wäre idiotisch, das eine oder andere zu planen, wenn man die ersten Stunden beim Gesangslehrer bucht. Alternativen sollte man an der richtigen Stelle prüfen, und nicht zu einem Dogma für die gesamte Tätigkeit hochstilisieren. Das wäre, mit Verlaub, unprofessionell, und es geht um eine Profession – siehe Einleitung des ursprünglichen Beitrags.

Second Life für neue Autoren

The EndIch möchte meine detaillierten Erwiderungen mit diesem Satz beginnen: Es darf nicht zum elektronischen Hausierertum verkommen, Schriftsteller zu sein. So, jetzt bitte kurz den Monitor ausschalten und den Satz einfach mal sacken lassen. Danke.

Viele Antworten verdeutlichen – unbeabsichtigt? -, was ich mit dem Abschnitt »Perspektivprobleme [18]« zu sagen versucht habe: Die Realität des Schriftstellerdaseins wird auf engen Ausschnitt des Geschehens reduziert, namentlich in der Hauptsache Amazon nebst KDP [19] und ACS [20]. Dieses Second Life für neue Autoren wird ganz selbstverständlich als repräsentativ und – vor allem im Hinblick auf die Zukunft – alternativlos hingenommen. Das scheinen, wie gehabt, die Verkaufserfolge einzelner zu bestätigen, die Storys von Autoren, die, möglicherweise nach Formablehnungsorgien, plötzlich auf diesem Weg zu »Bestsellern« wurden. Auch hier ignoriert man die Heerscharen der Scheiternden (und die Verhältnismäßigkeit des Begriffs »Bestseller«), jongliert mit Zahlen, die vorerst nichts weiter beweisen, als dass jemand für vielleicht 99 Cent geklickt hat – 99 Cent, von denen man derzeit noch, je nach Dienstleister, 50 bis 70 Prozent abbekommt. In diesem Zusammenhang sei die Frage gestattet, wie sich die Selfpublishinggurus eigentlich verhalten werden, wenn der zwar bequeme, aber auch aggressive Monopolist, dem sie so treu und loyal ihre Werke überantworten, Konditionen, Bedingungen, Strukturen, Kostengefüge und Abläufe ändert [21]. Mithin dürfte bekannt sein, dass Amazon die starke Förderung seiner E-Book-Sparte und damit auch die von den Selbstveröffentlichern genutzten Dienste als Zuschussgeschäft kalkuliert hat, um in diesem Marktsegment die unstrittige Führerschaft zu übernehmen. Das ist vorläufig gelungen. Fragt sich also, wann der Versandriese damit beginnt, die Ernte einzufahren. Dass man in Luxemburg wenig Manschetten hat, wenn es um die eigene (Markt-)Position geht, und sich recht unbeeindruckt von öffentlicher Kritik zeigt, dürfte ebenfalls zum Allgemeinwissen gehören. So sehr ich Amazon als Konsument und dort relativ gut verkaufender Autor mag, so wenig käme ich auf die Idee, meinen schriftstellerischen Werdegang von A bis Z in deren Hände zu legen.

Bedeutungsloser Qualitätsvergleich

Überwiegend amüsant, aber in meinen Augen letztlich bedeutungslos sind jene Kommentare, die »qualitative« Vergleiche ziehen und hierbei aus fraglos tendenzschwachsinnigen Büchern wie irgendwelchen Prominentenautobiografien zitieren (oder auf das wiederholte Spiel mit dem Versand von längst erfolgreichen, älteren Romantexten an Lektoren und Agenten verweisen [22] – mit Verlaub: gähn! In diesem Zusammenhang ist lediglich originell, dass man sich – wie auch bei Vergleichen mit dutzendfach abgelehnten Autoren, die dann zu Weltbestsellern wurden – absolut realistisch auf einer Stufe etwa mit Nobelpreisträgern sieht). Kein einziger Selfpublisher veröffentlicht Prominentenautobiografien, und die Verlage tun es, weil Prominentenfans und BILD-Redakteure diesen Mist lesen wollen – und weil es die anderen Titel mitfinanziert. Das hat mit Literatur – selbst im weitesten Sinne – so wenig zu tun wie das Furzen einer Schabrackenhyäne [23] mit dem Pianospiel von Lang Lang [24] oder wenigstens Chris Martin [25] (»Coldplay«). Dem Zitat könnte man, wenn man wollte und zu viel Zeit hätte, zigtausende sehr fragwürdiger Formulierungen aus selbstveröffentlichten Texten entgegenhalten, wobei man bei fast jeder Leseprobe fündig würde, und außerdem hinreißende Sätze aus in Publikumsverlagen veröffentlichten, nicht nur beim Feuilleton erfolgreichen Büchern, die über jede Diskussion zu ihrer literarischen Qualität erhaben sind. Diese nimmermüde Behauptung, auch namhafte Verlage würden Murks publizieren – hier schwingt ein »überwiegend« mit – karikiert den Behauptenden, der vermutlich noch niemals eine Buchhandlung aufgesucht hat. Wer miterlebt hat, wie durch die aufwendige Redaktionsarbeit aus ohnehin sehr guten Manuskripten exzellente Bücher werden (und derlei ist Verlagsalltag, auch heutzutage noch), würde sich schämen, eine solche Behauptung auch nur anzudenken. Der Liste großartiger deutscher Debüts, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, ließe sich kaum eine Liste ähnlich hinreißender Selbstveröffentlichungstitel entgegensetzen, die in der gleichen Zeit per KDP, ACS & Co. auf den Markt gelangten. Anders gesagt: Wer diese Diskussion auf der Qualitätsebene führen will, begibt sich in meinen Augen auf äußerst dünnes Eis. Eigentlich aber herrschen am fraglichen Gewässer noch nicht einmal Minusgrade. Ich habe mir den fragwürdigen Spaß gegönnt, die Leseproben einiger SP-»Bestseller« zu studieren, ein halbes Dutzend Titel habe ich sogar bestellt, weil ich nicht glauben konnte, dass die Texte so weitergehen, wie sie beginnen. Sie tun es. Erschütternd. Von wirklich wenigen Ausnahmen abgesehen – etwa Nika Lubitsch [26] – würde ich bei den meisten Elektrobüchern reklamieren. Wenn es gewünscht wird, belege ich diese Behauptung sehr gerne detailliert – vielleicht im Rahmen eines gesonderten Beitrags. Die publizierten Texte weisen praktisch durch die Bank haarige Schwächen auf, die ich als zahlender Leser nicht hinzunehmen bereit wäre.

Indie oder Mainstream?

ReparaturmuellNebenbei bemerkt, zum Terminus »Indie-Autoren«: Diese Formulierung, entspringend jener Zeit, als Musiker und Bands dazu übergingen, selbst oder bei kleinen, neuen Labels zu veröffentlichen, die unabhängig von den großen Plattenfirmen waren, gilt letztlich auch für einen Gutteil der Schriftsteller, die unter Vertrag sind oder waren. »Independent« besagte, bezogen auf das Musikbusiness: Ich habe keinen bindenden Deal mit einer fetten Company, insbesondere aber bin ich unabhängig vom wirtschaftskulturpolitisch motivierten Einerlei (damals hierzulande noch bestimmt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in den U.S. of A. vom Einfluss der großen Plattenfirmen), formuliere mein künstlerisches Dasein frei von Kategorisierungen – eine Entwicklung, die seinerzeit die Popmusik revolutioniert hat, weil diese Revolution überfällig war. Diese Begrifflichkeit hat sich längst zur eigenen Kategorie entwickelt; »Indie-Rock« bezeichnet aber nicht mehr den Zustand, bindungsfrei zu sein, sondern – huch! – ein musikalisches Genre.

Das ist bei uns Autoren anders – nicht nur, weil absolut keine vergleichbare Revolution ansteht, und erst recht nicht initiiert durch die Selbstverleger. »Independent« ist der Normalzustand, Schriftsteller, die mit einem Buchvertrag gleich die Option für mehrere Folgeromane an einen Verlag verkaufen, sind längst Ausnahmen innerhalb der Ausnahmen, und Autoren mit Verlagsvertrag sind keine Angestellten. Der Erfolg des aktuellen Buchs entscheidet darüber, ob man einen neuen Vertrag angeboten bekommt oder sogar eine Auktion für den nächsten Titel stattfindet, aber die meisten »von uns« hängen nach dem Buch im Schwebezustand, während die Agentur das neue Exposé feilbietet und man noch nicht weiß, wie das jüngst veröffentlichte Buch ankommt. Die meisten Schriftsteller sind immer unfreiwillig unabhängig; es gehört zum Berufsbild. Wir sind also überwiegend »Indie-Autoren« – das gilt auch für mich selbst. Die Fünf-Bücher-Option beim Ankauf des ersten Manuskripts hat nahezu Legendenqualität, und dennoch wählen kaum Autoren nach ein, zwei Achtungserfolgen den Weg ins Selbstverlegertum. Allerdings eröffnet dieser Umstand natürlich auch die – von nicht wenigen genutzte – Option, im Erfolgsfall zu einem anderen Verlag zu wechseln oder parallel mit mehreren zu arbeiten.

Und, by the way: Der ebenfalls oft kolportierte Begriff »Mainstream«, bevorzugt abwertend verwendet, markiert keinen Ort, den man ansteuert, sondern einen, den man entstehen lässt. Der Mainstream von heute ist der kulturelle Friedhof von morgen. Wer versucht, einem Trend nachzueifern, ist immer mindestens sechs Monate zu spät dran, erklärte kürzlich und sehr richtig ein Musiker der französischen Band »Phoenix« in einem sehr lesenswerten Interview [27]. Darüber hinaus verwundert mich immer wieder, wenn der Mainstream gescholten wird, während man zugleich versucht, die eigene schriftstellerische Existenz vor allem über Verkaufszahlen zu quali- und quantifizieren. Mainstream, das bedeutet nämlich schlicht: hohe Verkaufszahlen, also Massenware. Punkt. Ganz egal, womit. Jenen Ort, den Charlotte Roche vor fünf Jahren mit »Feuchtgebiete« hat entstehen lassen [28], gibt es inzwischen nicht mehr. Andere Orte sind überbevölkert. »Schnappi, das Krokodil«, seit dem Erscheinen der Single im Jahr 2005 fast 2 Millionen Mal verkauft, war Mainstream, wäre aber, heutzutage publiziert, vermutlich höchstens ein Lacherfolg auf YouTube. Die Zeiten ändern sich fortwährend, und der Mainstream tut es auch.

Second ContainerHiervon abgesehen ist dieser »Vorwurf«, der eigentlich überhaupt keiner ist, weil man ja selbst »Mainstream« sein will, völlig unhaltbar. Auch im Gier-Zeitalter veröffentlichen Verlage immer noch viele, viele Titel, von denen anzunehmen ist, gar von vornherein feststeht, dass sie keine Verkaufserfolge sein werden. Die immer wieder unterstellte kurzsichtige Betrachtung des Literaturmarkts gilt vielleicht für einige potente Teilnehmer, die tatsächlich Klopapier produzieren, ganz egal, womit es bedruckt ist, Hauptsache, es verkauft sich. Schaut man sich aber mal in aller Ruhe sämtliche Vorschauen wenigstens der 200 größten Verlage an, kommt man zu ganz anderen Verteilungen und damit Ergebnissen. Tut es! Das Material ist online verfügbar [29].

Es freut mich sehr, dass die von mir hochgeschätzte Susanne Gerdom [30] einen Kommentar geschrieben [31] hat. Ich habe Susannes Entwicklung vom Debüt »Ellorans Traum« (als »Frances G. Hill«, 2000, Heyne) über die »AnidA-Trilogie« (2003 und 2004, Heyne) hinweg bis zum vorerst letzten verlagsgebundenen Roman »Aethermagie« (2012, Ueberreuther) beobachtet und begleitet. Sie nutzt seit einigen Jahren als Schriftstellerin intensiv die sozialen Strukturen des Internets und veröffentlicht inzwischen viele Titel über die Selbstveröffentlichungsplattform »neobooks [32]«, die sie auch für die Revitalisierung vergriffener Bücher verwendet. Susanne ist sehr umtriebig, hat eine solide Fanbasis akquiriert (wie man ihren »Voting«-Erfolgen etwa bei »LovelyBooks« entnehmen kann), und trotz der Genresprünge veröffentlicht sie verlässlich eigenartige (positiv gemeint) Romane mit einem ganz speziellen Flair. Dabei kommuniziert sie ihre Unwilligkeit, sich der Branche beugen zu müssen, ziemlich direkt, und formuliert allerorts die Meinung, jene Branche wäre in ihrem derzeitigen Zustand ein Anachronismus, den man noch nutzen sollte, wenn man die Chance hat, aber nicht mehr nutzen muss, wenn man sich dabei zu verbiegen hat. Der Erfolg, den sie nach eigenen Angaben über »neobooks« hat (eine anbieterübergreifende Selbstveröffentlichungsplattform des Droemer Knaur Verlags), scheint ihr Recht zu geben, aber es sei zumindest die Frage gestattet, wie dieser Erfolg aussähe, gäbe es die vorherige und parallel fortgeführte Verlagskarriere nicht. Susanne hat sich über fast 15 Jahre hinweg einen Namen erschrieben, wie man in der Branche zu sagen pflegt, und auf subtil-charmante Weise kontinuierlich in den sozialen Netzen für sich geworben – diese beiden Aspekte haben ihr zu einem Fundament als (auch) selbstveröffentlichende Autorin verholfen. Interessant wäre die Frage, welchen Aufwand sie neben der Schreibarbeit treiben muss, um das Nachfrageniveau in diesem Segment konstant hoch zu halten. Im Übrigen hat Susanne Gerdom kürzlich gemeinsam mit einigen Partnern das Portal »Qindie.de [33]« ins Leben gerufen, vereinfacht gesagt eine Institution zur Qualitätssicherung bei selbstverlegter Literatur, und bestätigt damit eines der Hauptprobleme des Trends, der eben kein Boom ist: Es handelt sich um einen mehrere Quadratkilometer großen Schrottplatz, auf dem irgendwer irgendwo ein paar kleine Diamanten versteckt hat. Gut, wenigstens schimmernden Glasschmuck.

Verkaufszahlen und Umsätze

StoppstelleUnd noch ein paar Worte zu Verkaufszahlen und Umsätzen. Sechzig oder siebzig Prozent Marge [34] – also Umsatzbeteiligung – sind natürlich der Hammer. Erstveröffentlichende Verlagsautoren, die mit einem Taschenbuch für 9 € und Tantiemen in Höhe von sechs Prozent vom Nettoladenpreis (also ohne Mehrwertsteuer, in diesem Fall 8,41 €) an den Start gehen, erhalten ganze 50 Cent pro verkauftem Exemplar. Ein »Indie-Autor«, der einen 300-Seiten-Roman für 2,99 € ins KDP schubst, bekommt je Download ungefähr 2,00 €, da noch Versandkosten abgezogen werden, also das Vierfache. Nach zehntausend Abgängen hat der eine vor Steuern (!) 5.000 € verdient (tatsächlich etwas mehr, denn mit diesen Zahlen landet er meistens schon in höheren Tantiemen), der andere aber mehr als zwanzig Riesen. Da können einem Autor, der soeben beim Verlag unterschrieben hat, schon die Tränen kommen. Schlimmer noch, der Verlagsautor muss unter Umständen fast ein Jahr auf die erste Zahlung warten, weil die Verlage halbjährlich oder jährlich abrechnen, während KDP & Co. mit zwei Monaten Versatz monatsweise ausschütten, Verkäufe also fast umgehend Kontoumsätze generieren. Mit etwas Glück hat der Publikumsverlagsveröffentlicher einen Vorschuss bzw. eine Garantie bekommen, die aber leider mit den Tantiemen verrechnet wird, bis diese den Vorschuss übersteigen (den er, immerhin, aber nicht zurückzahlen muss, wenn das nie geschieht). Betrachtet man nur diese Aspekte, muss das nüchterne Ergebnis eindeutig sein: Es wäre idiotisch, am Verlagsroulette teilzunehmen, um vielleicht mit solchen Konditionen – und übrigens in der Regel ein Jahr nach Vertragsabschluss – zu debütieren.

Aber. Wir haben hier erstens nur den herstellereigenen E-Book-Markt betrachtet; die Konditionen der Print-On-Demand-Varianten sind deutlich schlechter.

Zweitens wird etwas länger.

Die E-Book-Marktanteile bewegen sich langsam in den niedrig zweistelligen Bereich, je nachdem, welche Zahlen man heranzieht und welche Quellen man befragt (meiner Meinung nach werden sie in drei bis fünf Jahren bei 20 bis 25 Prozent stagnieren). In jedem Fall erreicht man bislang ungefähr ein Zehntel des Markts, was aber so auch nicht stimmt, denn es werden viel, viel mehr – selbstverlegte – Elektrobücher veröffentlicht als verhältnismäßig (bezogen auf die 90 Prozent Marktanteil) Verlagstitel, die ja zusätzlich als E-Books rausgehen. Um das zu veranschaulichen: Es gibt derzeit 193 in der UN organisierte Staaten auf der Erde. Ein Staat – egal welcher – würde also knapp ein halbes Prozent »der Welt« repräsentieren, wenn man auf diese Weise rechnet. Tatsächlich leben in Indien 1,3 Milliarden Menschen. Indien allein repräsentiert also fast 18 Prozent der Weltbevölkerung – zusammen mit China (1,4 Milliarden) wären es fast 38 Prozent, aber zusammen trotzdem nur »ein Prozent der Staaten«. E-Book-Nutzer laden nach einigen Auswertungen deutlich mehr Titel auf ihre Lesegeräte als Käufer von gedruckten Büchern erwerben, was übrigens nicht bedeutet, dass sie auch notwendigerweise mehr lesen. Was ich sagen will: Man sollte Marktanteilsangaben nicht leichtfertig auf Aussagen über den erreichbaren Anteil des Markts umlegen.

Den gesamten Markt erreichen

Wie auch immer: Unser Taschenbuchautor (dessen Titel in beiden Formen erscheint – und für das E-Book erhält er deutlich höhere Tantiemen) hat es theoretisch um den Faktor zehn leichter, seine 10.000 Exemplare abzusetzen, einfach, weil er den gesamten Markt erreicht – und nicht nur einen derzeit noch relativ kleinen, aber wesentlich unüberschaubareren Teil davon. Sein Werk geht als konzeptioniertes, durchdachtes, vergleichsweise fehlerfreies Produkt zu Händlern, Multiplikatoren, Bibliotheken und an die Presse, aber unser DIY-Publizierer haut im statistischen Normalfall ein marginal oder überhaupt nicht lektoriertes, meistens fehlerhaftes, langweilig oder überambitioniert gesetztes, dilettantisch ausgestattetes, unglücklich betiteltes Monstrum raus (vom Inhalt ganz zu schweigen), für das beim Start lediglich im Bekanntenkreis Interesse besteht – ein Interesse, das im Regelfall mit Titel zwei, drei, vier deutlich nachlassen wird. Gründe, es zu finden oder gar zu kaufen, hat ansonsten zunächst niemand. Von der Erstauflage unseres Verlagsautors aber sind fünf Prozent als Rezensionsexemplare angeboten oder verschickt worden, für ihn waren und sind Buchhandelsvertreter unterwegs, die einzelne Händler davon überzeugt haben, den Titel ins Sortiment zu nehmen. Lesungen werden organisiert, das Marketing läuft an, von der »LovelyBooks«-Leserunde über den Banner bei Amazon bis zur Zeitungsanzeige. Die Nebenrechte des Titels werden prominent feilgeboten, vom Hörbuch über Auslandslizenzen bis zum Film, und noch während all das geschieht, arbeitet der Autor bereits am nächsten Titel, denn abgesehen von den Lesungen und möglichen Presseterminen hat er ab diesem Zeitpunkt praktisch keine Arbeit mehr mit dem erschienenen Buch. Natürlich kann er das Marketing online unterstützen, was nicht wenige Schriftsteller – auch namhafte – tun, aber in der Hauptsache kann er sich zurücklehnen und abwarten – oder eben am nächsten Titel arbeiten. Unser Selbstmacher ist in dieser Zeit damit beschäftigt, für seinen Zehntelanteil Markt Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, verbunden mit der energischen, aber wenig aussichtsreichen Hoffnung, als Diamant auf der Schrotthalde ausgemacht zu werden. Er findet sich, als Damhirsch verkleidet, neben Tausenden anderen im Wald der Selbstmörder wieder. Die Wahrscheinlichkeit, dass er die sagenhaften zehntausend Downloads erreicht, ist bezogen auf die Gesamtmenge der veröffentlichten Titel verschwindend klein, ganz im Gegensatz zu den Chancen unseres Verlagsautors. Den ich hier bewusst niedrig angesetzt habe. Und: Wie viele Exemplare verkaufen die Amazon-Publizierer denn auf dem Rest des Markts? Richtig, praktisch keine.

Noch Fragen? :-)

Es gibt aber noch ein Drittens, danach folgen endlich die Antworten.

Nur wenig bewohnte Planeten

Muell?Man kommt natürlich nicht umhin, Inhalte zu betrachten, um wirklich vergleichen zu können, also den Ausstoß der Belletristikverlage – gerne auch aus der zweiten, dritten Reihe – mit dem Querschnitt dessen, was die Selbstveröffentlicher auf den Markt werfen. Angedeutet habe ich das ja bereits im Beitrag selbst. Dabei ist auch die Wahrnehmung dieser inhaltlichen Unterschiede relevant. Geht es um Golden Delicious versus Jonagold oder doch um einen Vergleich zwischen Äpfeln und Glühbirnen? Diese Frage ist von Bedeutung, wenn man als Autor wissen möchte, in welchem Umfeld man sich mit seiner Veröffentlichung bewegt. Nicht umsonst konturieren sich die Publikumsverlage, gibt es also beispielsweise hier Suhrkamp und dort das Random House-Imprint Page & Turner. Schon die Marke gibt Auskunft über zu erwartende Produkteigenschaften.

Bei meiner Forschungsreise durch das Selfpublishing-Universum sind mir nur wenige bewohnte Planeten begegnet, worunter ich Genres und Gattungen verstehe, die mindestens marginale Resonanz erzeugen. Eine grobe Zusammenfassung enthält der Ausgangsbeitrag. Deutlich zu erkennen ist, dass sich die Exponenten an den Bewegungen an der Spitze des »richtigen« Buchmarkts zu orientieren scheinen. Viele Bereiche scheinen völlig zu fehlen oder sind unauffindbar, weil die dort aktiven Autoren keine nennenswerten Verkaufszahlen verzeichnen und also gezielt aufgesucht werden müssten, wofür ich keine naheliegenden Hilfsmittel entdeckt habe.

Damit gelange ich zu dem Schluss, dass es ganz bestimmte Genres und Gattungen sind, mit denen man per Selbstveröffentlichung zu irgendwas kommen kann, wohingegen andere nicht existieren oder zwar vorhanden sind, aber kaum wahrgenommen werden. Das wiederum bedeutet: Wenn das »Selfpublishing« tatsächlich Qualitäten hat, die bei entsprechenden Voraussetzungen zum Erfolg führen können, gilt dies nur für einen Teil der Belletristik. Ein Teil eines Teils also.

Und übrigens. Ich habe auch zumindest die größeren Bücherforen nach Resonanz auf selbstveröffentlichte Romane durchsucht. Sie ist gering – und fällt dann im Einzelfall auch noch überwiegend bescheiden aus, höflich formuliert.

Warum fast 30 Tacken ablatzen?

Gib'S mir! - NochmalBevor ich auf die Fragen antworte, die an dieser Stelle noch übrig bleiben, muss ich ein paar Worte zur Preispolitik verlieren. Warum kostet ein neues Taschenbuch eigentlich um die 9 €, und der Download dazu 8? Und warum muss man für einen neuen Hardcover-Roman fast 30 Tacken ablatzen?

Die Verlage bilden ja kein Kartell, sie sind in der Preisgestaltung frei – die Buchpreisbindung schreibt lediglich vor, dass ein neues Buch nur zum vom Verlag festgesetzten Preis verkauft werden darf. Theoretisch könnten gedruckte Taschenbücher, die in der Herstellung Fensterkreuz mal Pi achtzig Cent je Exemplar kosten, auch für 2,99 € angeboten werden (übrigens kostet die Herstellung eines Hardcover-Romans anteilig auch nicht viel mehr).

Nun, die Antwort auf diese Frage ist einfach: Es würde keiner mehr etwas an Büchern verdienen, wenn sie billiger wären, denn geringere Preise generieren keineswegs mehr Nachfrage, weil die Leute nicht deutlich mehr lesen würden, wenn es weniger kosten würde. Der Endpreis finanziert die Buchhandlungen – auch die Online-Buchhändler -, die Druckereien, die Logistikunternehmen, die Barsortimenter, die Verlage selbst mit ihren vielen beteiligten Abteilungen und natürlich die Autoren. Gewaltige Renditen fährt in diesem Bereich kaum jemand ein. Die Reduzierung der Preise hätte den Zusammenbruch der gesamten kommerziellen Literaturwelt zur Folge. Und man bezahlt nicht den materiellen Wert des Produkts, sondern auch seinen ideellen – den Wert der Literatur. Das verblüffend einheitliche Preisgefüge gestattet es zugleich, anspruchsvolle Bücher auf Augenhöhe neben Massenschwarten zu präsentieren: Kein Leser muss sich für ein vermeintlich schlechteres Buch entscheiden, nur, weil es weniger kostet.

Nicht wenige bemängeln, dass ein E-Book-Preis nur ein oder zwei Euro unter dem Preis für die gedruckte Ausgabe vor diesem Hintergrund Konsumentenschröpfung wäre, denn in diesem Bereich fallen schließlich Herstellungs-, Logistik- und Vertriebskosten weg. Nun, erstens stimmt das so nicht ganz, zweitens profitieren hier – endlich – die Autoren ein wenig stärker, und drittens bezahlt man ja sowieso nichts Materielles: Eine Datei hat keinen immanenten Wert. Davon abgesehen mag sich jeder, der die E-Book-Preise der Verlage für ungerecht hält, einmal die Handelsmargen in beliebigen anderen Branchen anschauen. Selbst im – kaum noch praktizierten – Sommerschlussverkauf, wenn Kleidungspreise um mehr als 60 Prozent sinken, verdienen immer noch alle Beteiligten daran. Vereinfachende Betrachtungen solcher Vorgänge setzen nämlich intensiv blaue Augen voraus.

Die Selbstveröffentlicher, die ihre Romane überwiegend für deutlich unter 5 € pro Exemplar feilbieten, geben einerseits ihre hohen Margen weiter, was aus Kundensicht zu begrüßen ist. Andererseits hoffen sie natürlich, durch niedrige Preise höhere Auflagen zu erreichen, was man auch so ausdrücken kann: Ihnen dürfte bewusst sein, dass sie deutlich weniger Bücher verkaufen würden, wenn diese teurer wären, gar das Preisgefüge der Verlags-Elektrobücher erreichen würden. Die mehrstimmige Botschaft dieses Abschnitts dürfte eindeutig sein, weshalb ich uns erspare, sie auszuformulieren.

Die Antworten auf die Kommentare

So, und jetzt kann’s auch schon losgehen! Aber, hey, ich musste ja auch 50+ überwiegend sehr ausführliche Kommentare lesen [17]. Die Kommentare, auf die sich die Antworten beziehen, sind jeweils verlinkt, können also rasch aufgerufen werden.

1. @Cornelia Lotter [36]: Zu diesem Kommentar gibt es eigentlich kaum etwas zu sagen, außer: Ja.

2. @rolf degen [37]: Mich deucht, dass ich auch genau das im Beitrag schrieb. Diese technischen Möglichkeiten sind in vielerlei Hinsicht ganz wunderbar, unter anderem auch für arrivierte Autoren, die ihre älteren Titel über die Zeit retten. Es gibt aber noch einige andere Aspekte.

3. @Selfpublisher [38]: Glückwunsch! Ganz ironiefrei. Einige Deiner Aussagen würde ich zwar nicht unterschreiben (siehe oben), aber das hört sich nach einer der wenigen Erfolgsstorys an, was übrigens deutlich stichhaltiger wäre, würdest Du hier nicht unter einem Pseudonym antworten. ;) In diesem Zusammenhang muss ich – endlich – eine Titelaussage meines Beitrags relativieren. Natürlich ist »Selfpublishing« eine Alternative. Das war es auch in seinen diversen Vorgängerfassungen schon, vielleicht von den Zuschussbuden [39] abgesehen. Wer genau weiß, was er tut, und/oder sich für die relevanten Bereiche professionelle Hilfe dazuholt, einen strengen Blick darauf hat, ob wirklich gut und zielgruppenrelevant ist, was er da raushaut, und viel Zeit und/oder Geld ins Marketing investiert, hat natürlich zweifelsfrei die – ja mehrfach bewiesene – Chance, Fuß zu fassen und seinen Claim stetig zu erweitern. Aber: Für wie viele gilt das? Einen von zehntausend? Und wie wird sich dieser Anteil darstellen, wenn die Müllhalde weiter wächst? Oder die Portale ihre Bedingungen drastisch ändern, weil es keinen Grund mehr dafür gibt, Autoren mit Mondmargen anzulocken, einfach, weil die Abhängigkeit längst gefestigt ist?

Ach so: Nein, ich habe nicht die geringste Angst davor, dass mir andere »die Butter vom Brot nehmen«. Hier sei zuerst wieder der Hinweis auf das weiter oben Ausgeführte gestattet, außerdem betrachte ich mein schriftstellerisches Dasein nicht als wettbewerbliche Tätigkeit, was auch ein sehr sinnloses Unterfangen wäre. Zudem wünsche ich mir mehr gute Bücher. Hiervon abgesehen: Das Geld, das Du verdienst, nimmst Du mir nicht weg. So einfach ist das Ganze nicht.

4. @rolf degen (2) [40]: Auch ich kenne die Branche, wenigstens ansatzweise. Ich könnte an dieser Stelle mit einer langen Namensliste antworten, die Sie vermutlich aber auch kennen, wenn die Branchenkenntnisse so umfassend sind. Natürlich wird der Prominentenschrott eingekauft und veröffentlicht, jeder Talkshowauftritt generiert enorme Nachfrage, und Personal, das sowieso medienpräsent ist, lässt sich umso leichter herumreichen. Das ist aber kein Argument gegen irgendwas, eher dafür – die Verlage finanzieren hiermit ihre Midlists, ihre neuen Autoren und Experimente. Und nur selten versperrt es Programmplätze, die für Debüts verlorengehen.

5. @Nika Lubitsch [41]: Die Formulierung »Episch giftig« hat mich grinsen lassen. Episch – nunwohl, ich erkläre einen Aspekt lieber zweimal, um die Missverständnisse wenigstens auf ein halbwegs gescheites Maß einzudampfen, außerdem sollte der Beitrag natürlich auch unterhalten. Und giftig – selbstverständlich handelt es sich um einen Tendenztext. Wenn man der orgiastischen Selfpublisher-Margenparty etwas entgegensetzen will, bleibt derzeit nur die Offensive mit schweren Geschützen.

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle herzlichst (und völlig neidlos) zum äußerst bemerkenswerten Erfolg gratulieren! Die Verantwortung, die damit auch im Rahmen solcher Diskussionen verbunden ist, fällt nicht eben gering aus – Ihr Name wird ja allerorten in diesem Zusammenhang genannt, Amazon stützt die entsprechenden Kampagnen u. a. auf Ihren Werdegang. Gut möglich, dass Sie über kurz oder lang ähnliche Legendenqualität entwickeln wie die Harry Potter-Schöpferin Rowling, die ja auch immer herhalten muss, wenn es um Dutzende Ablehnungen geht, die anschließend durch fantastischen Erfolg gekrönt wurden – womit vermeintlich der Beweis angetreten ist, dass in den Lektoraten nur Idioten hocken.

Sie skizzieren die Ausnahmestellung, die Sie innehaben, deutlich und in aller Bescheidenheit, vermitteln aber auch ein wohltuendes Bild der professionellen Idee, die dahintersteckt, sich in Ihrer Vorgehensweise manifestiert. Diese konsequente und bewusste Nutzung der ja fraglos reizvollen, (derzeit noch) renditestrotzenden Optionen steht aber nicht im Widerspruch zu irgendeiner meiner Äußerungen. Es ist richtig, wenn sich die Autoren bewegen, während es an der Verlagsfront keine Bewegungen zu geben scheint oder deren Ressourcen erschöpft sind; es sei nur zugleich zur Vorsicht geraten, wenn der u. a. von Ihnen beschrittene Weg als glückbringende Karrierealternative am »klassischen« Buchmarkt vorbei dargestellt wird. Man erreicht diesen Markt in erster Instanz nicht; auch Sie haben sich einen Vertriebspartner für den »Rest« gesucht. Und Ihre Entwicklung weist viele Eigenarten auf, über die das Gros der Selbstverleger einfach nicht verfügt. Statt sich aber solchen Aspekten zu stellen, setzen sie nahezu ausnahmslos auf das Gießkannen- oder Lottoprinzip. Darauf wollte ich hinaus.

6. @Susanne Gerdom [31]: Zu Dir habe ich ja weiter oben schon einiges gesagt. Nein, ich glaube nicht, dass ich gerade etwas verpasse – und ich betrachte das Geschehen tatsächlich relativ nüchtern, ohne nostalgische Verklärung oder Scheuklappenblick, weil ich zufällig gerade unter Vertrag bin (was genau genommen nicht einmal stimmt). Ich erlebe ein Sperrfeuer der Argumente, von denen viele völlig unhaltbar sind, was kaum jemanden daran hindert, sie reflexartig zu wiederholen, und lese beinahe im Minutentakt Prognosen von selbsternannten Experten, die wildeste Dinge vorhersagen. Natürlich ist die Branche im Wandel, kaufen beispielsweise einige Verlage nur noch Titel, bei denen Startauflagen jenseits der 50.000 kalkuliert werden können, während zugleich im Monatsrhythmus Dutzende neuer Verlage auftreten. Es ist, und darauf würde ich sogar wetten, absolut keine Bewegung weg vom klassischen Verlagswesen – und erst recht keine, die eine vorauseilende Kapitulation nötig macht. Du stellst mit »Qindie.de« ja gerade unter Beweis, warum das Modell in seiner vorliegenden Form zum Scheitern verurteilt ist und nämlich keine bedrohliche Konkurrenz darstellt: Aus einer Müllhalde wird kein blühender Garten, einfach dadurch, dass man sie harkt. Das Missverständnis bleibt: Nur die Menge stellt noch keine Konkurrenz dar. Qualität täte es. Die ist aber kaum auszumachen (und die Behauptung, der Ausstoß der Verlage hätte ähnliche Qualität, ist schlicht absurd – s. o.). Eine »Demokratisierung des Angebots« erzeugt nicht mehr Nachfrage, sondern einfach nur ein größeres, diffuseres und unterm Strich schlechteres Angebot, das überwiegend resonanzfrei bleibt, wenn sich fast niemand dafür interessiert: Die Nachfrage bewegt sich deutlich weniger. Und sie verschiebt sich auch kaum, was das grundsätzliche Leserverhalten anbetrifft.

Wenn aber die »Zeiten des Verlagsmonopols« tatsächlich ihrem Ende entgegenstreben – kann sich wirklich irgendjemand wünschen, dass, mit Verlaub (sehr sarkastisch und natürlich nicht ausschließlich gemeint), die Zeiten des KDP-Neunundneunzig-Cent-Idiotentextemonopols an ihre Stelle treten? Keine Sorge, das werden sie auch nicht. Hier ist meine Hand – hat jemand Feuer?

7. @Maarten Donders [42]: Ich kann, um ehrlich zu sein, in den allermeisten Fällen nicht einmal das Groschenhefteniveau ausmachen, und übrigens scheinst Du die Arbeit zu unterschätzen, die in Heftromanen steckt. Und auch Du reduzierst das Geschehen weitgehend auf die derzeit noch ungeheuren Margen. So drei bis fünf Argumente dafür, dass der Monopolist diese Margen beibehält, also aktiv eine stetig wachsende Geldmenge verschenkt, würde ich schon ganz gerne mal hören. Ich muss mir also einerseits egoistischen Konservatismus vorwerfen lassen, während andererseits ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass alles so bleibt, wie es derzeit ist – schon originell. Wann wird beispielsweise Amazon die Verhältnisse ändern? Wenn die Pessimistenprognosen wahrgeworden sind und der Buchmarkt kollabiert ist? Und was geschieht danach? Packen die erfolgreichen »Indie-Autoren« ihre Schütte zusammen und kaufen die Insolvenzmasse von Random House? Ansonsten verweise ich auf meine obigen Ausführungen. Nebenbei bemerkt: Glaubt wirklich jemand, BoD hätte seinerzeit den Buchmarkt planiert, wenn über Milliardenkriegskassen all die dort publizierten Bücher für zwei Euro pro Stück auf den Markt gespült worden wären? Bitte nicht antworten – das war eine rhetorische Frage. ;)

Ich habe, um nicht missverstanden zu werden, viel Sympathie für die energisch vorgetragenen Argumente, die die Prophezeiungen stützen sollen, für die hinkenden Vergleiche mit dem Musikmarkt und all das, weil mir natürlich bewusst ist, dass jene, die auf den einen oder anderen Zug setzen, auf Applaus hoffen, der ihre riskante Entscheidung bestätigt und emotional voranträgt. Fakten werden hierdurch aber längst noch nicht geschaffen.

8. @Hans Peter Roentgen [43]: Nein, die missglückten Geschichten floppen nicht in jedem Fall – es gab einige Fälle, in denen akribisches Viralmarketing wenigstens Strohfeuer entfacht hat, und in vielen Foren findet man originelle Tipps für Selbstveröffentlicher, über die sie wenigstens kurzzeitig zum Chartstürmer werden können. Und, ja, die Guten werden langfristig die Erfolgreichen sein und bleiben (diese nivellierende Entwicklung steht dem gesamten Konstrukt noch bevor), aber wie bei allen Massenspektakeln wird es ihnen zunehmend erschwert. Andernorts wurde im Rahmen dieser Diskussion auf YouTube verwiesen, wo aus den vielen Katzenvideos inzwischen seltener drastische Erfolgsgeschichten herausragen als das während der ersten Jahre der Fall war – Jahre, in denen Propheten das Ende des Fernsehens eingeläutet haben, ersetzt eben durch YouTube. Geschehen ist das vorläufig noch nicht. Und, nein, Mund-zu-Mund-Propaganda ist nicht die beste Werbung – wie es der Zufall will, ist das Fernsehen ohne jeden Zweifel und auch heute noch (sogar mehr denn je) die reichweitenstärkste Werbeform. Rumsprechbücher bilden ein eigenes Segment, dessen Nachhaltigkeit abnimmt, je mehr Bücher sich herumsprechen sollen. Die Erfolge, die Sebastian Fitzek und Kerstin Gier verzeichnen konnten, vom Präsenzbuchhandel zunächst fast völlig ignoriert, während sie von den Communities gefeiert wurden, lassen sich inzwischen nur noch schwer adaptieren.

«Gut« ist vieles, zudem ist diese Kategorisierung subjektiv und längst nicht absolut. Man sollte bei diesem Gedanken nicht außer Acht lassen, dass es um Konsumprodukte geht – die Auswahl ist für den Endkunden aber nicht dadurch einfacher geworden, dass die Meinungshoheit der Medien vom Netz vermeintlich gebrochen wurde, während die Selbstveröffentlicher das Monopol der Verlage unterminieren. Das gilt längst nicht nur für Literatur, sondern für viele Bereiche.

Der Wegfall der Gatekeeper, also die Öffnung aller Schleusen führt aus dieser Perspektive aber in erster Linie zu Unzufriedenheit. Man mag das Paradigma auf eine alltägliche Einkaufssituation übertragen und kommt notwendigerweise zu dieser Schlussfolgerung.

Ansonsten hast Du mit vielen Anmerkungen Recht, was übrigens für die meisten Kommentatoren gilt – nur eben nicht in dieser Ausschließlichkeit.

9. @Eva Jancak [44]: So ganz weiß ich Ihren Kommentar nicht einzuordnen. Fraglos ist man als Autor heute nicht mehr so schnell »verbrannt« wie früher, wenn man selbst oder in einem Pseudoverlag publiziert hat, aber es gilt m. E. nach wie vor, dass Verlage – wenn sie es denn tun, ja – Debütanten bevorzugt von Anfang an aufbauen wollen, statt gegen eine etwas krude, aber – leider – nachhaltige Eitelkeitskarriere anwerben zu müssen. Die Buchbranche ist ein verdammtes Nadelöhr, und auch nachgewiesenermaßen längst nicht mehr der einzige Erfolgsweg für Schriftsteller. Dem habe ich nicht widersprochen. Auch das Laientheater generiert mitunter Karrieren, und seien es nur solche als Darsteller in unwürdigen Scripted Reality Shows. Bei einer etwas langfristigeren Planung sollte man aber nicht nur die kurzfristigen Aspekte beachten.

11. @Kathy McAllister [45]: Nein, ich sehe meine Felle nicht davonschwimmen. Ich sehe ein paar wenige Erfolgsgeschichten und ansonsten Argumente, die meine Äußerungen lediglich bestätigen. Und auch Ihre Entwicklung markiert einen Sonderfall, zudem scheint sich Ihr Oeuvre – wie weiter oben skizziert – ziemlich deutlich am gescholtenen Buchmarkt zu orientieren. Gestaltwandlergeschichten, Nackenbeißer und Sex – Genres, die ihre Leserschaft haben, und die in besonderer Weise für die neuen Technologien geeignet scheinen, ohne dass dies signifikante Schlussfolgerungen bezogen auf das gesamte Marktgeschehen zuließe. Übrigens, obwohl Sie das nicht waren: Ich bin im Rahmen der Kommentare auf einen Roman angesprochen worden, den ich im vergangenen Jahr über Chichili/Satzweiß publiziert habe, nur als E-Book. Der subtil betitelte Roman [46] läuft zu meiner eigenen Verblüffung recht gut, aber ich frage mich seit dem Launch hin und wieder, ob das auch der Fall wäre, wenn das Buch nicht »Gefickt« hieße, sondern, wie von mir geplant, »So cool«. ;)

12. @Wolfgang G. Wettach [47]: Auch namhafte Verlage bauen Mist, Lektoren vergurken Texte (oder tun einfach überhaupt nichts), Ausstattungsabteilungen planen am Inhalt vorbei, all das geschieht. Man sollte aber den Hintergrund nicht vergessen, vor dem das geschieht. Ansonsten verweise ich auf die Einführung zu diesem Text.

Doch, die Chance ist deutlich höher als beim Lottospielen; ich habe schon viele Gewinner miterlebt, bin ein ganz klein wenig selbst einer. Gemein ist allen, dass sie geduldig in ihrer eigenen Konturierung als Schriftsteller gearbeitet haben, statt jeden Erguss umgehend auf den Markt zu verklappen.

13. @rolf degen (3) [48]: Solche Prognosen sind wertlos, vom direkten Zweck abgesehen: Die »Anhänger« irgendwelcher Fraktionen mit Argumenten zu füttern, die keine sind. Und die Vergleiche werden nicht weniger haltlos, wenn man sie häufiger wiederholt. Musik- und Literaturmarkt lassen sich so nicht gegenüberstellen, zumal für musikalische Konserven seit jeher Abspielgeräte nötig waren, während Bücher auch nach Jahrhunderten noch ohne funktionieren, aber auch das Konsumverhalten bei Musik ist ein völlig anderes. Weswegen die Anti-DRM-Kampagnen hier überwiegend am Ziel vorbeigehen; den normalen E-Book-Konsumenten, der ein Buch einmal liest und keine Medienübergänge praktiziert, stört das wenig bis überhaupt nicht. Aber das ist eine Randdiskussion, die nicht hierher gehört. Das Elektrobuch ist praktisch, für den Konsumenten ebenso wie für den Hersteller, dessen Vertriebswege auf ein Minimum reduziert werden. Es ist aber – wenigstens mittelfristig – kein zwingender Ersatz, wie das bei Musik von der Spieluhr über die Schellackplatte, das Vinyl, Tapes und CDs hin zur Datei der Fall war. Bei all diesen Prognosen sei empfohlen, sie vor dem Hintergrund tatsächlicher Entwicklungen entspannt zur Kenntnis zu nehmen, aber sich nicht auf sie zu verlassen – nur die wenigsten treten auch ein.

14. @McGarrett [49]: Nein, es ist kein Lottogewinn, sondern in den meisten Fällen das Ergebnis unermüdlicher, zielorientierter, jahrelanger Arbeit. Die Wahrscheinlichkeit, so man eine zugrunde legen wollte, ähnelt übrigens derjenigen für einen Vierer im Lotto. Und, nein, nicht nur Verlage können belletristischer Literatur zum Erfolg verhelfen, aber sie erreichen wenigstens den gesamten Markt und die relevanten Nebenmärkte, während Selbstpubliziertes vorerst auf einen Teilbereich reduziert bleibt, und darauf hoffen muss, im Müll entdeckt zu werden – da sind die Startchancen von Verlagsbüchern (die ja, wie gesagt, in aller Regel parallel elektronisch erscheinen) deutlich besser. Was das Grundsätzliche anbetrifft – wir reden über eine Entwicklung, die soeben die Babyschuhe ablegt und mit voller Kraft die ersten schweren Kinderkrankheiten ansteuert. Am Anfang einer jeden Neuerung gab es Pioniere, die davon profitieren konnten, was sich immer drastisch nivelliert hat, wenn Akzeptanz und Beliebtheit auf der Anbieterseite (!) zunahmen. Wir werden sicherlich alle gespannt beobachten, wie es weitergeht, aber es dürfte kaum jemand annehmen, dass sich nichts ändern wird, der Aufwärtstrend also ungebrochen anhält.

15. @Irene [50]: Ja, das passiert. Und?

16. @Edmund Sackbauer [51]: Man muss nicht schreiben, um Geld zu verdienen. Warum man nicht schreiben sollte, um damit auch Geld zu verdienen, leuchtet mir nicht ein. Und mir macht das Schreiben Spaß, obwohl ich damit Geld verdiene – womit ich mich in guter Gesellschaft befinde.

17. @j-b [52]: Mmh, wenn ich E-Books »Elektrobücher« nenne, ist das eine »reaktionäre Skurrilität«, aber die »Selfpublishing«-Ikone Nika Lubitsch darf die andere Darreichungsform als »Holzbücher« bezeichnen, ja (Links reiche ich gerne nach)? Außerdem, mit Verlaub. Wer Autoren vorschreibt, welcher Wortwahl sie sich zu bedienen haben, missversteht einiges. Geschenkt.

KDP-Autoren mögen sich nicht auf einen bestimmten Player beschränken, wohl jedoch auf die Player und, schlimmer noch, die Vertriebswege eines bestimmten Anbieters. Aber wenn man solche Feinheiten zwischen den Zeilen sucht, verbunden mit dem Bemühen, dadurch eine Argumentation zu Fall zu bringen, ist man wohl nicht ernsthaft an einer Diskussion interessiert. Die Behauptung jedoch, KDP »wolle nicht im Buchhandel ankommen« ist absolut richtig. Was Amazon u. a. mit KDP bezweckt, habe ich – aus meiner Sicht – weiter oben erläutert. Darüber können wir gerne sprechen, aber bitte nicht über die eingeschränkten Gehfähigkeiten irgendwelcher Vergleiche. Jeder Vergleich hinkt.

18. @Stefan Schäfer [53]: Wann immer ich solche Zusammenfassungen der Literaturszene lese, frage ich mich, warum ich das selbst nicht bemerke, gar, wo ich überhaupt lebe. Möglicherweise, weil es einfach nicht so ist? Kann aber auch sein, dass ich zu blauäugig bin, dass ich missverstanden habe, was mir soeben begegnet ist, als ich Kevin Kuhns »Hikikomori« gelesen habe, selbst Wolfgang Herrndorfs »Tschick«, Helmut Kuhns »Gehwegschäden«, Eva Menasses »Quasikristalle«, Clemens Bergers »Das Streichelinstitut«, Michael Stavaric’ »Brenntage«, die Bücher von Frank Schulz, Heinrich Steinfest, Wolf Haas, Christian Kracht, Thomas Glavinic, Juli Zeh und vielen, vielen, vielen anderen (um nur die etwas erfolgreicheren zu nennen) – kein auch nur annähernd vergleichbarer Text ist mir bei meiner Selbstveröffentlicher-Recherche begegnet. Ihnen? Dann bitte her mit den Bestellnummern!

19. @Dr. Angela Fetzner [54]: Bin verblüfft und erlaube mir die Frage, warum zur Hölle Sie Geschichten von Ex-Prostituierten, Bushido oder DSDS-Kandidaten lesen, wenn Sie das (was ich wiederum nachvollziehen kann) so scheiße finden? Was hindert Sie daran, einfach diejenigen Texte zu konsumieren, die besser in Ihr Beuteschema passen? Die Auswahl ist gigantisch! Ansonsten sei beim Qualitätsvergleich auf die Antwort an Stefan Schäfer und die Einleitung dieses Textes verwiesen.

20. @Frank Kandziora [55]: Jo, ein Gewinn. Bin glücklich. ;)

21. @Christa S. Lotz [56]: Danke! Kommentare überflüssig.

22. @Rouven [57]: Ihren Beitrag habe ich auch nach dem fünften Lesen nicht wirklich verstanden. Ich muss vermutlich meine Medikation erhöhen.

23. @Fruchtwein [58]: Auch dieser Kommentar hätte mich stärker beeindruckt, hätte sich der Kommentator nicht hinter einem Pseudonym verborgen. So lese ich die Zahlen und nicke dabei schulterzuckend; ich habe an keiner Stelle behauptet, dass es anders sein könnte. Ob ich ganz persönlich »rausfliege«, wenn ich mich nicht anpasse, bleibt ziemlich entspannt abzuwarten. Sollten die Prognosen eintreten, besteht durchaus die Möglichkeit, auf diese Tätigkeit ganz zu verzichten. Mein Verständnis vom Autorendasein enthält das elektronische Hausierertum jedenfalls nicht.

Die »schreibenden Hausmütterchen« waren übrigens nicht Zielgruppe meines Beitrags. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, das deutlich gesagt zu haben.

24. @Alexandra [59]: Bis zum einschließlich vierten Absatz würde ich Ihrem Kommentar bedingt (s. o.) zustimmen, danach folgt eine Marktdiagnose, die überwiegend von redlicher Unkenntnis zeugt. Ganz so einfach lässt sich nicht zusammenfassen und beurteilen, warum geschieht, was im stationären Buchhandel gerade geschieht – die Ursachen sind deutlich vielschichtiger, und damit auch die Konsequenzen.

25. @Kathy McAllister [60]: Mag sein, ist aber nicht signifikant. Siehe »Perspektivprobleme«. ;)

26. @Dahlia Mertens [61]: Dieser Kommentar kommt, denke ich, ohne Antwort aus.

27. @Frank Kandziora (2) [62]: Äh. Nö. Ich bekomme vom fraglichen Buch keineswegs nur 48 Cent je Abgang, aber ich verbinde das mal ganz salopp mit einem gepflegten: Selbst wenn – scheißt der Hund drauf (Sven Regener). Und, nein, ich bin nicht »sauer«. Nichts hätte mich daran gehindert, den Titel über irgendeinen Dienstleister direkt zu publizieren, in der Folge die satten Margen einzustreichen und mir also solche merkwürdigen »Vorwürfe« nicht anhören zu müssen. Die nötigen Vorarbeiten hätten mich vielleicht zwei Manntage gekostet. Es entspricht schlicht und ergreifend nicht meinem Verständnis vom Schriftstellerberuf, so zu arbeiten. Aber ich definiere meine Existenz (dummerweise) auch nicht ausschließlich über meinen Kontostand.

28. @Ariela Sager [63]: Sie schreiben, dass Sie Anspruch, Experimentierfreudigkeit und Niveau nur bei ausländischen Büchern und bei deutschen »Indie-Autoren« finden, werben im gleichen Atemzug mehr oder weniger subtil für die von Ihnen mitveranstaltete Plattform »autorenfreiheit.de«, auf der ich mich natürlich sofort umgeschaut habe. Helfen Sie mir bitte – welchen Titel (einer reicht schon!) meinen Sie genau, wenn Sie davon sprechen, hier »Anspruch, Experimentierfreudigkeit und Niveau« vorzufinden, die Sie bei deutschen Verlagstiteln vermissen? Ich habe die Leseproben einiger empfohlener Texte studiert und bin – leider – nicht fündig geworden. Danke vorab! Falls Sie davor oder danach etwas Zeit haben – irgendwo in Ihrer Gegend wird sicher eine Buchhandlung sein. Ignorieren Sie die Stapel und widmen Sie den Regalen etwas Aufmerksamkeit. Es könnte sich lohnen.

29. @Dahlia Mertens (2) [64]: »Verlagsgebundene Autoren« sind, wie weiter oben dargestellt, die Ausnahmen unter den Ausnahmen – die meisten Schriftsteller arbeiten von Vertrag zu Vertrag, ohne die absolute Sicherheit, den nächsten auch zu bekommen, lediglich die Wahrscheinlichkeit hierfür steigt mit dem (meistens bescheidenen) Erfolg. Vor diesem Hintergrund gelingt es mir ums Verrecken nicht, auch nur das kleinste Argument in diesem Kommentar zu entdecken. Nichts hindert beispielsweise mich daran, den nächsten Roman in Eigenregie zu veröffentlichen. Ich bin nicht angestellt, also frei in dieser Entscheidung: Sähe ich mein »Mampfi« schwinden, könnte ich problemlos woanders mampfen gehen. Warum diese Option aus meiner Sicht keine ist, sollte jedoch inzwischen verständlich sein. Die Empfehlung, mir einen Beißkorb zuzulegen (hierzulande nennt man sie »Maulkorb«), prüfe ich wohlwollend.

30. @A. M. [65]: Ihrer Geschichte entnehme ich (lediglich) das Argument, es würde bei den Verlage (oft?) schief laufen. Das kann ich so nicht bestätigen oder nachvollziehen, auch auf die vielen Erfahrungsberichte anderer Autoren blickend. Übrigens enthalten Verlagsverträge üblicherweise eine Frist, innerhalb derer das Werk nach Manuskriptabgabe zu veröffentlichen ist. Geschieht das nicht, fallen die Rechte an die Autoren zurück.

31. @Patrick Reiter [66]: Danke für diesen Kommentar. Hier bemüht sich endlich mal jemand, den von den gewaltigen Tantiemen verblendeten Blick auf einen Aspekt zu lenken, der Relevanz hat, auch wenn es in diesem Fall wohl nicht um die Zielgruppe meines Beitrags geht. »Denn wer ein Buch herausbringt, stellt nicht nur seine kreative Leistung auf den Prüfstand, sondern beweist auch Rückgrat und den Willen, einen Lebenstraum zu verwirklichen.« Schön gesagt! Ansonsten kann man diese Rückmeldung, meine ich, so stehen lassen – abermals danke dafür.

32. @Hannah Kaiser [67]: Die ernüchternde Feststellung, dass der Preis die fehlende Qualität wettmacht, kann ich aus Lesersicht nicht teilen. Fragt sich, was vom gewaltigen Tantiemenkuchen übrig bleibt, wenn sich die Zahl der Selbstveröffentlicher verzehnfacht. ;)

33. @Horst-Dieter Radke [68]: Zustimmung. Danke übrigens dafür, dass Du hier nicht den (berechtigten) Vorwurf wiederholt hast, dass einige meiner Zahlen nicht ganz stimmten. ;)

34. @Hans Peter Roentgen (2) [69]: Ich habe die Bücher/Autoren außer Acht gelassen, die keine Bestseller sind? Merkwürdig, dann muss der falsche Beitrag veröffentlicht worden sein. ;)

35. @Horst-Dieter Radke (2) [70]: Hä? Ich habe die Chancen für die Backlists übersehen? Verdammich, Wolfgang Tischer hat mir etwas untergejubelt! Kommando zurück, der Beitrag ist NICHT von mir! ;) Spaß beiseite – ich habe tatsächlich genau das getan, also auf die Vorteile aus dieser Sicht hingewiesen, die ich auch für unstrittig halte, von der Bindung an bestimmte Anbieter vielleicht abgesehen.

36. @Sigrid [71]: Ich habe durchaus hervorgehoben, dass die Marketing-Kriegskassen natürlich nur für Spitzen- und Schwerpunkttitel geöffnet werden, während die Midlist-Autoren lediglich die übliche Presse- und Vertreterarbeit abbekommen, aber immerhin wenigstens diese. Dass nach irgendwelchen (nicht repräsentativen [72]) Umfragen viele Autoren mit der PR-Arbeit ihrer Verlage unzufrieden sind, kann ich gut verstehen. Jeder Autor hofft darauf, dass der nächste Roman ein Bestseller wird, und sucht die Schuld dafür, dass es nicht geschieht, dann überall, nur nicht bei sich selbst. Dass es am Marketing lag, ist ein naheliegender Trugschluss. Und selbst wenn alle Verlage für alle Titel Fernsehwerbespots schalten würden, wären die Autoren immer noch unzufrieden, denn auf die Bestsellerlisten kommen 100 Titel, und kein einziger mehr, ganz egal, wie viel in die Werbung investiert wird. Über diese Listenplätze entscheidet aber nicht allein die Werbung, sondern ein bisschen auch der Käufer.

37. @Hans Peter Roentgen (3) [73]: Auch Du verblüffst mich in diesem Kommentar mit einer doch recht engstirnigen Betrachtung des Marktgeschehens.

38. @Frank Kandziora (3) [74]: »Aber der Bereich ebook ist fast schon komplett in Händen der Indies.« Absolut. Die Erde ist übrigens ein Würfel.

39. @Christa S. Lotz (2) [75]: Die Latenzen, mit denen Verlage und damit auch die Autoren arbeiten (müssen), verhindern in vielen Fällen, direkt auf Marktbewegungen zu reagieren, obwohl bei drastischen Trends durchaus Abkürzungen genommen werden. Der historische Roman ist ein problematisches Genre, insgesamt auf dem absteigenden Ast, ausgepresst in homöopathischen Maßstäben. Was da noch geht, sich also für die Verlagsapparate lohnen könnte, ist stark begrenzt. Vor diesem Hintergrund muss die Zurückhaltung der Lektoren betrachtet werden. Für Autoren, die sich dennoch in diesem Genre heimisch fühlen, mag die Selbstveröffentlichung fallweise eine gute Alternative sein – den Rat, es zu tun, würde ich aber niemandem geben.

40. @chSchlesinger [76]: Ein mich etwas ratlos stimmender Kommentar. Es geht also ums Geld, ums große Geld? Ja. Warum sitzen in den Verlagen dann eigentlich keine Börsenmakler oder wenigstens Staubsaugervertreter, sondern Germanisten und Publizisten? Und warum machen die sich überhaupt die Mühe, Bücher herzustellen? Merkwürdig. Aber immerhin unterhaltsam, wofür’s ein Bienchen gibt. ;)

41. @raankor [77]: Ich »putze die Selbstverleger« nicht »runter«, sondern werbe für eine etwas nüchternere und professionellere Perspektive. Und, nein, ich halte mich nicht für etwas »Besseres« – in diesem Fall würde ich mir nicht die Mühe machen, solche Beiträge zu schreiben und > 50 Kommentare darauf zu beantworten, wovon ich selbst definitiv nicht viel habe, und wofür ich nicht einmal ein Honorar vom »Literaturcafé« bekomme.

42. @Harald Timm [78]: Der Kommentar steht für sich, von der Randbemerkung »Wer schreibt, sollte es nur tun, weil er muss« vielleicht abgesehen – hier lassen sich an letzter Stelle auch einige andere Verben einsetzen (können, sollen), und die Intention, die zur Berufswahl geführt hat, ist für mich als Leser bedeutungslos, wenn mich das Ergebnis überzeugt. Punkt.

43. @rouven [79]: Ergänzt die Verbenliste um »wollen«. Danke.

44. @Sabine [80]: Ihren sehr amüsanten und wohlformulierten Kommentar habe ich sehr gerne gelesen. Eine weitere detaillierte Antwort auf die darin angesprochenen Aspekte erspare ich mir und verweise auf die obigen Ausführungen.

45: @Frank Kandziora (4) [22]: Absolut zum Beömmeln. Ich lache immer noch, obwohl ich eine ähnliche Geschichte schon vor über zehn Jahren gelesen habe. Ansonsten – s. o.

46. @FK (5) [81]: …

47. @Sabine [82]: Wenn die vier Lektoren des S. Fischer-Verlags mit 4.500 Manuskripten pro Jahr »bombardiert« werden, geht es ihnen nicht darum, alle Texte zu finden, die man veröffentlichen könnte (oder gar »objektiv« sollte), sondern jene zwei bis zehn, die man erfolgversprechend im eigenen Programm (ggf. noch denen der Imprints) als Debüts unterbringen könnte, vorausgesetzt, es gibt überhaupt noch Platz. Da sich das Roulette unaufhörlich wiederholt, hat es auch nur ausnahmsweise Sinn, zweitbeste Manuskripte für das übernächste Programm in Erwägung zu ziehen. Dieses Missverständnis zieht sich durch viele Forenthreads und Blogs, jene Annahme, es wäre die Aufgabe der angeschriebenen Verlage, sämtliche nobelpreiswürdigen Texte herauszufiltern. Dafür ist dieses Angebot zu groß und die hausinterne Nachfrage zu klein. Man sucht bestenfalls zweimal im Jahr (zusammengefasst betrachtet) nach Optionen, und wenn diese Aufgabe erledigt ist, stellt alles andere die Kür dar – vereinfacht gesagt. Leider glauben alle Abgelehnten, die zweite J. K. Rowling, der zweite Kafka oder der zweite V. S. Naipaul zu sein. Wenn man den Verlagen in diesem Zusammenhang etwas vorwerfen wollte, dann höchstens, dass sie in den Formablehnungen lügen.

48. @Michael Blasius [83]: Genau. Die Zeit wird es zeigen. ;)

49. @Isabell Schmitt-Egner [84]: Ich meine doch, das eine oder andere Argument über »Müll« hinaus geliefert zu haben. Aber, hey, das ist wie mit den Romanen: Sie kommen so an, wie sie ankommen, und nicht unbedingt so, wie man das erhofft hat.

50. @Cornelia Lotter [85]: Man kann viele Fragen formulieren, solche und andere, so herum oder andersherum. Man kann damit Hoffnungen verbinden oder Prognosen beipflichten, aber häufig ist und bleibt es schlicht: Propaganda. Schade eigentlich.

51. @Thorsten Nesch [86]: Wer sich perspektivisch mit der Idee auseinandersetzt, Schriftsteller zu werden, sollte dies nicht in der Hoffnung tun, damit (viel) Geld zu verdienen, was sehr wahrscheinlich über eine lange Zeit hinweg nicht geschehen wird, und zwar auf beiden Wegen. Ich kenne auch nicht viele Autoren (eigentlich sogar überhaupt keinen), bei denen dieser Aspekt anfangs im Vordergrund stand oder maßgebliche Bedeutung hatte, was wenig damit zu tun hat, dass natürlich die meisten vom Ausnahmeerfolg träumen, wogegen nichts zu sagen ist. Wie bei jeder Wahl einer Tätigkeit, die enorme Zeit (und damit immer auch Geld) kosten und vorläufig wenig bis nichts einbringen wird, sollten der Entscheidung viele Erwägungen vorangehen, im weiteren Verlauf aber durchaus zur Disposition stehen können. Wirklich relevant ist einzig der Zeitpunkt, an dem man erkennt, ob die Entscheidung richtig oder falsch war. Alles andere geschieht danach.

52. @Hexarkun [87]: Es mögen schon viele Perlen verlorengegangen sein – und einige beinahe. Der amerikanische Autor John Kennedy Toole hat sich (im Jahr 1969) umgebracht, weil sein Manuskript »A Confederacy of Dunces« keinen Verlag fand. Die Mutter des Verstorbenen sorgte für die Veröffentlichung, und »Ignaz oder die Verschwörung der Idioten« wurde zum Weltbestseller, Toole erhielt posthum den Pulitzer Preis. Möglich, dass der Autor, der heute 76 Jahre alt wäre, noch leben würde, hätte es seinerzeit bereits das »Selfpublishing« gegeben. Denkbar aber auch, dass sein Roman auf diesem Weg nie jene Beachtung gefunden hätte, der er schließlich bekam – man weiß es nicht. Es mag viele, viele ähnliche, weniger drastische Fälle geben, Geschichten von Autoren, die dreißig Jahre an einem Manuskript gearbeitet haben, Menschen, die sich in Schulden gestürzt haben, um den großen Roman schreiben zu können, aber durchs Sieb der Verlage rasselten. Ich halte das nicht für ein Argument, das irgendwas bestätigen oder entkräften würde; man muss die Umstände kennen(lernen), bevor man sich ihnen aussetzt. Das gilt für das Verlagswesen ebenso wie für die Selbstveröffentlichung. Und prinzipiell auch für jede andere Berufswahl.

53/54 [88]erledigt [89] :-)

55. @Thorsten [90]: Die Tatsache, dass die Innenstädte veröden, hat mit unserer Thematik bestenfalls marginal zu tun, und die an einigen Stellen kolportierte Monokausalität »Internethandel tötet Innenstädte« halte ich für frag-, mindestens aber diskussionswürdig. Es mag u. a. teilweise an der Städtebau- und Infrastrukturpolitik liegen, die Spontaneinkäufe mit dem PKW aktiv verhindert und damit den Onlinehandel attraktiver gestaltet, aber fraglos hat der Einzelhandel auch eine Menge verpennt. Die Buchhandelsketten haben sich mit ihrem Verdrängungswettbewerb schlicht übernommen, und kapitulieren aktuell keineswegs nur vor rückläufigen Umsätzen, die zu Amazon abgewandert sind. Das ist eine vielschichtige Problematik. Eine Tatsache scheint mir aber zu sein, dass wir als Endkunden durch unsere Bequemlichkeit (wieder einmal) eine Monopolbildung fördern, uns in eine Abhängigkeit manövrieren, die wir über kurz oder lang dezent bedauern werden. Dem steht allerdings die Gewissheit gegenüber, dass alle Giganten irgendwann straucheln, weshalb es unterm Strich immer spannend bleibt.

56. @Coralin [91]: Ich habe mit Chichili einen ordentlichen Verlagsvertrag – und habe diese Firma keineswegs als Dienstleister in Anspruch genommen. Tatsächlich hatte Karsten Sturm – der Inhaber – bei mir angeklopft. Der Titel wurde auch »richtig« lektoriert (womit Chichili eine externe Lektorin beauftragt hat) und ausgestattet – und in einer Verlagsreihe platziert. Ja, es scheint wenig Marketing zu geben, aber das ist mir egal – ich habe diesen Titel nicht veröffentlicht, um damit (viel) Geld zu verdienen. Und ich habe Chichili zugesagt, weil befreundete Autoren dort gute Erfahrungen gesammelt hatten.

Ihren Anmerkungen bezüglich der Marktverteilung kann und muss ich zustimmen; ich hatte diese Zahlen auch gelesen. Es ist allerdings nicht ganz erkenntlich, worauf sie sich genau beziehen. Meine eigenen Angaben fußen auf den Abrechnungsdaten, die ich mit einigen Autoren und Agenturen abgeglichen habe (wobei es ausschließlich um Belletristiktitel aus größeren Verlagen ging) – also auf aktuellen Umsatzzahlen je Vertriebsweg. Demnach wären Amazons Anteile im E-Book-Segment sogar noch weit höher; ich habe sie bezogen auf die von mir verwendete Zahlenbasis niedrig angesetzt.

57. @Jan Freisleben [92]: Zum Thema »Neid« finden sich in der Einleitung dieses Textes bereits ein paar Anmerkungen – nebenbei bemerkt ist mir aufgefallen (was natürlich keineswegs evident ist), dass jene, die anderen Menschen Neid und ähnliche Gefühle unterstellen, eben im Rahmen solcher Unterstellungen selbst oft genau diese Regungen erkennen lassen. Ansonsten scheint mir ihr Kommentar in erster Linie eine wenig subtile Werbung für das eigene Buch zu sein.

Postskriptum zum Abschluss dieser Runde

Bitte, macht es nicht zu einer Glaubensentscheidung, das eine, das andere oder beides zu wählen, nur weil eine »Fraktion« sympathischer erscheint oder sich besser zu verkaufen vermag. Beobachtet das Geschehen, schaut euch an, wer per »Selfpublishing« erfolgreich ist, womit und, sofern nachvollziehbar, warum. Trefft solche Entscheidungen nicht übereilt oder verfrüht, trefft überhaupt keine Entscheidungen verfrüht, auch nicht jene, Texte zu veröffentlichen – was in den Köpfen, Regalen oder auf den Readern der Leser ist, bekommt man dort schwer wieder raus (es sei denn, man heißt Amazon und daddelt hinterrücks [93] auf den Lesegeräten der Kunden herum). Schriftsteller ist zwar ein überwiegend schlecht bezahlter, aber absolut traumhafter Job, den ich jedem wünsche, der gute Geschichten gut erzählen kann. Und nur darum geht es bei alldem.

Ich möchte mich bei allen Kommentatoren herzlich für ihre Beiträge bedanken, hoffe, dass ich niemanden übersehen und keinen Namen falsch geschrieben habe. Vielleicht, und das ist ebenfalls (m)eine Hoffnung, helfen mein kleiner Beitrag [1] und die Resonanz darauf, die Diskussion etwas zu versachlichen und zu entspannen, um sie wieder auf jene Aspekte zu lenken, die für uns alle relevant sein sollten. Ich bedaure, wenn ich jemanden gelangweilt habe, verbinde dies aber mit einer Erkenntnis, die hier ja mehrfach formuliert wurde: Was nichts oder wenig kostet, muss nicht unbedingt viel wert sein. In diesem Sinne: Alles Gute!

Herzlich,

Tom Liehr [94]