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Rohstoff: Vergessen Sie Jörg Fauser nicht, denn irgendein Mexiko brauchen wir alle!

Jörg Fauser: RohstoffMichael Köhlmeier [1] hat es geschafft: Ich habe Jörg Fauser gelesen. Köhlmeiers Rede zur deutschsprachigen Literatur [2] beim diesjährigen Bachmannwettbewerb war ein Plädoyer für Fauser.

Eigentlich. Denn aufgrund der drohenden Absetzung des Wettbewerbs [3] entschied sich Köhlmeier, sein Fauser-Credo in Paralipsen [4] zu verpacken. Köhlmeiers Rede war bewegend und emotional. Wie Fauser hatte auch Köhlmeier 1984 selbst beim Bachmannpreis gelesen, seitdem waren sie befreundet gewesen. Fauser sei seinerzeit vom »Klagenfurter Literaturgerichtshof« verrissen worden. Die schreibenden Kollegen wollten mit »dem da« nicht gesehen werden, so Köhlmeier. Das lachende Publikum bezeichnete Köhlmeier als Pöbel.

Fausers Lesung und die Jurydiskussion kann man sich jederzeit auf YouTube ansehen. Sie gilt nicht nur für Köhlmeier [5] auch heute noch als abschreckendes Beispiel für die vernichtende Überheblichkeit der Literaturkritik(er). Seinerzeit saß noch Marcel Reich-Ranicki persönlich der Jury vor. Ebenfalls als Juroren mit dabei waren Walter Jens und Peter Härtling. Sie alle ließen kein gutes Haar an Fausers Text über die Beziehungskrise eines deutschen Paares auf Zypern.

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Jörg Fauser liest in Klagenfurt – Teil 1

Dass Jörg Fauser es wagte, einen Unterhaltungstext zu lesen, das empfand Reich-Ranicki gar nicht mal als das Schlimmste. Schlimm sei es, dass es schlechte Unterhaltungsliteratur sei, »Konfektionsware«. Peter Härtling warf Fauser zudem vor, dass sein Text ein politisch nicht korrektes Frauenbild transportiere. Als ob dies die Aufgabe der Literatur sei.

Die Jury-Worte waren harsch und deutlich (Reich-Ranicki: »Dieser Autor hat hier nichts verloren!«), doch muss man eingestehen, dass sie nicht völlig unberechtigt waren. Fauser hatte zu viel Klischee und zu viele Phrasen in den Text gepackt. Dass Fauser Erfolg als Unterhaltungsschriftsteller beschieden sei, das stellte die Jury ohne Ironie fest.

Viel Zeit blieb Jörg Fauser dazu nicht. Am 17. Juli 1987 starb er auf einer Autobahn bei München. Es war der Morgen nach seinem 43. Geburtstag. Fauser wurde von einem LKW erfasst, als er auf der Fahrbahn zu Fuß und betrunken unterwegs war. Ein mysteriöser Tod. Köhlmeier schürte in seiner Rede Verschwörungstheorien. Fauser, der auch als Journalist arbeitete, sei möglicherweise aus einem Auto auf die Fahrbahn gestoßen worden, als er »über die Verbindung zwischen deutscher Drogenmafia und deutscher Politik und Wirtschaft recherchierte«.

Drogen gehörten zu Fausers Literatur – in jeder Hinsicht.

Köhlmeier empfahl in seiner Rede Fausers Roman Rohstoff, der 1984 erschien und heute als Taschenbuch im Diogenes Verlag erhältlich ist [7]. Köhlmeier: »Wenn Sie die ersten Seiten erst gelesen haben, [werden] Sie das Buch in Ihrer Reichweite behalten wollen, bis Sie an seinem Ende angelangt sind (…) ein Roman, der in nichts verwandt ist mit den langweiligen, sicher bei ihrem Erscheinen irgendwie interessanten, aber heute eben doch stink-stink-langweiligen Romanen aus den deutschen Groß- und Mittelschriftstellereien ähnlichen Datums.«

Einer solchen Empfehlung muss man einfach folgen, also habe ich Rohstoff gekauft und gelesen.

Und: Michael Köhlmeier hat recht!

Rohstoff ist in großen Teilen die Autobiografie von Jörg Fausers Jugend, wenngleich seine Hauptfigur Harry Gelb heißt. Gelb ist Schriftsteller, das ist seine Berufung, obwohl ihm der große Wurf in der Zeit, die der Roman beschreibt, nicht gelingt, er jedoch stets davon überzeugt ist und nur noch niemand sein Talent erkennt und seine Texte versteht. Gelb teilt Fausers Ablehnung gegen die Nachkriegsüberliteraten wie Böll und Grass. Er will eine andere, für ihn wahre Literatur der 1960er und 70er Jahre schreiben und keine Nachkriegsmythen. Cut-up-Texte begeistern ihn und die Drogenwerke von Burroughs [8].

Auch Rohstoff ist ein »Drogenroman«, sofern es diese literarische Gattung überhaupt gibt. Gleich zu Beginn werden wir ins Istanbuler Drogenviertel Tophane geworfen. Dort lebt Harry Gelb. Er ist stark heroinsüchtig und schreibt seine Kladden voll. Als Leser wissen wir, dass Gelb ganz unten ist. Zu seiner Drogensucht kommen Selbstzweifel: »Allerdings waren die guten Bücher alle schon geschrieben«. Fauser wählt die Ich-Perspektive, und obwohl es seinem Antiheld nie wirklich gut geht, er nie wirklich glücklich ist, jammert er nicht. Fauser beschreibt die Drogensucht, weil sie nun einmal da ist, weil sie Teil der Gelbschen Wirklichkeit ist und weil sie für Fauser generell Teil der damaligen Zeit ist.

Später kehrt Harry Gelb nach Deutschland zurück und lebt – nach Zwischenaufenthalten in Göttingen und Berlin – in Frankfurt. Dort lernen wir aus Harrys Sicht die Hausbesetzerszene der frühen 70er-Jahre kennen, wo er zwar mitmischt, jedoch stets Außenseiter und Beobachter bleibt. Gleichzeitig arbeitet er als studentische Aushilfskraft für die Deutsche Bank, später wird er Nachtwächter; eine Tätigkeit, die in keinem schriftstellerischen Werdegang fehlen sollte. Doch so richtig zum Schreiben kommt Gelb nicht mehr. Sein Roman »Stamboul Blues« dümpelt dahin, sein erster Verleger geht Pleite. Der Bericht über eine Lesung bei einer katholischen Dorfjugendgemeinschaft liest sich höchst amüsant, da Gelb zwar stets davon überzeugt ist, dass er Besseres verdient habe, aber dennoch ohne Überheblichkeit auf seine Gastgeber blickt.

Rohstoff ist immer wieder durchsetzt von diesen herrlich satirisch anmutenden Szenen, die nie völlig überzeichnet sind. Wunderbar auch sein Besuch in der Fernsehspielabteilung des ZDF, dem er ein Drehbuch verkaufen möchte.

Nie lesen wir im Roman, was Gelb tatsächlich schreibt. Im Text findet sich keines seiner Gedichte, keiner seiner Cut-up-Texte, keine Romanpassage, höchstens einmal eine Überschrift. Aber wir erfahren dennoch viel darüber, indem Gelb die Reaktion von Lesern beschreibt, sei es seine französische Mitbewohnerin oder die Herausgeber einer Szene-Zeitung. Als Leser erleben wir, wie sich Gelb als Chefredakteur in die Arbeit an dieser Untergrundpostille stürzt. Als ein Mitarbeiter fordert, er möge ihn aus dem Impressum streichen, ahnen wir, dass Gelbs Überzeugung für den Kampf und die Revolution in seiner Radikalität nicht von allen geteilt werden wird. Erst nachdem Harry schon die komplette zweite Ausgabe gedruckt hat, zeigt er das Werk den Herausgebern: »Das ist eine Geschäftsschädigung, wie wir sie noch nie gesehen haben.«

Rohstoff ist auch ein politischer Roman, ohne zu politisieren. Und obwohl er Anfang der 1980er geschrieben wurde, ist er nicht durchtränkt von künstlich wirkendem Zeitkolorit und Namedropping, wie es heutzutage oft der Fall ist, wenn Autoren ihren Text in die jüngste Vergangenheit verlegen.

Fast anrührend das 42. Kapitel, in dem Fauser eine Nachtwächterschicht beschreibt. »Irgendein Mexiko brauchen wir alle«, meint eine der Figuren, Fritz. Doch – und das mag typisch für Fauser sein – steht der Ort Mexiko für einen höchst zweifelhaften Traum. Seit er auf Empfehlung Harrys Unter dem Vulkan [10] gelesen hat, will Fritz nach Mexiko. Und seitdem trinke er nicht mehr, denn »Lowry hat das Buch ja auch nüchtern geschrieben«.

»Ich fliege nach Mexiko, ich geh überall hin, wo Lowry damals war, Cuernavaca, Oaxaca, ich kraxel auf die Vulkane hoch, ich geh in die Cantinas.«

»Nüchtern?«

»Ich werde noch einmal alles trinken, was sie mir hinstellen, und dann bin ich endgültig geheilt.«

Fausers Geschichte endet genauso unvermittelt wie sie begann, und wir müssen Harry Gelb verlassen. Denn die vielen Seiten, die im Buch noch übrig sind, beinhalten ein überflüssigen Nachwort von Benjamin von Stuckrad-Barre und ein sehr interessantes Gesprächsprotokoll zwischen Hellmuth Karasek und Jörg Fauser. Allerdings ist es wiederum lohnenswerter, sich dieses Gespräch aus einer Fernsehsendung mit dem unsäglichen Titel »Autor-Scooter« (eine SFB [11]-Produktion aus dem Jahre 1984) auf YouTube anzusehen.

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Der hochheilige Ernst, mit dem Karasek seine Fragen stellt, die braune Studio-Deko und die Frisur von Komoderator Jürgen Tomm lassen einen schmunzeln. Beim Betrachten und Zuhören erleben wir, warum Fauser nie so richtig zu den literarischen Kreisen zählte. Fauser hatte den Ehrgeiz, eine neue deutsche Wirklichkeit literarisch zu beschreiben, und gleichzeitig sah er sich als »Businessman«, dessen Ware die Literatur ist. Eine U-und-E-Vermengung, die vielen bis heute Probleme mit Fauser bereitet, der mit dem Schneemann [15] auch erfolgreiche Unterhaltungsromane und Songtexte für Achim Reichel schrieb (Der Spieler [16]).

Zum Einstieg jedoch schließe ich mich voll und ganz Michael Köhlmeiers Empfehlung an: Lesen Sie Jörg Fauser! Lesen Sie Rohstoff!

Wolfgang Tischer

Jörg Fauser: Rohstoff (detebe). Taschenbuch. 2009. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257239225. EUR 12,00 » Bestellen bei Amazon.de [17]