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Rodja Smolny und Lindbergh & Well: Tipps für betroffene Autorinnen und Autoren

Vertragsformulare von Lindberg & Well und MerkammerDas literaturcafe.de sprach mit Rechtsanwalt Wolfgang Schimmel vom Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di

Rodja Smolny trat als Literaturagent einer angeblich aus Schweden stammenden Agentur Lindbergh & Well auf. Er schrieb offenbar Hunderte von unbekannten Autoren an und schloss mit ihnen einen Agenturvertrag ab. Kurze Zeit später stellte er den Autoren die Vermittlung an einen Verlag in Aussicht, wenn diese zuvor bereit seien, das Manuskript auf eigene Kosten lektorieren zu lassen (wir berichteten [1]). Beträge von mehreren Tausend Euro wurden hier genannt. Einträge im Handelsregister wiesen aus, dass Smolny mit dem Verlag und dem empfohlenen Lektoratsservice in Verbindung steht oder stand. Hierüber berichtete auch der NDR [2].

Obwohl dem literaturcafe.de bislang keine Fälle bekannt sind, bei denen die Autoren die zunächst geforderten 12.000 Euro für das Lektorat bezahlt haben, offerierte Smolny später ein »günstigeres« Angebot. Hier haben Autoren durchaus einige Hundert Euros bezahlt.

Doch selbst, wer nicht bezahlt hat: Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben mit Smolny einen Agenturvertrag abgeschlossen. Viele Autoren haben die Frage an uns gerichtet, ob dieser gültig sei und wie sie nun reagieren sollten. Außerdem sorgen sich einige Autorinnen und Autoren um ihre Manuskripte, die sie Smolny geschickt haben. Sie haben Sorgen, Smolny könnte diese widerrechtlich für andere Zwecke missbrauchen.

Wir haben zu all diesen Punkten Wolfgang Schimmel befragt. Schimmel ist als Rechtsanwalt bei ver.di tätig und arbeitet für den zu ver.di gehörenden Verband deutscher Schriftsteller (VS) [3]. Daher kennt er die Branche und vor allen Dingen auch ihre dunklen Seiten sehr gut.

literaturcafe.de: Herr Schimmel, unser Gespräch soll und kann keine individuelle Rechtsberatung für betroffene Autoren sein, noch wollen wir darüber urteilen, was Herrn Smolny anzukreiden ist. Das werden hoffentlich demnächst die Gerichte tun. Dennoch wollen wir den betroffenen Autoren, also hauptsächlich denen, die mit Smolny einen Agenturvertrag abgeschlossen haben, einige Hinweise geben, wie sie sich verhalten sollten.

Was sollen die Autorinnen und Autoren tun, die den Vertrag mit ihm unterschrieben haben?

Wolfgang Schimmel: Es empfiehlt sich, diese Verträge sofort zu kündigen. Der mir vorliegende Vertrag gibt beiden Seiten das Recht, jederzeit zu kündigen, solange die Agentur nicht erfolgreich vermittelt hat. Dies ist erst dann der Fall, wenn auf Vermittlung der Agentur ein Verlagsvertrag abgeschlossen wurde. Die Kündigung sollte schriftlich (Einwurfeinschreiben) erfolgen.

Es ist auch wichtig, möglichst schnell zu kündigen, weil in dem Vertrag der Agentur das »exklusive« Recht zur Vermittlung zugestanden wurde. Solange die Verträge nicht gekündigt sind, würden die Autoren also gegen den Vertrag verstoßen, wenn sie selbst mit Verlagen Kontakt aufnehmen.

Sollte durch Vermittlung der Agentur bereits ein Verlagsvertrag abgeschlossen, also das vertragliche Kündigungsrecht erloschen sein, bestünde auch die Möglichkeit den Agenturvertrag außerordentlich zu Kündigen oder wegen arglistiger Täuschung anzufechten. Dafür könnte sprechen, dass die Agentur mit der Bezeichnung »Lindbergh & Well« einen nicht existenten Erfahrungshintergrund vorgespiegelt und die ihr obliegenden Informations- und Beratungspflichten nicht oder schlecht erfüllt hat. Hierzu sollte aber jeweils individuell rechtlicher Rat eingeholt werden.

literaturcafe.de: Ist dieser Agenturvertrag überhaupt gültig?

Wolfgang Schimmel: Ja, gegen die Rechtswirksamkeit der Agenturverträge gibt es keine Bedenken. Es handelt sich um einen Agenturvertrag, der rechtlich einwandfrei ausgestaltet ist. Bedenklich ist allerdings, wie die Agentur mit den ihr obliegenden Informations- und Beratungspflichten (vertragliche Nebenpflichten) umgeht. Diese sind zwar im Vertrag nicht erwähnt, ergeben sich aber aus der allgemeinen vertraglichen Treuepflicht: Es wäre geboten, dass der Agent auf mögliche Probleme beim Abschluss eines Verlagsvertrags hinweist (z.B. beschränkte Vertriebsmöglichkeiten des Verlags); weiter müsste er darauf hinweisen, dass die Kosten für ein von ihm vermitteltes Lektorat möglicherweise durch Honorare nicht wieder eingespielt werden können. Sollten die Recherchen des NDR stimmen, wonach der Agent Smolny mit dem Verlag (DLV) und dem Lektorat (Merkammer) wirtschaftlich verbunden ist, also möglicherweise ein eigenes Interesse an der Vermittlung hat, dann hätte er auch das offenlegen müssen.

literaturcafe.de: Einige Autoren haben leider auch bezahlt. Wie kommen diese Autoren wieder an ihr Geld? Smoly selbst hat bereits vor einiger Zeit mit seiner früheren Firma Mein Buch oHG Insolvenz angemeldet.

Wolfgang Schimmel: Das kann abstrakt nicht beantwortet werden. Falls die Zahlungen an Merkammer erfolgt sind und von dort die vereinbarte Leistung mangelfrei erbracht wurde, besteht wohl kein Anspruch auf Erstattung der vereinbarten Vergütung. Das könnte anders sein, wenn die vereinbarte Vergütung völlig unangemessen war (Gesichtspunkt des Wuchers) oder die erbrachte Leistung mangelhaft. Das richtet sich nach schweizerischem Recht und müsste im Einzelfall geprüft werden.

Möglicherweise besteht auch ein Schadenersatzanspruch gegen die Agentur wegen – s.o. – Verletzung vertraglicher Nebenpflichten. Auch das lässt sich aber nicht abschließend beurteilen.

literaturcafe.de: Viele Autoren haben Smolny ihre Manuskripte anvertraut und sind nun besorgt, dass Smolny hier weiteren Missbrauch betreibt. Wie können die Autoren ihre Rechte sichern?

Wolfgang Schimmel: Die Autoren sind durch das deutsche Urheberrecht hinreichend abgesichert. Man muss in Deutschland das Urheberrecht an seinem Werk nicht anmelden, sondern erwirbt es als Autor automatisch. Weitere Schritte sind dazu nicht erforderlich. Es ist aber ratsam, zugleich mit der Kündigung die Rückgabe der Manuskripte zu verlangen.

literaturcafe.de: Herr Schimmel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.