Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 8. Januar 2013 | Rubrik: E-Books, Literatur online, Self-Publishing

Rebecca Gablé und David Gray: Verlagsautorin befragt Selfpublisher

« Zum Teil 1 des Interviews

Rebecca Gablé und David Gray (Foto Rebecca Gablé: © Olivier Favre 2011)

Rebecca Gablé und David Gray
(Foto: © Olivier Favre 2011 und privat)

Rebecca Gablé: Was leisten Amazon oder andere Anbieter für Marketing und Vertrieb?

David Gray: Eigentlich gar nichts oder jede Menge. Was amazon.de für die Neulinge unter den Indie-Autoren leistet, ist schlicht und ergreifend, das Buch zu konvertieren, es im Katalog zu listen und zum Verkauf auf seiner Webseite bereitzustellen.

Hat man es mit dem eigenen Titel in die jeweiligen amazon.de-Charts geschafft, leistet Amazon eine ganze Menge allein dadurch, dass der Titel sichtbar wird und durch den Empfehlungsalgorithmus von Amazon neuen Kunden empfohlen wird.

Richtige Schlagworte sind wichtig

Zudem sollte man nicht unterschätzen, wie wichtig die Schlagworte sind, unter denen man seinen Titel bei Amazon listen kann. Eine clevere Auswahl dieser Schlagworte ist entscheidend für den Erfolg.

Zwar wird bei Amazon gern die sogenannte Autorenprofilseite als Marketinginstrument angepriesen, doch kann die so toll sein, wie sie will – ist kein Buch des Autors in den Charts vertreten, wirft kaum ein Mensch einen Blick auf die entsprechende Autorenprofilseite.

Andere Anbieter wie Libreka oder iTunes/iBooks fahren ein Konzept, das für Autoren weniger praktikabel ist. Um mit seinem E-Book in Apples iBooks-Store gelistet zu werden, braucht man derzeit immer noch einen Dienstleister. Und der wird in aller Regel Geld kosten.

Einige Servicedienstleister sind nur die zeitgemäße Form der Zuschussverlage

Einige dieser Servicedienstleister sind weiter nichts, als eine zeitgemäßere Form des Zuschussverlages. Außer der Listung der Titel in den wichtigen Onlineshops wird nichts Nennenswertes für Werbung oder Marketing einzelner Autoren getan, obwohl gerade dies in den Werbeanzeigen und auf der jeweiligen Website des Anbieters gerne besonders hervorgehoben wird.

Diese Servicedienstleister warten in bestimmten Fällen noch mit einer weiteren versteckten Falle für den unbedarften Autor auf.

Durch geschickte Formulierungen in ihren Verträgen sichern sie sich einen Anteil an den Rechten. Konkret bedeutet dies: sollte das Buch erfolgreich sein, und den Sprung vom E-Book in den Printmarkt schaffen, dann verdient bei allen weiteren Vermarktungsformen der Servicedienstleister noch einmal kräftig mit.

Und das, obwohl diese Firmen außer der Listung der Bücher in den einschlägigen Onlineshops absolut nichts zu deren Verkaufserfolg beitragen. Den zu bewerkstelligen, bleibt dem Autor überlassen.

Rebecca Gablé: Worin liegen die Gefahren bzw. Nachteile des Selfpublishing?

David Gray: Die Gefahren liegen darin, dass die Leser zunehmend erwarten, dass ihnen jederzeit alles auf Knopfdruck zur Verfügung steht. Ist das nicht der Fall, dann gibt es genug ähnliche Produkte, auf die zurückgegriffen werden kann und die gerade verfügbar sind. Mit anderen Worten: Die größte »Gefahr« besteht in der deutlich verkürzten Aufmerksamkeitsspanne für einen Titel.

Wir stehen am Anfang tiefgreifender Veränderungen

Legt man den Begriff »Gefahr« großzügig aus, dann stehen wir gerade erst am Anfang von tiefgreifenden Veränderungen im Buchgeschäft. Denn wie das Filmgeschäft ab Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts die Literatur beeinflusste – Stichworte: schnelle Schnitte/Szenenwechsel/verschiedene Erzählperspektiven –, so wird das rund um die Uhr für wenig Geld verfügbare E-Book das Verlags- und Autorengeschäft beeinflussen.

Ich bin überzeugt davon, dass sich die Genre-Nischen weiter auffächern werden, aber dass trotz dieses Phänomens dennoch jedes literarische Töpfchen sein Deckelchen findet. Auch wird sich im Zuge dieser Entwicklung die Bandbreite der Texte erweitern, die im Netz (oder besser: netznah auf elektronischen Geräten) konsumiert werden.

Shortstorys, Kammerspiele, Essays, Apercus und Aphorismen – all das erlebt längst im Netz eine Renaissance. Übrigens so gut wie unbeachtet vom Feuilleton.

Diese Tendenz zum schnell zu konsumierenden »Fast Food«-Lesestoff wird sich in den folgenden Jahren noch verstärken. Was aber nicht gleich das Ende des Abendlandes bedeuten muss.

Durch die Auffächerung von Nischen wird zunehmend komplexe, »anspruchsvolle« und gegen den Mainstream-Strich gebürstete Literatur ihre Leser finden. Und, wie ich – vielleicht zu optimistisch – glaube: es werden sogar noch mehr Leser sein, als bisher. Für den großen Buchkulturkater besteht meiner Meinung nach kein Anlass.

Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass Printbücher deutlich teurer werden. Ganz gleich ob Paperback oder Hardcover.

Die Verlage werden nach einer gewissen Konzentrationsphase (siehe: Penguin/Random-House-Fusion) wahrscheinlich wesentlich weniger Titel drucken. Der Leser wird durch E-Books zu befriedigen sein, die nicht nur billiger herzustellen, sondern kostengünstiger über die eigenen Buchplattformen, Community- und Verlagswebsites zu bewerben sind.

Kostenlose E-Books sind eine klare akute Bedrohung

Rebecca Gablé: Bedrohen die kostenlosen oder fast kostenlosen E-Books solche Autoren, die versuchen, mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

David Gray: Ja, diese kostenlosen E-Books stellen eine, wie es im Juristendeutsch heißt, klare akute Bedrohung dar – hauptsächlich für diejenigen, die vor der rasanten Entwicklung im Lese- und Buchmarkt die Augen verschließen.

Mit anderen Worten: Wer in nächster Zukunft im Netz keine Rolle spielt, der wird auch im realen, nicht virtuellen Leben keine mehr spielen.

Doch dass wir Geschichtenerzähler uns um unsere Zukunft sorgen müssten, das bezweifle ich doch sehr. »History may be a haunted house, as W. H. Auden once said, but it’s haunted by stories, novels, myth.« Diese Storys, Romane, Ideen und Mythen benötigen Erzähler, die sie zum Leben erwecken. Wir Schreiber und Erzähler werden immer ein Feuer finden, an dem man uns willkommen heißt, und uns auffordert, unserer Leidenschaft zum Erzählen und Fabulieren zu frönen. Man wird uns dafür auch immer ein Schälchen Reis offerieren. (Bei einigen mag das dann größer ausfallen, als bei anderen. Aber auch das wäre nun alles andere als neu, oder?)

Die Form der Verbreitung von Geschichten wird sich ändern, aber tut sie dies seit Anbeginn der Zeiten nicht regelmäßig?

Kurzfristig wird interessant sein zu sehen, wie sich sogenannte Flatrates auswirken werden, bei denen Pakete von Büchern, Videos, Computerspielen für einen geringen monatlichen Betrag angeboten werden. Das könnte eine Entwicklung sein, die vielen im Geschäft – sowohl Indies, als auch kleineren Verlagen – Kopfzerbrechen bereitet.

Als Fazit und Gebrauchsanweisung für eine nebelhafte Zukunft kann ich jedem neuen Kollegen konkret raten – sich von Beginn an darauf einzustellen, seine Sachen selbst vermarkten zu müssen. Ganz egal, ob er oder sie das dann mit dem Rückenwind eines Medienkonzerns tut oder sein Buchmarketing vom ersten Moment an auf sich gestellt zu bewerkstelligen hat.

Der Anteil der begnadeten Selbstdarsteller im Buchgeschäft wird höher werden. Sicher werden sich mittelfristig die Grenzen zwischen Schauspielerei, DJ, VJ und Autor weiter verwischen. Einfach aus seinen Texten vorzulesen, wird in einer zunehmend von bunten Bildchen, Videoschnipseln und Musik angereicherten Welt bald nicht mehr ausreichen.

Urheberrecht ist Verteilungskampf

Rebecca Gablé: Wenn Sie eine Prognose abgeben sollten: Wie wird Ihrer Ansicht nach die Zukunft des Urheberrechts aussehen?

David Gray: Beim Urheberrecht erleben wir nach einer langen Ruhephase einen erneuten Ausbruch von Verteilungskämpfen. Genau dies stellt der »Urheberechtsstreit« in Wahrheit dar.

Der schlimmste Fall besteht in einer Machterweiterung der Suchmaschinenbetreiber, die nicht zögern werden, das Netz aufgrund ihrer Suchalgorithmen noch weiter in gefällige Schubladen aufzuteilen, wie man das aktuell mit der xxx Adresse für pornografische Inhalte bereits versucht. Ist das gelungen, wird es deutlich höhere Kosten verursachen, sich sein Plätzchen im virtuellen Kästchen zu sichern.

Ein Aspekt dieses Worst-Case-Szenarios könnte in einer merklichen Verkürzung des Copyrights bestehen. Denn die Dynamik der Diskussion ums Urheberrecht wird nicht von Rechteverwertern wie Verlagen oder Medienfirmen vorgegeben, sondern von Google und anderen Suchmaschinenbetreibern. Diese Konzerne unterliegen nicht nur US-Recht, sie identifizieren sich zuerst und vor allem mit US-Kultur und aktuell gängiger US-Moral. Was für uns in Europa in einer Art »weichen Zensur« enden könnte. Wer mit seinem Namen bzw. Produkt bei Google nur auf der dritten Suchergebnisseite landet, der ist angesichts der sich verkürzenden Aufmerksamkeitsspannen der User nicht mehr existent. Ein Leichtes also für Google, kulturell, geschäftlich oder politisch unliebsame Ergebnisse »verschwinden« zu lassen. Ein Leichtes auch für Google, den Medienkonzernen und Rechteverwertern im Bezug aufs Urheberrecht, Vertragsbedingungen aufzupressen. Man darf nicht darauf hoffen, dass Konzerne auf Grundrechte oder bürgerlichen Freiheiten Rücksicht nehmen.

Aber – und das ist die gute Nachricht – dieser Verteilungskampf wird – gerade weil er von den veränderten Bedingungen im Internet diktiert wird – auch durch das Internet geführt werden und seine eigene Dynamik erhalten. Diese Dynamik bietet Chancen für überraschende Wendungen.

Hier klicken und Beitrag weiterlesen: « 1 2

8 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Diana Hillebrand schrieb am 8. Januar 2013 um 11:27 Uhr

    Ein sehr interessanter Beitrag, allerdings finde ich es schade, dass der Austausch zwischen den beiden Seiten nicht etwas lebhafter stattgefunden hat. Mir hätte es gefallen, wenn die Verlagsautorin nicht nur Fragen gestellt hätte, sondern auch ihre Erfahrungen bzw. Vergleiche einer Zusammenarbeit mit einem Verlag eingebracht hätte. So ist es nur ein durchaus interessantes, aber auch sehr einseitiges Interview. Selfpublishing ist sicher manchmal ein guter Weg, seine Bücher zu verlegen, aber auf der anderen Seite gibt es doch auch Verlage, die etwas zu sagen und bieten haben, oder? Und es gibt Verlage, die ganz neue Wege gehen und E-Books mit verlegerischem Know-how anbieten. Mir fällt da spontan der dotbooks Verlag in München ein.

    Mich hätte wirklich sehr interessiert, was Frau Gablé als Verlagsautorin dem Selfpublishing entgegenzusetzen hätte.

    Trotzdem vielen Dank für den informativen Beitrag.

    Beste Grüße
    Diana Hillebrand

  2. Diana Hillebrand schrieb am 8. Januar 2013 um 11:31 Uhr

    Nachtrag: Ich sehe gerade es hat auch ein Interview “anders herum” gegeben. Beide Interviews man für meinen Geschmack ruhig auch kontrovers in ein Interview packen können…

  3. Muriel schrieb am 8. Januar 2013 um 12:15 Uhr

    Nennt mich einen quengeligen Pedanten, aber

    Ja, diese kostenlosen E-Books stellen eine, wie es im Juristendeutsch heißt, klare akute Bedrohung dar

    Ich habe nicht unbedingt was gegen die Formulierung an sich, aber dass sie dem Juristendeutsch entstammt, würde ich gerne – wie es im Juristendeutsch heißt – mit Nichtwissen bestreiten. Ich bin selbst Jurist und habe die so noch nie in der Fachsprache gehört oder gelesen.
    Wenn ich raten müsste, würde ich eher den Verdacht äußern, dass er hier dem Juristenenglisch die gängige Formulierung “clear and present danger” entliehen und übersetzt hat.
    Oder weiß da jemand mehr als ich?

  4. MisterLG schrieb am 8. Januar 2013 um 14:49 Uhr

    Ja, Muriel, ich denke auch, dass es daher kommt. Übrigens auch ein tolles Buch von Tom Clancy, zu deutsch “Der Schattenkrieg” und nach der Verfilmung auch “Das Kartell”.

    Auch sonst gibt es noch einige Fehler im Text, z.B. “… um zum Produkt zu kommen, ein zweiter, um es zu erweben.”, oder auch EPUP-Format.

  5. Frank Rawel schrieb am 8. Januar 2013 um 15:47 Uhr

    Na, aber doch eine, wie ich finde, sehr hellsichtige, analytische Bestandsaufnahme.

  6. Muriel schrieb am 8. Januar 2013 um 22:32 Uhr

    @MisterLG: Ein tolles Buch von Tom Clancy? Schwer vorstellbar.
    Aber über Geschmack lohnt sich ein Streit ja meistens eher nicht so.
    Du hast Recht, EPUP ist mir auch aufgefallen. Und den Vergleich mit dem Dopingmittel fand ich auch ausgesprochen missglückt, wobei das wohl wieder eher eine Geschmackssache ist. Aber Himmel, wo soll man sich denn über eigentlich völlig unbedeutende Formulierungsvorlieben unterhalten, wenn nicht auf einem Literaturblog?

  7. PhantaNews schrieb am 8. Januar 2013 um 23:23 Uhr

    “Obwohl man anmerken muss, dass es unmöglich zu sagen ist, wie lange Lovelybooks Indie-Autoren noch eine kostenlose Präsenz auf seiner Site gewährt.”

    Gewährt Lovelybooks nicht. Indie-Autoren werden nicht als Autoren angenommen – mit fadenscheinigen und nicht nachvollziehbaren Argumenten. Wobei das nicht nachzuvollziehen ist, da Lovelybooks meiner Ansicht nach ohnehin nur dafür gedacht ist, via Amazon-Partnerlinks Einnahmen für Holtzbrinck zu generieren.

  8. MisterLG schrieb am 9. Januar 2013 um 21:22 Uhr

    @Muriel: Tom Clancy ist heutzutage fast nur noch eine Marke, ich weiß nichtmal, ob er noch selbst Bücher schreibt. Sein ersten paar haben mir damals jedenfalls gut gefallen, auch die Verfilmungen mit Sean Connery (Jagd auf Roter Oktober) und Harrison Ford (z.B. Die Stunde der Patrioten)

    Ich hab spaßeshalber mal bei Lovelybooks auf anmelden geklickt, im Autorenbereich. Mal sehen, ob sie sich melden.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

  1. erforderlich
  2. gültige E-Mail-Adresse / wird nicht veröffentlicht
  3. erforderlich
  4. Senden
  5. Captcha
 

Diesen Beitrag per E-Mail weiterempfehlen

Empfehlen Sie diesen Beitrag weiter
  1. benötigt
  2. gültige eMail-Adresse
  3. benötigt
  4. gültige eMail-Adresse
  5. benötigt
  6. Captcha