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Gestatten: Frank Zapper. Früher
Lese-, heute Kanalratte. Ich kriege im Leben, was immer ich will. Wann ich
will. Auf allen Kanälen. Rund um die Uhr. Thrill, Spaß, aber vor allem Liebe
ist mein Programm. Deshalb verpasse ich auch nie eine Folge von »Nur die
Liebe schält«. Letzte Woche geschah das Unfassbare. Obwohl ich zu Hause vor
dem Bildschirm saß, war ich plötzlich nicht mehr nur Zuschauer. Ich fühlte
und litt hautnah mit. Die Identifikation ging so weit, dass ich plötzlich
Heinz war.
Ken Pfirsich kam locker auf mich
zu getänzelt. Ein gleißender Studioscheinwerfer heftete sich frontal auf
mein Gesicht und durchbohrte mich unbarmherzig. Im Hintergrund ertönte die
Jinglemelodie von »Nur die Liebe schält« (weg mit der rauen Schale, ran
an den weichen Kern!). Mir brach binnen Nanosekunden der Angstschweiß aus.
NEIN! Sie hatten mich in eine Falle gelockt. Ich wusste, dass das, was mir
nun bevorstand, ganz egal, was es war, unendlich peinlich für mich werden
würde. So peinlich wie die ganze Sendung »Nur die Liebe schält«, wenn man
im Zentrum des Geschehens steckt.
O GOTT, ICH WILL HIER SOFORT WEG!!!
»Bist du Heinz aus Berlin?« fragte Ken Pfirsich
und lächelte sein Charming-Boy-Smile, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich
konnte sehen, wie er sich innerlich diebisch freute, wieder einmal einem
wie mir zu zeigen, was eine Harke ist. Der machte die Show doch nicht aus
reiner Nächstenliebe. Der hatte daran Sonntag für Sonntag ein diabolisches
Vergnügen.
»
«
»Du bist jetzt überrascht,
nicht wahr, Heinz?«
»Hm«, grummelte ich kaum hörbar.
»Hast du denn eine Ahnung, worum es geht?«
»Mm«, schüttelte ich den Kopf.
»Na, dann komm' doch einfach mal mit vor auf
die Couch«, sagte er und zog mich vom Studiostuhl hoch.
Hunderte gespannter Augenpaare waren interessiert
auf mich geheftet. Und dann das Millionenpublikum von SATT2 draußen vor
den Bildschirmen. Da konnte ich ja jetzt schlecht kneifen. Da musste ich
jetzt durch, egal was kam. Ich folgte Ken widerwillig mit schleppenden Schritten.
»Hast du irgendeine Ahnung, worum es gehen
könnte?« säuselte Pfirsich.
»Nein, wirklich nicht die geringste«, stammelte
ich. Das entsprach der Wahrheit. Die Tatsache, dass ich überhaupt in diesem
besch
Studio saß, hatte ich offensichtlich irgendeiner Intrige zu verdanken.
Einer ganz üblen, eiskalt geplanten und eingefädelten Intrige sogar. Aber
wer steckte dahinter? Bisher hatte ich geglaubt, dass ich aus Versehen in
dieser Sendung saß. Eigentlich hatte ich eine Karte für das
Livesportmagazin RIN! Durch eine angebliche
Terminverschiebungspanne war ich dann bei Ken Pfirsich gelandet.
»Nun, Heinz, es geht um deinen letzten Urlaub.«
»Hä?« Dümmer hätte mein Gesicht nicht aussehen
können. WOVON REDEST du EIGENTLICH, du IDIOT?!
»Ich sage nur: Club Aldi-Anna«, lächelte Ken
Pfirsich wie die Sphinx höchstpersönlich.
»Ach so«, entfuhr es mir erleichtert. »Es
geht um Wiebke.« Besonders intelligent guckte ich dennoch nicht aus der
Wäsche. Warum sollte mich Wiebke in so eine Sendung locken. Was wollte sie
mir auf diesem Weg sagen? ETWA DASS SIE EINEN ANDEREN HATTE???!!!
Ich merkte, wie sich zwei noch größere, kreisrunde
Schweißflecken unter meinen Achseln ausbreiteten. WANN WAR DIESER ALPTRAUM
ENDLICH VORBEI. Lass mich aufwachen, bitte, bitte. Gebannt starrte ich auf
das rote Licht der Kamera, die mich gnadenlos im Visier hatte.
»Wiebke?!« fragte Ken Pfirsich konsterniert.
»Ähm, also der Name der jungen Dame, die sich mit einem herzzerreißenden
Brief an die Redaktion gewandt hat, ist Tamara! Nun, Heinz, wir wollen das
Publikum nicht länger auf die Folter spannen. Du warst im Februar in der
Karibik. Im Club Aldi-Anna hast du, wie es aussieht, einen bleibenden
Eindruck hinterlassen.« Ken Pfirsich machte eine theatralische Geste, indem
er seinen rechten Arm schwungvoll zur Seite schmiss und auf die Studiotreppe
deutete. Die Tür öffnete sich. Und heraus kam eine mir unbekannte Frau.
»Meine Damen und Herren, Heinz hat sich im
Club Aldi-Anna in eine reizende Urlaubsbekanntschaft verguckt. Und dabei
ist es auch nicht geblieben, wie Sie gleich sehen werden. Tamara hat uns
geschrieben, weil sie es vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten hat. Sie wusste
nicht, wie der nette junge Mann hieß, mit dem sie sich von den Wogen der
Leidenschaft hatte hinwegspülen lassen. Aber wozu gibt es schließlich «Nur
die Liebe schält»? Wir von SATT2 haben weder Kosten noch Scheu gemüht, um
sie heute hierher einzuladen, damit sie Heinz wieder in ihre Arme schließen
kann. Und hier ist sie: Taaaamaaaaraaaaa aus Teilbach!«
Tosender Applaus. Die Treppe herunter wogte
eine 100 Kilo schwere Frau, die offensichtlich ungefähr im fünften Monat
schwanger war.
»Hallo, Heinz«, kreischte die dralle, kleine
Person und schmiss sich mir in die Arme. Ich stolperte und fiel fast hin.
»Das, das muss ein Missverständnis sein«, stammelte
ich. »Diese Frau kenne ich nicht, wirklich.« ICH SCHWÖRE ES, ICH HABE SIE
NIEMALS ANGERÜHRT!!! WIE KAM DIE AUSGERECHNET AUF MICH?
»Du, Heinz, also das finde ich
jetzt aber wirklich nicht fair. Das ist echt nicht die feine Englische
Art!« sagte Ken Pfirsich vorwurfsvoll. »Wir wissen ja
alle, der Gentleman schweigt und genießt. Aber doch nicht, wenn
was Kleines unterwegs ist. Da solltest du schon zu deiner Verantwortung
stehen. Ehrlich mal!«
»Heinzi, wie kannst du so etwas sagen?!« schluchzte
Tamara hysterisch und wand sich aus meinen Armen, die sich in einem Reflex
um ihre Hüften und den ausladenden Bauch geklammert hatten.
»Also, ich kann gar nicht der Vater sein«,
insistierte ich bockig. Ein Raunen ging durch das Fernsehstudio. Vereinzelt
wurden Buhrufe laut.
»Und warum nicht?!« fragte Ken Pfirsich sichtlich
gespannt.
»Ich gehöre der Bewegung 'Wahre Liebe kann
warten' an. Wir haben keinen Sex vor der Ehe, ganz einfach.«
Ungläubiges Gemurmel im Publikum. Vereinzeltes
Gelächter.
»Ein Kerl wie du?« fragte Ken Pfirsich ungläubig.
Ich bin, um das an dieser Stelle einmal bescheiden zu erwähnen, ziemlich
attraktiv: groß, muskulös, schwarze Haare, blaue Augen. »Du hattest noch
nie Sex?«
»Das habe ich nicht gesagt!« antwortete ich
pampig. Allmählich verlor ich die Geduld.
»Wie jetzt?« Ken Pfirsich lief die Situation
deutlich aus dem Ruder. So kannte man den smarten Sunnyboy ja noch gar nicht.
»Ich sagte vor der Ehe hatte ich keinen
Sex!«
»Waaas!?« brüllteTamara, »verheiratet bist
du also auch?!«
»Ja, im Club Aldi-Anna hatten wir das Hochzeitsarrangement
gebucht. Da ist es zum ersten Mal passiert. Mit Wiebke, aber nicht mit dir,
Tamara!« Während ich voll in die Kamera sah, versuchte ich beim Sprechen
all meine Glaubwürdigkeit und Seriosität in diese letzte Feststellung zu
legen. ES STIMMTE DOCH, ODER HATTE ICH MICH AM ENDE IN DER TÜR GEIRRT UND
ES MIT DER FALSCHEN FRAU GETAN?! NICHT AUSZUDENKEN
»Meine Damen und Herren, hier ist es heute
ja richtig spannend. Wir unterbrechen für eine kleine Werbepause, und danach
geht's gleich weiter.« Jingle. Werbung.
Einen Werbeblock und acht Minuten später meldete
sich Ken Pfirsich wieder zurück.
»Liebes Publikum, die Frage der Vaterschaft
werden wir heute Abend leider nicht mehr eindeutig klären können. Hier steht
Aussage gegen Aussage. Ein Bluttest muss letztlich Klarheit bringen. Fest
steht, dass Heinz seine Tamara nicht heiraten wird, weil er bereits seit
fünf Monaten verheiratet ist. Mit Wiebke, der Frau, die mit ihm im Club
Aldi-Anna Hochzeit feierte, als er Tamara geschwängert hat oder auch nicht.
Wiebke, die heute wahrscheinlich vor dem Fernseher sitzt.« IN DEINER HAUT
MÖCHTE ICH NICHT STECKEN, KUMPEL (KICHER).
Tamaras Schminke war verlaufen. Noch immer
schüttelten Wogen ungezähmter Wut und Enttäuschung ihren Körper.
»Vergesst den Idioten! Ich nehme sie«, brüllte
plötzlich eine Stimme quer durch das große TV-Studio. »Tamara, ich verzeihe
dir alles. Auch dass du mich in Teilbach hast sitzen lassen, um alleine in
die Karibik zu düsen.«
»JOOOOOHHHNNNNNYYYYYYY???«, Tamara schrie's
und sank von ihren Emotionen nun endgültig übermannt in Ohnmacht.
Johnny hechtete aus der vorletzten Reihe nach
vorne, um Tamara vom Boden aufzuheben, in die Arme zu nehmen und behutsam
auf einen Stuhl zu platzieren.
»Johnny, Johnny«, flüsterte sie ergriffen.
»Wie kommst du denn hierher?«
»Deine Schwester hat mir gesagt,
dass ich unbedingt zu dieser Sendung fahren soll. Warum wusste ich
nicht. Bis eben
«
»Wie heißt Tamaras Schwester?« fragte ich
betont beiläufig. Bei Teilbach hatte es vorhin einmal sehr leise geklingelt.
Meine Mutter hatte dort öfter geschäftlich zu tun. Trotzdem bekam ich dies
alles nicht in einen Gesamtzusammenhang.
»Was geht dich das an, wie die Schwester heißt«,
blaffte mich Johnny an. »Willste die vielleicht auch noch schwängern!?«
»Meine Schwester heißt Daphne«, lenkte Tamara
ein. »Daphne Esser.« Nö, der Name sagte mir nichts.
»Meine Damen und Herren, es hat sich alles
aufgelöst. Tamara und Johnny sind wieder versöhnt. Johnny wird das Kind
eines fremden Mannes wie sein eigenes aufziehen und lieben. Und Heinz
Er
wird in vier Monaten wissen, ob er blechen muss oder nicht.«
Ich schlich zurück zu meinem Platz wie ein
geprügelter Hund. Was war da eben abgelaufen?
Es war alles so schnell gegangen. Ich hatte
nur die unheilvolle Vorahnung, dass eine kleine Frau aus Teilbach einen Stein
ins Rollen gebracht hatte, der mein ganzes Leben verändern sollte. Beim
Verlassen des Studios kam Ken Pfirsich hinter mir her gehechtet.
»Moment noch, Heinz!« rief er. »Wir hatten
übrigens ein Videoband, das eindeutig belegt, dass du mit Tamara
Das wollte
ich dir nur sagen. Der Grund, warum wir es nicht gesendet haben, ist, dass
wir solche Filme um 19 Uhr nicht senden dürfen. Jugendschutzgesetz, alles
klar?!« Pfirsich zwinkerte mir zu, grinste viel sagend und ging dann winkend
davon.
Völlig erschöpft blieb ich nach
diesem Gefühlsmarathon im Fernsehsessel zurück. Die Erklärung der ganzen
Geschichte habe ich mir im Laufe der folgenden Wochen zusammengereimt. Heinz
war danach natürlich Dauergast bei deutschen Talkshows. Klar, dass auch andere
Sendungen bei dieser männ(sch)lichen Tragödie Blut geleckt hatten. Heinz
machte dann erst mal die Fliege bei Pastor Jürgen: »Wenn intrigante Mütter
die Ehe ihrer Söhne zerstören«. Er war bei »Bitte melde dich«, weil Wiebke
die eheliche Wohnung verlassen hatte und wie vom Erdboden verschluckt war.
Bei Sonja erlebte er live das negative Ergebnis des Vaterschaftstests. Und
bei Ilona Christen ging es um das schreckliche Thema: »Ein angeheuerter
Doppelgänger hat mein Leben zerstört.«
Und Frank Zapper? Hat alles hautnah miterlebt.
Was denn sonst?!
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