|
Viele Tage schon hatten die
Wolken das Land verlassen. Die Urlaubszeit sorgte für leere Straßen.
Nur einige wenige Daheimgebliebene wandelten hier und da durch die Stadt.
Auf diese Gelegenheit hatte ein findiger Kopf
schon seit einiger Zeit gewartet. Mit seiner Erfindung konnte er nun seine
ersten Versuche starten.
Maria lief lustlos durch die
Gegend. Ihre Freunde waren alle fortgefahren, und sie musste über zwei Wochen alleine zu Hause zubringen. Es war heute wieder so heiß,
dass sie zu nichts Lust hatte. Eine kühlende Erfrischung- das
wär's doch jetzt!
Gestern hatte sie von einer neuen Eisbar in
der Akazienstraße gehört. Geld hatte sie noch ein wenig. Der
Weg war nicht weit, sie würde kaum fünf Minuten brauchen.
Merkwürdig, dachte sie als sie um die
Ecke bog. Gerade lief laut schimpfend eine ältere Dame davon. Sie hatte
ein Eis in der Hand und in ihrer Aufregung fiel eine ganze Kugel von der
Waffel herunter. Dann trat Maria an das geöffnete Fenster.
Mindestens 20 Sorten Eis waren im Sortiment.
Sie begann auszuwählen: Drei Kugeln.
Nehm' ich Himbeer oder Brombeere und dazu
Marzipan und Vanille? Sie überlegte lange. »Geben Sie mir bitte
drei Kugeln: Himbeere, Brombeere und Vanille«, orderte sie dem Verkäufer.
Nun schaute sie zum ersten Male nach oben. Sie war noch ziemlich klein daher
musste sie sich dabei sehr anstrengen. Was war denn das? Ein roboterähnliches
Wesen glotzte sie dumm an. »Na du kleiner Fratz, hast du denn überhaupt
Geld dabei?« Das Gesicht des Roboters, das auf dem Bildschirm breit
grinsend zu Maria schaute, begann fies zu lachen. »Reichen fünf
Mark?« Maria war ganz eingeschüchtert. Trotzdem sah sie nicht
ein, dass sie mit ihren immerhin neun Jahren vor so einem komischen
Ding klein bei gibt. In der Schule war sie für ihren Mut bekannt.
»Zeig erst einmal deine Piepen!«
wies er Maria an. Die kramte in ihren Taschen: »Bitte!« konterte
sie. »Na gut«. Skeptisch blickte er auf das Fünfmarkstück.
Nun begann er auf akrobatische Weise seinen
Eislöffel zu schwingen und in die betreffenden Eisbehälter zu
tauchen. Der Löffel nahm geschickt die Kugel auf und gab sie bereitwillig
in die Waffel. 1,2,3 Kugeln - fertig! So schnell hat Maria das noch nie
gesehen. »Das Geld her!« herrschte er Maria an. Sie streckte sich,
der Arm des Roboters hatte etwas Gefährliches an sich. Mit den äußersten
Fingerspitzen hielt sie die Münze noch fest, da raffte der andere sie
schon an sich.
Plötzlich holte der Roboter ein mechanisches
Gebiss hervor, schloss es an seinen Bildschirm-Kopf an, legte
die Münze zwischen die Zähne - dann biss er einfach drauf.
»Echt«, würgte er kleinlich
hervor. Er öffnete seine Kasse und gab Maria zwei Mark zurück.
Dann streckte er seine künstlichen Gliedmaßen so weit vor, dass
Maria die Waffel greifen konnte. »Bitte.« Sichtlich depremiert
zog der Roboter ein mieses Gesicht. Inzwischen hatte sich hinter Maria eine
längere Schlange gebildet
Mindestens fünf Leute standen hinter
ihr. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sich die neuen Kunden köstlich
amüsiert hatten. »Der Nächste bitte!« Sein Blick richtete
sich nun zu einer attraktive junge Dame, so Ende 20. Wie die Verwandlung
einer Puppe in einen wunderschönen Schmetterling, ebenso wandelte sich
blitzschnell das Gesicht des Roboters. Wenn es ein Idealfall für ein
freundliches Gesicht geben würde, so hätte er es nun gehabt. »Ich
glaube, ich lese Ihnen Ihre Wünsche von den Augen ab«, säuselte
er ihr zu. »Wir hätten da noch ein Spezialeis für sie. Eine
Komposition aus kalorienarmen und sehr schmackhaften Extrakten und aus verschönernden
Hormonen.« Nun begannen seine virtuellen Wimpern zu klimpern. Ein leicht
rötlich werdendes Gesicht blickte ihm entgegen. »Aber eine Kugel
Schokoladeneis reicht mir schon«. Das Geräusch eines Druckers
begann zu erklingen.
Ein Ratsch - er gab ihr einen kleinen Zettel.
Gleichzeitig wurde die gewünschte Kugel überreicht. Interessiert
schaute die Kundin auf den Zettel: Eine Verabredung am morgigen Abend mit
dem Eisverkäufer. Schnell entfernte sie sich daraufhin.
An der Reihe war nun ein älterer Herr.
»Na Opa, Diabetikereis habe ich aber nur eine Sorte.«
Mitleidig blickte er über die Eistheke.
»Pass mal auf, du kleiner Schrottkasten, entweder du lässt
jetzt sofort fünf Kugeln Erdbeereis mit Sahne rüberwachsen, oder
ich werde mich persönlich um die Herausnahme unter extremen Bedingungen
sprich: Herausreißen, deiner mikrigen Prozessoren kümmern, die
dann in meinem Hamsterkäfig als Spielzeug dienen können!«
Der Bildschirm des Verkäufers begann
auf einmal zu flackern, die Stimme wurde verzerrt und seine Arme fingen
an zu zittern. Ein völliger Programmabsturz konnte gerade noch vermieden
werden. Total verängstigt füllte er die Waffel mit dem gewünschten
Eis. »War doch nicht so gemeint, bitte vielmals um Entschuldigung!«
seine Stimme hatte sich wieder etwas beruhigt.
Maria hatte die ganz Zeit zugeschaut. Sie
hatte ganz vergessen, ihr Eis zu schlecken. Es lief ihr über die Hände
herunter auf ihr Kleid.
Das Schauspiel zog immer mehr Passanten an.
In einem der hinteren Räume der Eisbar feierte jemand einen vollen
Erfolg.
Das Konzept des exzentrisch-launischen, mit
menschlich schlechten Manieren ausgestatteten Eisverkäufer-Roboters
hatte sich scheinbar bewährt.
|