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Preis der Leipziger Buchmesse: Georg Klein ist der Kompromiss, den man statt des Skandals eingegangen ist

Helene Hegemann nach der Preisverleihung (Foto: Wolfgang Tischer) [1]

Helene Hegemann nach der Preisverleihung (Foto: Wolfgang Tischer)

Georg Klein erhielt in dieser Woche für seinen »Roman einer Kindheit [2]« den Preis der Leipziger Buchmesse [3] 2010 in der Kategorie Belletristik. Eine fast schon nebensächliche Tatsache, denn die einzig spannende Frage bei der Preisverleihung am Messemittwoch war: Wird die Jury den Mut und das Stehvermögen haben und Helene Hegemann den Preis zusprechen?

Doch dazu war die Jury dann doch zu feige – ein Glück für die Autorin.

Die Wellen schlugen vor einigen Wochen hoch [4], als sich herausstellte, dass Helene Hegemann in ihrem zuvor vom Feuilleton hochgelobten und hoch gelobten Werk »Axolotl Roadkill« Passagen aus Büchern und Liedtexten übernommen und diese Quellen verschwiegen hatte. Der Ullstein Verlag reichte daraufhin eine sechsseitige Liste der Quellen nach (PDF-Datei, 66 kByte) [5], die ab der vierten Auflage des Buches enthalten ist. Doch niemand weiß, ob diese Liste vollständig ist.

Man muss von bewusster oder unbewusster Täuschung sprechen

Helene Hegemann hat ihr Buch zusammenmontiert. Das kann eine Kunstform sein, wenn man es nicht verschweigen würde. Doch so muss man von bewusster oder unbewusster Täuschung sprechen. Hegemann gab die Juryvorsitzende Verena Auffermann der Lächerlichkeit preis, bescheinigte Auffermann doch dem Werk, dass es »verschiedenste Sprachen« zeige, was bei der Bedienung aus unterschiedlichen Quellen ein zwangsläufiges Ergebnis und kein Zeichen literarischer Qualität ist. Doch als Auffermann das mit ernster Miene sagte [6], wusste noch niemand von den geklauten Textstellen.

Helene Hegemann ist nicht Rico Beutlich

Zugegeben: Es war eine Freude zu sehen, wie eine damals noch 17-Jährige die Feuilletons an der Nase herumführte – wenngleich unbeabsichtigt. Helene Hegemann ist nicht Rico Beutlich [7], dabei wäre doch gerade das ein wunderbarere Coup gewesen: das Feuilleton mit einer zielgruppengerechten maßgeschneiderten Autorin bewusst hinters Licht zu führen.

So geschah ohne Absicht das, was für Beobachter nicht minder komisch war: Hilflos agierten die ertappten Kulturschreiber [4], indem sie versuchten, den Fall Hegemann und das Abschreiben und Plagiieren zur Normalität zu erklären – und das als Zuarbeiter einer Branche, die vehement für die Bestrafung von Urheberrechtsverstößen eintritt. Den wohl schönsten Euphemismus für das Wort »Abschreiben« fand dabei Felicitas von Lovenberg von der FAZ, die von »webbasierten Intertextualität [8]« sprach.

Nach Außen hin blieb es in der Verlagsbranche verdächtig ruhig, und es waren interessanterweise die Schriftstellerkollegen des VS in ver.di, die mit einer »Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums [9]« öffentlich ihre Stimme erhoben und beachtlich differenziert anmerkten, man könne nicht »Kopieren ohne Einwilligung und Nennung des geistigen Schöpfers«. Wer so etwas als preiswürdig erachte, demonstriere »eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb«. Das Dokument erwähnte weder Hegemann noch den Leipziger Preis, doch der Wink war eindeutig.

Es geht um die Missachtung anderer Künstler

Es geht nicht ums Abschreiben, sondern ums Nennen der Quellen. Es geht ums Täuschen. Es geht um die Missachtung anderer Künstler.

Doch auch viele Kritiker des Feuilletonzirkus’ gingen zu weit: Es ist genauso falsch, das komplette Hegemannsche Werk als »geklaut« oder »Plagiat« zu bezeichnen. Harald Martenstein versuchte in der ZEIT einen kleinen Textvergleich [10] zwischen »Fälschung« und »Original«, bei dem jedoch die Ironieanteile nicht genau abzugrenzen sind. Dennoch zeigt er, dass Hegemann auch umgeschrieben hat.

Im Feuilleton baute sich unterdessen die übliche Abwehrhaltung gegenüber »dem Internet« auf – war die Herkunft entsprechender Textstellen doch erstmals von Deef Pirmasens im Web [12] dokumentiert worden – und nicht zuletzt wurde das Internet zum doppelten Sündenbock erklärt, indem es zusätzlich die »webbasierten Intertextualität« zur Alltäglichkeit werden lasse.

Die Beleidigungen Hegemanns sind keine Zier fürs Internet

Wer in die richtigen bzw. falschen Ecken des Webs schaute, sah ohnehin das Vorurteil bestätigt, dass im Internet der Mob und Pöbel regiert. Da wurde Hegemann mit üblen Worten und vielfach aus der Anonymität heraus beleidigt, was wahrhaft keine Zier fürs Medium ist.

Aber egal, in welche Richtung die Wellen schlugen: Bereits vor Bekanntgabe der Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse war es eine bekannte Tatsache, dass nicht alle Passagen und Ideen des Werkes von Hegemann selbst stammten und sie dies zunächst verheimlicht hatte.

Dass die Jury das Werk dennoch nominierte, diskreditierte diese ein erstes Mal. Man war feige, man wollte sich und anderen nicht eingestehen, dass man einer Täuscherin auf den Leim gegangen war, denn schließlich besteht die Jury in Teilen aus denjenigen Journalisten, die Hegemann in den Himmel gelobt hatten. Begründungen, dass die Jury-Tagung und die Festlegung der Nominierten schon vor dem »Plagiatsskandal« stattfanden, waren wenig glaubhaft, denn eine ernst zu nehmende Jury und Wettbewerbsorganisation legt just für solche Fälle Nachrückkandidaten fest.

Die Jury reagierte wie ein trotziges kleines Kind

Die Jury reagierte wie ein trotziges kleines Kind. Und den Ton des trotzigen kleinen Kindes schlug dann nochmals die Jury-Vorsitzende Verena Auffermann vor Bekanntgabe der Gewinner in Leipzig an. Man lasse sich, so war zu hören, auch von solchen Schreiben wie dem des VS nicht beeinflussen. Gleichwohl betonte sie, dass sich die Jury bei der Beurteilung der Causa Hegemann nicht unbedingt einig war. Aber letztendlich zähle die Mehrheit.

Aus solch verbaler Pampigkeit vermeinte man heraushören, dass die Jury gerade deshalb und zum Trotz den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 an Hegemann vergeben werde. Freilich wäre das ein Desaster geworden, regte sich doch bereits bei diesen Worten Auffermanns vernehmlicher Unmut im Publikum. Es wäre ein Skandal geworden, hätte Hegemann den Preis unter lautstarken Buhrufen des Publikums entgegengenommen. Man kann nur hoffen, dass es diese Überlegungen waren und somit letztendlich der Schutz einer jungen Autorin vor den eindeutigen Reaktionen im Auditorium und im Web, die zwangsläufig erneut gefolgt wären. Ein Preis für »Axolotl Roadkill« hätte nochmals die Debatte ums Abschreiben und Quellenunterschlagen entfacht.

Auf der andern Seite wäre es von der Jury konsequent gewesen, Hegemann den Preis zu verleihen. Doch dazu fehlte der Mut. Gottseidank!

Georg Klein ist der Kompromiss, den man statt des Skandals eingegangen ist

Leider hat die Jury mit dieser Diskussion nicht nur sich selbst, sondern auch den Preisträger Georg Klein beschädigt. Obwohl dessen Text literarisch das Hegemannsche Werk in den Schatten stellt, wirkt Klein dennoch wie ein Ersatzpreisträger. Er ist der Kompromiss, den man statt des Skandals eingegangen ist.

Eine Jury, die nichts als verbrannte Erde hinterlassen hat, die sich selbst diskreditierte und die der Veranstalter schleunigst austauschen sollte, da sie jede Form der Glaubwürdigkeit verloren hat.

Für einen Preis selbst ist ein Skandal das Beste, was passieren kann, steigern Auseinandersetzungen um die Preisvergabe die mediale Aufmerksamkeit enorm. Worüber man diskutiert und streitet, das kann nicht bedeutungslos sein. Und just mit dieser Bedeutungslosigkeit muss der Preis der Leipziger Buchmesse schon immer kämpfen.

Ein solches Hochjubeln und tiefes Fallen hat kein Autor verdient

Helene Hegemann selbst verschwand unmittelbar nach der Preisverleihung durch den Hinterausgang und wies ihr entgegengehaltene Mikrofone zurück. Ein solches Hochjubeln und tiefes Fallen, wie sie es im Zeitraum weniger Wochen erleben musste, hat kein Autor verdient. Dass Preis und Kelch an ihre vorübergingen, mag eine Gnade sein, die man ihrem nächstes Werk nicht zukommen lassen wird. Da werden alle mehr als zweimal hinschauen.

Wolfgang Tischer

webbasierten Intertextualität