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Beitrag vom 13. Februar 2018 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Leipziger Buchmesse 2018

Preis der Leipziger Buchmesse 2018: Der erste Blick auf die Shortlist (1/2)

Preis der Leipziger Buchmesse 2018

Letzte Woche sind sie bekannt gegeben worden: die fünf nominierten Bücher für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 in der Rubrik Belletristik.

Unser Kritiker Malte Bremer greift zu den ersten vier Titeln und macht den Buchhandelstest: Was lassen die ersten Seiten der Bücher erkennen? Will man sie weiterlesen?

Isabel Fargo Cole: Die grüne Grenze

Nach der Widmung For my Parents, Creedence Clearwater Revival, and Bach folgen ein Zitat von Havemann und ein längeres von Führmann Fühmann, das da endet mit dem philosophischen Dummschwätz »Modell des Gewordenseins der menschlichen Psyche.«

Weiter geht’s mit der Feststellung, dass es im Harz-Dorf Sorge aussehe wie »nach dem Ende der Geschichte«. Und dann folgt eine penible Beschreibung der Umgebung dieses Dorfes mit Fluss und Klippen und Brücke und und und – ja soll ich mir das alles merken? Gibt es nichts zu erzählen, außer dass die Schmalspurbahn am Südhang an Häusern und Pensionen vorbeifährt – gerade so, als seien Pensionen keine Häuser? Was ein Geschwafel … Und jetzt ändert sich auch noch der Blick, denn jetzt will Ich-Erzähler oder Ich-Erzählerin »wirklich hinschauen. Von oben herab: wie durchs klare Wasser. Ich selbst bleibe oben, mein Blick taucht«.

Soll er abtauchen. Mir ist die Lust vergangen, dies Geschwurbel noch weiter zu verfolgen!

Malte Bremer

Isabel Fargo Cole: Die grüne Grenze: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Edition Nautilus GmbH. ISBN/EAN: 9783960540496. EUR 26,00 » Bestellen bei Amazon.de

Preis der Leipziger Buchmesse 2018

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Mittendrin, statt nur dabei – so wünsche ich mir das! Keine langatmigen Beschreibungen, was wie zusammengehört und wer warum mit wem – das ergibt sich aus dem Text ganz von selbst: dass hier von einem Schichtwechsel die Rede ist, einem Austausch von Bohrarbeitern einer Ölplattform vor Marokko (ist nicht gesichert, nur meine Vermutung, denn der im Text genannte Ort »Sidi Ifni« befindet sich in Marokko, während die Kapitelüberschrift »Cantarell« hinweist auf die Ex-Ölplattform vor Mexiko). Nichts wird erklärt, es ist, wie es ist – einfach spannend und direkt erzählt! Dazu starke Bilder, etwa wenn eine Tasche so groß ist wie ein ausgestopftes Wildschwein. Ich habe die gesamte Leseprobe am Stück gelesen: Dieses Buch ist absolut preiswürdig: Anja Kampmann kann erzählen!

Malte Bremer

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446258150. EUR 23,00 » Bestellen bei Amazon.de

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen

Dieses POEM legt gewaltig los: Ein Ich-Erzähler namens Motja outet sich immer, wenn er gerade etwas sagt (das bin ich, der sich da aufplustert) oder (das bin ich, der da brummelt) und baggert gleichzeitig zwei Anuschkas an – nämlich eine linke und eine rechte (bzw. umgekehrt) – und überlegt sich, ob er die gleich heiraten oder  besser noch adoptieren soll. Dazu ein seltsames Gerät der Altvorderen namens GLM, mit dem man kochen kann, dazu Bilder, Diagramme, dann der Startbildschirm der Maschine GLM-3, die wohl außer kochen noch was ganz anderes kann, sie ist nämlich eine Literaturmaschine.


Atemlos durch den Text: Ein sprachliches Feuerwerk, ironisch-historisch, grotesk, humorvoll!

Das Grau seines rechten Auges schimmerte bald altklug, bald abweisend, da er bereits viel gelesen hatte und einiges davon verstand oder allmählich zu verstehen begann!

Meint der mich? Ich verstehe nur Bahnhof. Na und? Dunkle Zahlen scheint ein famoser Schelmenroman zu sein bzw. zu werden und deswegen werde ich meine Freude daran haben!

Malte Bremer

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen. Gebundene Ausgabe. 2018. Matthes & Seitz Berlin. ISBN/EAN: 9783957575395. EUR 24,00 » Bestellen bei Amazon.de

Preis der Leipziger Buchmesse 2018

Esther Kinsky: Hain: Geländeroman

»In rumänischen Kirchen gibt es zwei voneinander getrennte Stellen, an denen die Gläubigen Kerzen anzünden.« Nach einem Zitat von Wittgenstein beginnt so der Roman. Kursiv. Muss einen Grund haben – aber welchen? Ist das eine wesentliche Aussage für den Roman, dass es in rumänischen Kirchen zwei Stellen für Kerzen gibt: Eine für die Lebenden, die andere für die Toten? Stirbt jemand, wenn man seine Kerze boshafter Weise in die Nische der Gestorbenen stellt? Oder gar umgekehrt? Und was hat das mit Gelände zu tun? Oder mit dem Film, in dem der Ich-Erzähler genau diese Szene gesehen haben will, diese Szene, die den Ich-Erzähler rührte in ihrer Schlichtheit und Hinnahme? Das kitscht so vor sich hin.

Und weiter geht es, diesmal in schlechtem Deutsch:

Wenige Monate nachdem ich diese Szene in einem Film sah, starb M.

Nach Monaten fehlt ein Komma, und M. ist gestorben.

Doch genug von dem missglückten Anfang (abgesehen von Wittgenstein), endlich geht es los mit dem Roman Gelände!

Aber welch Enttäuschung: Statt einem Handlung wird haarklein der Ort Olevano Romano beschrieben: Wo der Friedhof ist, dass der Hang steil ist, dass und wo es Zypressen gibt, Sempervirens, Totenbaum, – es gibt ungestrenge (?) Pinien, Olivenbäume, Bambusgestrüpp, drei, vier Irrgäste namens Birke), Steineichen, Weinstöcke,  und eine Straße, die sich gabelt, sodass das Dorf jetzt wieder links liegt und der Friedhof rechts.

Ächz: Das ist unglaublich langweilig! Landschaft um der Landschaft willen! Wie gerät sowas auf eine Shortlist? Wie mies müssen all die anderen sein, wenn sowas protegiert wird?

Malte Bremer

Esther Kinsky: Hain: Geländeroman. Gebundene Ausgabe. 2018. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518427897. EUR 24,00 » Bestellen bei Amazon.de

Der fünfte nominierte Titel

  • Georg Klein: Miakro (Rowohlt)

erscheint am 13. März 2018. Die Besprechung wird entsprechend nachgereicht.

13 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. via Facebook schrieb am 13. Februar 2018 um 13:44 Uhr

    Keine wirklichen Überraschungen. Einzig Matthias Senkel und “Dunkle Zahlen”. Ein literarisches Feuerwerk. Fast schon zu anspruchsvoll für diesen Verkaufsförderpreis.

  2. Mario schrieb am 13. Februar 2018 um 19:14 Uhr

    Auf der Rowohl Homepage ist bereits eine umfangreiche Leseprobe von Miakro von Georg Klein verfügbar oder darf erst bei Erscheinen rezensiert werden?

  3. Eva Jancak schrieb am 14. Februar 2018 um 12:33 Uhr

    Das “Buch der Zahlen” habe ich gelesen, sonst sind mir die nominierten Werke ziemlich unbekannt

  4. Johanna Sibera schrieb am 14. Februar 2018 um 17:47 Uhr

    Geländebeschreibungen, Naturschilderungen – schlag nach bei Adalbert Stifter. Der fing bekanntlich zuerst als Landschaftsmaler an, die Erfolge blieben jedoch aus. Seinen Werken sind sie heute noch vergönnt und offensichtlich dienen diese in gewissen Punkten als Vorbild den Schriftstellerinnen, die auf der Leipziger Short List stehen. Viel Glück immerhin!

  5. Ben Vart schrieb am 15. Februar 2018 um 13:25 Uhr

    Zitate: “Wenige Monate nachdem ich diese Szene in einem Film sah, starb M.”
    “Nach Monaten fehlt ein Komma, und M. ist gestorben.”

    Sehr geehrter Rezensent: Nein – nach Monate fehlt kein Komma. Warum bitte, sollte da eins hin?
    Aber der Satz steht in der falschen Zeit. Da der Nebensatz im Imperfekt geschrieben wurde, muss der erste Satzteil “Wenige Monate . . .” im Plusquamperfekt stehen.

    In Ihrer Einleitung zitieren Sie einen gewissen Führmann. Das verwendete Zitat: »Modell des Gewordenseins der menschlichen Psyche.« stammt allerdings von Franz Fühmann, 1982 in der DDR verstorbener Schriftsteller.
    Ich weiß nun nicht, was ich von Rezensionen halten soll, mit mit einem derartig marginalen Grundwissen an deutscher Grammatik und Literaturgeschichte geschrieben werden.

  6. Johanna Sibera schrieb am 15. Februar 2018 um 18:04 Uhr

    Das Komma vor Konjunktionen. Vor Konjunktionen (Bindewörter) wie als, dass, dann, denn, weil, wenn, bevor, nachdem usw. steht ein Komma

    So sagt es der Duden – und warum sollen wir uns nicht nach ihm richten?
    Schreiben ist ohnehin kompliziert genug, also ist es doch sinnvoll, Regeln zu beachten, die den schlichten äußeren Aufbau zum Inhalt haben – ist zumindest meine Meinung.

  7. Eva Jancak schrieb am 15. Februar 2018 um 18:36 Uhr

    freischreiben geht aber auch

  8. Johanna Sibera schrieb am 15. Februar 2018 um 22:03 Uhr

    Natürlich geht frei schreiben – Hauptsache, es wird überhaupt geschrieben! Über gewisse Feinheiten kann man dann immer noch streiten.

  9. Uli schrieb am 16. Februar 2018 um 07:56 Uhr

    @Johanna Sibera: Ihre Meinung teile ich uneingeschränkt!

    @Eva Jancak: Ja, das geht. Wenn man für die Schublade schreibt und es sonst niemand zu Gesicht bekommt. Veröffentlichungen – und seien es auch “nur” Rezensionen – müssen nach den geltenden Rechtschreibregeln verfasst sein. Aber davon hatten wir beide es ja schon zur Genüge, nicht wahr? ;-)

  10. Eva Jancak schrieb am 16. Februar 2018 um 08:57 Uhr

    Ja hatten wir, lieber Uli und da haben wir Auffassungsunterschiede, weil ich da einiges anders sehe, damit bin ich weitgehend allein und nicht nur Sie sind der Meinung, daß man die geltenden Rechtschreibregeln beachten muß und nicht gegen den Strom schwimmen darf.
    Allerdings gibt es genügend Gegenbeispiele, ich sage nur Tomer Gardi etcetera und die IG Autoren sagen auch immer, daß jeder schreiben darf, wie er soll.
    Ich habe übrigens demnächst Texte in einer der führenden Literaturbeilagen Wiens und die sind in der alten Rechtschreibung und eine gut honorierte Lesung habe ich bald auch.
    Ich hätte übrigens vor ein paar Tagen gerne Ihren letzten Text gelesen, hatte aber irgendwie Schwierigkeiten hineinzukommen, liebe Grüße!

  11. Uli schrieb am 16. Februar 2018 um 09:19 Uhr

    Ist doch nicht schlimm, liebe Frau Jancak. Das geht mir mit vielen Ihrer Beiträge genauso :-) Wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, viel Erfolg und liebe Grüße nach Wien!

  12. Redaktion schrieb am 16. Februar 2018 um 10:18 Uhr

    @Ben Vart
    Danke für den Hinweis! Der Tippfehler im Namen Fühmann wurde korrigiert!
    (Malte Bremer)

  13. freewilliii schrieb am 16. Februar 2018 um 17:09 Uhr

    kein Schriftsteller muss irgendwelchen Zeitformen folgen, sehr häufig wird das variiert, weil es dem sound dient, weil man keine ist gestorben, war gestorben etc montruktionen möchte. vollkommen legitim, seit Jahrzehnten und länger. das findet man bei mann bis Joyce und heute sowieso. Johnson zbsp. setzte Kommas nach eigenen regeln, ähnlich der englischen Sprache, auch nach sound.

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