Preis der Leipziger Buchmesse 2017: Der zweite Blick auf die Shortlist (2/2)

Unser Kritiker Malte Bremer greift zu den letzten zwei der fünf nominierten Titel für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 und macht wie bei den drei Titeln des ersten Teils den Buchhandelstest: Was lassen die ersten Seiten der Bücher erkennen? Will man sie weiterlesen?

Im zweiten Teil geht es um Hagard und Kirio. Das klingt wie eine japanische Manga-Serie, sind aber zwei der nominierten Buchtitel.

Anne Weber: Kirio

Einfach nur doof!

Ich fange einfach mal mit den Kapitelüberschriften an:

Who’s who – Wie Kirio den Schatten der Welt erblickte (und wie dieser Licht für ihn war) – Hu’s hu – Wie Kirio das Lycée abbrach (und nicht abriss) – Hu! – Wie das weibliche Geschlecht Kirio entdeckte – Huhu! Anyone in there? – Wie Kirio die Stadt eroberte – Hu? Winter – Wie Kirio ein Wunder vollbrachte, ohne es zu merken – Juhu! – Wie Kirio ein Romanheld wurde – Uhu – Wie Kirios Geschichte ohne Kirio klingt – Pirou – Wie das Fernsehen um Kirio kam – Hanau – Wie der Tod Kirio nicht fand – Who has the last word?

Eigentlich war hier bereits klar: So viel Flachsinn werde ich wohl nicht ertragen – aber wer weiß? Das sind ja zunächst nur Überschriften!

Der Text beginnt mit einer Warnung – oder ist es Drohung? Übertitelt ist er mit Who’s who, und der/die Erzähler/in fragt alles Ernstes: »Wer ich bin?« und dass sich das »vielleicht« im Laufe dieser Geschichte herausstellen werde, da »ich« es selbst nicht weiß und deswegen am besten einen »Leser mit detektivischem Gespür« und einen »ebensolchen Autor« benötige, denn die Welt reise in ihm viel herum … und außerdem habe die Geschichte »mindestens einen Erzähler«.

Der Erzähler Nummer Eins, der gerade schläft jedoch »ist gar kein Erzähler (Es ist auch kein Flusspferd.)«, sondern eine Erzählerin.

Hier war meine Leselust auf den Tiefpunkt gesackt: Warum soll ich rauskriegen, wer oder was da gerade erzählt? Auch wenn das verhältnismäßig einfach wäre, denn bekanntlich hat jeder einen eigenen Stil, oder sollte den zumindest haben.

Es sei denn, er ist ein Flusspferd.

Aber nochmal: Warum sollten Leser das tun? Ich erinnere mich an meine Kinderzeit, in der es eine Buchreihe gab, ich glaube mit dem Titel »Wer war der Täter?« – Ist das jetzt eine Variante für Erwachsene? »Wer war der Erzähler?«

Schön: Noch einen Versuch wagen mit dem Kapitel »Wie Kirio den Schatten der Welt erblickte (und wie dieser Licht für ihn war)«.

»Bonjour!«, beginnt es – stimmt ja: Die noch zu findende Autorin hat ihren Text ja eigenhändig ins Französische übertragen: Chapeau!

Und um gleich deutlich zu machen, wer hier nicht erzählt: »Dies ist nicht Kirio speaking, sondern myself, die Erzählerin Number One.«

Und wer ist das? Sie ist nämlich keine »halbnackte junge Dame unter einer Bettdecke«, sondern schon etwas älter, könnte sogar die Mutter des Helden sein, und um noch ehrlicher zu sein: Sie ist Kirios Mutter!

Töröööö: Und flugs wendet sie sich an ein den Text lesendes Wesen: »Ich weiß gar nicht, warum Sie so erstaunt gucken!«

Zack, erstes Rätsel gelöst: Der Erzähler des ersten Kapitels ist ebenfalls die Mutter, denn beide sprechen Leser/Leserin direkt an! Auch wenn das im ersten Kapitel stümperhaft verschleiert wird, indem die Erzählerin Number One die Anrede Sie mehrmals einfach klein schreibt!

Fazit: Dieses Buch ist einfach nur doof!

Malte Bremer

Anne Weber: Kirio: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103972696. EUR 20,00 » Bestellen bei Amazon.de

Lukas Bärfuss: Hagard

Klammheimlich in den Roman gerutscht

In sehr gediegenem Deutsch resümiert ein Ich, dass es schon seit langer Zeit versuche, die Geschichte eines Philip zu verstehen, obwohl es alles weiß. Aber es begreife nichts! Es weiß Ort und Zeit des Beginns und alle Einzelheiten – aber die Umstände und Bedingungen dieser Ereignisse blieben ihm verborgen!

Es rede sich ein, dass seine Existenz an dieser Geschichte hänge, und es wage deshalb noch einen Versuch, die Ereignisse auferstehen zu lassen, dann solle es damit sein Bewenden haben.

Irgendwie beginnt dann der Roman, und zwar stünden am Anfang ein Paar Damenschuhe – Aber dass das der Beginn war, wird sofort revidiert, denn niemand könne schließlich bestimmen, mit welchem Ereignis eine Geschichte beginnt!

Immerhin erfährt man jetzt: Wenn Philip geahnt hätte, was geschehen würde in den folgenden Stunden, hätte er augenblicklich von der Frau abgelassen.

Und so geht es weiter: Man erfährt Brocken, z. B. wie Philip aussieht, dass dieser Philip eine Firma besaß – was für eine, wird nicht erwähnt – und dass er auf einen gewissen Hahnloser wartet, der aber nicht kommt, auch nicht angerufen werden konnte, aber zumindest nicht in der Passagierliste eines abgestürzten Flugzeugs verzeichnet war.

Das ist eine ganz stark verkürzte Inhaltsangabe des ersten Kapitels! Darin nehmen die immer wieder vom Ich kommentierten Brocken von oder über Philip zu: Sind wir jetzt tatsächlich klammheimlich in den Roman gerutscht? Oder reißt uns der Verfasser gleich wieder raus?

Morgen gehe ich in meine Buchhandlung und schaue mir den Roman genauer an, denn der scheint der zweite Lichtblick in diesem Leipziger Allerlei zu sein oder zu werden!

*

Ich war in der Buchhandlung – und kam zurück mit Lukas Bärfuss’ »Hagard«! Dieser Roman ist preiswürdig! Allein wegen des grandiosen Blicks auf uns und unsere Gesellschaft,  auf die Überlegungen, die Philip wohl vielleicht angestellt haben könnte, warum und ob er der Inhaberin der blauen Ballerinas folgen sollte oder könnte: Ein Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung? Oder Angst des Ich-Erzählers, in die falsche Richtung zu fabulieren? Einfach nur grandios.

Außerdem habe ich bei dieser Gelegenheit Brigitte Kronauers »Der Scheik von Aachen« gleich mit besorgt.

Denn nur diese beiden haben den Preis verdient! Und wer von diesen beiden ihn bekommt, mag die Jury entscheiden.

Die anderen drei gehören in  die Tonne.

Malte Bremer

Lukas Bärfuss: Hagard: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Wallstein. ISBN/EAN: 9783835318403. EUR 19,90 » Bestellen bei Amazon.de

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